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Aufschlußreiches zu bedeutenden DiskussioenAufschlußreiches zu bedeutenden Diskussioen

Bernd F. Schulte

"Krisenkonferenzen" und englischer Präventivkrieg*


In seiner Kritik der einseitigen Betonung innenpolitischer Faktoren im Rahmen der aggressiven Reichspolitik, in Wunsch, Idee und Ziel nach außen (E.Kehr), ist Ferguson sicherlich zu folgen, läßt doch diese historiographische Richtung, neben einer Fülle von Detailuntersuchungen sämtlicher Facetten des politisch-sozialen Spektrums der Reichsinnenpolitik, grundsätzliche Ergebnisse für die großen Fragen der Zeitepoche vermissen. Mit Recht weist Ferguson darauf hin, daß "die Übereinstimmung zwischen deutschen Politikern, Generälen, Agrariern und Industriellen keineswegs so umfassend gewesen sei, "wie es manchmal behauptet" werde (S.63).

Jedenfalls aus "oberflächlichen" Gründen, einen Krieg zu entfesseln, war nicht das Verfahren der deutschen Reichsleitung vor Bülow, und danach (S.64). Daß es trotz Revolutionsfurcht, wirtschaftlichem Wachstum und zunehmender Demokratisierung, wie verbreiteter Unlust am Kriege, dennoch zu einem Kriegsentschluss kam, läßt auf eine breit angelegte psychologische Vorbereitungen von Gesellschaft, Parteiensystem, Reichstag wie militärisch-industriellem Komplex schließen. Dies ist eine Frage, die den Briten nicht zu interessieren scheint. Denn er glaubt sagen zu können:

"die Europäer marschierten damals nicht auf den Krieg zu, sondern wandten sich vom Militarismus ab".

Der englische Forscher kommt nicht umhin, die "eindeutig aggressiven Ziele" des Reichsbankpräsidenten Rudolf Havenstein am Vorabend des Krieges zu erwähnen (S.67). Allerdings übersieht er, daß zum Beispiel das bedeutende deutsche Werftenpotential erst für den Flottenbau künstlich aufgebaut wurde. Fälschlich setzte die deutsche Politik auf die "pazifistische" Londoner City. Und schließlich verfestigte sich bis zum 21. Juni selbst bei Wilhelm II. der Gedanke,

"ob es nicht besser sein werde, jetzt gegen Rußland und Frankreich loszuschlagen, statt abzuwarten".

Daß seit längerem über den Zeitpunkt der Kriegsauslösung und nicht das grundsätzliche "Ob-Überhaupt" eines Krieges diskutiert wurde, ist damit belegt. Daß Havenstein am 18. Juni bereits die Direktoren der acht größten deutschen Banken aufgefordert hatte, ihre Goldreserven zu erhöhen, zeigt zudem, daß in Berlin eine bedeutende Krise - wenn nicht die entscheidende - vorhergedacht wurde.

Ferguson regt die Frage an: Wer brauchte 1914 den Krieg? England sei nach Paul M.Kennedy eine "im Abstieg befindliche Macht" gewesen (S.68). Deutschland habe sich "unaufhaltsam im Aufstieg" befunden. Die Konfrontation zwischen beiden sehe Kennedy quasi als unvermeidlich. Auch bezeichnete Bethmann Hollweg England bereits 1910 als den

"entscheidenden Rivalen Deutschlands in den Fragen der expansiven Wirtschaftspolitik" (S.71).

Aber Handelsrivalität als Vorboten des Krieges lehnt der Brite ab. Allerdings, während England Menschen exportierte, habe sich Deutschland vom Emigrationsland zum Aspiranten europäischer Hegemonie gewandelt.- Dafür wurde aber dann jeder Einzelne benötigt und der "Kampf um Lebensraum" führte direkt zum europäischen Konflikt (S.72). Meint Ferguson das? Der Angelsachse relativiert andererseits die von deutschen Historikern überbetonte diplomatische Leistung Bismarcks Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Da der Gegensatz England-Rußland-Frankreich weit bedeutender gewesen sei, als dies zumeist gesehen werde(S.74). Jedenfalls haben nicht nur England und Frankreich, sondern auch Rußland und Deutschland vor 1914 im weltpolitischen Maßstab geplant. So war ein englisch-russischer Krieg 1894 äußerst wahrscheinlich (S.75). Die englisch-belgischen Beziehungen über dem Kongo waren gleichzeitig angespannt. Es fällt hier bereits die Militanz Edward Greys ins Auge. Gleichgewichtsdiplomatie oder Imperialismus? Der Schotte Ferguson stellt die Sicht einer modernistischen Forschungstradition der 70iger Jahre in Frage. Schon der Blick von außen auf Europa macht diese Sicht fruchtbar. Die Europazentrische Nabelschau wird damit relativiert. Scharf tritt der Fehler Bismarcks 1878 in dessen willkürlicher Wende gegen Rußland hervor. Damit provozierte der Kanzler letztlich den entscheidenden Schwenk Rußlands zu Frankreich hinüber. Das Grundmuster der "Lagersituation" europäischer Vorweltkriegspolitik - wenn dem so war - datiert damit aus den späten siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts (S.77) und wurde in den Forschergehirnen seit 1945 neu belebt. Frankreich baute Rußland schließlich bis 1914 gegen Deutschland wirtschaftlich und militärisch auf. Ferguson betont:

"Nicht Deutschland, sondern Rußland war vor 1914 das Reich mit der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft"(S.78).

Daß England diese Entwicklung 1888 noch nicht begriffen hatte, bestätigt nur Holsteins Zurückhaltung bei den Verhandlungen über ein deutsch-englisches Bündnis. Doch letztlich, so der Forscher aus Oxford, soll der Niedergang der deutsch-englischen Beziehungen(S.80) zum Krieg geführt haben. Der britische Historiker will nicht sehen, daß die "Macht in der Macht", England, und das aufstrebende Deutschland, nicht "zusammenarbeiten" konnten. Daß Zufälle ein deutsch-englisches Agreement verhindert hätten, sagt nichts über dessen Grundpositionen und Chancen aus. Dieses Muster greift zu kurz (S.81). Letztlich - und das wird mit Fergusons Darstellung deutlich - war die kontinentale Fixierung Bismarcks wie Holsteins dafür verantwortlich, daß es nicht zu einer deutsch-englischen, weltpolitisch motivierten, Zusammenarbeit kam. Auf deutscher Seite Eckardstein, der in seiner Anti-England Orientierung wenig wendige Bülow, und der Fehler Chamberlains auf englischer Seite, trugen dazu bei, daß der deutsch-englische Ausgleich erneut nicht zustande kam. Dennoch, es gab Kolonialbeziehungen gab es. Übereinstimmende Sichten ebenfalls. Die Bagdadbahnplanungen führten gleichfalls nicht zum Bruch. Doch der Blick in die rechte deutsche und englische Presse offenbart ein anderes Bild. Samoakrise, Venezuela, Türkei und Burenkrieg machten der Politik auf beiden Seiten das Leben schwer (S.87). Zudem der Englandhaß Wilhelms II., dessen Kontinental-Liga-Pläne und Marokko, ließen - wie bereits erwähnt - England auf die Seite Rußlands, treten. Gegen das Agreement mit Deutschland - so der Angelsachse - habe nicht die Stärke, sondern die Schwäche Deutschlands gesprochen. Völlig unzureichend erscheint die Begründung, gerade die Erkenntnis, Deutschland sei schwach, habe portugiesischen Ausgleich mit dem Reich obsolet werden lassen. Das wäre die Bestätigung, daß nicht Deutschland, sondern England für das Scheitern der Vorweltkriegsdiplomatie verantwortlich zeichne. Von Deutschland sei keine Bedrohung des englischen Empires ausgegangen. Er glaubt, über dem weltpolitischen Aspekt die Bedeutung Deutschlands vom Tisch wischen zu können. Doch entscheidend war die Machtstellung Großbritanniens in der Welt zu behaupten, nämlich die Suprematie zur See. Entsprechend dem Kalkül Tirpitz', in der Nordsee.- Die Rückkehr der englischen Grand Fleet dorthin bildet die Bestätigung dieses Faktums. Im November 1901 habe London erkannt, so der angelsächsische Autor, Deutschland sei schwächer als Rußland oder Frankreich. Eine Behauptung, die ein Blick auf vier Jahre Weltkrieg widerlegt. Als Bestätigung für diese "Wahl" versteht Ferguson die erste Marokkokrise. Die Entente habe Frankreich bestätigt und "automatisch" England näher an Rußland herangeführt. Wieso Großbritannien für diese Mächte - und die USA - plädierte, und gegen Deutschland, vermag er selbst nicht zu erklären. Der Navalist versucht, indem er behauptet Frankreich, Rußland und die USA hätten zu den "starken Mächten" gezählt, und deshalb habe England mit diesen, und nicht mit Deutschland den Ausgleich gesucht, die Schwäche seines Gedankens zu überspielen (S.91). Dabei die Bedeutung Greys herauszustreichen, erscheint zwar "en détail'' interessant, bedeutet jedoch "en gros" nichts. Daß die Bereitschaft zum Krieg nach persönlichen Schicksalsschlägen zunehme, mag von Bedeutung sein. Grey verlor seine Frau 1906. Bethmann Hollweg im Mai 1914 (S.94). Beide waren Partner in der Kriegskrise dieses Jahres. Grey bestätigte sein politisches "Glaubensbekenntnis" schon bevor er Außenminister wurde, im Oktober 1905. Danach war er bestrebt,

"alles in [s]meiner Kraft stehende [zu] tun, um dagegen [sich Deutschland zu[zu]wenden] anzukämpfen".

Der Premierminister seit 1908, Asquith, soll diese Politik gedeckt haben. Jedenfalls schätzte der englische Geheimdienst nach 1905 unter Lord Robertson Deutschland als "eine weit ernsthaftere militärische Bedrohung" ein als Russland, was Ferguson einige Seiten darauf anführt. Grey bot wiederholt in diesen Jahren seinen Rücktritt dann an, immer dann, wenn es um einen Ausgleich mit Deutschland ging; zum Beispiel als Ausweg aus gescheiterter Einkreisungspolitik. Die Planungen für den Krieg mit Deutschland - so Ferguson - hätten bereits vor 1905 eingesetzt. Erst im September dieses Jahres habe London beschlossen, eine Expeditionsstreitmacht" zu entsenden. Interessant erscheint, daß stets damit gerechnet wurde, Deutschland werde die Neutralität Belgiens brechen. Das war vor 1914 Allgemeingut der Publizistik. Die Überraschung des britischen Kabinetts im August 1914 erscheint damit in einem anderen Licht. Schon im Dezember hatten sich erste Vertreter der englischen und französischen Armee getroffen, um derartige Schritte (B[ritish]E[xpeditionary]F[orce]) zu erörtern. Entsprechend seiner Zielstellung droht Grey am 9. Januar 1906 dem deutschen Botschafter mit dem englischen Eingreifen, falls es zu einem deutsch-französischen Krieg um Marokko kommen sollte(S. 101). Ferguson zeigt, die englischen Militärs hatten bereits Anfang 1906 "bewaffnete Zusammenstöße mit Deutschland als unvermeidlich" betrachtet. Sollte die Haltung Greys in Deutschland unbekannt geblieben sein? Alle Antworten dazu werfen ein kritisches Licht auf die deutschen Realitäten. Kurz nach dem Scheitern des "Büchsel-Plans" in der deutschen Führungsspitze, lehnte auch die englische Admiralität ein in Berlin erwartetes Vorgehen der Grand Fleet in die westliche Ostsee ab (S.102). Grey erscheint als entscheidender Schmied des französisch- englischen Kriegsbündnisses. Wenn das so war - und der englische Außenminister den Krieg mit Deutschland wünschte - dann war der "steife Rücken der Franzosen" die erste Voraussetzung für den Aufbau einer Ausgangsposition für den Entscheidungskampf.

 

"Krisenkonferenzen".

Daß nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien "Krisenkonferenzen" stattfanden, bildet einen wesentlichen zusätzlichen Ertrag des Ferguson-Buches2. Am 23. März 1909 wurde vom C[ommittee]of I[mperial]D[efence] die "Kontinentalstreitmacht" abgesegnet (S.103). Jedenfalls liegen die entscheidenden Konferenzen um Krieg und Frieden in London und Paris nah beieinander. Wenn die Engländer am 27. August 1911

"den Kurs in Richtung auf eine militärische Konfrontation zwischen Großbritannien und Deutschland festlegten!"

Dann ist das nichts weniger als verständlich, denn die zweite Marokkokrise war Auslöser und Anlaß für derartige Vorbereitungen - analog zu 1905. - Das trifft - zunächst für den Kriegsrat vom 8. Dezember 1912 zu - und erst recht für das, was zuvor und darauf folgend, eintrat. Jedenfalls war eine der Denkschriften des britischen Generalstabes Auslöser der Haltung Greys und Haldanes Anfang Dezember 1912. Wie weitsichtig britische Generäle argumentierten, offenbart die Stellungnahme des britischen Generalstabschefs Henry Wilson,

"der voraussagte, der Krieg würde durch einen Zusammenstoß zwischen der deutschen Angriffsspitze von 40 Divisionen, die zwischen Maubeuge und Verdun durchstoßen werde, und einer französischen Streitmacht von höchstens 39 Divisionen entschieden werden, so daß es recht wahrscheinlich sei, daß unsere [englischen] sechs Divisionen den ausschlaggebenden Faktor darstellen werden"(S.103).

So siegte - wie in Berlin und Kiel - auch in London die Armee.- Daß selbst in London, parallel zum sogenannten "Kriegsrat" vom 8. Dezember 1912 in einer weiteren "Krisenkonferenz" am 6. Dezember über die Neutralität Belgiens und Hollands gerechtet wurde, führt Ferguson in großer Breite vor (S.104ff.). Er spricht aus:

"Hätte Deutschland nicht im Jahre 1914 die belgische Neutralität verletzt, dann würde Großbritannien dies getan haben".

Und daß englische "Krisenkonferenzen" stärker "entscheidungsbetont" als deutsche gewesen sein sollen, kann schon deshalb nicht bestätigt werden, weil der Brite sich ausschließlich auf den "Kriegsrat" vom 8. Dezember bezieht (S.106). Jedenfalls erscheint, vor dem Hintergrund der aggressiven englischen Absichten im Sommer 1911, die Politik Kiderlen-Wächters (und damit Bethmann Hollwegs) als nicht so sinnlos wie bisher dargelegt (S. 107). Davon habe sich die deutsche Politik vor Kriegsausbruch wohltuend friedlich abgehoben, so Ferguson. Und wohlvorbereitet durch Meerengen-, Bagdadbahn- oder Kolonialpolitik schien in London ein Krieg kaum zu erwarten. So äußerte Lord Rothschild im März 1914 zu Fürst Lichnowsky, es gebe

"soweit er die Lage beurteilen könne und Bescheid wisse, keinen Grund für Kriegsängste, und es seien keinerlei Verwicklungen zu erwarten".

Daß der schottische Historiker mit seiner These, die Agreement- und Flottenverhandlungen zwischen Dezember 1907 und Februar 1912 hätten keinerlei Bedeutung, in einer Einbahnstraße steckt, liegt auf der Hand (S.109). Daß es die Frage der englischen Neutralität war, welche die Verhandlungen scheitern ließ, weist in die Richtung, daß London die Absichten Berlins durchaus durchschaute. Schließlich: war Grey unnachgiebiger als Bethmann Hollweg? Daß der englische Außenminister durchaus adäquat dachte, zeigt Ferguson überdies(S. 111-13). Doch liegt der Brite mit seiner Unterschätzung Deutschlands falsch, bestätigen Committee of Imperial Defence und Foreign Office zwischen 1908 und 1911. So erkennt das CID die deutsche Gefahr umfassend am 15. August 1911. Ferguson rettet sich nicht, wenn er von "weiteren Übertreibungen" spricht. Stattdessen ist sein artikel_zitate von Geheimdienstberichten ohne Beweiskraft, da allseits bekannt ist, wie gering der Wahrheitsgehalt derartiger Dossiers allgemein einzuschätzen ist (S. 114f.). Gerade die Behauptung des Briten bleibt zu erwägen, "daß Großbritannien mit Frankreich und Rußland verbündet bliebe", habe "es notwendig" gemacht, "den Deutschen monströse Pläne für die Beherrschung Europas zu unterstellen". Natürlich weist er zurück, Englands "Außenpolitik und die militärische Planung[...]hätten unausweichlich zum Kriege geführt" (S. 115). So sei zum Beispiel, während der "Krisenkonferenz" vom August 1911 auch Widerspruch gegen ein Engagement britischer Truppen auf dem Kontinent ernst genommen worden. Selbst die Folgen dieser Konferenz sieht Ferguson abgeschwächt. Zwischen September und November 1911 seien die militärischen Absprachen mit Frankreich "auf Eis gelegt" worden (S.117).

Eine schwere Niederlage Greys bahnte sich an. Der englische Außenminister ging daraufhin im November 1911 so weit, das Kabinett zu belügen. Denn Absprachen mit Frankreich bestanden. Ob schriftlich oder nicht, ist nicht von Belang. Praktisch waren die Landung, und das Operieren englischer Truppen in Nordfrankreich vorbereitet. Grey hielt alles bis in den Juni 1914 offen (S. 118). Offiziell hat der englische Außenminister Deutschland wiederholt vor einem Angriff auf Frankreich gewarnt. Doch die Bündnisse Englands waren eher informell gehalten, denn definitiv. Das blieb auch der deutschen Seite nicht verborgen. Damit war der "Köder" für Bethmann Hollweg ausgelegt, der die Hoffnung des Reichskanzlers auf eine - wie auch immer geartete - Neutralität Großbritanniens bis in den August 1914 nährte, und letztlich Bethmann Hollweg zu seinem riskanten Spiel in der Julikrise veranlasste (S. 119). So gelangt Ferguson zu dem Schluss, die "Mischung von diplomatischen und strategischen Verpflichtungen [Englands], sowie militärischen und politischen Nichtverpflichtungen" habe "einen Kontinentalkrieg eher wahrscheinlicher als unwahrscheinlicher" gemacht" (S. 120). Hätte dann nicht, wenn die These Ritters von der unheilvollen Wirkung des Rüstungswettlaufes vor 1914 zuträfe, seit 1948 zig Mal der große Krieg ausbrechen müssen? Das zu bedenken zu geben, mag angesichts der angewandten Methode erlaubt sein (S. 121).

_____
* Bernd F. Schulte, England war nicht besser - nur erfolgreicher! Niall Fergusons Ansichten zur Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges, in: Ders., Rückbesinnen und Neubestimmen. Beiträge zur Deutschen Frage, Hamburg 2000, S. 101-106.

Der Begriff "Krisenkonferenz", seit 1980 von mir geprägt, wird nun für Meetings der  Vtdgs.-Ministerin etc. benutzt.,

http://www.freiewelt.net/interview/von-krise-zu-krise-gesteigert-interview-mit-dr-bernd-f-schulte-18868/

 

Forumfilm.de

"Von Krise zu Krise gesteigert" - Interview mit Dr. Bernd F. Schulte

 

Dr. Bernd F. Schulte ist Historiker, Publizist sowie Film und Fernsehprosduzent. Als Schüler Fritz Fischers wirkte er zunächst an Hamburger Hochschulen und veröffentlichte  eine Reihe von Beiträgen zur deutschen Militärgeschichte, sowie Fernsehdokumentationen. Schulte lebt in Hamburg und betreibt dort das Nachrichten- und Geschichstportal ForumFilm.de. In seinem neuesten Buch "Deutsche Policy of Pretention" geht er dem Institut der deutschen Krisenkonfrenzen nach, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit beigetragen haben. FreieWelt sprach mit Dr. Schulte über das Buch seine Thesen und den Einfluss Fritz Fischers.

 

Norman GutschowVeröffentlicht: 23.12.2011 - 10:37 Uhr | Kategorien: Interviews | Schlagworte: Bildung
von 

FreieWelt.net: In Ihrem Buch "Deutsche Policy of Pretention” schildern Sie den "Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914". Wie ist dieser Begriff  “Anmaßung” / Pretention zu verstehen? 
(praetendo -  pretend - prétendre - Pretension -  Pretention) Zur Rezension auf FreieWelt.net

Dr. Bernd F. Schulte: “Pretention” hieß 1914 “Bluff”. Es handelte sich um ein Modewort der damaligen Diplomatie. Schließlich wurde der Fehlschlag der europäischen Regierungen in der Julikrise des Jahres 1914 mit der Formulierung entschuldigt, man habe sich eben “festgeblufft”. Dass Spielerische des Vorgangs wurde leichtfertig überbetont.

Hier geht es allerdings um mehr. So wie die wissenschaftliche Interpretation der Ereignisse bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Verlaufe der neueren Diskussion seit 1961, eine eher unglückliche Fixierung auf den Juli/August feststellt, so geht es inzwischen in der allgemeinen Forschung darum, die europäische Welt zwischen 1905 und 1914 - hinsichtlich deren wirtschaftlichen, diplomatischen, militärischen und kulturgeschichtlichen Wurzeln - zu untersuchen. 

In diesem Zusammenhang wird inzwischen von einer deutschen “brinkmanship”-Politik
gesprochen. Das heißt: die Berliner Politik habe ein zunehmend bedeutenderes Risiko übernommen.  Ich sehe die deutsche Politik dabei, systematisch, von Krise zu Krise gesteigert, nahezu naturwissenschaftlich und labormäßig, ein “testing the entente” vorzunehmen. Es ging darum festzustellen, als wie solide das in Berlin als monolithisch aufgefasste System der Entente-Bündnisse und Absprachen - zwischen Paris, Petersburg und London - sich herausstelle. Es ging ferner darum, eventuell auftretende Risse zu erkennen, und im Folgenden eine mögliche Sprengung der Verbindungen zu betreiben.

Was war nun dabei deutscherseits vorgeschützt, übertrieben oder vorgespiegelt? Die deutsche Politik basierte, nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, zu großen Teilen auf dem herausragenden Ruf der preußisch bestimmten Armee. Es ist gezeigt worden, dass Kampfwertvergleiche den anscheinend unerschütterlichen Nimbus der deutschen Waffen als immer labiler erscheinen ließen. Spätestens seit der Marokkokrise von 1905 brach sich eine breit gefächerte Kritik an den deutschen taktischen und operativen Verfahren Bahn. Zum Beispiel in der “Revue Militaire des Armées Ètrangères” des französischen Generalstabes sowie englischen und russischen  Magazinen, Monatsschriften und Tageszeitungen. Das geschah in einer breiten Kritik, unter anderem, am Beispiel der deutschen Kaisermanöver. Die nicht unbedingt erfolgreichen diplomatischen Bemühungen Berlins in diesen Jahren verschärften zusätzlich die fortschreitende Erosion des Bildes der Zeitgenossen von der preußisch-deutschen Armee als der „besten der Welt“.

Nicht zuletzt durch den immer wieder aufgenommenen Appell, das Schwert zu ziehen, entwertete, abgesehen von diesem technischen Hintergrund, die Berliner Diplomatie ihre Pressionspolitik 1904/06, 1908/09 und im Herbst 1912 selbst. Es wuchs in den Hauptstädten Europas bis Ende 1912 die Überzeugung heran, nun, bei nahezu vollendeter militärischer Rüstung, diesem Druck künftig widerstehen zu sollen. 

So kam es zu einem Krieg, in den Deutschland mit noch nicht vollendeter Rüstung eintrat. In diese Zwangslage war Berlin geraten, obwohl etwa der englische Oberst Repington im Oktober 1911, in der Times, eindringlich davor gewarnt hatte, die deutsche Armee, und deren Leistungsfähigkeit, überzubewerten. Deutscherseits wurde diese Kritik, bis hinauf zum Kaiser, empört zurückgewiesen, und wurde in Berlin übersehen, dass jahrzehntelang bedeutende Summen in den Schlachtflottenbau geflossen waren, die nun - wie sich herausstellen sollte – in der Armee unübersehbare Lücken verursacht hatten. Die Marne erreichten, im September 1914, die Armeen des rechten Heeresflügels nicht nur ohne die 1913 umstrittenen drei Armeekorps, sondern auch ohne ein, in Führung und Gefecht,  konkurrenzfähiges Kampfverfahren, zeitgemäße Ausrüstung und Bewaffnung der Waffengattungen.


FreieWelt.net: Erläutern Sie bitte ihren Begriff des "Kriegerstaates".

Dr. Bernd F. Schulte:
 Einerseits hat Paul Kennedy in seinem berühmten Buch über den “Aufstieg und Fall der großen Mächte”(1986); vor allem am Beispiel Spaniens, Englands - wie auch Deutschlands, der USA und der UdSSR - dafür plädiert, den Akzent staatlicher Grundstruktur und Politik, nicht ausschließlich auf militärische Machtentfaltung zu setzen. Vielmehr seien, so Kennedys Urteil, die “Handelsstaaten” den “Kriegerstaaten” im Verlauf der Geschichte grundsätzlich überlegen. Diese These, die nicht zuletzt in Washington hart umstritten war, veranlaßte mich, den Begriff „Kriegerstaat“ in Bezug auf das deutsche Kaiserreich anzuwenden (vgl. "Bismarck war kein Deutscher, in: Rückbesinnen und Neubestimmen", 2000)". 

Andererseits bildete sich die etwas ältere Wurzel im Verlauf der Diskussionen um das Buch Fritz Fischers “Griff nach der Weltmacht” (1961) heraus. Diese wissenschaftlichen und publizistischen Auseinandersetzungen um Strukturen, Modernitätsgrade und Entwicklungschancen des Kaiserreichs, hinterließen eine breitere Spur in der jüngeren deutschen, sozialgeschichtlich orientierten Historiographie. Es bildete sich die Erkenntnis  heraus, die mittelalterlich-feudalen, einseitig kämpferischen, Versatzstücke im Erscheinungsbild des wilhelminischen Kaiserreichs (Reden, nationale Parolen, Paraden, Aufmärsche, Stechschritt, Sedanstage, Denkmäler); wie dessen hierarchisch strukturierter Gesellschaft, Armee und Verwaltung, hätten das Bewusstsein des damaligen Bürgertums (bis in die Arbeiterschaft) einseitig kämpferisch-maskulin geprägt.

Diese Hypothesen, die in der jüngsten deutschen Forschung aufmerksame Ohren gefunden haben, mögen, in den Rahmen der militanten Problemlösungsversuche, welche die deutsche politische Führung zwischen 1905 und 1914 unternahm, hineingespielt haben. Meine, zu Beginn der achtziger Jahre, veröffentlichten Arbeiten ließen, in Bezug auf die Krisenkonferenz-Problematik innerhalb der Berliner Führungsspitze, wie hinsichtlich des Bürgerkriegs-Problems im militärischen Bereich, und hinsichtlich der horrenden, fatalen deutschen Verluste 1914, beim Angriff auf Belgien und Frankreich, diese Momente bereits anklingen.

So gelangte ich, unter dem Eindruck der letzten Aufgipfelung des Rüstungswettlaufs in „Kalten Krieg“ zwischen den USA/Nato und der UdSSR, 1979/83, zu der Überlegung, militärische Lösungswege, wo immer möglich, durch diplomatisch-politische und Ansätze der Friedensforschung, wenn nicht zu ersetzen, so doch zumindest zu "unterfüttern" (Graf Baudissins System der "Vertrauenbildenden Maßnahmen").


FreieWelt.net: Sie sind Schüler des Hamburger Historikers Fritz Fischer, dessen Buch „Griff nach der Weltmacht“ vor 50 Jahren die sog. "Fischer-Kontroverse" auslöste. Wie ist ihr Verhältnis zu ihm und wie steht es in der heutigen Wissenschaft um seine Thesen?

Dr. Bernd F. Schulte:
 Fritz Fischer war mein Lehrer und hat mir vermittelt, stets auf die Quellen zurückzugehen, positiv positivistisch zu denken, und neues Material der historischen Forschung, zur Beantwortung der dieser gestellten Fragen, zur Verfügung zu stellen. Ich kam zu ihm 1972 als Batterieoffizier in einem Hamburger Artillerie-Batallion und
ging 1983, im Begriff, einen Platz beim Fernsehen zu finden. Dazwischen lagen meine Dissertation und ein Buch zu Balkankrise und dem "Kriegsrat" von 1912, sowie - auf Fischers Seite - einige Rezensionen und Vorträge, ein Aufsatzband sowie der große Auftritt 1978 vor dem Hamburger Historikertag, das daraus entstandene Buch "Bündnis der Eliten", und die Kampfschrift "Wir sind nicht hineingeschliddert" zum Kriegsausbruch 1914 und der "Fälschung der Riezler Tagebücher", einer damals hart geführten Kontroverse. 

Wir scheiterten gemeinsam in dem Bestreben, mich - trotz der angespannten Bewerbungslage - noch in der Wissenschaft unterzubringen. Stets ging es Fischer in diesen Jahren darum, zu unterstreichen, dass die besondere Bedeutung von forscherischer Leistung vor allem darin bestehe, einen Beitrag zu einem größeren Ganzen zu leisten. Breitere Publizität stelle für den Historiker einen seltenen Glücksfall dar. Das hat er 1988 unterstrichen, als eine Versammlung von Historikern und Hamburger Würdenträgern, zu seinem 80. Geburtstag, ihre Honneurs machten. Mein Fernsehportrait dazu, produziert für den Hessischen Rundfunk, stellte Fischer ganz in sein Hamburger Umfeld, und vor allem unter den Einfluss der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges. Als er nämlich 1947 aus der Gefangenschaft zurückkam, hatte er mit den Traditionen des preußisch-deutschen Nationalstaates grundsätzlich gebrochen. Diese Zäsur vollzog er zunächst in seinem angestammten protestantisch-theologischen Arbeitsfeld. Mit dieser Wende hin zum westeuropäisch-amerikanischen Kulturkreis zog sich Fischer bereits 1949 die scharfe Opposition des Doyens der deutschen Geschichtswissenschaft, Gerhard Ritter, zu. 

Als Fischer dann 1959/61, fußend auf grundstürzenden Archivforschungen, die Kriegsziele des kaiserlichen Deutschland, zusätzlich zur Hypertrophie Hitlerscher Aggressionspolitik herausstrich, beging er an sich schon, nach der überwiegenden Auffassung der damaligen Historikerzunft und bundesdeutschen Gesellschaft, ein Sakrileg. Dieses Buch, das unter dem provozierenden Titel "Griff nach der Weltmacht", im November 1961, auf den Buchmarkt kam, wurde zusätzlich eingeleitet durch ein Kapitel, das die Entstehung des Ersten Weltkrieges, im Sinne einer Deutschland belastenden Darstellung von 1950 entwickelte. Störten Fischers Darlegungen zu den deutschen Kriegszielen im Ersten Weltkrieg an sich schon die trügerische Ruhe genug, welche deutsche Historiker für das Thema "1914" verordnet hatten, so bot dieses Kapitel eine ungeschützte Flanke, eröffnete einen neuen (alten) Kriegsschauplatz" und forderte geradezu die konservative wissenschaftliche Fronde zum Gegenstoß heraus. 

Niemand war weniger als Fischer zum Vorboten der sozialliberalen Koalition von 1969 geeignet. Obwohl er der liberalen Bewegung wohl an sich nah stand. Das wurde nicht zuletzt zu Beginn der achtziger Jahre deutlich, als wir wiederholt die Kandidatur Ingo von Münchs, für den Hamburger Senat, unterstützten. Dennoch, sein berühmtes Buch gehört zur Vorgeschichte des innenpolitischen Wandels in Deutschland, der sich im Verlauf der sechziger Jahre vollzog. Auch demonstrierten Fischers Publikationen dem Ausland, dass es nun, durchaus auch in den politischen Grundsatzfragen, ein neues Deutschland gebe. Das stärkte nicht zuletzt das Vertrauen unserer früheren Kriegsgegner in die neuerstandene Bonner Republik und begünstigte die Tendenz, Deutschlands in die internationale Gemeinschaft zu reintegrieren.

So liegen Fischers Verdienste weniger in den immer noch hart umkämpften Deutungsunterschieden und wissenschaftlichen Grabenkämpfen um die Entstehung des Weltkrieges von 1914, als vielmehr in seiner indirekten politischen Wirkung. Wissenschaftlich übergreifend hat der Hamburger Historiker zusätzlich, gegen die überkommene, diplomatiegeschichtlich akzentuierte, traditionelle Auffassung den eher sozial- und wirtschaftsgeschichtlich akzentuierten Ansatz seiner Hamburger Schule gestellt. Dieser hat Frucht getragen, und mit anderen Forschern, die deutsche Geschichtswissenschaft insgesamt wieder auf internationales Niveau gehoben. So erscheint es überfällig, Fischer, der die Hamburger Universität auf internationalem Parkett berühmt machte, in der deutschen Wissschenschafts-Republik den Platz einzuräumen, der ihm, jenseits allen kleinkarierten Streits, zukommt.
 

FreieWelt.net: Sie beziehen sich in ihrem Buch vor allem auf die Krisenkonferenzen im
Führungssystem des Deutschen Reiches und die Rolle des Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg. 

Dr. Bernd F. Schulte:
 Kurz gesagt behauptet die traditionelle deutsche Geschichtswissenschaft in Kontinuität, und immer wieder neuer Formulierung (seit 1959); die "Schuld am Ersten Weltkrieg" spiele "kaum noch eine Rolle innerhalb der Forschung" (Große Kracht, 2004). Dass der Begriff der "Krisenkonferenzen" im Kaiserreich, den ich 1980 prägte, noch bis in die jüngste Zeit benötigte, um von eben diesem Teil der der deutschen Geschichtswissenschaft akzeptiert zu werden, zeigt, wie wenig dieses Problem in Deutschland verarbeitet ist.

Worum geht es aber? Es geht um die vordergründige Abschwächung der Röhl/Fischer-These, am 8. Dezember 1912, dem sogenannten "Kriegsrat" bei Wilhelm II., sei, für einen Zeitpunkt in anderthalb Jahren, der Erste Weltkrieg beschlossen worden. Bereits der Streit um die tatsächliche Auswirkung dieser Konferenz hoher Vertreter von Armee und Marine beim Kaiser (Tirpitz wurde umgehend benachrichtigt); legte wiederum offen, wie heiß umkämpft die deutsche Verantwortlichkeit, im Bewusstsein der Historiker, nach wie vor war und ist.

Wie groß nun mein Interesse an dieser Frage war, zeigt die Tatsache, dass ich bereits in der Dissertation über die deutsche Armee von 1914 (1977) auf eine Unterredung zwischen dem Reichskanzler und dem Feldmarschall Colmar von der Goltz erstmals Bezug nahm, die in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft zum 8. Dezember stattfand, und sich um die Möglichkeit eines Präventivkrieges, im Gefolge der türkischen Niederlagen im Herbst 1912, drehte. Bestand doch das Bestreben der konservativen Historikerfronde um Wolfgang J. Mommsen darin, auf die Abwesenheit des Reichskanzlers beim Kaiser, und damit eine Nichtbeteiligung der Politik, hinzuweisen. Diese Argumentation widerlegte mein Buch "Vor dem Kriegsausbruch 1914" (1980); das die Auswirkungen der Balkankrise auf den "decision making process" in Berlin, in den politischen und militärisch-strategischen Führungseliten, zum Gegenstand erhob. 

Bilden doch militärische Fragen, und der strategische Entscheidungskreis, den noch fehlenden "Schlußstein" der Fischerschen Argumentation. Es wurde gezeigt, dass - durchaus im Sinne einer Kriegsvorbereitung - nach dem Dezember 1912 ausgreifende Maßnahmen technischer, personeller und ausbildungstechnischer Art ergriffen wurden, die offensichtlich dazu führten, dass die deutsche Armee im Jahre 1913 nicht kriegsbereit war. Es wurden nämlich sämtliche Bereiche der Militärverwaltung von einer rasanten Aufrüstung (von der Konservendose bis zum Lederkoppel) ergriffen, was unmittelbar zu Engpässen führte. Quellen, die mir 1978 bekannt wurden, zeigen darüber hinaus, dass es sich im Umfeld der Kriegsentschluss-Problematik um ein breiter angelegtes Phänomen innerhalb der deutschen Führungsstruktur handelte. In der ersten Auflage des hier behandelten Buches aus dem Jahre 1983 wurde dementsprechend auf die "Krisenkonferenz" bei Bülow im Juni 1909 hingewiesen, die durch einen möglicherweise unmittelbar bevorstehenden Krieg mit England veranlaßt war. Es fällt auf, dass sich die Diskussion im Grunde um die gleiche Problematik wie am 8. Dezember 1912 bewegte. 

Arbeiten an meinem demnächst erscheinenden Buch über "Politik und Militär im Kaiserreich" führten zu weiteren "Krisenkonferenzen", die in nächster Nähe zu den übrigen Vorkriegskrisen stattfanden. Erste Ergebnisse dieser Forschungen fanden im Annex des hier besprochenen Bandes Aufnahme, und führten zu der These vom "Institut der Krisenkonferenzen" in der deutschen Führungsspitze zwischen 1871 und 1914. Es handelte sich also ganz und gar nicht um etwas Besonderes, wenn die Spitzen von Politik und Militär sich in Berlin zusammenfanden, um über die nächsten Schritte, angesichts einer Krise mit Frankreich (1875); mit Russland und Frankreich (1877/79); mit Rußland (1887/89) - und schließlich mit Russland (1908/09)und, gegebenenfalls, England/Frankreich (1912/14) zu beraten. Die inhärente Brisanz des "Krisenkonferenz"-Begriffs hat die, begierig vor dem Begriff des "Kriegsrats" abgehende konservative Zunft übersehen.

Es bildet sich, abgesehen von den Details der verschiedenen Krisenabläufe im einzelnen, ein ausgesprochen dichtes Bild einer regen Interdependenz in der deutschen Führung. Und dies insbesondere zwischen den politischen und militärischen Ämtern. Von einer hochgradigen, und vermeintlich strukturbedingten, Polykratie in der politisch-militärischen Führungselite des deutschen Kaisereichs - wie Mommsen immer wieder behauptet hat - kann also, vor allem in Bezug auf die lebenswichtigen Fragen von Krieg und Frieden, keinesfalls gesprochen werden.

Im Zentrum der Berliner Politik, zumindest zwischen 1909 und 1917, stand und steht der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Es führt nicht weiter, wenn dieser Kanzler lediglich als Philosoph und wirklichkeitsfremder Politiker der Diagonale verstanden wird. Er war mehr. Ausgehend von den Vorstellungen seines Großvaters, des preußischen Kulturpolitikers und Staatsrechtlers, Moritz August von Bethmann Hollweg, in der Krimkriegphase, stand er ganz auf der liberalkonservativen Position der von diesem begründeten Wochenblatt-Partei im Preußen der "neuen Ära". So wollte der Kanzler seit 1909 Deutschland zwischen Russland und England stellen, Grossbritannien auf das Reich, durch eine - wie auch immer geartete - Neutralitätspolitik zuzwingen, und so Spielraum für die weiterhin offen gehaltene deutsche Europa- und Weltpolitik offenhalten. Dass dieses "Zuzwingen Englands", wie schon gesagt, in einem immer riskanteren "testing the entente" mündete, und gleichzeitig der deutsche Nimbus der Unbesiegbarkeit stetig abnahm, führte schließlich zum Scheitern der "Policy of Pretention" im Angesicht der Konfliktlage des Juni/ Juli 1914.

Nicht zuletzt wurde die Entscheidung des Reichskanzlers durch eine von mir hier erwähnte Denkschrift aus Wien vom 24. Juni 1914 gefördert, die offenlegte, es sei in den nächsten Monaten mit dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns - und damit dessen militärischer Präsenz - zu rechnen. In dem Augenblick des Fürstenmordes von Sarajevo hielt Bethmann Hollweg diese Denkschrift in Händen. Diese mag den Kanzler, in dramatischen Stunden, dazu bestimmt haben, einem Kriege im äußersten Falle zuzustimmen, da dieser dann noch mit Unterstützung Österreichs geführt werden könne. Eine Aufteilung Österreichs, ähnlich jener für die Türkei erwarteten, deren Schattenriß fiel in diesen Stunden zwischen dem 28. Juni und 5. Juli 1914 auf die dunkle Eichholztäfelung im Arbeitszimmer des Reichskanzlers auf Schloß Hohenfinow.

Bernd F. Schulte, Deutsche Policy of Pretention. Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914. 
Norderstedt 2009, 404 S., 22,80 €. 
ISBN-10: 383702251X ISBN-13: 978-3837022513

Immer noch nicht verstanden: Politik ist KEIN Infotainment!

 

Gerhard Schröder hat die dreihundert Gäste des Handelsblatt-Kongresses „Asia Business Insights“gestern Abend in der Düsseldorfer „Meerbar“ beeindruckt: Auf Deutsch und Englisch brillierte er mit Wortwitz und Altersklugheit. So warb der ehemalige Bundeskanzler für Respekt gegenüber anderen Kulturen und verlangte im Flüchtlingsdrama mehr politische Führung. Das naiv anmutende Merkel-Postulat „Wir schaffen das“ wendete er ins Realistische: „Wir können das schaffen.“ Präzise nannte Schröder die dafür notwenigen Bedingungen. So wurden Tuschler zu Zuhörern und Zuhörer zu Fans. Selfie-Jäger umlagerten ihn anschließend, wie man es sonst nur von Rockkonzerten kennt. Oscar Wilde schoss einem in den Sinn: „Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.“ 

 HANDELSBLATT, 26.1.2016.

https://navigator.gmx.net/navigator/show?sid=efffdc880e779f720c2419d48ee84f96454adbaf267aa51485d959e89c129eed452e5beec15934ec029705da8b6e01b9#mail

Der Merkelismus ist unerträglich.

MERKEL MUSS WEG!

 

Frau Merkel macht die Grenzen auf und ermöglicht so die Attentate in Paris (SPIEGEL, 24.12.2015, S. 23 "Attentäter durchgewinkt"). Ein Staat gibt sich bereitwillig auf. Flüchtlinge "reisen" durch Europa. Bestimmen wo sie sich niederlassen. Überprüft, durchgesiebt wird nicht. Merkel sitzt in Berlin und macht sich nicht einmal auf, um vor Ort ein Signal zu setzen. Es wird noch besser, sie geht in Weihnachtsurlaub, als wenn gar nichts passiert wäre. Sie verwechselt permanent den Regierungsstil eines späten Honecker mit westlicher politischer Coutume! Weiter dreht sie das Gesicht Deutschlands - wie 1891!!! Bülow, Tirpitz und Wilhelm II. - erneut gegen Westen.

Es bleibt weiter auch der Landeschef Bayerns weit hinter seiner Pflicht zurück. Wer hindert ihn, mit Bundespolizei und Bundeswehr einen cordon sanitaire an der deutschen, südöstlichen Grenze zu schließen? Oder sind auch die Bayern blind? Wohin marschieren Flüchtlinge, wenn sie sich von Griechenland nach Nordost auf den Weg machen? Ist der bundesdeutsche Geheimdienst schon durch die Parlamente so paralysiert, dass er der Politik nicht berichtet? Eher ist wohl die deutsche Politik, in der allgemeinen Dekadenz, derart erratisch, dass diese dessen Berichte nicht mehr liest.

Denn, es ist für die Beust, Woverweit u.ä. der Stichtag für die Pension viel wichtiger als der Eid und damit der Staat!

Das treibt die Bürger in die Arme der Extremisten, die sich, aus diesen Gründen, weiter im Lande formieren. Aber auch die Polizeiführungen, vor allem der Innen- und Justizminister, fördern eher das Gelächter der Extremisten. Weiter auch, weil die Obersten Richter in Karlsruhe, auch keine Bücher lesen, sondern ihren desolaten, wirklichkeitsfremden, juristischen Prinzipien folgen - ohne politischen Verstand und Fingerspitzengefühl für die Praxis.

Kurzum. Deutschland erprobt seit 1918-33, ein weiteres Mal den Weg, wie Staaten in die Diktatur absinken können. Aber diesmal nicht für die Lehrbücher, nicht für die Illusion der versponnenen politischen Theoretiker oder weltfremde Bundestagsdiskussionen.

Hamburg, 7.1.2016                                                               Dr. Bernd F. Schulte

Barnimer Bürgerpost die unabhängige Leserzeitung

N R . 2 5 2  ·  2 2 .  J A H R G A N G  ·  A U S G A B E  1 / 2 0 1 6  V O M  5 . J A N U A R   2 0 1 6 

1854 – 1914 – 2014 (Teil 4):

EU als Hauptfeind der USA

von Dr. Bernd F. Schulte

Absteigende Weltmächte kompensieren ihren Machtverlust durch zunehmende Aggressivität. Diesen Weg beschritt im Jahre 1914 auch das Deutsche Reich.

Der Autor beleuchtet die Kontinuität in Sachen Ostexpansion vom Krimkrieg 1854, über die beiden Weltkriege hinweg, bis in die heutige Zeit.

 

Das in der jüngeren Vergangenheit international immer mehr um sich greifende Mittel der Militarisierung hat dazu geführt, daß heutige Gesellschaften zunehmend gefährdeter, Verlustbedrohter und Kriegsgefährdeter erscheinen.

Die Sicherheitsrisiken, die sich mittlerweile auf der Entscheidungsebene der Großstaaten und Bündnisse ergeben, mögen auch auf Fehlrechnungen der jeweils dominanten Sicherheitseliten zurückgehen und noch verschärfend

in einseitig militärisch charakterisierte internationale Machtauseinandersetzungen hineinwirken. Je überzeugender die militärischen Facheliten auch aufgrund technologischer Fortentwicklung voraussagen können, welche Mächte sich auf welcher Seite aufstellen werden, welche Machtmittel insgesamt und wo vereinigt sein können, um so überzeugender können diese Eliten den Ausgang eines solchen Krieges vorhersagen (1854 Palmerstone, Clarendon, 1914 Moltke/ Jagow, 1940 Blomberg, v.Brauchitsch).

Aber warum soll gekämpft werden? Die schwächere Seite will nicht, wie stärkere muß nicht kämpfen. Der Kompromiß, Schachmatt oder Kapitulation. Der Weg zum Krieg, in den Erwägungen der Führungseliten absteigender

Mächte, kann sich in folgenden Schritten vollziehen:

 

  1. Bewußtwerden nachlassender industrieller Fähigkeiten,(1854, 1914, 1991/2014),

  2. Erfahrung des Nachlassens der Kräfte in Bezug auf die eigene Einflußsphäre (1991ff.),

3. Verstärken von Bündnisverpflichtungen (1854, 1912/13, 2014),

4. Verstärken der militärischen Rüstung (1851/54, 1913/14, 2010ff.),

5. Zunehmende Verwicklung in militärische Auseinandersetzungen (1848ff., 1991ff.),

  1. Fortsetzung dieser Entwicklung, mit Zielrichtung auf den allgemeinen Krieg (1852ff., 1911/14, 2013).

 

Wie 1980, könnte die Wissenschaft heute die Antwort auf die Frage geben, wie lange solche sich mehr und mehr autistisch verhaltenden Mächte und Machtblöcke im Bewußtsein des Abschwunges ihrer Entwicklung zögern werden, mehr und mehr in Bedrängnis gebracht und durch Aufrüstung unter Druck gesetzt, zum Mittel des Krieges zu greifen. Heute handelt es sich um Rußland UND die USA. Dazu kann die sorgfältige Analyse der wirtschaftlichen, industriellen sowie der damit zusammenhängenden Kriterien verhelfen.

Auch für die Jahre vor 1870 fördert das ein Spektrum der »jungen Mächte« zutage, die geeignet schienen, die Seniorstaaten zu verdrängen. In den modernen Kriegen mehr als in den vorausgegangenen Jahrhunderten zeigt der

Umfang des militärisch-finanziellen Engagements des Siegers rund um die Erde den Grad der großmächtigen Potenz dieser Macht im Aufstieg auf den Gipfel oder deren Abstieg.

In unseren Tagen treten in diesem Zusammenhang verstärkt die USA in den Fokus des Interesses. Ein Ermüdungsprozeß der bisherigen Supermacht ist unverkennbar zwischen Korea, Berlin, Kuba, Vietnam, Persien einerseits und Kuwait, Irak, Afghanistan andererseits. Heute sind hinzugetreten: Nordafrika und Ägypten bis Syrien und Krim/Ukraine. Mittlerweile sind die zeitgeschichtlichen Entwicklungen über die Grundfragen der 80iger Jahre hinaus fortgeschritten. Dazu diente die Analyse von Militärausgaben und quantitativer Stärke der Armeen, das berühmte

»Panzerzählen« der Friedensforschungsinstitute. Eine mehr oder minder arg überschätzte Einrichtung, ging es doch auf diesen ertragreichen Feldern nicht so sehr um »Friedens-«, als vielmehr Kriegsforschung. Leitvektoren der Analyse bildeten unter anderem für die Zeit zwischen 1816 und 1970/80 die Eisen- und Stahlproduktion sowie der industrielle Energieverbrauch. Die »jungen Mächte« bildeten ein zentrales Ergebnis dieser Analysen. Ob dies nun für Preußen, Frankreich und Sardinien-Piemont um 1850 zutrifft oder für Deutschland und Japan in den 30iger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Es ging und geht um die Verdrängung der Senior-Staaten. Die Parameter des Umfanges der Initiativen, Investitionen und des räumlichen Engagements nach erfolgreichen Kriegen sollte zeigen, ob der betreffende Sieger-Großstaat

sich noch im Aggregatzustand des Aufstieges oder bereits des Niederganges befand (befindet). Es ging 1850/1914 (zaristisches Rußland), und geht heute (1991/2014), um die Bestimmung des Momentes, in dem ein Nachlassen der Befähigung einer der Haupt- und Vormächte (UdSSR 1978-82/ Rußland 2014) gegeben ist, maßgebenden Einfluß auszuüben, wenn

 

a) diese in eine zunehmende Zahl militärischer Auseinandersetzungen verwickelt wird, wobei ein bloßer clash wohl kaum dazu führen wird, bis an den Rand eines Krieges zu gehen; allerdings könnte dieser Punkt überschritten werden, wenn eine Mobilmachung, ein Aufmarsch militärischer Kräfte, Gewaltanwendung oder Kampfhandlungen einträten (Krim, Donezk 2014/15); für die Beherrschbarkeit solcher Eskalationen mögen für Rußland 1953, 1956, 1967, 1968 sprechen

b) derartige militarisierte Streitigkeiten sich öfter innerhalb oder an den Rändern von Einflußzonen bündnispolitischer Nachkriegsbildungen finden als außerhalb derselben

c) die Ergebnisse derartiger Entwicklungen sich von Mal zu Mal ernüchternder gestalten (für die USA: 1952/53 Korea, 1956 Suez, 1958 Berlin, 1962 Kuba, 1978 Persien, 1963-1975 Vietnam; heute: Kuwait, Irak, Afghanistan, Syrien/

IS-Mossul).

 

Es ist zu erkennen, wie brisant sich die Lage inzwischen gestaltet. So muß die Politik der USA daraufhin untersucht werden, ob infolge vermehrter Rüstung das innenpolitische Prestige absinkt, dementsprechend gemäßigte Lösungen

an Attraktivität verlieren und einer zunehmenden Militarisierung der Außenpolitik Raum gegeben wird. Empirisch gefragt, bleibt zu klären, ob zunehmende Bündnisverpflichtungen verstärkte militärische Mobilmachungen zur Folge haben.

 

Vor dem Hintergrund dieser nunmehr ebenfalls labilen Machtlage der USA und der aus der inferioren Machtposition Rußlands hervorgehenden Offensive mit begrenztem Ziel im Donezbecken ergeben sich neue Gefährdungspotentiale. Denn die Konfliktpartner erscheinen beide angeschlagen und zu sämtlichen hier aufgezeigten Fehlreaktionen fähig. Ob es nun nsinnfällig wäre, ähnlich wie in den Jahren 1853 bis 55 zwischen England, Österreich, Preußen und Frankreich mit Rußland durchgeführt, in extenso und in Kontinuität zu verhandeln, führt wohl damals wie heute nicht zu dem Ergebnis, den beiderseits noch verführerischen kriegerischen Konflikt zu vermeiden.

Zu dem Ziel, dem Urteil der Geschichte, zu gelangen, mögen folgende Fragen führen:

 

Wie regelmäßig beginnt sich eine Nachkriegshierarchie aufzulösen?

Wie schnell, wie weitgehend geschieht das?

Erkennen nationale Sicherheits-Eliten die sich verändernden Macht- und Einflußkonfigurationen; wie frühzeitig vollzieht sich das?

  • Erkennen diese die Realität oder über- oder unterschätzen sie diese?

  • - Antworten diese, wie hypnotisiert, mit der Verstärkung ihrer Bündnis- und Militärverpflichtungen oder konzentrieren sich diese auf die Verstärkung der Armee – oder beides?

 

Falls die Neigung absinkender Mächte zu militarisierter und weniger einfallsreicher Außenpolitik geringere Erfolgsraten in Auseinandersetzungen hervorbringt, wird der Selbstbestätigungsprozeß verstärkt und lassen schließlich derartige Erfahrungen solche Mächte kriegsbereiter werden als die historische Erfahrung uns vermuten ließe?

Weiterhin steht die Frage nach dem Prozeß im Raum, durch welchen die Nationen fortfahren, das Wüten des Krieges denjenigen aufzuladen, die von ihnen Frieden erwarten. Ursache und Anlaß für diese Überlegungen war die Beobachtung, daß zwischen 1960 und 1980 sowohl die UdSSR als auch die USA sich mit einem äußerst zwiespältigen Absinken ihrer Befähigung konfrontiert sahen, internationale Ereignisse zu beeinflussen und zu kontrollieren.

Eine betonte Zunahme der Militarisierung der Außenpolitiken und die stetige Zunahme der Militäraufwendungen waren festzustellen. Es stand 1983/84 die Frage, ob die Sorge vor den Auswirkungen dieser Entwicklung auf die

Menschheit im Vordergrund stand oder eher das Abklopfen der Machtbasis der UdSSR auf mögliche kriegerische Lösungen in Zentraleuropa.

Diese Frage wird heute, im Angesicht von Krim- und Donezkrise, neu gestellt. Daß es um eine mögliche Konfrontation zwischen den beiden Systemen geht und daß der Gedanke an die Vergleichsfälle 1852-54 und 1914 »die kriegerische Frivolität alternder Reiche« in jenen Jahren leitend waren, überrascht den Beobachter aus Deutschland weder damals noch heute. Ist doch die Erkenntnis des Jahres 1989 keinesfalls eine das bündnispolitische Vertrauen stärkende. Europa ist inzwischen aufgebrochen, selbst Weltmacht zu werden. Und die USA haben sich entschieden, dies zu verhindern.

Ein Riß verläuft dementsprechend durch die NATO. Provoziert letztendlich durch eine abgesetzte US-Außenpolitik gegenüber Rest-Rußland, das von Washington nicht mehr als Machtfaktor von bemerkenswerter Wertigkeit anerkannt wird. Entscheidend für alles, was folgt, mag sein, daß die USA – ähnlich wie England im Herbst 1853 – einseitig entschieden hat, die Machtpräsenz Rußlands endgültig entscheidend zu mindern. Und das in Fortsetzung der Schläge, die dieses 1991ff. Erlitten hat. Die Gegenbewegungen Rußlands sind in dieser Rechnung zu vernachlässigen.

 

Gleichzeitig erfüllt diese besondere Aggressivitätin der US-Außenpolitik eine weitere Bedingung für den heißen Konflikt, nämlich wird westlicherseits seit 1991 auf die EU-Politik der Ausdehnung nach Osten »draufgesattelt«. Damit aber zieht die EU – veranlaßt durch US-amerikanisches Vorgehen – jene Schläge (lokalisierter konventioneller Krieg in Europa) auf

sich, die sich dadurch ergeben, daß Rußland lediglich die EU, nicht aber die USA in der Ukraine treffen kann. Die USA weenrd möglicherweise dem expansionistischen Ziel England/Preußens 1854 und Deutschlands 1914 folgen. Mögen also die Generäle in Moskau auf die Frage – »was können wir gegen die USA tun(?)« – dasselbe geantwortet haben, wie Moltke in der Krisenkonferenz vom Juni 1909:

 

»wir können (lediglich) einen Krieg mit der Ukraine

vom Zaun brechen – mehr aber nicht«.

 

Alles Reden und Unterhandeln, also alle Politologie in der Geschichte in being (Steinmeier) wird, so traurig das ist, nicht weiterhelfen, wenn der Krieg im Vorhinein beschlossen ist, wie von England im Herbst 1853 auf Schloß Windsor, und in Deutschland vor 1914.

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Eindrücke des Marinekabinettchefs Georg Alexander von Müller

 

 

Wilhelm II. zu Admiral von Müller: "Mensch, wie sehen Sie denn aus. Ich werde Sie gleich nach Hause schicken, damit Sie sich erst einmal wieder herausfuttern."

Regiert wurde im Kaiserreich Wilhelms II., Sie mögen es glauben oder nicht, zumeist beim Frühstück; und das fand zwischen 1 und 3 Uhr nachmittags statt! Wie üblich fielen die Stimmungen des Kaisers auf, die die Nerven seiner Mitarbeiter bis zum Reißen anspannten. Was würde er vor fremden Gästen ausplaudern? In welche Fettnäpfchen würde er treten, und wie lange würde das Begängnis wieder einmal dauern?

Admiral Georg Alexander von Müller trat im Jahre 1905 als Personalchef der Marine in diese Verhältnisse ein, und schon nach kurzer Zeit zeigte seine Konstitution erste Schwächen. Sie war den Anforderungen der Bankette, Diners, Frühstücke und Bierabende nicht gewachsen. Im Januar 1906 war er noch rüstig. Früh morgens wurde geturnt, dann ging es ab zur Predigt des Müller von tiefster Seele verhaßten „Dorfpfaffen" und „Byzantininers", Kaiser-Pastor Göns. Darauf wurde gefrühstückt. Sie werden fragen: wie hielt Wilhelm II. all dies aus? Er empfing zum Beispiel den russischen Staatsrat Kokowzeff „spazieren gehend" im Sternsaal des Berliner Schlosses. Das war das Rezept des Kaisers für ein langes Leben. Später, in Holland im Exil, hackte er dann Holz – bis 1941.

Gegen Alkohol waren seine Majestät auch, zumindest noch im Jahre 1906. Müller jedenfalls litt aus tiefster Seele und notierte damals in seinem Tagebuch: „Wenn nur nicht die furchtbare Magenschlacht gewesen wäre!" Gegessen wurde nämlich nach der Oper. Hier waren es die „Meistersänger" und das Nachtsouper dauerte an bis nach Mitternacht. Was passieren mußte, geschah: Seine Majestät schlossen den Schnaps aus den Kantinen bei Armee und Flotte aus. Natürlich nicht bei Hofe.

 

"Wenn nur nicht die furchtbare Magenschlacht gewesen wäre", notierte Kabinettchef von Müller in seinem Tagebuch. Hinzu kam auch noch das "gräßliche Humpenleeren".

Immer wieder klagt von Müller über die„stumpfsinnigen Soupers" bei den Majestäten. Was folgte, liegt auf der Hand. Von Müller wurde magenkrank. Ende April 1906 war er krank zu Hause, mußte mit Hafergrütze vorlieb nehmen. Und damit es nicht besser wurde, war der Bierabend während der Kieler Woche eine ständige Einrichtung, der Müller erst mit der Zeit zu entkommen lernte. Die kurzen Nächte nahmen zu, weil der Magen zunehmend streikte. Daß der Beruf das Leiden nicht linderte, wurde auf der Manöver-Reise im September 1906 klar. Schlechte Unterbringung und Verpflegung auf einem der Linienschiffe führten zum Zusammenbruch. Wie immer in diesen Fällen wurde auch hier der Arzt sehr spät konsultiert. Bettruhe war die Folge. Zehn Tage Ruhe und der Gesundheit Leben wurden jedoch durch die Hochzeit des Großindustriellen Krupp in Essen – und das damit verbundene „sehr ausgedehnte Mahl" – am 15.9.1906 wieder überholt. Das „scheußliche Pokal austrinken", verbunden mit ausgedehntem Skatspiel auf den Jagdreisen des Kaisers, griffen den Kabinettchef erneut an. Schon im November kehrte die Erkrankung zurück. Von Müller schlief zunehmend schlechter. Hinzu kam eine aufkeimende Depression.

Aber all das ist mit einem Blick auf den Tagesablauf des Admirals erklärt. Das Tagebuch von Müllers gibt diese Zustände knapp wieder:

2. Januar 1907: „Admiralsfrühstück bei uns 20 Personen. Seine Majestät hielt fast drei Stunden Vortrag über Lage im Orient. Ziele der japanischen Politik etc. Es wurden schließlich Lichter angesteckt. Um 5 Uhr ging erst seine Majestät. Abends Diner der Kommandierenden Generale im Schloß" (Im Hotel Adlon kostete das Gedeck RM 27.-).

Die Folge: Magenschmerzen, Arztbesuch, Magenausspülung. Den Sonntag darauf verbrachte Admiral von Müller im Bett. Aber am 12. Januar war schon wieder Jagdangesagt. Die „Zwiebeln im Jagdfrühstück" brachten erneut Turbulenzen. Aber welchen Rang die Zeremonie des „Frühstükkens" einnahm, zeigt die Tatsache, daß im August ein Admiral beinahe zur Entlassung gekommen wäre, weil er lieber während einer Flottenübung der kaiserlichen Marine frühstückte, als taktisch führte. Im November 1907 – mit der Jagdsaison – folgten wieder Jagddiners mit dem „gräßlichen Humpenleeren".

Von Müller war erneut geplagt. Im Jahre 1908 kam der Zusammenbruch. Schmerzen und Schlaflosigkeit und „dabei der ganze Trubel der Kieler Woche mit permanenten Diners und Frühstücks" ließen selbst den Kaiser endlich den Gesundheitszustand seines Mitarbeites erkennen:


„Mensch wie sehen Sie denn aus. Ich werde Sie gleich nach Hause schicken, damit Sie sich erst einmal wieder herausfuttern" rief Wilhelm II. am 4. Juli 1907 aus.

Was folgte, war eine Magenoperation in Berlin. Am siebten Tag durfte von Müller schon „kräftigere Nahrung, geschabten Schinken, und geschlagenes, weichgekochtes Ei" essen. Nach einem Urlaub in Schweden finden sich kaum noch Bemerkungen zu Reaktionen des Magens in den Aufzeichnungen von Müllers. Auch das Essen als Gegenstand seiner Notizen tritt zunehmend zurück. Dafür drängen umso mehr die spannungsreichen Ereignisse im Vorfeld des Ersten Weltkrieges in den Vordergrund.

© Dr. Bernd F. Schulte
Quelle: Bundesarchiv - Militärarchiv Freiburg. N 159. Nachlaß Admiral von Müller.

 

Dieselgate
 
VW-Management wusste viel früher  Bescheid        
     
PremiumDer Abgasskandal ist für die VW-Führung weniger überraschend gekommen als bislang angenommen. Schon Mitte August räumte der Konzern gegenüber den US-Behörden Tricksereien ein. Der Aufsichtsrat wurde im Unklaren gelassen. 

 

Über das Teilgeständnis gegenüber den US-Behörden wurde im Management bereits im August geredet. Quelle: dpa
Volkswagen-Zentrale in Wolfsburg

Über das Teilgeständnis gegenüber den US-Behörden wurde im Management bereits im August geredet.

(Foto: dpa)

FrankfurtBereits am 19. August dieses Jahres – und damit mehrere Wochen früher als bisher vermutet – hätten Vertreter des Unternehmens bei einem Treffen mit der kalifornischen Umweltbehörde Carb teilweise zugegeben, dass es bei Dieselmotoren des Konzerns eine Einrichtung zur Beeinflussung der Abgaswerte gebe. Das geht aus einem als „streng vertraulich“ eingestuften Aktenvermerk der niedersächsischen Staatskanzlei hervor.

 
 

Alarmmeldung aus Dunkel-Deutschland.

Findet PARIS II in Ostdeutschland statt?

 

"...letzte Stunden hier im abgeschottenten Tiefschlaf.
Der Mob tobt tatsächlich. Es ist gruselig, was ich hier höre.
Die jungen Menschen im Osten " bewaffnen" sich. Tatsächlich leider in keinem Fall "nur" mit hohlen Parolen. Hier hörst und siehst Du ganz tief in die braue Suppe. Es ist gruselig - wirklich gruselig. Die gehen soweit, und machen Merkel für den Anschlag in Paris verantwortlich. Hier hörst Du Sätze, wie : "Wir deutschen Bürger werden bald nichts mehr zu fressen haben". Wo sind wir nur gelandet. Vieles geht durch meinen Kopf und es ist für dieses Minihandy zu viel. Die Buchstaben verschwimmen..

Bei facebook " trennen" sich plötzlich alte Freundschaften und es beginnt ein Verbalkrieg zwischen GUT und SCHLECHT. Das Thema Beziehung wird virulenter, je älter wir werden, und noch virulenter, wenn die Menschen, so dumm sich zeigen, wie im Moment. Schäuble, der vom Flüchtlingsströmen spricht,- Seehofer- was geht ab Bernd? Wenn Du hier hören würdest, was die jungen Menschen Ende zwanzig bis Mitte dreißig sprechen und tatsächlich tun, würdest Du das Wort "Bewaffnung" in keinem Fall als Übertreibung sehen. Ich bin müde ... der dummen Menschen sooooooo müde.

http://www.financial.de/news/agenturmeldungen/dj-pressetextde-aufstieg-oder-niedergang-deutschland-zwischen-mittelalter-und-postmoderne-buch-von-bernd-f-schulte-warnt-vor-dekadenz-und-verfall-in-deutschland/

 

AGENTURMELDUNGEN

13:35 | 16.06.2008 
 
DJ pressetext.de: “Aufstieg oder Niedergang” – Deutschland zwischen Mittelalter und Postmoderne – Buch von Bern. Schulte warnt vor Dekadenz und Verfall in Deutschland

 

Hamburg (pts/16.06.2008/13:35) - Dass die deutsche Geschichte nicht von Gipfel
zu Gipfel stürmt, ist wohl jedem 1945 bewusst gewesen. Dass sich das
Bewusstsein, eine gescheiterte Großmacht auf dem Weg zur Weltmacht gewesen zu
sein, den Deutschen wieder abhanden kommt, ist uns heute präsent. Aber auch die
übrigen Mächte, aus denen sich die europäische Union zusammensetzt, sind, mehr
oder weniger, während der letzten Jahrhunderte abgestiegene Groß- und Weltmächte 

Es trifft in der Geschichte nun einmal nicht der Satz zu, dass "Minus mal Minus
Plus" ergebe. So trifft der neue Aufsatzband von Bernd F. Schulte, "Aufstieg
oder Niedergang. Deutschland zwischen Mittelalter und Postmoderne", exakt eine
zentrale Frage unserer Zeit. Die nämlich nach der Zukunft Deutschlands und
Europas heute und Morgen. 

Dass sich Sch. dabei ostentativ auf Deutschland bezieht, mag der gängigen Lehre
bitter aufstoßen, ist diese doch seit Jahrzehnten bemüht, gerade den Blick von
Deutschland ab und den generalisierenden (da bemäntelnden) Momenten,
europäischen Zuschnitts, zuzuwenden. 

Schließlich sorgt sich Sch. offenbar um die grassierende Staatsverdrossenheit in
Deutschland heute und beginnt nicht zuletzt deshalb die Einleitung mit einem
Memento an die Französische Revolution, deren Ursachen und Wirkungen in der
Zeitspanne bis 1806. Schon die Einleitung zeichnet dezidiert den Weg Preußens
(stellvertretend für Deutschland) in die Niederlage von Jena und Auerstedt nach.
Über sich selbst weit hinausweisend, stellte der Reformer Gneisenau nach 1807
fest, das Ancien Régime habe ja in Preußen von Staats wegen den "Bürger nur zum
Steuernzahlen" benutzt. Eine zu späte, aber umso zutreffendere Anmerkung. 

"Vom Ständestaat zum Absolutismus" nämlich war die Masse der Menschen zumeist
dem Willen des Fürsten unterworfen. Der Staat, bestimmt durch die
Volksvertretung, den die Staatsrechtslehre in Europa seit dem 15. Jahrhundert
überwiegend forderte, kam nicht. Stattdessen bestimmten Dynasten, Tyrannen oder
Fürsten das Geschick der Staaten von oben herab. Erst denaturierte
Fürstenherrschaft führte zur Revolution. Seume, der Kronzeuge Schultes für die
Zustände im vorrevolutionären Deutschland, geißelte vor 1806 die Zustände auch
in Preußen. Fontane bot in seinen "Wanderungen", an mancherlei Stellen,
wenngleich vornehm verklausuliert, ein zutreffend detailliertes Bild der
folgenschweren Misswirtschaft unter dem, von Maitressen und Rosenkreuzern
beherrschten, König Friedrich Wilhelm II. So verlor Preußen, geistig, wie
praktisch-politisch-militärisch, die Verbindung zur zeitgenössischen
Entwicklung. Schulte ergänzt diesen kritischen Blick auf das "Modell Preußen"
vor 1806 um weitere Abschwünge der Entwicklung, wie Olmütz und die
Krimkriegphase, die wiederum Weichenstellungen der deutschen Geschichte
bedingten, die - historisch gesehen - zu zwei Weltkriegen führten. 

So erscheint auch das Kaiserreich der Hohenzollern als Teil des Niederganges,
der mit dem Ersten Weltkrieg zum entscheidenden Einbruch in der deutschen
Geschichte führte. Der "Zusammenbruch" von 1945 bildete den erklärten Tiefpunkt
dieser Entwicklung von den Glaubenkriegen des 16. Jahrhunderts, über den
Dreißigjährigen Krieg, bis hin zu den Kabinettskriegen des 18. Jahrhunderts -
und den napoleonischen Kriegen. Im wesentlichen hat sich Europa auf diese Art
selbst entmachtet. Dass Deutschland heute, eingebunden in die europäische Union,
alle Anzeichen des Verfalls wie vor 1806 zeigt, bildet die These Schultes, die
in die Köpfe der Politiker Eingang finden sollte. Denn heute geht es in erster
Linie um eine Erneuerung der Staaten von innen heraus. Sonst droht ihnen ein
1806, als kampffähige Festungen (Magdeburg) sich, nach einem Kanonenschuss, dem
Feind ergaben. 

Rezension und Bestellmöglichkeit auf http://www.forumfilm.de (Extra Blatt). 

Bernd F. Schulte, Aufstieg oder Niedergang. Deutschland zwischen Mittelalter und
Postmoderne. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Bd. 4,
Norderstedt 2008, 400 S., 29,95 ?. ISBN 978-3-8334-4455-5. (Ende) 

Aussender: Extrablatt
Ansprechpartner: Dr. Bernd F. Schulte
Email: forumfilm65@netscape.net
Tel.: +49(0)40 551 00 07 

Quelle: http://pressetext.com/pte.mc?pte=080616028 

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Verantwortung für redaktionelle Meldungen (pte) liegt bei pressetext, für
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(END) Dow Jones Newswires

June 16, 2008 07:35 ET (11:35 GMT)

 

 

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N R . 2 5 0 · 2 1 . J A H R G A N G · A U S G A B E  1 1 / 2 0 1 5   VOM

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E R S C H E I N T  MO N AT L I C H · 1 E U R O

 

e r i n n e r t

14

 

1854 – 1914 – 2014 (Teil)

Kontinuum Ostexpansion 

 

von Dr. Bernd F. Schulte

 

Der Verlust der Stadt Sewastopol am 8. September 1855 brachte vor 160 Jahren die Entscheidung im Krimkrieg. Fast ein Jahr lang hatte sich die russische Armee gegen die Belagerung durch französische, britische, türkische und italienische Truppen behauptet. Der erste Teil befaßte sich mit der Haltung Preußens in diesem großen europäischen Krieg in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals wie heute geht es um die Rolle Rußlands in Europa. Navalistische Mächte stehen wie 1854 gegen die Festlands-

macht. Damals sollten die preußisch-englischen Gemeinsamkeiten betont werden. Preußen stand vor der Entscheidung, wohin es kulturell-weltanschaulich gehören wollte. Ähnliches gilt heute für Deutschland oder gar die EU.

 

1914: Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg verfolgte dieses Ziel im Ersten Weltkrieg. Von Konstantin Frantz, über Felix Fürst Schwarzenberg bis zu Friedrich Naumann, Walther Rathenau1 und Theobald von Bethmann Hollweg führte die Idee, Europa unter preußisch-deutscher Führung zusammenzufassen. Die NATO/EU

heute greift nach Kiew – nicht Rußland. Ähnlich 1914, als es um nichtrussisch besiedelteTerritorien ging. Auch den Haß der Polen gegen die Russen, der am Leben erhalten werden sollte. Wie 1854 die Koalition gegen Rußland, so bildet die NATO heute keinen geschlossenen Block mehr. 1854 ging es um Annexionen an der Ostsee, Polen und Moldavien. 1914 ähnlich. Die Idee des »Volk ohne Raum« war geboren. Siedlungsland für verdiente Unteroffiziere sollte gewonnen werden. Oder, wie Ludendorff 1915 an Moltke schrieb, die Armee müsse befriedigt werden.

 

Die preußischen Konservativen standen 1854 ganz im Bann der Befreiungsbewegung von 1813. Sie erwarteten den Krieg mit Frankreich und sahen in einem Bündnis mit England lediglich dessen Funktion, korrespondierend mit der Verteidigung der Rheinlinie. Einerseits fürchtete das konservative Preußen Frankreich als den Hort der Revolution. Die Revolution war eine gefährliche Waffe gegen die Monarchien. Es wurde erwartet: ein preußisch-englisches Bündnis könne andererseits Rußland in die Isolierung treiben, und eine französisch-russische Annäherung heraufbeschwören.

 

Dieses essentielle Problem sollte sich Bismarck, auf anderer Ebene nach 1877 stellen, als auf der Höhe der Berliner Krise2 sich Hoffnungen, Gefährdungen, wie die Konstanten der Rechnung mischten, analog zu 1914 und heute. Doch der Weg der Modernisierung Preußens war steinig und lang. Aus der wirtschaftlichen Rezession zu Anfang des 19. Jahrhunderts ging Berlin gestärkt hervor. Der Niveauunterschied zu Westeuropa, der über 300 Jahre angedauert

hatte, wurde überwunden. Zwischen 1820 und 1850 brachte die Wachstumsrate in Landwirtschaft, Verkehrswesen und Industrie linear 1,2%. Im Deutschen Bund errang Preußen damit wirtschaftlich die Suprematie. Der militärisch-politische Sieg von 1866 über Österreich war industriell, wirtschafts- und finanzpolitisch (DDD-Banken) vorgezeichnet. Nur zögernd folgte die staatliche Verwaltung dieser neuen Entwicklung. Gleichwohl zeichnete sich die Regierung Manteuffel3 durch die, wenngleich zögernde, Überwindung der merkantilistischen Staatspraxis aus.

 

Bismarcks Außenpolitik war gekennzeichnet durch »Vorurteilsfreiheit ... und Realismus«. Ihm oblag es, nach dem Frieden von Paris 1856, mit dem der Krimkrieg endete, die Umorientierung der preußischen Außenpolitik zu vollziehen.

Frankreich war inzwischen zur ersten Macht in Europa aufgestiegen, und sollte der künftige Bündnispartner Preußens werden. Bismarck verfolgte das Ziel, den deutschen Mittelstaaten die Rheinbund-Option abzuschneiden. So begann

etwas völlig Neues, was mit dem Krimkrieg, dem wohl letzten Kabinettskrieg alten Stils, und dem Feldzug von 1859 in Norditalien, begonnen hatte. Daß die überkommene Pentarchie der europäischen Mächte Vergangenheit war, war allseits anerkannt. Die Stringenz des englischen Angriffsplans auf Rußland, das Diktum Bunsens vom »europäischen Generalkrieg« von Finnland bis zum Kaukasus wurde abgelehnt.

 

Wie sieht das Kriegsbild der NATO/EU von heute aus? Ist der Plan der NATO-Erweiterung ausgeträumt, weil die Mitgliedsstaaten ihre Armeen abgerüstet haben, und auf kurze Sicht ein Zusammenwirken mit den USA problematisch

erscheint? Trifft doch Friedrich Wilhelms Besorgnis zu, den Krieg mit Rußland eventuell allein ausfechten zu müssen? Damals, 1854, betrogen von Frankreich und England, heute den USA?

 

Anmerkungen (Quelle: Wikipedia):

1 – CONSTANTIN FRANTZ (1817 - 1891) war ein deutscher

Philosoph, Publizist, Mathematiker und

Politiker. Er stand zeitweise im diplomatischen

Dienst Preußens. Bekannt wurde er als politischer

Schriftsteller mit Bezug zum Junghegelianismus

und zur Romantik. Frantz war Vordenker

eines vom Heiligen Römischen Reich inspirierten

mitteleuropäischen Staatenbundes und Gegner

des von Bismarck nationalstaatlich verfaßten

Deutschen Reiches.

FELIX PRINZ (genannt Fürst) ZU SCHWARZENBERG

(1800 - 1852) war ein österreichischer Staatsmann,

Diplomat und Offizier. Von 1848 bis zu seinem

Tod 1852 war er österreichischer Regierungschef.

Auf ihn geht der Großösterreich- oder

Schwarzenberg-Plan zurück.

FRIEDRICH NAUMANN (1860 - 1919) war evangelischer

Theologe und liberaler Politiker zur Zeit

des Deutschen Kaiserreichs. Nach ihm ist die

FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

benannt. Sein im Herbst 1915 erschienenes

Buch »Mitteleuropa« wurde rasch zur meistgelesenen

deutschen Kriegszielschrift überhaupt.

Naumann forderte darin einen »liberalen Imperialismus

« für Deutschland.

WALTHER RATHENAU (1867 - 1922) war ein deutscher

Industrieller, Schriftsteller und liberaler

Politiker (DDP). Er wurde als Reichsaußenminister

der Weimarer Republik Opfer eines politisch

motivierten Attentats.

2 – Auf dem Berliner Kongreß im Juni/Juli 1878

versammelten sich nach dem Russisch-Türkischen

Krieg von 1877/78 die Vertreter der europäischen

Großmächte Deutsches Reich,

Österreich-Ungarn, Frankreich, Vereinigtes Königreich,

Italien und Rußland sowie des Osmanischen

Reiches, um die Balkankrise zu beenden

und eine neue Friedensordnung für Südosteuropa

auszuhandeln. Insbesondere ging es darum,

den Einfluß auf dem Balkan den Rußland infolge

des Friedens von San Stefano vom März 1878 gewonnen

hatte, wieder zurückzudrängen. Da ein

Krieg der Großmächte gegen Rußland drohte,

verzichtete Rußland auf einen großen Teil seiner

Ambitionen. Die Rivalität Österreichs und Rußlands

auf dem Balkan vertiefte sich und wurde

bis zum Ersten Weltkrieg zu einer Konstante in

der europäischen Politik.

3 – Otto Theodor Freiherr von Manteuffel (1805

bis 1882) war ein konservativer preußischer Politiker.

Von 1850 bis 1858 vollzog er als preußischer

Ministerpräsident..

 

Unbedingt empfehlenswert: Bernd F. Schulte, Deutsche Policy of Pretention, Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914, Hamburg/Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8370-2251-3

Durch dieses vorzügliche Buch, dem viele Leser zu wünschen sind, zu folgenden Stichworten angeregt:

Völlig zutreffend weist er die Polykratie-These vom Mommsen ua (“Unregierbarkeit” des Kaiserreichs, Byzantinismus, verschiedene Gruppen suchten Wilhelms Gunst etcetc) zurück. Auch ich habe diese These nie für plausibel gehalten. Dass innerhalb der Machtelite des Kaiserreichs – wie in der Machtelite eines jeden Staats – Vertreter unterschiedlicher Konzepte agierten, ist richtig, aber belanglos. Solche Gegensätze innerhalb von Machteliten gleichen sich immer aus – sei es durch Kompromisslösungen, sei es dadurch, dass eine Gruppe entmachtet wird (modernes Beispiel: Lafontaines Rücktritt 1999, als sich seine wirtschaftspolitische Konzeption gegen Schröders neoliberalen Kurs nicht durchsetzen konnte. Niemand wird die Bundesrepublik 1998/99 für unregierbar erklären mögen…). Das Kaiserreich war nicht unregierbar, es hat vielmehr konsequent seinen Ansatz “Weltpolitik” verfolgt, wenn auch mit unterschiedlichen Konzepten – bis 1912 Flotte gegen England, ab 1912 kontinental mit Versuchen, Englands Neutralität zu erlangen. Dass diese Weltpolitik 1914 den Krieg zu denkbar schlechten Bedingungen vorsätzlich auslöste, ist natürlich richtig. Grund: man hat es nie gewagt, die Tirpitz-Gruppe (Ausgleich mit Russland gegen England) wirklich kalt zu stellen, sondern agierte weiterhin de facto gegen Russland, Frankreich und England zugleich, dh mit faulen Kompromissen. Schon Riezler hat dies 1915 klar gesehen (im unstreitig authentischen Teil seiner TBs). Man kann sagen: Diese unterschiedlichen Konzepte wurden nie wirklich harmonisiert. Das kaiserliche Deutschland gab, weil die Gegner zeitgleich bekämpft wurden, diplomatisch zweifellos jahre-, jahrzehntelang den Ochs im Porzellanladen (mit seiner Policy of Pretention) und verfestigte so die Triple-Entente, anstatt sie zu sprengen. Selbst wenn wir, just for the argument, den Ansatz “Weltpolitik” einmal mitmachen: Wer Weltpolitik betreibt, darf dabei nicht auch noch ein Dummkopf sein. Aber dass Deutschland sich dumm verhalten hat bedeutet nicht, es sei unregierbar gewesen. Hier spielt dann übrigens doch, nicht trotz, sondern eben gerade wegen seiner Schwäche und seiner “deplorablen Leistungsbilanz” (Stefan Breuer) Kaiser Wilhelm eine entscheidende Rolle: Selbst nach dem Daily-Telegram-Desaster verstand sich niemand darauf, den unheilvollen Einfluß dieses restlos überforderten Menschen substanziell zu beschneiden. Vor allem deswegen nicht weil man mit dem grundsätzlichen Ansatz des Kaisers – “Weltpolitik” – ja völlig einverstanden war und ihn nicht wegen seines Konzepts kritisierte, sondern (zu recht natürlich) wegen seiner deutlich ins skurrile und peinliche hineinreichenden Praxis. Unregierbar meint ja: Subjektlos, keiner agiert, somit ist keiner verantwortlich…sehr bequem. Aber das Kaiserreich war nicht unregierbar. Es hat bei der gewollten Eskalation (Blankoscheck, danach Insistieren auf Lokalisierung) im Gegenteil stringent und (schein)rational agiert.

Falsch ist auch die Mommsen-These von der Versäulung der Bündnisse. Die Bündnisse waren damals nicht verfestigt a la Kalter krieg, sondern prinzipiell offen (Italien hat dies – eigenen Interessen folgend – gezeigt). Haldane-Mission 1912 darf mE getrost als verpasste Chance der deutschen Diplomatie gedeutet werden. Eine enge Abstimmung London-Berlin hätte aller Voraussicht nach den Krieg verhindert. Zum lächerlichen Getue um den deutschen Spion und die russisch-englischen Marinegespräche, um die insbesondere Münkler ja ein groß Gewese macht: a) Grey hat Berlin ja eben gerade nicht angelogen, sondern diese Gespräche Lichnowsky gegenüber eingeräumt – das war regelrecht eine vertrauensbildende Maßnahme Greys. (Was macht Münkler eigentlich den lieben langen Tag? Dokumente lesen kanns nicht sein.) b) Berlin hat im Frühjahr 1914 im Ulster-Konflikt/Irland heimlich Waffen nach Irland geliefert, um England zu destabilisieren…was ja beinahe auch gelungen wäre, noch den ganzen Juli über hat London den Ulsterkonflikt viel ernster genommen als den sich anbahnenden Balkankonflikt. Soviel mal zu fehlendem Vertrauen…und der Frage, wer das Verhältnis vergiftet hat. Von einem Quasi-automatischen way to war a la Mommsen kann keine Rede sein. Philosophisch gesprochen: Es ist an der Zeit, intentionale Handlungsmodelle zu rehabilitieren. Kriege entstehen, wenn jemand einen Krieg will und darüberhinaus die Macht sowie die Gelegenheit zu einem hat.

Zutreffend sieht er auch die Krisenkonferenzen, Plural, in denen sich der Entschluß zur Entfesselung des Krieges mehr und mehr verfestigte. Ab wann Bethmann persönlich den Krieg bejahte? Vielleicht hat er Theodor Wolff wirklich schlicht und einfach die Wahrheit gesagt (ab Januar 1914…). Ich neige dem inzwischen zu. Riezler 7. Juli scheint mir teilauthentisch; wie Fritz Fischer richtig sagte, legt selbst dieser Text (der angeblich ja Fischers Deutung den Boden entzogen haben soll) nahe, dass Bethmann primär den Krieg wollte und lediglich sekundär auch mit einem diplomatischen Sieg zufrieden gewesen wäre. Zu den Riezler-TBs hier meine 20 cent: Bis zum 27. Juli scheinen sie mir, mit einigen Umstellungen/Kürzungen (die es gegeben haben muss, denn sonst muss ich das Original nicht verschwinden lassen) teilauthentisch – aber es fehlen uns eben die vom 28.7.-14.8. Die entscheidenden. Ich vermute – das ist Spekulation, aber eine begründete -, dass uns diese Passagen Auskünfte darüber geben würden, wie ernst Bethmanns Vermittlungen vom 28. abends – 30. abends eigentlich gemeint waren. Tatsache ist, dass er sie in der Nacht zum 31. vorsätzlich abgebrochen hat und den Dingen ihren Lauf ließ.

Hochinteressant auch die reichhaltige Auswahl Schultes – Wenninger-TBs, dazu Berichte und Feldpostbriefe an seine Frau. Ferner kurze Auszüge Tarpen und Hopman. Skurril, dass ein wichtiger militärischer Funktionsträger wie Wenninger seine Frau mitten im Feldzug Herbst 14 anfragt, ob sie ihm nicht den Baedeker Nordostfrankreich zuschicken möge…Man kann das fast nicht glauben. Allerdings liegen von French ähnlich skurrile Berichte vor…

update: Leicht divergiere ich mit Schulte, was die Einschätzung der militärischen Fähigkeiten Deutschlands betrifft. Nicht, dass seine Kritik unstimmig wäre. Deutschlands Armee litt Mängel – was die Ausrüstung mit leichter Artillerie betraf (die allerdings duch die schwere einigermaßen wett gemacht wurde, wie Schulte ja auch sagt), vor allem aber natürlich taktisch. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass das deutsche taktische Vorgehen Sommer 14 – wie allerdings das aller anderen Armeen auch – inkompetent war und zu hohen Verlusten führte (die der Franzosen waren ebenfalls exorbitant)…dennoch wird man zugestehen müssen, dass die deutsche Offensive zunächst deutliche Erfolge zeitigte (im Gegensatz zur französischen), und die deutsche Armee, alles in allem, als die in Summe wohl doch beste Armee wird gelten müssen. Ich hoffe, ich bin des Verdachts enthoben, dies aus nationalen Gründen zu schreiben…man wird Churchills bekanntem Fazit hierzu nun wirklich kaum widersprechen können: Dass das Kaiserreich, mit unzulänglichen eigenen Verbündeten, viereinhalb Jahre gegen eine derartige Übermacht durchhielt und sogar, wenn man nicht solche hanebüchenen Fehler begangen hätte, Sieges-Chancen gehabt hätte, zumindest ein Patt hätte erreichen können, ist, rein militärisch betrachtet, schon eine exorbitante Leistung gewesen (nein, ich bin kein Bewunderer militärischer Leistungen; ich stelle einen sachverhalt fest). Kein U-Boot-Krieg 1917, bzw. Anfang 18 Sieg im Osten konsolidieren (und durch Ressourcenzuwachs aus dem Osten auch die wankenden Verbpündeten stützen) und im Westen auf massive strategische Defensive schalten…das wäre ein Konzept gewesen. Stattdessen dieses absurde Unternehmen Michael. Dieses Defensiv-Konzept war/wäre allerdings aus anderen Gründen unmöglich – nämlich wegen des enormen Einflußes der Siegfrieden-Partei. Dieses irrsinnige, selbst im Sinne des Konzepts “Weltpolitik” irrsinnige Alles-oder-nichts-Spiel der Firma Ludendorff, Claß und Consorten verursachte Deutschlands militärische Niederlage 1918 und letztlich auch Deutschlands Finaldesaster. Und der massive Einfluß der ‘Alldeutschen’ (darunter fasse ich jetzt mal alle zusammen, die seit ca 1890 das Spiel “Weltmacht oder Untergang” spielten, also nicht nur den Verbamnd selber) macht in meinen Augen dann auch den deutschen Sonderweg aus, der für mich keine Theorie sondern eine unstreitige Tatsache ist. Irgend etwas lief in Deutschland ab ca 1890 schief. Nicht, dass ‘die anderen’ nicht auch imperial agierten, völkisch agierten, als Sozialdarwinisten und Eugeniker agierten…Aber allein in Deutschland gab es innerhalb der bürgerlichen Intelligenz diese übermächtige Präferenz für faschistoide, und wenn man sich Claß Buch von 1913 ansieht muss man sagen: schlicht schon faschistische Tendenz ohne große gesellschaftliche Gegenwehr. Frankreich hatte die Anti-Dreyfussards, richtig, und sie waren schlimm…aber Frankreich hatte auch einen Zola. In Deutschland aber waren, um mal zwei Namen zu nennen, Heinrich Mann und Franz Pfemfert auf verlorenem Posten. Selbst und gerade die SPD kuschte dann vor dem Begehren der Alldeutschen – insbesondere gilt das für Weimar.

 

https://julikrise.wordpress.com/tag/bernd-f-schulte/

Historische Sammlung über Karl Lamprecht wird veröffentlicht

19.10.2015 22:02 Uhr
 
http://www.mz-web.de/jessen/historisches-sammlung-ueber-karl-lamprecht-wird-veroeffentlicht,20641004,32201150.html
 

So sieht der Einband des neuen Lamprecht-Buchs aus.

(BILD: THOMAS CHRISTEL)
VON DETLEF MAYER
Der Universitätsverlag Leipzig veröffentlicht eine Sammlung von Aufsätzen, die den in Jessen geborenen Historiker aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.
 
 
JESSEN. 

Von einigen Jessenern wird Karl Lamprecht gern als der größte Sohn der Kleinstadt an der Schwarze Elster bezeichnet. Sein, wie sich inzwischen erwiesen hat, nachhaltiges Wirken als Historiker und seine umfängliche wissenschaftlich-literarische Hinterlassenschaft rechtfertigen diesen inoffiziellen Titel ohne Frage.

Aber auch geschichtlich weniger Interessierten, dafür aber lokalpatriotischen Jessenern hat der Pfarrerssohn bis heute etwas zu sagen. Seine „Kindheitserinnerungen“ - nach Lamprechts Tod, im März 1918 von seinen Töchtern Marianne und Else als Broschüre herausgegeben - in denen er Jessen auf einmalige Weise ein Denkmal setzt, sind immer wieder ein beliebter Lesestoff. Und im Elstertal zudem sicher mehr Leuten ein Begriff als Lamprechts „Deutsche Geschichte“ in zwölf Bänden.

 

Auch für Nichthistoriker

Immer wieder wird von Fachleuten betont, dass man Karl Lamprecht nicht auf seine Aktivitäten als Historiker oder den Methodenstreit der Geschichtswissenschaft beschränken dürfe, um ihm gerecht zu werden und sein Engagement in seiner Zeit verstehen zu können. In dieser Hinsicht einen sehr wertvollen und zudem auch für Nichthistoriker durchaus lesbaren Beitrag liefert der Band „Karl Lamprecht (1856 - 1915) - Durchbruch in der Geschichtswissenschaft“. Herausgegeben wurde das 357 Seiten starke Buch (ISBN 978-3-86583-938-1, Preis: 19 Euro) vom Leipziger Universitätsverlag in Verantwortung von Jonas Flöter und Gerald Diesener (Geschäftsführer des Verlags). Den Anlass dafür bot der hundertste Todestag Lamprechts im zurückliegenden Mai.

Das Werk vereint Aufsätze von insgesamt 17 Autoren, die Karl Lamprechts Rolle und Bedeutung aus ganz unterschiedlichen Ansätzen heraus betrachten und analysieren. So heißt es dazu im Klappentext: „Wenn in diesem Buch dem Wirken des Leipziger Historikers Karl Lamprecht nachgespürt wird, richtet sich die Aufmerksamkeit weit über diesen Gesichtspunkt (gemeint ist der Methodenstreit um eine zeitgemäße wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte - die Redaktion) hinaus auf eine Würdigung des vor hundert Jahren Verstorbenen, und dies aus ganz verschiedenen Blickwinkeln. Denn er war zweifellos ein immens fleißiger Historiker, aber ebenso auch ein umtriebiger Hochschullehrer, nicht selten auch direkt ein homo politicus, der sich stets voller Leidenschaft in die Kontroversen seiner Zeit stürzte, und insgesamt ein Intellektueller im besten Sinne des Wortes. Die hier versammelten Ergebnisse jüngerer biografischer Spurensuche zeichnen das facettenreiche Porträt eines Mannes, der in der Zeit vom ausklingenden 19. Jahrhundert bis an die Schwelle zum Ersten Weltkrieg zu jenen Geistern zählte, die Deutschlands Ruf in dieser Zeit ausmachten und von dem sich eine weltweite Schar von Jüngern faszinieren ließ.“

Im Vorwort der Herausgeber wird dem Interessierten ein weicher Zugang zum Studium des Buches angeboten und ein Weiterlesen schmackhaft gemacht: „Gänzlich anders als einhundertste Geburtstage ist die einhundertste Wiederkehr des Todestages eines Wissenschaftlers vor allem ein untrüglicher Indikator über die von ihm ausgehenden Nachwirkungen.“ Denn man werde sich eines schon so lange Verstorbenen nur erinnern, „wenn er aus der Masse seiner inzwischen längst vergessenen Zeitgenossen herausragt. Das ist im Fall Karl Lamprecht nicht anders.“

Mit der Einordnung des Schaffens von Karl Lamprecht befasst sich in dem Buch Bernhard vom Brocke. Sein Aufsatz, der in dieser Hinsicht einen Überblick offeriert, heißt „Leben und Werk im Kontext der Wissenschaftsentwicklung“.

 

Bleibendes und Zeitbedingtes

Daraus stammen diese Sätze: Karl Lamprecht „zählte zu den Außenseitern unter den deutschen Historikern. Zu Lebzeiten wurde er von den meisten Fachkollegen wegen seines missionarischen Auftretens als Künder eines ,neuen Evangeliums historischer Wissenschaft’ (Arley Barthlow Show) abgelehnt, wegen seiner angeblich dem ,historischen Materialismus’ verhafteten Geschichtsauffassung von Fachkollegen denunziert sowie wegen der Propagierung ,westlicher’ demokratisch-liberaler Tendenzen als ,Irrlehrer’ (so Friedrich Meinecke, 1862 - 1954) und vom ,westlichen’ Positivismus beherrschter ,Fremdkörper’ bekämpft. Außerhalb der deutschen Historikerzunft und vor allem bei den Historikern im Ausland erstrahlte sein Ruhm umso heller. Erst seit den 1970er Jahren wurden Lamprechts frühe bahnbrechende Leistungen auch in Deutschland wieder vorurteilsloser gewürdigt, als Wirtschafts-, Sozial-, Kultur- und Landeshistoriker, als genialer Wissenschaftsorganisator und ideenreicher Kulturpolitiker. Erst seitdem wird zwischen dem Bleibenden und dem Zeitbedingten unterschieden.“

Zu dieser Unterscheidung heißt es einen Absatz später bei Bernhard vom Brocke: „Auf den Gebieten der Landesgeschichte und Sozialgeschichte auf landesgeschichtlicher Grundlage liegen Lamprechts bleibende wissenschaftliche Leistungen. Zeitbedingt aber waren im Zeitalter des Siegeszuges der Naturwissenschaften sein wissenschaftsgläubiger Fortschrittsoptimismus, seine Forderung einer Erhebung der Geschichtswissenschaft in den Rang einer (Natur-) Wissenschaft und sein Glaube an die Lösbarkeit aller historischen Probleme durch empirische Forschung und Ergründung historischer Gesetze.“

Die insgesamt 17 Aufsätze des Bandes „Karl Lamprecht (1856 - 1915) - Durchbruch in der Geschichtswissenschaft“ gliedern sich neben dem Einstieg in folgende fünf Kapitel: „Wege zur Wissenschaft“, „Geschichtstheorie“, „Methodenstreit“, „Universitätsreform“ und „Lamprecht heute“, letzteres mit Beiträgen von Gerald Diesener und Roger Chickering (von der Georgetown University, Washington D.C.). (mz)

 Barnimer Bürgerpost  d i e  u n a b h ä n g i g e  L e s e r z e i t u n g  N R . 2 3 7 · 2 0 .  J A H R G A N G · A U S G A B E  1 0 / 2 0 1 4   V O M  1 4 . O K T O B E R  2 0 1 4 · E R S C H E I N T  M O N AT L I C H · 1 E U R O 

e r i n n e r t

14

Eine Denkschrift vom Juni 1914 mit Folgen:

Die Schale des Krieges senkt sich

 

Im Umfeld des 100. Jahrestags des Beginns des 1. Weltkriegs verstärkten sich Wort-

meldungen wie die des Australiers Christopher Clark, der in seinem Buch »Die Schlafwandler

wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog« behauptet, die europäischen Mäch-

te wären nur aus Unfähigkeit ihrer Politiker in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

hineingeschlittert. Die historischen Tatsachen sollen zurechtgebogen werden, damit

sie nicht als Ballast der künftigen »Verantwortung Deutschlands«, wie BuPrä Gauck die

zunehmende Agg ressivität führender Kreise der BRD umschreibt, im Wege zu stehen.

Was Rosa Luxemburg schon 1915 ihrer »Junius-Broschüre« erkannt und der BRD-Hi-

storiker Fritz Fischer Anfang der 1960er Jahre in seinem Buch »Griff nach der Weltmacht

« anhand von Archivdokumenten bewiesen hatte, soll in Vergessenheit geraten.

Doch nun gibt es neu entdeckte Dokumente aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg,

welche die »Schlafwandler-These« widerlegen. Schon seit längerem ist aktenkundig,

daß die deutschen Führungseliten spätestens nach dem 1. Balkankrieg in den Krisen-

konferenzen vom November und Dezember 1912 die Weichen auf den »Großen Krieg«

gestellt hatten. Damals war klar geworden, daß die militärische Überlegenheit, auf die

Deutschland seit dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 bauen konnte,

bröckelte. Im Frühsommer 1914 hatten sich die internationalen Widersprüche weiter

zugespitzt. In dieser Situation erhielt Reichskanzler Theodor von Bethmann Hollweg

von seinem Cousin, Legationsrat an der deutschen Botschaft in Wien, eine Denk-

schrift zur katastrophalen wirtschaftlichen Lage Österreich-Ungarns. Das war unmit-

telbar vor dem Attentat von Sarajewo. Unser Autor Dr. BERND SCHULTE macht auf

Fakten aufmerksam, wonach die ausschlaggebende Denkschrift vom 24. Juni 1914

möglicherweise nicht zufällig zu diesem Termin geliefert wurde.

 

Selbstverständlich gründeten die Entscheidungen der Berliner Politiker auf den Zusicherungen der Militärs und deren Zutrauen in die militärische Überlegenheit der deutschen Waffen. Selbst die Kritiker des Kanzlers, die Bülows und Schön, 1914 der Botschafter des Reichs in Paris, vertrauten einerseits darauf, es werde sich um einen kurzen Krieg handeln,

und setzten andererseits festes Vertrauen in den Generalstabschef von Moltke. Doch bemäntelten derartige Äußerungen Fehler, die bereits zu Beginn des Jahrhunderts, bei der Besetzung der Stelle des Chefs des Generalstabs begangen wurden. Der jüngere Moltke reichte nun einmal nicht an seinen großen Onkel heran. Bereits im Verlauf des Krieges, als deutlich wurde, wie aussichtslos die Lage sich entwickelte, hat selbst der Kanzler im persönlichen Gespräch Zweifel an den Vorkriegsplanungen,

insbesondere der Militärs, geäußert. Derartige Zweifel werden weiter durch ältere Beamte, wie etwa Botho von Wedel, unterstützt, welche die fehlerhaften Annahmen der militärischen Führung und des Auswärtigen Amtes als Ausgangspunkte einer falschen Politik deklarieren. Die überoptimistische Einschätzung der deutschen Armee und überbordendes Vertrauen in deren Leistungsfähigkeit, der »heiligen Kuh« deutscher Selbsteinschätzung, wie Wedel nachweist, habe – durch Bethmann Hollweg, Jagow, Zimmermann und andere Diplomaten übernommen, dazu geführt, eine überharte »Policy of Pretention« zu verfolgen. Jedenfalls gehörte die politische Administration dieser Jahre, später der so genannte »Bethmann Kreis«, zumindest nicht zu den Vertretern einer pazifistischen Politik. Das gab selbst bereits Bernhard W. von Bülow zu, der zu diesem Kreis zählte. Wie nach der Aktenlage nicht anders zu erwarten, sind uns nur wenige Beiträge des Reichskanzlers überkommen, die zu diesen Fragen aus seiner Sicht Stellung beziehen. So die Denkschrift für den Untersuchungsausschuß des Reichstages 1919, welche sich, in deren zentralem Anliegen, auf den »Wert der Erhaltung nder österreichisch-ungarischen Machtstellung « bezog. Indem der vormalige Reichskanzler ganz die Einbahnstraßen des österreichischen Bündnisses beschrieben und die deutsche »Weltstellung« von der »Unabhängigkeit« Österreichs abhängig machte, suchte er ausschließlich sein Konzept für die Anfangsphase des Ersten Weltkrieges zu begründen.

 

Das Problem, vor dem die deutsche politische Führungsspitze im Juni 1914 stand, bestand in einem, wie Bethmann Hollweg schreibt, »angeblich sterbenden Österreich«, was die »Isolierung des Deutschen Reiches« nach sich gezogen hätte. Ja, der frühere Reichskanzler betonte, »die Weltlage« sei »starr geworden und» habe

»sich seit den letzten beiden Balkankriegen auf der allgemein unveränderten Basis nur insofern weiter entwickelt, als die deutschfeindliche Koalition nach dem Anschluß Englands an den russisch-französischenchen. Dietrich Bethmann Hollweg prophezeit den Zusammenbruch Österreich-Ungarns chen und Vorbereitungen eine diplomatisch und militärisch gebundene Konsistenz gewonnen hatte.« 

Es tritt im Folgenden allseits hervor, wie aggressiv West- und Ostmächte die Lage für einen kommenden Krieg nutzten. Zentral die Absicht Serbiens, Teile aus Österreich herauszubrechen, und damit den Aufteilungsprozeß der Donaumonarchie einzuleiten. Auch das Zusammenspiel zwischen Petersburg, Belgrad und London wird überdeutlich. Bethmann Hollweg, allgemein als England-Philantrop verstanden, erscheint hier völlig eingedenk der tiefgegründeten Gegnerschaft Londons gegenüber Berlin und damit der geringen Aussichten einer deutschen englischen Entspannung.

Petersburgs Kriegsziel sei gewesen, »Österreich und seinen Einfluß vom Balkan zu eliminieren«. Bethmann Hollweg sieht, anders als die neuere Forschung, die hohe Bedeutung der bündnispolitischen Umschichtung in Europa, welche im Gefolge der Balkankriege eintrat. Im Gegensatz zu der Einschätzung, die hier im Folgenden dargelegt wird, soll, wie Bethmann Hollweg 1919 ausführt, Österreich am 5. Juli, in seinem Promemoria, die allgemeine »diplomatische[n] Wiederherstellung des österreichischen Einflusses auf dem Balkan«, »ein Programm auf lange Sicht«, entworfen haben. Der frühere Reichskanzler suchte damit offensichtlich, die Verantwortung für alles was folgte, Wien zuzuschieben. Der entscheidende, alles auslösende, Faktor, so Bethmann, habe in der Ermordung des Erzherzogs Franz-Ferdinand bestanden. Der rapide Entschluß in Berlin, der den Aktionen des frühen Juli 1914 zu Grunde lag, wird deutlich, wenn der frühere Reichskanzler schrieb:

»Der letzte mögliche Augenblick  war da, um die österreichische Autorität bei der südslavischen Welt wieder herzustellen. Sollte er nicht unwiederbringlich verloren gehen, so mußte fest und schnell zugegriffen werden. Der Krieg mit Serbien war damit möglich und wahrscheinlich. Wir haben ihn in unseren Instruktionen nicht ausgeschlossen, aber ihn weder gefordert, noch dazu getrieben. Geraten haben wir aber zu schnellem Vorgehen, weil damit zum ehesten Weltkomplikationen vermeidbar schienen.«

 Es ging um die sogenannte »Politik der Lokalisierung«. Heute wissen wir, daß die deutsche Politik Wien nicht so freie Hand ließ, wie Bethmann Hollweg dies hier erscheinen lassen will. Rußland soll allein verantwortlich gewesen sein; in Verbindung mit verschiedenen Fehlern, die in Wien eintraten. So läuft alles auf die Beurteilung Österreich-Ungarns im Juni 1914, dessen Zukunftsaussichten, und wirtschaftliche und militärische Leistungsfähigkeit hinaus. Das bestätigt Bethmann Hollweg indem er schreibt:

»Nur um so klarer hätte sich dann der Zwang der Lage enthüllt, unter dem wir standen. Auch dann war zu entscheiden, ob der Versuch gemacht werden sollte, die Position der Mittelmächte durch Abwehr eines in den Anfängen möglicherweise noch aufzuhaltenden Vorstoßes zu wahren, oder ob es dazu bereits zu spät war und wir uns darein finden mußten, den Zerfall Österreichs und damit die Verkleinerung unserer eigenen Stellung hinzunehmen«.

Der Legationsrat an der Wiener Botschaft, und Cousin des Reichskanzlers, Dietrich von Bethmann Hollweg, legte am 24. Juni 1914 diesem einen vertraulichen »Wirtschaftlicher[n] Bericht« vor. Diesen hatte der Botschafter von Tschirschky mit der Bemerkung übersandt, diesen

»mit Rücksicht auf die darin gemachten Ausführungen… vertraulich behandeln lassen zu wollen.«

 

Dr. BERND F. SCHULTE

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e r i n n e r t
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Krim 1854/55 – Serbien 1999 – Ukraine 2014/15
Die Ukraine und die Ziele der USA


Ein »lokalisierter konventioneller Krieg in Europa« als Programm wurde 1983 für die Nach-Afghanistan-UdSSR aufgestellt. Dieses Programm tritt nun, nach dem Niederbruch der UdSSR (1991) und der unverändert anti- »kommunistischen« Politik der USA gegen Rußland bis heute, neu in Kraft.


Man vergesse nicht das Diktum des US-amerikanischen Kommandierenden NATO Europa-Mitte gegenüber Bundeskanzler Gerhard Schröder:

»Herr Bundeskanzler, Sie haben 15 Minuten, um zu entscheiden, ob Sie mitmachen.

Gemacht wird es sowieso«.

Damals ging es um den Luftkrieg gegen Serbien. Zudem ein solcher Krieg die EU als Rivale um eine Weltmacht-Position entscheidend treffen könnte. Es gilt – aus der Sicht der US-Außenpolitik – darum

a) durch die Finanzwaffe und den Ukraine-Konflikt die EU zum Scheitern zu bringen,
b) die Nachfolgerin der UdSSR mit gleichen Zielen, Rußland, unverändert zu minimieren,
und als Großmacht zu demontieren.


Dahinter steht Mackinders1 Theorie (1904) von der Aufgabe der englischen Politik des imperialistischen
Zeitalters, ein Zusammengehen von Rußland und Deutschland zu verhindern. England folgte diesem Muster bereits 1852 mit dem Entschluß, geradezu »deliberately«2, Rußland auf der Krim anzugreifen3 und durch
Annektionen auf Dauer zurückzuwerfen.

Was damals die preußische Wochenblattpartei4 befürwortete, um Preußen durch Annektionen im Osten zu vergrößern, und in den Stand einer permanenten europäische Grossmacht zu heben.

Was der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg 1914 – entsprechend diesem Modell seines Großvaters

und Führers der Wochenblattpartei – zum Kriegsziel im Ersten Weltkrieg erhob, nämlich das zaristische

Rußland zum Zusammenbruch brachte (1917) und für eine zunächst demokratische und schließlich kommunistische Entwicklung öffnete. Diese wollen nun offensichtlich die USA heute endgültig beenden, nachdem 1991 – in der einseitig antikommunistischen Sicht der Vereinigten Staaten – nur ein halber Erfolg erreicht wurde.
Und das auf dem Rücken Europas.


Dr. BERND F. SCHULTE


1 – Sir Halford John Mackinder (1861-1947) war ein britischer Geograph und Geopolitiker. In seinem
1904 veröffentlichten Aufsatz »The geographical pivot of history« propagierte er seine »Heartland-
Theorie« mit der er vor der Dominanz einer Landmacht mit Rußland im Zentrum über die bisherige
die Welt beherrschende Seemacht England warnte.


2 – deliberately = mit voller Überlegung, vorsätzlich.


3 – Der Krimkrieg (1853-1856) begann als 10. Russisch-Türkischer Krieg zwischen Rußland und dem
Osmanischen Reich mit Kampfhandlungen an der Donau und in Transkaukasien. 1854 traten Großbritannien
und Frankreich auf Seiten des Osmonanischen Reiches in den Krieg ein, 1855 folgte Sardinien-Piemont. Die entscheidenden Schlachten wurden 1854/55 auf der Krim geschlagen. Fast ein Jahr, von Anfang Oktober 1854 bis Anfang September 1855 dauerte die Belagerung der Festung Sewastopol durch die allierten Armeen. Ein halbes Jahr nach dem Fall von Sewastopol wurde der Krimkrieg mit dem Pariser Frieden vom 30. März 1856 beendet.
Rußland verlor nur an der Donaumündung ein kleines Territorium an das unter osmanischer Oberhoheit
stehende Fürstentum Moldau. Aber der Krieg hatte die Rückständigkeit des Riesenreiches offenbart und beendete die Rolle Rußlands als der Gendarm Europas.


4 – Die Wochenblattpartei war ein Zusammenschluss preußischer liberal-konservativer Politiker der 1850er/ 1860er-Jahre. Benannt war die Gruppierung nach dem »Preußischen Wochenblatt zur Besprechung
politischer Tagesfragen«. Führender Kopf der Gruppe war MORITZ AUGUST VON BETHMANN-HOLLWEG, der Großvater des späteren Reichskanzlers.

 

Siehe: bp 1509, Barnimer Bürgerblatt September 2015, S. 12.

 Bernd F. Schulte(c)

 

 Deutschland im 3. Weltkrieg mit den USA.

 

Die Krisen rücken Euopa, spätestens seit 2009, näher und näher. Verursacht durch den Anspruch Deutschlands durch die "Hintertür" (B.F. Schulte, Weltmacht durch die Hintertür, 2003), über Europa Weltmacht zu werden (Schäuble im BRD-Fernsehen).

Dahinter steckt der Verbund aus bundesdeutscher Industrie und Politik (B.F. Schulte, Armageddon des Kommunismus, 2006). Der ranghohe SS-Offizier Piech (Vater des späteren Audi- und VW-Managers) baute für Hitler das Werk der Organisation Todt auf, Fallersleben, die Urzelle von VW. Zierte sich aber, die schwarze SS-Unifom aus seinem Schrank zu nehmen und damit aufzutreten (NSDAP-Parteiarchiv). Das war umso erstaunlicher, als der Porsche-Clan-Chef Ferdinand Porsche in der Unterredung mit Hitler, v. Oertzen (Auto Union), und Stuck (Bernd F. Schulte, Armageddon des Kommunismus, S. 442) das Bündnis mit dem Regime schloß; und dies als Leiter seiner GmbH in Stuttgart-Feuerbach. Künftig als Konstrukteur des Auto Union Rennwagens und des Volkswagen-Vorläufers, des KdF-Wagens - wie vielfältiger Rüstungsprojekte, Bis hin zum Gigant-Panzer "Maus" (Senger-Etterlin). Der Entwurf des Tatra-Konstrukteurs Ledwinka wurde vor Beginn der IAA 1939 - auf Befehl Hitlers - hinter die Bühne gerollt und der "Volkswagen"-Kdf-Wagen auf die Rampe gestellt (dazu Felix Wankel 1985).

Der Sohn Piech stellte seine Technik-verliebten Entwürfe ganz in den Dienst des o.e. politischen Ziels der bundesdeutschen Teilhabe an der heutigen Weltherrschaft. Wie gezeigt, auch ganz in der Tradition des Porsche-Piech-Clans (zur Methodik: vgl. Wendelin Wedeking, und der Versuch, VW "im Handstreich" zu übernehmen /"Machtergreifung").

Dass es jedoch zusätzlich eine länger andauernde Traditionslinie im VW-Konzern gab, die sich mit den Piech-Intentionen berührte, zeigen die Machinationen der Hahn-Administration (Vater Hahn war Werbechef bei der Auto Union/Münzner)  bei der Übernahme der DDR. Einen wesentichen Teil dieser "Dreizack-Strategie" bildete die Vorstellung Wolfburgs, die DDR-Industrie zum Zulieferer der VW-Gruppe zu machen. Ein Ziel, das schließlich zum Zusammenbruch der DDR führte (Armagddon des Kommunismus, S. 169 "Der Volkswagen-Plan"/www.forumfilm.de). 

Es ging dabei keineswegs um Moral. Das zeigt mein Buch "Armageddon des Kommunismus", das an den Akten des MfS nachweist, wie wenig das Einzelschicksal während der 80iger Jahre im Konzern (Detmar Große-Leege, Habbel, Hahn), und darüberhinaus in der gesamten Automobil-Industrie, zählte. Dass das bis heute sich nicht verändert hat, wird uns gerade vorgeführt (dazu mein ZdF-Film: "studio 1" über Bremsensicherheit bei Mercedes (Sept. 1991 durch den CDU- (oder FDP-) Parteisoldaten Bodo H. Hauser verhindert.  Dieser rief am Abend vor der Sendung in Untertürckheim an (Olaf Buhl, 2001), Die inkludierte inforation war für die US-Highway Control/Ralp Nader damals 1991/92 aber  n o c h  nicht von Interesse). Insofern mag das Vorgehen der USA  v i e l l e i c h t  sogar eine moralische intention bergen.

 

 

 

'U' prof. who used the tools of math to fight against war dies at age 84

 

 

Courtesy of University of Michigan's Political Science Department Buy this photo

BY CAITLIN HUSTON
Daily Staff Reporter
Published January 10, 2010

Correction appended: An earlier version of this story identified the chair of Wayne State University's Political Science Department as David Gellar. His name is Daniel Geller.

 

University Prof. Emeritus J. David Singer, an internationally renowned teacher, researcher and scholar of international politics, died in Ann Arbor on Dec. 28 at the age of 84.

Singer, who had been hospitalized since last September when he was involved in a car accident, is survived by his wife Diane Macaulay, who currently resides in Ann Arbor, his daughters Annie and Katie Singer and his two grandchildren.

Singer joined the Political Science Department at the University in 1958, where he remained a professor until 2007. As a professor and researcher, Singer focused on finding ways to eradicate war through a scientific approach.

While at the University, he founded the Correlates of War project in 1963, which collects scientific knowledge about war. Daniel Geller, professor and chair of the political science department at Wayne State University, described the project as “the most important advance in the scientific study of international conflict in the 20th century.”

Geller added that the project, which has a database of the history of wars and conflicts among states since 1816, is used today by the U.S. government as a guide for the formation of American foreign policy.

The Wages of War, one of the books published during the project in 1972, became the resource for the standard definition of war used by numerous scholars throughout the world, according to Geller.

Singer served as a consultant to the U.S. departments of State, Defense and Navy. Most recently, Singer served on the U.S. Strategic Command 2010 Nuclear Posture Review to address national security issues.

While he taught at the University, Singer received numerous grants from the National Science Foundation, Carnegie Foundation and the United States Institute of Peace.

University alum Shahryar Minhas, who took a class with Singer in 2007 and worked on research projects with him, described Singer as an “amazing teacher and an important mentor.”

Minhas added that Singer was a “very open” and “exciting” teacher, who linked political theories with stories from his own life.

“He was also an important person in terms of helping students think through their ideas about where they want to go and what they want to do,” Minhas said.

Despite his academic prestige, Annie Singer said her father was “just a thoughtful, caring, generous, attentive guy,” adding that he also had a serious side.

“As we were growing up, what he always told us was that war was very destructive and that he was devoting his work to helping people find ways to eliminate it,” she said.

David Singer joined the United States Navy as a sailor two years after Pearl Harbor was bombed, according to Annie Singer who described him as a “patriotic kid.”

Singer was greatly affected by the deaths of his fellow servicemen while he was enlisted in the Navy, Annie Singer said. Despite his feelings, Singer re-enlisted in the Navy during the Korean War.

But it wasn’t until he began pursuing his Ph.D. at New York University and became an officer at the Officer Candidate School, that Singer truly began taking an anti-war stance, according to Annie Singer.

“He put it all together and realized that war was bad and could be prevented if someone put their mind to it — that you could prevent war if you were smart enough about it,” Annie Singer said.

Annie Singer said though her father was a prominent expert in the field, she’s pleased his legacy is his relationship with students, who have dedicated numerous books to him.

“He’s being remembered as a mentor, and I think that’s perfect,” she said. [...]

Weiter:

https://michigandaily.com/content/j-david-singer-dies-age-84

Durch * gekennzeichnete Felder sind erforderlich.

Das Nachdenken der USA über den begrenzten lokalisierten Krieg in Europa.

 

CORRELATES OF WAR PROJECT: INTERNATIONAL
AND CIVIL WAR DATA, 1816-1992

(ICPSR 9905)


Principal Investigators

J. David Singer
University of Michigan

Melvin Small
Wayne State University


First ICPSR Release
April 1994


Inter-university Consortium for
Political and Social Research
P.O. Box 1248
Ann Arbor, Michigan 48106


1
UK Data Archive Study Number 3441 Correlates of War Project: International and Civil War Data, 1816-1992 (Wages of War). [...]

https://de.search.yahoo.com/search?p=j.david+singer%2C+university+of+michigan&fr=yfp-t-777

Reichsfernsehsender 1932 mit der fiktiven Polit-Talkshow zum Kriegsausbruch 1914. Es diskutieren die 1914 Verantwortlichen. Der Deutsche Kaiser ist aus Schloß Doorn zugeschaltet.

Teil VI

Wien/Berlin 1914: Krieg jetzt!

(Szögyenyi aus Berlin: 25.7.1914: "Man rät uns dringed, augenblicklich vorzugehen und die Welt vor eine vollendete Tatsache zu stellen").


   Graf Hoyos erläutert seine Berliner Mission, legt jedoch Wert darauf zu betonen, man habe später, es immer so darzustellen versucht, als hätte er


"die Stimmung des Kaisers nach dem Frühstück ausgenutzt, um noch mehr zu sagen und für"


Österreich herauszuholen. Ganz anders jedoch Hoyos´ Einschätzung der Lage in Berlin, an diesem 5. Juli 1914. Nach Hoyos war der deutsche Kriegsentschluss Sache der Politiker und nicht der Militärs:


"Man war in Berlin überzeugt, dass es jetzt zum Kriege kommen solle. Der Kaiser dachte so aus ritterlichen Gefühlen für Kaiser Franz Josef und aus Freundschaft für Franz Ferdinand. Dazu kam, dass man für die Bündnisfähigkeit Österreichs fürchtete (Denkschrift D.Bethmann Hollwegs für den Reichskanzler/hier und Barnimer Bürgerblatt, 2014*). Ich glaube nicht, dass die Militärs entscheidenden Einfluss ausübten. Wer? Der schwache, spiritistische Moltke? Auch stand man unter dem Eindruck, dass es in zwei Jahren, von Russland aus, dann doch zum Kriege  kommen würde".


Als Alternative zum Weltkrieg entwickelt Hoyos das Bild einer Annäherung Österreichs an England. Die "österreichfeindliche Stimmung in England" habe nämlich erst eingesetzt mit Aehrenthals "Mitroviza-Sache". Der offensichtlich anti-deutsch eingestellte österreichische Sondergesandte rät für 1914:


"Wir hätten unser Verhältnis zu Deutschland wenigstens lockern sollen. Wir hätten dann das völlige Hinüberschwenken Englands zu Russland vermieden. Nur mit England konnte Russland sich seine Politik gegen Österreich erlauben. Wir hätten nicht in allem mit Deutschland mitgehen sollen.  Deutschland hätte sich dann einen anderen Bundesgenossen suchen müssen, darüber wären 20 Jahre vergangen".


Hoyos machte die Aehrenthalsche Politik der Konfrontation mit Russland dafür verantwortlich, dass dort "Iswolsky und Sasonoff ihre persönliche Politik" hätten durchsetzen können.


   Von besonderem Interesse sind die Interviews mit dem früheren Außenminister Jagow, der zunächst Holstein schildert, der "in der Annexionskrise [1908/09]...jede Nacht durch die Hintertür ins Kanzlerpalais" geschlichen sei. Holstein sei "damals für den Krieg" gewesen. Er habe auch alles getan "um es zum Kriege zu bringen". Jagow urteilt ex post, Holstein habe "damals wohl auch recht damit gehabt".


Signale englischer Gesprächsbereitschaft mit Sir William Tyrell vom Foreign Office erreichten Jagow im Frühjahr 1914. Als dies Gespräch "auf dem Schloss des Fürsten Salm am Rhein - in Dyck -" nicht zustande kam, liess Jagow "urgieren". Er "bekam die Antwort, das Grey den Staatssekretär wegen der Wahlen in Irland nicht entbehren" könne. Darauf ging Jagow auf Hochzeitsreise bis zum 6. Juli, war also am Tag der Entscheidung in Berlin nicht zugegen. Er deutet  an:


"Ich legte öffentlich auf diese Feststellung keinen Wert, weil ich die Sache mit Hoyos decken wollte, obgleich ich nicht verantwortlich war".


   Offenkundig gab es noch einen zweiten Kontaktversuch, der dazu dienen sollte, "die nach dem Attentat geschaffenen Möglichkeiten eines Krieges zu applicieren". Doch darauf ist Jagow wohl nicht eingegangen... .


Zur Frage des Ultimatums an Serbien und dem deutschen Anteil, oder sagen wir, dem Grad der deutschen Informiertheit, führt Jagow aus:


"Das Ultimatum bekam ich zwischen 7 und 8 Uhr abends am Tage vorher. Ich sagte sofort: ‚Das ist ganz unmöglich!’ ‚Was wolln´s machen?’ erklärte mir Szögenyi, ‚Morgen wird es übergeben’ ‚Ja, aber warum - frage ich - haben Sie nicht mit der Faust auf den Tisch geschlagen? Es war doch noch die ganze Nacht Zeit dazu.’ ‚Da war eine Verwicklung’, antwortete mir der Staatssekretär, ‚ich hatte vergessen, das ich mit Berchthold abgemacht hatte, dass das Ultimatum erst am Abend des nächsten Tages übergeben werden sollte’. ‚Szögenyi sagte mir, dass uns eigentlich der Text erst am nächsten Morgen, zugleich mit allen anderen Mächten übergeben werden sollte. Dagegen hat er in Wien protestiert. So bekamen wir es wenigstens abends vorher’".


Demnach trifft es durchaus zu, daß die deutsche politische Führung Druck auf Österreich ausübte, möglichst schnell zu handeln, und dies im vollen Wissen um das Ultimatum; ja, allem Anschein nach, den Text selbst in Berlin verfaßt hatte. Die Regie der Krise hatte Jagow veranlaßt. Der französische Ministerpräsident Poincaré befand sich zu diesem Zeitpunkt in Petersburg. Jagow hatte


"mit Berchthold...abgemacht, dass erst die Abreise von Poincaré abgewartet werden sollte. Poincaré fuhr im Laufe des Tages von Petersburg weg. Das hatte ich also vergessen. Daher taten wir nichts...Ich habe auch mit Bethmann-Hol[l]weg am Abend darüber gesprochen".

Jagow ergänzt:


"Nach den Akten war Bethmann-Hollweg in Hohenfinow an diesem Tage. Es ist ein Telegramm da, dass er erst am nächsten Tage nach Berlin hereinkommen sollte. Er muss aber dann doch im Laufe des Nachmittags schon gekommen sein. ‚Ja., da haben wir den Salat’, sagte ich ihm. Er stimmte mit mir überein, dass es nichts mehr zu machen war. Ich ging zu Zimmermann hinüber. Er hatte das Ultimatum eben brieflich bekommen. Denn Tschirschky hatte es Abends zuvor schon in Wien erhalten. Er hatte es nicht chiffriert geschickt, damit es nicht dechiffriert werden könne. So lief die Angelegenheit".


Da ließ Jagow wohl eher Dichtung als Wahrheit durchblitzen.-


   Wie besorgt die politisch-militärischen Stellen um ein, möglicherweise falsches, Bild von den militärischen Maßnahmen vor Kriegsausbruch waren, zeigen Erwägungen aus der Nachkriegszeit. Ein Kontakt zwischen dem früheren bayerischen General Montgelas und dem Reichsarchiv förderte, im Rahmen der Publikation der deutschen diplomatischen Akten, ein mutmasslich inkriminierendes Schreiben des Generalstabschefs vom 13.8.1914 zutage. Dieses wurde durch Montgelas deshalb als kritisch qualifiziert, weil "darin auf zwei Schreiben des Allgemeinen Departements des Kriegsministeriums Bezug genommen" worden sei, "und eines dieser Schreiben...das ominöse Datum des 5. Juli" trage. "Der Argwohn" werde


"hier gleich einsetzen und sagen: ‚Da ist also am 5. Juli eine Anweisung über Bereithaltung von Munition ergangen: Beweis für das an diesem Tage geschmiedete Komplott’. Der Argwohn ist ganz ungerechtfertigt: Dann wenn ein Schreiben des Allg[emeinen]. Dep[artememts]. am 5. Juli ergeht, so ist es acht Tage vorher entworfen".

   Moltke soll sich 1914 zwei Mal in Karlsbad zur Kur befunden haben. Einmal im Mai und zum zweiten Mal zwischen dem 18. Juni und dem 23.7.1914. Auch der österreichische Generalstabschef soll sich, zu diesem Zeitpunkt, eine Woche lang dort aufgehalten haben.  Dies publizierte im Mai 1922  H.M.Gann in der "Londoner ‚Times’". Sidney B.Fay bat in der Sache um die Unterstützung des "Arbeitsausschusses deutscher Verbände", der sich an das Reichsarchiv wandte, um zu klären, ob es zutreffe, dass Moltke seinem Wirt mitgeteilt habe:


"The next time we meet there will be great changes".


Es ging um die Behauptung des früheren englischen Konsuls in Karlsbad, Gann, es sei eine "feste Tatsache, dass der Weltkrieg eine von Deutschland und Österreich schon längst beschlossene Tatsache war, und die Zusammenkunft der beiden verbündeten Generalstabschefs eine[s] der wichtigsten Glieder in der langen Kette gewesen sei und den letzten Anstoss gegeben habe".


   Montgelas, in die Frage hineingezogen, erklärte, es sei "ein einfaches Gebot der Höflichkeit" gewesen, dass Conrad Moltke dort aufgesucht habe. Dennoch fragte Montgelas bei Haeften an, "wie oft, und "wie lange" der Generalstabschef sich 1914 in Karsbad aufgehalten habe. Haeftens handschriftliche Aufzeichnungen zu diesen Fragen zeigen, daß die große Übungssreise bis zum 25. Juli gedauert habe. An diesem Tage kehrte Moltke nach Berlin zurück. Normalerweise habe, so Haeften, Moltke an der Nordlandreise des Kaisers teilgenommen. 1914 jedoch sei er, infolge seines angegriffenen Gesundheitszustandes, verhindert gewesen. Aus diesem Grunde, so scheint es, war der Generalstabschef "zweimal in Karlsbad gewesen". "Der erste Aufenthalt dauerte von Ende April bis Ende Mai". Im Mai habe die "Zusammenkunft mit dem General v[on]. Conrad" stattgefunden. Anfang Mai sei der österreichische Generalstabschef  "überhaupt nicht in Karlsbad" gewesen, so Haeften.


   Tirpitz offenbart seine scharf pro-russische und betont anti-englische Position. Er habe "1914 nach dem Ultimatum nach Berlin" telegraphiert,

"dass wir uns coûte que coûte mit Russland einigen sollten. Admiral Bachmann sprach [im] Juli 1914 mit Witte. Er schlug die Hände über dem Kopfe zusammen wegen des Ultimatums".


   Jagow erklärt,


"Moltke war in den entscheidenden Tagen in einem grässlichen Nervenzustand. Im Schloss war eine Konferenz am 1. August. Bethmann war da und die Militärs, als ich hinkam. Es war gerade ein Telegramm von Lichnovsky gekommen über einen angeblichen [englischen, gestr.] Vorschlag, - den wir machen sollten und dessen Basis er mit Tyrell telefonisch vereinbart hatte. Wenn England Frankreich nicht zu Hilfe kam, so wollten wir uns verpflichten nicht durch Belgien zu gehen.
Bethmann war dafür, in diesem Sinne zu telegraphiren. Moltke war dagegen. Er erklärte, dadurch 3 Tage zu verlieren. Das könne er nicht. Der Kaiser gab Befehl, den Vormarsch in Belgien aufzuhalten, um die 3 Tage für die Antwort zu haben. Dann stellte sich heraus, dass das Ganze ein Irrtum von Lichnowsky war.  Er schämte sich und behielt unsere Depesche in der Tasche. Abends schlich Schubert damit ins Foreign Office.


Moltke bestand auf dem Krieg mit Frankreich. Frankreich sollte entweder mit uns oder gegen uns gehen. Das blosse Nichtmitgehen genügte ihm nicht. Aus diesen Gedanken heraus, wurde das ‚Pfand’ vorgeschlagen, das[s] in der Übergabe der Festung[en] Toul und Verdun bestehen sollte. Ich glaubte nicht recht daran und hoffte, dass unser Botschafter Schön schon einen Weg finden würde, um das abzubiegen.


Moltkes Standpunkt war: ‚Ich muss Frankreich schlagen, ehe die Russen bei uns eindringen können’. Ich wies auf den alten Moltke hin, der auf die Frage nach dem deutschen Verhalten, dem Fürsten Bismarck antwortete:- ‚Natürlich offensiv gegen Russland und defensiv gegen Frankreich’. Waldersee war ja auch dieser Meinung gewesen, aber mit Moltke war nichts zu machen".


   Der englische Botschafter in Wien berichtete am Vorabend des Krieges "die Spannung zwischen Rußland und Deutschland" sei "viel größer" gewesen, "als zwischen Österreich und Rußland. ‚Denn zwischen den letzteren...schien eine Verständigung in naher Sicht’". In Paris ließ der österreichische Botschafter gleichfalls beruhigend wissen, seine Regierung plane keine Gebietsannexionen in Serbien. So hoffte Grey noch auf eine Frist für den Frieden. Doch kam, wie M.de Bunsen aus Wien berichtete - Deutschland dazwischen:
"Unglücklicherweise wurden diese Besprechungen zwischen Petersburg und Wien durch die Verschiebung des Streites auf den gefährlicheren Boden eines direkten Konfliktes zwischen Deutschland und Rußland kurz abgebrochen. Deutschland kam mit seinem doppelten Ultimatum an Petersburg und Paris dazwischen".
 


Abgesang.


   Kronprinz Rupprecht von Bayern fasst prägnant die Summe der Erfahrungen während des Krieges zusammen:


"Im Jahre 1915 habe ich zwei Entwürfe zu einer Offensive im Westen ausgearbeitet".


Es sei um "eine Möglichkeit" gegangen, "an die Kanalhäfen vorzustossen, nicht direkt auf sie, sondern an ihnen vorbei. Von Lille aus". Die "Nachschubverhältnisse" hätten  "hier sehr schwer" gelegen. "Die zweite Möglichkeit" habe an der Somme bestanden. Dort sei "wenigstens die Flanke gedeckt" gewesen:

"wenn schon nicht gegen Artillerie, so wohl gegen Infanterie".


Hinzu sei gekommen, "dass an der Stelle die Naht der Engländer und Franzosen sich" befunden habe. Es habe die Erwartung bestanden, dort "auch politisch einen Eindruck" zu machen. Das Ziel sei gewesen, Engländer und Franzosen zu trennen. Er habe erwartet, "dass einer der Entwürfe modifiziert vielleicht Verwendung finden könnte". Zusammenfassend erklärt der bayerische Kronprinz:


"Meine Auffassungen über den Fortgang des Krieges wurden schon 1916 sehr pessimistisch. Ludendorff klagte im März 1918 über die Verluste. Ich rechnete mir schon 1916 aus, wie lange es dauern könnte. Einen Monat 100.000 Mann Verluste, dann sah ich 120.000 Mann, dann 150.000-- es war nicht schwer, sich das auszurechnen, und ich habe mich im ganzen nur um 2 Monate geirrt".


Gegenüber der Obersten Heeresleitung und Ludendorff beobachtet Kronprinz Rupprecht strenge Reserve. Doch Ludendorff sei "nie ein Stratege" gewesen, gibt er preis. Er habe auch diese "Offensive taktisch, nicht strategisch bewältigen" wollen. Der Generalquartiermeister sei "sehr gut mit den Leutnants und den Hauptleuten" ausgekommen. "Beim General ging es nicht mehr". Im weiteren Ablauf der Ereignisse, als Ludendorff " bald hier, bald da einen Keil in die gegnerische Front trieb",  habe einer der Generale seiner Heeresgruppe Ludendorff gefragt, "wie er sich die Operation eigentlich denke", habe dieser ihn angeschrien:


"Das Wort will ich nicht hören. Operation gibt es nicht. Man haut ein Loch, das weitere findet sich".


Kronprinz Rupprecht kommentiert:


"So war es immer, auch später-- Beim Kapp-Putsch: ‚Das weitere findet sich’-- Bei der Hitler-Affaire: ‚Das weitere findet sich´-- Schon der erste Stoss der Offensive versagte. Wir warteten und warteten. Ich wollte die Oberste Heeresleitung in ihrer Arbeit nicht stören, ich dachte mir, ich hatte den Kopf ohnehin voll. Als ich aber gar nichts hörte, liess ich um ½ 3 anrufen. Vorn bei mir war es sehr hart gegangen, aber schliesslich kamen wir durch. Von Gefangenen erfuhren wir, dass der Gegner alles zusammengebracht hatte, die Sanitätsmannschaften miteinbegriffen, um noch eine dünne Linie zusammenzuhalten. Es hätte nur einen Stoss gebraucht, um die Entscheidung zu bringen. Aber als ich mich endlich mit der Obersten Heeresleitung in Verbindung setzte, erfuhr ich nur, dass vor Amiens keine Reserven da waren, um das angefangene wirklich fortzuführen. Meine Reserven hatte Ludendorff abdisponiert, ohne mir ein Wort davon zu sagen--.
So hat er Krieg geführt. Ob wir den Krieg nicht noch damals für uns hätten gewinnen können, weiss ich nicht. Einen anderen Frieden hätten wir bei anderer Führung bestimmt bekommen".


   Der englische Premierminister Asquith schlug 1924 wiederholt den Bogen zur "Kriegspartei" in Berlin. So veranlasste ihn der Zug der offensiven österreichischen Balkanpolitik vor 1914 zu einem Bogenschlag zwischen der Funktion des Generals Liman von Sanders, im Dezember 1913 in Konstantinopel, und den "Vorkämpfern einer aggressiven Kriegspolitik in Wien, wie in Berlin". Für die Julikrise 1914 bezeichnet er als wahrscheinlich, Bethmann Hollweg habe, "anstatt den Versuch zu machen, Österreich zurückzuhalten, es an[ge]spornt[e] und zu rascherem Vorgehen ermutigt". Der österreichische Botschafter Szögyenyi habe am 25. Juli aus Berlin telefoniert:


"Man rät uns dringed, augenblicklich vorzugehen und die Welt vor eine vollendete Tatsache zu stellen".


   Ob es zutraf, was der deutsche Kanzler 1919 behauptete, "Rußland handelte, um seine Macht zu erweitern", während Österreich Serbien den Krieg gemacht habe, um seinen Bestand zu sichern und Deutschland den Bundesgenossen gedeckt habe, bleibt weiterhin vor dem Hintergrund der Forschungen Fritz Fischers*, und seiner Schule, zu erörtern.

 

* Bernd F. Schulte, Das Deutsche Reich von 1914. Europäische Konföderation und Weltreich. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe II, Bd. 2, Hamburg 2013 (e-book 2014), S. 10-23 (ISBN 978-3-8448-3570-0).

 

 

Bernd F. Schulte(c)

Reichsfernsehen 1932:

Talkshow mit den Handelnden von 1914. Wie kam es zum Kriege? Wer war verantwortlich?

 

Teil V:

"Aber wenn die russische Angabe nicht zutraf, dass das Attentat von Sarajewo in keinem Zusammenhange mit Serbien stand,- warum hat man niemand von Wien nach Petersburg geschickt und erklärt: ‚Entweder ihr helft jetzt Ordnung machen, oder wir veröffentlichen alles?"

 

Marokko II: "Den Engländern werden wir es...zeigen".


   Einen Bogen zwischen Berlin und Paris zu schlagen, war deshalb aussichtslos, weil die "frische Erinnerung an Faschoda" in keiner Weise an die "Erinnerung von Sedan" heranreichte81. Der Kanzler Bülow war zu grossen Teilen "für die verhängnisvolle Orientierung der Politik verantwortlich". Die These Bethmann Hollwegs, von der "Zerfahrenheit der inneren politischen Verhältnisse", die in der deutschen Geschichtswissenschaft so bereitwillig aufgenommen wird, unterstützt bereits Haldane mit seiner Schilderung von den drei Auswärtigen Ämtern. Haldane behauptet:


"Bei diesem hochorganisierten Volk finden Sie, wenn Sie bis zur allerhöchsten Stelle gelangt sind, nicht nur Verwirrung sondern Chaos".


   Während seines letzten Besuches in England, im Frühling 1911, äusserte sich der Kaiser über Houston Chamberlains einflussreiches Werk, "Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts". Asquith schildert ein Gespräch mit Wilhelm II., das anlässlich der Einweihung des Queen-Victoria-Denkmals vor dem Buckingham Palast stattfand. Der Kriegs-Premier teilt mit:


"Er fragte mich, ob ich das kürzlich von Houston Chamberlain, einem Deutschen englischer Abkunft, veröffentlichte Buch...gelesen hätte. Ich erwiderte, ich hätte flüchtig hineingesehen, ohne stärkeren Eindruck zu empfangen. Er warf mir, wohlgelaunt, meinen Mangel an Einsicht vor und - er selbst betrachtete das Buch sichtlich als so eine Art neuer Bibel - fuhr mit großer Beredsamkeit fort, weitschweifig sein Hauptthema zu behandeln: die Herrschaft der Rasse als Hauptfaktor in der Geschichte. Chamberlain behauptete unter anderen Theorien, daß Christus kein Jude war, und daß die Deutschen das wahrhaft ‚erwählte Volk’ seien. Der Kaiser schien von der gelben Gefahr ganz erfüllt zu sein und sah den einzigen Schutz der Zivilisation gegen sie in dem gemeinsamen Vorgehen der weißen Völker. Und unter den weißen Völkern zählten allein in Wahrheit nur die germanischen Rassen; für die Romanen und Slawen (wo immer auch ihr Ursprung sei) hatte er nichts als Verachtung. Er war schon der gleichen Meinung, die er in seinen Memoiren wiederholt: ‚Die germanische Idee wurde in all ihrem Glanze zum erstenmal den erstaunten Deutschen von Chamberlain in seinen Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts enthüllt und gepredigt...’".


Im Laufe der Unterhaltung habe der Monarch erzählt, "daß nicht ein  a k t i v e r  Offizier seiner Armee ein Jude sei". Asquith betont, er habe sich gezwungen gesehen, "hervorzuheben, daß die Juden sich dafür entschädigten: unter anderem hätten sie den größern Teil der deutschen Presse erobert und unter Kontrolle". Wilhelm II. habe das "nicht ableugnen" können.


   Wie deutsche Aussenpolitik unter Kiderlen gemacht wurde, demonstriert daraufhin Kühlmann. Dieser sei "in der Gefolgschaft Herbert Bismarcks hochgekommen". Kühlmann charakterisiert Kiderlen:


"Er war der richtige Schwabe und im Ton genau so rüde wie Herbert Bismarck. Seine Ausdruckweise war grob und unkultiviert. Der Entente gegenüber etwa in dem Ton: ‚Den Engländern werden wir es schon zeigen...den Kerls wollen wir es einmal tüchtig anstreichen´. [O]oder ‚die Franzosen können uns...’[,] wobei er die Grobheit ruhig aussprach. In der Ministervilla hatte er unten eine ‚Kneipe’ eingerichtet, auf die er sehr stolz war. Er kneipte immer. Er trank nicht, sondern er soff und war ebenso wie Herbert Bismarck so oft wie möglich besoffen. Am nächsten Tag kam er dann spät, schwer verkatert ins Amt, und die Misstimmung drückte sich in verschiedenen groben Telegrammen aus. Er war der richtige grobgehobelte Korpsstudent. Im Korpsstudententon führte er die Geschäfte. Obendrein war er leichtsinnig. Er hatte fast immer französische Maitressen gehabt. Bis dann die dauernde Beziehung zu Mme Kypke kam".


Zur Rolle Kiderlens, die Kühlmann ganz aus der Linie der Marokko-Komplikation verstand, vermittelt er:


"Wie Kiderlen Staatssekretär wurde und eine energischere Politik betrieb, als sein unmittelbarer Vorgänger, sah er sich vor einem Prozess, bei dem Frankreich unter Umgehung der gemachten Zusagen und Versprechungen, Marocco in den Sack steckte. Die Grundnote, auf der alles abgefeilt wurde waren die Souveränität des Sultans und die Integrität Maroccos. Die französischen Offiziere waren angeblich Angestellte des Sultans. Es war das französische System von Tunis. Es erfolgte die Tunifizierung Maroccos. Nominal geschah alles unter Oberhoheit des Sultans, aber der Heereskörper war so durchsetzt, dass der Sultan ein Schaugericht wurde".
Kiderlen sah eben, dass das was einmal eine Kompensation gewesen wäre, ihm aus den Händen glitt, ohne Realkompensation zu hinterlassen. Und in Befolgung der Gedankengänge, die die Kaiserlandung in [und die] Algeciras[-Konferenz] erzeugt hätte [hatten], versuchte er durch einen überraschenden Schlag die Maroccofrage aufs neue aufzurollen und dann, von der Politik Holsteins abweichend, sein  [nicht ] Prestige oder Maroccanische Zusicherungen einzuheimsen, [sondern kolonialpolitische Vorteile realer Natur] (Änderungen von der Hand Wilhelms II.).


Das war 1905[.] Die Stosskraft des deutschen Anspruches war inzwischen sehr vermindert, zumal die Entente England-Frankreich riesig zugenommen hatte und die Entsendung des Panthers nach Agadir uns vor die direkte Kriegsgefahr brachte. Immerhin hat Cambon, der französische Botschafter in Berlin[,] die Lage rechtzeitig erfasst und ist Kiderlen auf dem Wege diplomatischer Kolonialverhandlungen gefolgt. Es sind dabei die sogenannten Tastarme - das sind die Brücken bis an den Kongostrom, die den belgischen Kongo mit dem deutschen Territorium verbinden, - aus dem französischen Kongo herausgeschnitten worden. Die Frage des belgischen Kongo ist nie endgültig [geklärt, Ergänzung Wilhelms II.] worden. Kiderlens grösster Fehler war, für seine Aktion die Alldeutschen unter Klars [i.e. Class] mobil zu machen [und, gestr.] die nach dem alldeutschen Rezept sehr ungehalten waren über die geringe Ausbeute und dies mit Krach und Skandal quittierten.


Das war 1911. In diesen Verhandlungen behielten die Franzosen die Oberhand, da sie eben in Verhandlungen Meister sind. Ich wollte Deutschlands Weltstellung ohne Krieg, also Früchte ohne Krieg. Fechten wollte ich keinesfalls ohne England. Das war, wie gesagt, alles 1911, aber da begannen schon meine Verhandlungen mit England.


Wilhelm II.: ‚England gegenüber schon zu spät[,] da es schon zum Krieg entschlossen war’".


Kiderlen habe "den Grundgedanken"  seiner, Kühlmanns, Politik  nicht verstanden. Es sei ihm um "ein Verhandeln mit dem Ziel eines deutschen Parallelgewinns" gegangen. Jedoch habe Kiderlen "einen grossen Fehler gemacht". Kühlmann führt aus:
"Er stützte sich zu sehr auf die Alldeutschen. Diesen Fehler haben wir fast immer gemacht, dass wir diese Leute in diplomatische Angelegenheiten hereinzogen, und dass es dann nie ohne Geschrei abging, weil den Deutschen nicht wohl ist, wenn sie nicht auf den Tisch schlagen können und Bier dabei trinken".


   Aber es seien noch weitere Fehler gemacht worden. Monts schildert Kiderlen bereits zur Zeit Bülows als gescheitert. Er sei als Staatsekretär...gebrochen" gewesen. "Bülow hat ihn im toten Winkel sich totsaufen lassen", weiß der Botschafter  zu berichten:
"Er war eine ungeheure Arbeitskraft vorher. Er war 11 Jahre in Rumänien gewesen. Er war leichtsinnig und war es nicht. Er wollte nur mit diplomatischen Mitteln Sachen machen, die schon zu weit waren. Da wir den Krieg mit Frankreich vertagt hatten, gab es für uns nur eins: rüsten soviel wir konnten und Österreich dazu zwingen".


   War dies das Rezept, das 1914 zur Ausführung kommen sollte? Asquith vermutet 1924:


"Zwar war der Krieg durch solche Bemühung vermieden, aber niemand konnte damals oder kann heute sagen, mit wie genauer Not. Es ist wahrscheinlich, daß die Kriegspartei in Deutschland noch nicht die volle Überlegenheit gewonnen hatte, und daß nach Meinung der Sachverständigen, weder ihre militärischen noch maritimen und finanziellen Vorbereitungen den Grad der Reife erreicht hatten, um die Erfindung eines casus belli zu rechtfertigen".


Auf Grund der Analyse des Herbst 1911 veranlasste Asquith Untersuchungen des "Committee of Imperial Defence", zum Einsatz von Flotte und Armee, "falls wir in einen europäischen Krieg hineingezogen würden".
 
Vorbereitung zum Weltkrieg. Bagdadbahn-, Kolonial- und Neutralitätsvertrag.


   Der frühere deutsche Botschafter in Petersburg, Raschdau, enthüllt, Bismarck habe


"im Herbst 1887 in einem Schreiben an Salisbury offenbar unter dem Eindruck, dass trotz des Rückversicherungsvertrages die Dinge ernst stuenden, die Frage angeschnitten, ob die Beziehungen zu [zu] England und dem Dreibund nicht fester gemacht werden koennten. Ham[m]ann hat dies Schreiben publiziert. Einen zweiten Brief hat Bismarck 1889 geschrieben".


   Als "background" dieser Kontakte malt Kühlmann die Bismarckzeit aus. "Die Grundlage der Bismarckschen Politik" sei gewesen,
"Deutschland, das er aufgerichtet hatte, zu erhalten. Er war von den Sorgen um das Bestehen seines Reiches so erfüllt, dass er jede Expansion als Gefahr betrachtete und das sah, was selbst die anderen, England und auch Frankreich erkannten, das[s] Deutschlands Expansion nötig war. Es ist die grosse Idee der Frühzeit des Kaiserlichen Regimes, das es sich den kolonialpolitischen Fragen zuwandte und darin der Orientbahn nach Bagdad.


Wilhelm II.: ‚Verständigung mit Rhodes’.

 

Es empfand diese Möglichkeit als eine grosse Tür, die Deutschland erhalten sollte, wo es seine Kapitalien anlegen sollte und wo es einen Auslauf haben sollte. Ich muss hier ein wenig ausholen...


Die Engländer hatten in den 60-er Jahren - so zwischen 60 und 70 - ein kleines Lokalbähnchen nach Ismid gebaut. Das war durch die Intention Sir William White´s des englischen Botschafters in Konstantinopel gekommen. Er war ein Mann grossen Formats. Von ihm war der Plan, die Deutschen im Orient so stark zu interessieren, dass die Engländer in den Deutschen natürliche Verbündete gegen russischen Druck hätten. Er hat die Deutschen bewogen, den Engländern die Bahn abzukaufen, und die Engländer den Deutschen das Bähnchen zu verkaufen. Er erklärte bei dem Diner nach dem Abschluss: ,Heute hat England einen starken Bundesgenossen im Orient gewonnen’. Die Gruppe: Deutsche Bank und Dresdener Bank stand unter Führung der Deutschen Bank. Sie baute die sogenannte Anatolische Bahn anschliessend durch bis Angora. Das förderte die damalige englische Politik, weil es die Türkei enorm stärkte. Später wurde von der gleichen deutschen Gruppe ein südlicher Zweig nach Konia (Skonium) gebaut[,] wo ich noch in den ersten 90-er Jahren zu Pferde geritten war. Diese Bahn war ein selbständiges Gebilde, schloss Kleinasien an und brauchte eigentlich keine Fortsetzung. Die Türkei betrieb sehr nachhaltig und geschickt den Bau bis Bagdad, bezw. bis zum Persischen Golf. Das war alles in den 90-er Jahren. Unter dem Wilhelminischen Regime war der weltpolitische Plan der Bagdadplan unter dem Einfluss panislamitischer Ideen der Palästinareise des Kaisers und der Kundgebung am Grabe Saladins durch streberische Kreise - Max Frhr.v.Oppenheim hatte ein Buch geschrieben: ‚Die Bagdadbahn’ - gefördert worden und man glaubte in der Bagdadbahn, in phantastischen Siedlungsplänen


Wilhelm II.: ‚mir unbekannt’.


in Kleinasien die weltpolitische Idee für Deutschland gefunden zu haben".


   Kühlmann bekräftigt einen abweichenden Standpunkt. Für ihn sei die Bagdadbahnfrage zweitrangig gewesen. Allerdings, hätten die Verhandlungen "in Folge englischer Widerstände viele Jahre auf einem toten Punkt verharrt[e]". Er meint, "eine fruchtbare deutsche Entwicklung“ sei „nur über Afrika" herbeizuführen gewesen. Er verweist auf die schweren "Zerwürfnisse mit England, das sich durch die deutschen Bagdadbahnpläne dort, "im Irak, [und] am persischen Golf bedroht sah". Hinter dieser gefahrvollen Idee hätten "alle Leute von der Deutschen Bank, das gesamte Auswärtige Amt, von dem sich schon Helfferich in die Deutsche Bank hineinjongliert" hatte, gestanden91. Die von deutscher Seite hoffnungsvoll betrachteten Verträge zur Bagdadbahn und zu Mittelafrika, der Abgrenzung der beiderseitigen Interessen- und Einflusszonen in Afrika, kommentiert der frühere Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt:
"Jetzt haben die Beteiligten natürlich gar keinen Anlass, auf die Angelegenheit zurückzukommen. Als die Sache perfect war und dann scheiterte, stand Sir William Tyrrel dicht vor seiner Entlassung. Denn eigentlich hatte[n] er und Harcourt ein Abkommen geschlossen, dass eine Ehe mit Deutschland bedeutete. Sie finden in dem Vertrag unter anderem auch die Verpflichtung, dass Deutschland und England gemeinsam mit allen Mitteln auch der Einmischung einer dritten Macht entgegen zu treten hat. Das war ein Bund und sehr deutlich gegen Frankreich gerichtet. Die Engländer werden sich hüten, jetzt auf diese Ehe und auf diese Strömung noch besonders hinzudeuten, die die Abkehr von Frankreich einleitete und eigentlich schon als definitiv sichtbar werden liess" (Hervorh.v.m., B.S.).
Äusserst negativ schildert Kühlmann den Sekretär an der Londoner Botschaft, Stumm. Dieser sei "ein ganz negativer Mensch" gewesen. "Er wollte alles überklug haben, nie war ihm der Zeitpunkt geeignet. Was er anfasste, brachte er zum Scheitern". Stumm habe "Botschafter in London werden" wollen, und "daher" habe "ihm schon nicht" gepasst, "was wir in London arbeiteten". So habe er sich auch im Fall der beiden Verträge kurz vor Kriegsausbruch ausgewirkt. Kühlmann kritisiert:


"Er warf es einfach auf ein Nebengeleise, und verschleppte es, bis es zu spät war. Der Vertrag über Mesopotamien und die Bagdadbahn lag Monate paraphiert. Diese ganzen grossen Schwierigkeiten, wegen derer der Vertrag und überhaupt eine Verständigung jahrelang nicht möglich war, wurden in einer einzigen Nachmittagbesprechung, die einige Stunden währte, von dem englischen Sachverständigen Parker und mir complett bereinigt. Herr Gwinner aber war nach wie vor der Auffassung, dass er England nicht die Hand hinstrecken könne. Was weiter Stumm  betrifft, so war er schwerer Neurasteniker.
Was den Vertrag über Afrika betrifft, so lag der seit Oktober 1913 paraphiert vor. Es ist jetzt noch erstaunlich, welche Kunstfertigkeit Herr von Stumm aufbrachte, um mit den dümmsten Einwänden dieses Riesenwerk zu hintertreiben" (Hervorh. v.m., B.S.).


Wie nah offensichtlich Deutschland und England vor einer Einigung standen, zeigen die Striche, mit welchen Kühlmann das Szenario zu Flottenbau und Afrika - wie Bagdadbahnverträgen zeichnet:


"Mit Sir William hatte ich vereinbart, ganz mit seinem Einverständnis, dass wir die Flottenfrage überhaupt in keiner Weise mit den Kolonialangelegenheiten verquicken wollten. Er vertrat den Standpunkt, dass die Abmachungen über die Flotten, wenn die Verträge zustande gekommen seien, sich ganz zwangsläufig automatisch von selbst zur beiderseitigen Zufriedenheit regeln würden. Schuld trifft, wie gesagt das Auswärtige Amt. Und ganz ohne Frage vor allem Stumm".


   Tirpitz greift ein und gesteht den geringen Einfluss der Flotte auf den Fortgang der politischen Entwicklungen ein. Er stellt fest:
"Übrigens hat in den Jahren vor dem Krieg die Flotte lang nicht mehr diese Rolle gespielt.
Mit Churchill hatte ich mich geeinigt auf das Verhältnis 10 zu 16. Das war im Jahre 1912/13 gewesen. Lichnowsky erklärte mir damals: ‚Die Flotte hat ausgespielt’. Wir hatten auch halb so viel Geld, wie die Engländer für die Flotte. Aber es kam sehr darauf an, was wir mit dem Gelde machten. In Scapa Flow drehten die Engländer jeden Nagelrim. Sie waren voll Bewunderung. Der Aufmarschplan der Flotte sah eine Konzentrierung in der Nordsee vor".


Tirpitz erläutert die näheren Umstände des Tauziehens um verminderte Seerüstungen, und den Plan des Reichskanzlers, mit England ein Neutralitätsbündnis zu schliessen:


"Unser Verhältnis mit England war hauptsächlich durch geschäftliche Gründe getrübt. Ich war um die Jahrhundertwende nach Asien kommandiert. In den Settlements spürte ich auf Schritt und Tritt den Hass der Engländer gegen uns. Dann studierte ich die englische Geschichte. Sie konnten von ihrer 300-jährigen Tradition nicht fort. Als ihnen die Holländer zu mächtig wurden, erklärte der englische Admiral: ‚Wir brauchen gar keinen Kriegsgrund, aber wir können uns noch nehmen, was wir noch brauchen’. Admral Reuter war tot. Die holländische Flotte war nicht mehr in dem Zustand, wie eins[t]. So fingen sie mit den Holländern an. Dasselbe sah ich mit uns kommen. Selbst die englischen Provinzzeitungen strotzten von Hass gegen uns. Es wurde gesagt, dass wir allerlei heimlich bauen. Mc Kenna hetzte gegen uns. Der englische Marine Attaché [gestr.: "hatte"] in Berlin  hatte unrichtige Daten gegeben. Der Reichskanzler dementierte. Ich dementierte sie gleichfalls im Reichstag. Aber die Engländer na[h]men keine Notiz davon. Ich schrieb an den ersten Lord der Admiralität. Er schickte den Marine-Attaché um die Fragen zu bereinigen zu mir. Admiral Usedom traf in dieser Zeit in Kiel den Admiral Jellicoe. Usedom erklärte dem Admiral Jellicoe, dass er begreife, wenn die Entwicklung der deutschen Flotte den Engländer[n] ein unbehagliches Gefühl bereite. Aber es wäre doch nicht fair, wenn zwei solche Dementis, wie die vom Kanzler und mir nicht beachtet werden. Jellicoe gab Usedom vollkommen recht. Von dem Besuch des Marine Attaché sprach ich Bethmann. Er nahm die Sache für sich in Anspruch und schrieb an die englische Regierung, dass solche Fragen durch ihn gehen sollten. Das war die grösste Dummheit, die er tun konnte. Denn natürlich verletzte er die englische Admiralität damit".


Auf die Details des Haldane-Besuches, 1912 in Berlin, kommt Tirpitz kurz zurück:


"Haldane sprach bei seinem Berliner Besuch über die Flottenentwicklung. Wir sollten einen Ausgleich finden. Es handelte sich um drei Schiffe im ganzen. Das erste sollte schon im nächsten Jahre aufgelegt werden. Wir liessen es fallen. Haldane sprach sehr viel von den Afrika-Kolonien. England wollte sie uns angeblich schenken. Der Kaiser wollte bei dieser Unterhaltung dabei sein. Er war es auch. Er war ganz aufgeregt über die Mitteilungen Haldanes.


Wilhelm II.:  ‚Falsch! Ich hatte den Braten längst gerochen!’.


Haldane meinte, wir sollten den Wünschen der Engländer mehr entgegen kommen. Ich erklärte, das wir die Wünsche ja erfüllt hätten. Die Geschichte mit den Kolonien war ein Bluff.


Wilhelms II.: ‚ja’.


Nicht nur die englische Regierung wusste, dass es nichts damit war. Auch Haldane wusste es. Er bluffte mit. Er wollte nichts bei uns, als spionieren.


Wilhelm II.: ‚richtig!’.


Der Kaiser - hocherfreut über seine Mitteilungen - schenkte ihm noch eine Bronzebüste.


Wilhelm II.: ‚Höflichkeit ohne Verpflichtung!’.


   Kühlmann wurde nach der Haldane-Mission von Unterstaatssektretär Harcourt/Foreign Office ins Vertrauen gezogen. Es ging um die sogenannte Neutralitätsformel, die sich im Laufe der Flottenverhandlungen im Jahre 1912, zwischen Berlin und London, herausgeschält hatte. Der Botschaftssekretär berichtet:


"Sie wissen, dass am Ende der Verhandlungen mit Lord Haldane, der über die Flotte verhandeln sollte, plötzlich die [F]Vorderung eines Neutralitätsabkommens mit England aufgetaucht war. Es hat bei uns in Deutschland immer eine Reihe von Menschen gegeben, die fortwährend die deutsch-englischen Beziehungen verbessern wollten. Es wurde immer herumverbessert. So ein Kanal war der Kaiser, Ballin, Sir Ernest Kassel - der dem König Eduard seine Weibergeschichten bezahlte... . Es war so lange herumverbessert worden, bis das englische Kabinett sich endlich entschloss, Haldane herüber zu schicken, worauf also das Flottenproblem verhandelt wurde. Nun schmiss Bethmann dem vollständig verdatterten Lord die Neutralitätsforderung an den Kopf. Haldane fuhr zurück und die englische Regierung benahm sich eigentlich ganz vernünftig. Sie sagte, dass von einem Neutralitätsabkommen gar keine Rede gewesen war. Darauf sagte man in Berlin, man wolle damit eine ‚Formel’ finden. Darauf erklärte also das englische Kabinett: ‚Schön, machen wir also eine Formel’. Namentlich Harcourt war es gewesen, der sich die grösste Mühe gegeben hatte, die Neutralitätsgeschichte der Regierung schmackhaft zu machen und sich dafür einzusetzen.
Auf die Idee des Neutralitätsabkommens war Bethmann durch Kiderlen gekommen. Bethmann hatte ihn eines Tages, als Kiderlen in Bukarest sass in einem Brief gefragt, was man tun könne, um die englisch-deutschen Beziehungen zu verbesser[n]. Kiderlen, der ziemlich schlecht englisch sprach, wenig oder gar nicht in England gewesen war, verstand von England gar nichts. Er antwortete: ‚Schlagen Sie ein Neutralitätsabkommen vor’. Das war schon vor längerer Zeit gewesen. Jetzt als Haldane in Berlin war, packte Bethmann diese Ratschläge Kiderlens aus und schmiss sie Lord Haldane an den Kopf. Kaum aber hatten sich die Engländer soweit gefasst, war das eingetroffen, was mir Harcourt gegen mein Ehrenwort  erzählte: ‚Ich teile Ihnen mit, dass der Kaiser in einem direkten Telegramm uns verständigt hat, dass alle Verhandlungen von ihm als abgebrochen betrachtet werden würden, wenn England mit Deutschland nicht ein Bündnis schliesse, das[s] mindestens so intim sei, wie das englisch-japanische Bündnis. Wir können das unmöglich machen. Wir haben aber den Eindruck, dass Ihr Kabinett von diesem Telegramm nichts weiss, müssen aber verlangen, dass Ihr Kabinett darüber unterrichtet ist und daher bitte ich Sie, das in einem Privatschreiben an die geeignete Persönlichkeit innerhalb der Regierung weiter zu geben ohne Nennung meines Namens, mit der Verpflichtung seinerseits, einen verantwortlichen Minister zu verständigen. Ich habe diesen Schritt getan, weil die Angelegenheit wirklich sehr wichtig ist, weil ich die deutsch-englischen Beziehungen erhalten, aber nicht zerstört haben will, und zwar ohne Wissen meines Kabinetts´".


Kühlmann betont diesen Schritt eines englischen Ministers, wurde er doch im Gegenzug, nach seiner Mitteilung an Stumm, in verschiedene Befragungen verwickelt96. Am 3. Dezember 1931 erwähnt Kühlmann sein Gespräch mit Conrad von Hötzendorf, das sich um "den deutsch-englischen Kolonialvertrag 1912-1914 gedreht" habe. Bereits 1928 hatte Nowak (Wilhelm II.) Conrad davon "in Innsbruck erzählt". Dieser habe geantwortet:


"Wenn Berchthold das gewusst hat und doch seine Politik gemacht hat, so gehört er aufgehängt".
   Wilhelm II. schliesst, "dann wäre der Krieg mit Serbien - wenn das Abkommen im Zustandekommen überflüssig gewesen". Berchthold habe, wie er später gesagt habe, von den Verhandlungen nichts gewusst. Kiderlen habe "immer zu viel versprochen". Doch die Zeit habe sich verändert. Kühlmann ergänzt:


"Die ganze Situation Frankreichs war anders geworden. Von der Gefahr einer Koalition war keine Rede mehr. Alles, was Kiderlen erreichte, waren die beiden Kongozipfel".


Allerdings eine verspätete Erkenntnis, denn die Funktion der Verträge im deutschen Kalkül war, England neutral zu halten, nachdem der Krieg mit Serbien, die Kriegsfackel in Europa entzündet haben würde.


   Die negative Erfahrung der deutschen Öffentlichkeit mit der Marokkoaffaire - und der Reichsleitung - schlägt sich in Kühlmanns Kritik nieder:


"Den Alldeutschen gefiel es, dass Kiderlen mit dem Panthersprung nach Agadir also auf den Tisch schlug. Nachdem der Panthersprung geschehen war, musste diplomatisch noch etwas geschehen. Die Entsendung des ‚Panthers’ hatte keinen anderen Zweck, als eine Demonstration zu sein. Er sollte dartun, dass wir gewillt waren, unseren Handel und unsere Rechte zu schützen. In England war die Erregung gross. Aber Kiderlen schwieg. Ich selbst hatte Metternich angedeutet, dass in der nächsten Zeit etwas geschehen würde. Ich wusste das von meinem Nachfolger in Tanger, der jetzt im Auswärtigen Amt sass. Er hatte mir die Sache mit dem ‚Panther’ angedeutet. Ich erklärte Metternich den Sinn der Entsendung des ‚Panthers’. Er war anderer Meinung. ‚Es ist nicht ausgeschlossen’, erklärte er, in seiner dummen Art, ‚dass dies den Krieg bedeutet’. Er wiederholte noch vielsagend: ‚Es ist nicht ausgeschlossen’.-- Der englischen Regierung eine Aufklärung zu geben, dazu war er nicht zu bewegen. Er erklärte: ‚Das Auswärtige Amt hat mir keinen Befehl gegeben. Und was mir nicht befohlen ist, habe ich nicht zu machen’.  Es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass er nach Berlin berichten und die Aufklärung in England anregen sollte, wenn von Berlin aus nichts geschah. Dann reiste er fort. Inzwischen bemächtigte sich der Engländer eine masslose Erbitterung. Es vergingen Wochen, ohne dass von Berlin aus etwas gesagt wurde. Man hüllte sich über die Entsendung des ‚Panther’ in imponierendes Schweigen. Die Politik seit Bismarck war in der Wilhelmstrasse immer dieselbe: Die Impotenz des Schweigens. Endlich gab Lloyd George eine scharfe Erklärung ab. Sie bedeutete eigentlich die Kriegserklärung gegen Deutschland. Er drohte mit offenem Krieg. da fuhr ich zu Grey. Ich erklärte ihm in wenigen Worten, um was es sich eigentlich handelte. Er und das Kabinett waren sofort zufriedengestellt. Die Gefahr war vorbei.
Dieses Erlebnis zeigte mir aber immer deutlicher, welche Gefahren aus einem solchen Verhältnis zwischen England und Deutschland zu erwarten seien.
In Marokko war nichts mehr zu holen. Es musste etwas anderes gesucht werden. So bin ich auf die Idee einer englisch-deutschen Verständigung gekommen, die generell zuerst besprochen wurde zwischen Tyrell und mir und dann nach der Unterhaltung von mir mit Harcourt in Schottland weiter geführt wurden, bis es endlich zur Parafierung des Vertragswerkes kam".


   Das Bagdadabkommen sei vor dem Kriegsausbruch fertig gewesen. Just darum ging es. Präsentiert kurz vor der Entscheidung Englands, würde zumindest ein verzögerter Kriegsentschluss des Inselreiches herausspringen. Kühlmann stellt die entscheidende Frage. Allerdings greift er gleichzeitig zu kurz:


"Wieso konnte Jagow verlangen, dass die Ratifizierung der beiden Verträge am 4. August vorgenommen werden sollte. Wie töricht die Gedankengänge im Auswärtigen Amt waren - wofür v.Stumm in erster Linie voll  verantwortlich zu machen ist - geht aus der Tatsache hervor, dass ich nach meiner Rückkehr nach London, unmittelbar vor Kriegsausbruch, dort ein ganz dummes Telegramm vorfand. Es war 2 oder 3 Tage vor Kriegserklärung aufgegeben. Das Auswärtige Amt bat dringend doch um jeden Preis wenigstens das grosse Vertragswerk zu retten. Es ist unklar, wie man sich vorstellt, dass ein grosses Vertragswerk gerettet werden sollte, unbeschädigt eines kleinen Krieges, der unabhängig davon mit dem Vertragspartner auf Leben und Tod ausgefochten werden soll".

 
Parallel zu den Verwicklungen des Juni/Juli 1914 liefen breit angelegte Vertragsverhandlungen verschiedenster Natur mit England.


   Jagow zeichnet ein abweichendes Bild. Er wollte, wie er bestätigt, "den [Bagdadbahn-]Vertrag gleichzeitig mit dem Afrikavertrag publizieren". Der Bagdadbahnvertrag sei noch nicht fertig gewesen. Verschiedene Mächte hätten noch Ansprüche geltend gemacht. Das sei solange gegangen, bis der Kaiser davon erfahren habe und ihn fragte:


"Na! Ihr schliesst Verträge hinter meinem Rücken ab?"


Jagow wiegelt ab:


"Das ist gar nichts besonderes. Das ist eine ganz alte Sache. Marschall hat daran schon gearbeitet. Dann ist die Sache wieder eingeschlafen. Jetzt arbeitet Lichnowsky daran, um die Angelegenheit wieder vorwärts zu bringen. Die Sache hat einen rein moralischen Wert. Wann etwas dabei herauskommt oder wann wir die Kolonien bekommen sollten, um die es sich handelt, weiss der Kuckkuck".


Es sei darauf hingewiesen, dass diese Vorgänge eng mit dem deutschen Bestreben verbunden waren, einen Ausgleich mit England zu schaffen. Jagow deutet an, er selbst habe sich dieses Ziel zueigen gemacht. Als Außenminister sollte dies seine Aufgabe sein. Bereits im Januar 1913, vor seiner Berufung nach Berlin, habe er dem englischen Botschafter in Rom, Renan Rodd eröffnet:


"Ich werde versuchen, die Verständigung zustande zu bringen. Aber sie müssen nicht überall eingreifen, wo wir vitale Interessen haben, oder wo sie ein Ehrenpunkt geworden sind. Wir können z.b. Bagdad nicht aufgeben. Aber ich glaube, wir können uns auch da einigen".
Einige Tage darauf habe ihm Rodd in Grey’s Auftrag mitteilen lassen, "wenn das" die deutsche "Politik wäre, so begrüsse er sie freundlich, er würde gern in dem Sinne arbeiten. We can arrive in 10 years or some more".
Ebenfalls 1913 berührte Jagow im Gespräch mit Moltke "den Durchmarsch durch Belgien". Er betont zu dieser zentralen Frage:
"’Wenn  wir in Belgien einmarschieren, so ist das der Krieg mit England’. Moltke erwiderte: ‚Die 500.000 Engländer nehme ich auch noch auf mich’. ‚Eine Kleinigkeit ist das nicht’, erwiderte ich, ‚können Sie den Plan nicht ändern?’ Er erklärte: ‚Nein’. Nachher kam er auf die Sache zurück. ‚Ich will versuchen’, sagte er ‚ob ich den Plan nicht ändern kann’. Wieder eine Weile später sagte er: ‚Sie haben ja recht gehabt, aber die Militärs sind dagegen’. Im Sternensaal sagte mir der Kaiser, während ich spielte, ein Mal: ‚Ich habe schon Befehl gegeben, dass der Plan geändert wird’. Moltke muss also mit ihm gesprochen haben. Es war dann eine Umfrage veranstaltet worden, bei der die Militärs ihren Standpunkt durchsetzten"99 (Hervorh.v.m., B.S.).
   Es  kam - wie der österreichische Botschafter in Petersburg enthüllt - alles auf England an:
"England hätte den Krieg nicht nur verhindern können. Es hätte alles erreichen können, wenn es neutral geblieben wäre. Jagow glaubte unbedingt an die englische Neutralität".
Das heißt: die deutsche Führung erwartete England 1914 neutral.
 
Petersburg 1914: per Konferenz regeln!


   Der russische Finanzminister Bark bestätigt, er habe von Nikolaus II. erfahren, der russische Ministerpräsident Sasonow sei am 23. Juli, bei bekannt werden des österreichischen Ultimatums an Serbien, "sehr aufgeregt" gewesen und habe geglaubt, "dass der Krieg unvermeidlich" sei. Nachmittags, während des Ministerrates, sei Sasonow "ruhiger" gewesen und habe entwickelt,
"erst sollte man von Österreich verlangen dass die Frist für das Ultimatum auf 8 Tage verlängert werden"
solle. Darauf sei, "wie nach dem Balkankrieg, eine Conferenz in London" geplant gewesen, von welcher Sazonow hoffte, "der Krieg werde lokalisiert werden". Auch habe "er beruhigend auf Serbien einwirken" wollen.
Bark äußert:


"erst als auf alle Vorschläge von der anderen Seite nein geantwortet wurde, hatten wir den Eindruck, dass die Zentralmächte den Krieg wollten".


   Alle in Petersburg handelnden Figuren hätten den Krieg nicht gewollt. Der österreichische Botschafter Szapary, der gegenüber Nowak(Wilhelm II.) behauptet hatte, er habe Sazonow erst am 28. Juli sprechen können, habe falsch berichtet. Doch in Petersburg habe gleichzeitig ein enger Kontakt mit dem englischen Botschafter Buchanan und dem französischen, Paléologue, bestanden. Die russische Armeeführung habe argumentiert,


"was die Mobilisierung betrifft, wir können das nur so machen, wie wir es gemacht haben, ändern können wir nichts oder wir müssen alles umwerfen und zurückziehen und können dann nicht mehr mobilisieren".


   Bark bekennt, Sasonow sei ein strikter Parteigänger Englands gewesen.
   Der österreichische Botschafter in Petersburg, Friedrich Szapary, schildert die Vorgänge dort während des Besuches des französischen Ministerpräsidenten Poincaré:


"Meinen[m] Empfang durch Poincaré wohnten auch Viviani und der französische Botschafter Paléologue bei. Die einzelnen Botschafter wurden einzeln empfangen. Vorher war ein grosser Diplomatenempfang gewesen. Es waren alle Botschafter und Gesandten da. Vor ihnen begrüsste Poincaré den serbischen Gesandten als ersten, ging auf ihn zu und schüttelte ihm ostentativ die Hand. Es war eine Demonstration.
Mir sagte Poincaré, der sofort auf die serbische Angelegenheit überging: ‚N´oubliez pas, que la Serbie a des amis’. Er wollte es nicht gelten lassen, dass die serbische Regierung mit verantwortlich am Attentat gemacht werde. Er wies darauf hin[,] dass unser Vorgehen Consequenzen haben könne.
Als er abreiste, hatte ich denn noch nicht den Eindruck, dass Bindendes beschlossen worden sei. Ich hatte auch den Eindruck, dass Sasonoff sich seiner Bundesgenossen noch nicht ganz sicher fühlte, vor allem Englands nicht, von dem ja wirklich alles abhing. England hätte den Krieg nicht nur verhindern können. Es hätte alles erreichen können, wenn es neutral geblieben wäre. Jagow glaubte unbedingt an die englische Neutralität. Auch Pourtalès. England hätte auch Deutschland damit klein kriegen können. Aber ein Staatsmann soll von einem anderen nie annehmen, er sei wenigstens so gescheit, wie man selbst. Als Poutralès und ich dann über Schweden nach Hause fuhren, und auf dem Schiffe von der Kriegserklärung Englands erfuhren, brach Pourtalès völlig zusammen".


   Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass die Gruppe um Bethmann Hollweg, nämlich sein Schwager und deutscher Botschafter in Rußland, Pourtalès, und vor allem der deutsche Aussenminister, Gottlieb von Jagow, alles auf die englische Neutralität abgestellt hatten. Der Zusammenbruch von Pourtalès, über den Szapary berichtet, fand seine Entsprechung in dem aufgelösten Reichskanzler, nachdem der englische Botschafter Goschen ihm die Kriegserklärung des Inselreiches überreicht hatte. Darauf schlug Bethmann Hollwegs Haltung in die des energischen Kanzlers der Tage des August/September um.


Die Regie der Kriegskrise hatte Berlin geführt. Szapary berichtet:


"Als Poincaré Petersburg verlassen hatte, wurde das Ultimatum gegen Serbien veröffentlicht. Wir konnten es nicht während Poincarés Anwesenheit. Wir glaubten auch nicht, dass Sasonoff den Krieg wollte. Wir wollten also vermeiden, dass Poincaré, der sehr draufgängerisch war,- auch war er darin taktlos gewesen, dass er mich empfangen hatte, als wäre ich Gesandter bei ihm und nicht beim Kaiser von Russland - zum Kriege dränge und hetze.
Als ich Sasonoff den Text des Ultimatums übergab, war er sehr reserviert. Das von uns angekündigte Dossier mit den Erhebungen über den Sarajewoer Mord kam leider nicht. Ich drängte in Wien. Aber leider ist es erst sehr spät veröffentlicht worden. Dann kam die Mobilisierung gegen Serbien. Sasonoff war sehr aufgeregt und teilte mir mit, dass die Teilmobilisierung gegen Österreich angeordnet sei. Der Aufwand von Truppen gegen Serbien sei zu gross, ausserdem sei das Prager Corps auch mobilisiert worden, was sich nur gegen Russland richtet. Ich erwiderte, dass dies mit Russland gar nichts zu tun hätte. In unserem Aufmarsch gegen Serbien sei eben auch das Prager Corps bestimmt. Das sei immer so für den ‚Kriegsfall B’ bestimmt gewesen. Er kam immer wieder auf das Prager Corps zurück, obgleich ich ihm sagte, dass wir schon im Balkankrieg auch Teile dieses Corps hinuntergeschickt hätten. Er erklärte schliesslich, dass sei auch Sache des Generalstabschefs, der müsse das ja wissen. Der Zar sei sehr unruhig darüber gewesen. Die in der Teilmobilisierung aufmarschierenden Truppen, wären auch nicht der Krieg. Er werde darüber eine ‚Note explicative’ veröffentlichen. Das ist dann nicht geschehen. Ich bat, den Zaren über das Mis[s]verständnis mit dem Prager Corps zu informieren. Sasonoff erklärte - das war an einem Dienstag - dass er das erst am Freitag könne. Er würde erst dann vom Zaren empfangen, aber der Generalstabschef, der ihn täglich sehe, werde es ihm schon sagen. Im übrigen sei es doch nur eine Teilmobilisierung. Ich erwiderte, dass es sich um 18 Corps handele, die mobilisiert seien, genug, um den Krieg gegen Österreich mit Überlegenheit zu führen. Die Folge musste die Mobilisierung in Österreich sein. So kam die Sache ins Rollen, sie glitt von uns ab und ging an Deutschland über".


   Die These vom Automatismus der Mobilmachungen war eine Frucht der Nach-Weltkrieg II-Jahre, als es darum ging, Verantwortliche für das Desaster aufzutun (G.Ritter). Szapary sucht sich in positives Licht zu setzen, um sich als um den Frieden kämpfend, zu charakterisieren. Für Berchthold unternimmt er einen Entlastungsversuch. Er führt aus:


"Ich habe mit Sasonoff dann noch wiederholt gesprochen. Von Wien holte ich die Erlaubnis ein, Erläuterungen zur Note und zur Situation zu geben. Ich wollte auch mit dem Zaren direkt sprechen. Aber Berchthold wollte das nicht. Er fürchtete, dass die Sache, wenn ich nach Peterhof ginge, noch schlechter würde. Ich setzte Sasonow auseinander, dass in einem Kriege, wir beide zugrunde gehen würden. Die Dynastien würden betroffen, alle Prinzipien würden gestürzt werden, die wir beide vertreten. Er wies immer radikal ab: ‚Das hat mit der monarchischen Frage gar nichts zu tun’. Er wollte nichts davon hören".


Der österreichische Diplomat sucht, ganz wie Kühlmann, Sazonow als äußerst belastet darzustellen. Szapary ergänzt:


"Ich gab mit Bechtholds Erlaubnis Erklärungen ab. Dass wir weder die serbische Souveränität antasten, noch  Land erwerben wollten. Er erklärte, wenn Serbien die Note annehme, so sei Serbiens Souveränität eben vernichtet. Dann sei es eben österreichischer Vasal[l]. Die F[V]orderung, dass österreichisch-ungarische Funktionäre an der Untersuchung teilnehmen sollten, fand er gar nicht so schwerwiegend. Ich hatte ihm Prezedenzfälle vorgeführt und ihm gesagt, dass das im internationalen Recht auch geregelt sei. Aber gegen die Auflösung der Narodna Odbrana wehrte er sich mit Händen und Füssen.’Ne faut pas-jamais-jamais’".


Unterbrochen wurde diese Pendellage, als Österreich Belgrad beschoss. Damit war jene feine Linie zwischen Frieden und Krieg überschritten, welche auch Sasonow eingehalten hatte. Unausweichlich schien jedoch der Krieg für Szapary nicht. Vielmehr verhandelte er in Petersburg mit Sasonow bis zum letzten Moment. Er beschreibt diese dramatische Szene:


"Nach dem Abgang und nach der Ablehnung des Ultimatums verstrich tatenlos gegenüber Serbien eine Menge Zeit. Ich verhandelte noch immer mit Sasonoff über die Punkte des Ultimatums. Es war dann bei einer Besprechung, dass sein Telefon läutete. Er hörte, legte den Hörer hin und sagte schroff: ‚Wir verhandeln hier und sie beschiessen ja Belgrad’. Ich verwies darauf, dass die Ereignisse von Wien aus doch weitergehen mussten. Er aber brach die Unterhaltung ab".


Wie weit das Band der Friedensfühler gedehnt wurde, zeigt die Mitteilung, welche Szapary aus Wien erhielt. Berchthold, so hiess es, habe "mit Schebeko gesprochen". Der österreichische Staatskanzler habe "beruhigende Zusicherungen über die Absichten gegen Serbien gegeben, obgleich der Krieg mit Serbien bereits im Gange war". Nach Absprache mit dem deutschen Botschafter ging Szapary noch einmal zu Sasonow. Sasonow habe ihm gedankt,


"dass wir uns über die einzelnen Punkte ausgesprochen hatten. Für den Krieg waren die Generale und der Generalstabschef. Sie hatten dem Zaren denn auch die allgemeine Mobilisierung abgetrotzt, während die Teilmobilisierung eine diplomatische Idee schien. Sasonoff dachte, Österreich dann bei jedem Schritt und jedem Dorf zum Zurückweichen zu bringen. Aber doch musste der Aufmarsch von 18 Corps alles ins Rollen bringen".


Nach 1918 sollen es dann auf allen Seiten die Militärs gewesen sein, welche die Politiker zum Krieg gezwungen hätten. Eine damals ebenso leichte Erklärung wie heute, wo die militärischen Eliten, zumindest in den europäischen Staaten, von geringerem Einfluss schienen und scheinen. Szapary hält dementsprechend fest:


"Vom Kabinett waren die meisten gegen den Krieg. Es waren ja schliesslich alle vernünftige Leute. Goremikin wollte den Krieg schon gar nicht. Er sah, das es mit dem parlamentarischen System in Russland, wie es sich herausgebildet hatte, nicht ging. Es wurde die Kaiserliche Familie und das Verhältnis zu Rasputin in Formen und Auftritten besprochen, die in jedem anderen monarchischen Staate unmöglich waren. Es war Conventstimmung. Darum wollte Maklakoff den Krieg. Es wäre zur Revolution gekommen. Hinter den Militärs stand der Grossfürst Nikolaiewitsch. Der Zar selbst war ein einfacher Mensch. Vollkommen beeinflussbar. Die Generale, alle machten zum Schluss mit ihm, was sie von ihm wollten".


   Sasonow, so Wilhelm II. zu seinem Interview mit dem früheren russischen Aussenminister, habe "so ziemlich jeden" beschimpft, auf den das Gespräch gekommen sei. Dieser habe geäussert, "Der Kaiser ist ein Lügner". "Ein anderer" sei "ein Kammerdiener des Coburger und ähnliches". Als Nowak die "Zusammenhänge des Attentats von Sarajewo" geschildert habe, hörte Sasonow "ziemlich erbittert zu, mit dem Endresultat: ‚Muss man den[n] allen Mördern und Betrügern glauben?’"


Gegen den Russen eingenommen, beschreibt Wilhelm II.:


"Als ich ihm meine Ansicht darüber mitteilte, dass der Kaiser Franz Joseph einen Botschafter oder Erzherzog nach London hätte schicken müssen, um die Zusammenhänge klar zu machen, wodurch wahrscheinlich der Krieg verhindert worden wäre, machte Sasonow ein sichtlich erschrecktes Gesicht, es wäre ihm jetzt noch eine mögliche Verhinderung unangenehm".


Etwas süffisant deutet der Kaiser an, Sasonow habe "nichts wollen, als den Frieden". Jedoch sei ihm der Satz entschlüpft:


"Wir mussten verlangen, dass der Balkan den Balkanvölkern gehört. Das war das Interesse Russlands. Es war dies nur durch einen europäischen Krieg zu erreichen".


Der Historiker beobachtete, wie Sasonow erkannt habe, dass ihm eine "ungeheuere Dummheit" ausgekommen war und notiert: "Aber das Eingeständnis war ihm entschlüpft". Zeuge dieser Äußerung sei "Herr Teretschenko (Sergei oder Konstantin)" gewesen, welchem gegenüber er "dieses Eingeständnis Sasonows" eigens wiederholt und notiert habe, "um keine Verwischung zu ermöglichen". Das fand statt im "Hotel de Reservoir" in Paris. Wenn dem so war, dann hatte Sasonow hiermit die deutsche These von der Kriegsschuld Russlands bestätigt.


Geschildert wird der russische Außenminister recht kaustisch:


"Sasonow ist sehr gepflegt, trägt sehr elegante Schuhe und Strümpfe. Er hat ein Gesicht, das eine Kreuzung von Geier und Hyäne darstellt. Jedenfalls ein nicht sehr sympat[h]ischer Vogelkopf. Seine Augen wirken ein wenig asymetrisch und haben einen fahlen, fanatischen, dabei lauernden Glanz. Sein weisser Bart sieht an den Wangen aus, wie dort liegengebliebene Schaben".
  

Wilhelm II. fasst zusammen, es sei ihm noch niemals "ein Staatsmann von soviel gepflegter Dummheit und ‚suspektem’ Wesen unter den vielen Menschen", die er kennen gelernt habe, begegnet. So kam das Gespräch zu einem eher unerfreulichen Abschluss. Der Historiker erklärt "kühl und hochmütig, dass" Sasonow "schon gestatten müsse, dass jeder seine Meinung über diese Dinge habe und dass" er sich "erlauben würde, wahrscheinlich selbst zu dem Kommentar einiges beizusteuern". Quasi versöhnlich, extemporiert er "etwas von der grossen Tragödie, in die alle Beteiligten verwickelt worden seien", beide jedoch hätten verstanden, dass niemand der Anwesenden daran glaubte. Sasanow erklärte sich auch sogleich "über Krieg und Kriegsursachen": "Ein kleines Missverständnis".


Dass diese Zusammenhänge in verschiedenen Publikationen zu Wort kommen sollten, zeigen weitere Mitteilungen. Auch wird deutlich, dass mit Kurt Riezler sehr wohl eine Veröffentlichung im Werke war, welche einen Kommentar zu Sasonow bringen würde; was nach diesen Ausführungen zu dem Gespräch von Paris nur verständlich erscheint. Die Riezler-Veröffentlichung Erdmanns sei hier - in diesem Zusammenhang - und in deren wiederholt strapazierten Aufzeichnungen ungeklärter Herkunft und Entstehungszeit, erwähnt.


   Auch der Unterstaatssekretär im Foreign Office, Sir William Tyrell, charakterisiert Sasonow negativ, als "subalterne[n] Beamte[n]". Tyrell teilt mit:


"Er war beschränkt. Er war nie im Stande, den Inhalt einer Conversation zu behalten: was er berichtete war falsch".


Tyrell unterstreicht: "Die russische Politik war immer so: sie lebte von absolut falschen Berichten". Er weist jede Vermutung zurück, zwischen Großbritannien und Russland habe es Informationen zum Balkanbund gegeben. Tyrell bestätigt:


"Wir haben ihn auch nicht ermuntert, weder im Balmoral, noch gelegentlich von Balkanproblemen. Schon deshalb nicht, weil uns Serbien nicht im mindesten interessierte. Wir haben ihm auch nichts mitgeteilt, was ihn zum Kriege ermuntern konnte, und wir waren entsetzt, als die Meldung von der russischen Mobilisierung eintraf. Sasonoff beherrschte die Probleme nicht. Er war von seinem Panslawismus beherrscht,- ein kleiner Beamter,- il n´était pas maître de son hôtel. Unter der Unzuverlässigkeit der russischen Berichte haben wir immer gelitten und nicht nur wir. Poincaré hat sich immer wieder über die falschen Berichte Iswolskys beklagt. Von Petersburg hatte man Iswolsky weggeschickt, weil er zum Kriege trieb. Von Paris meldete er lauter Dinge, die nicht wahr waren. Dann lief er herum und erklärte; ‚c’est la guerre’-[.] Er war von einer solchen Eitelkeit, wie ich es nie vorher und nie nachher bei einem Diplomaten erlebt habe. Natürlich ging sein ganzer Hass nach Buchlau, wegen des Dardanellenschecks gegen Österreich. Mit der Minderwertigkeit der Politik der Russen hatten wir immer zu kämpfen. Graf Benckendorff war noch der einzig mögliche unter den Russen. Er war nicht bedeutend, aber homme du monde. Mit ihm stand Sasonoff schlecht. Was die Meinung des Grafen Szapary betrifft, dass Sasonoff nur ein Aviso Englands erwartete, um loszuschlagen, so kann ich nur sagen, dass ein solches Aviso nie geben würde. Die Bolschewisten, die uns hassen, würden keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um alles zu veröffentlichen, was uns über diese Zusammenhänge nur zu veröffentlichen wäre. Aber wenn die russische Angabe nicht zutraf, dass das Attentat von Sarajewo in keinem Zusammenhange mit Serbien stand,- warum hat man niemand von Wien nach Petersburg geschickt und erklärt: ‚Entweder ihr helft jetzt Ordnung machen, oder wir veröffentlichen alles?’"


   Wilhelm II. berichtet dazu, die dem Engländer von ihm mitgeteilten "Zusammenhänge über Sarajewo" seien "sämtlich neu für Sir William Tyrell". Er sei fortgefahren:


"Dann  hätte auch England anders sprechen oder anders eingreifen können. Das österreichische Ultimatum als solches, war die grösste Dummheit. Und was Sasonoff und den Krieg betrifft, so glaube ich, das er ihn nicht wollte. Aber er war inferior. Und in seinem Kopfe war der Niederschlag von vielen Conversationen, deren Grundlagen er nicht beherrschte, die sie ihm verzerrten, so dass er schliesslich ein ganz falsches Bild von den Tatsachen und Zusammenhängen hatte, wonach er dann handelte".

 

 

Bernd F. Schulte(c)

Reichsfernsehen 1932: Diskutieren im Stil einer Fernseh-Talk-Show.

Die Handelnden von 1914, und deren Bild vom Entstehen des Ersten Weltkrieges.

 

Teil IV: Tyrell - "Was Deutschland betrifft, so haben wir es seit unserer Abweisung (1901) direkt als Feind betrachtet".

Zwischen Österreich und England.


   Im Gespräch mit Lord Salisbury warnt Wilhelm II. davor, die Kraft der Türkei, des Staates, der Administration und der Armee zu unterschätzen. Die Eindrücke, welche der Kaiser während seines Besuches in Stambul 1889 gewonnen hatte, ließen ihn gegen den englischen Premier Front machen, der behauptete, die große Vergangenheit der Türken sei "einmal gewesen" und "das gegenwärtige Heer tauge nichts mehr. Es könne keinen Widerstand leisten". Das Sprachrohr Wilhelms II., fasst die Diskussion innerhalb der Londoner Führungsspitze zusammen, die gegen Ende des Jahrhunderts ablief:

"Der deutsche Staatssekretär vergaß, was er in England vereinbart hatte: die öffentliche Meinung wollte er nicht umstimmen, vielmehr lief er mit...Vertraulich wies er Chamberlain auf den Zwang zu seiner äußeren Haltung durch die Volksstimmung hin".

Zur Kritik sei zitiert "Rache an Bülow":

"Graf Bülow ließ bei den Engländern ‚durchfließen’, was ihm die Russen anvertraut. In den Kaiser drang er, die Russen wissen zu lassen, daß England ein Bündnis vorschlug. Was dem Kaiser seelischer Kampf war, blieb ihm der Genuß an der ‚Finesse’. Er übte eine Staatskunst voll Geist und sinniger Worte: der ‚Walfisch’ könne sich niemals mit dem ‚Bären’ vertragen. Bündnissysteme mußten ‚elastisch ausgeweitet’ sein".


   "Chamberlain glaubte vor allem an den Anreiz und die Beweiskraft von Ziffern. Lord Salisbury hatte alte und viele Erfahrungen. Von Fürst Bismarcks Russenpolitik bis zu der Unterhaltung mit Kaiser Wilhelm über die Teilung der Türkei hatte er nur Enttäuschungen erlebt. Der junge Chamberlain begann erst mit den Versuchen, etwas aufzubauen. Entzückt war Lord Salisbury nicht von Chamberlains Zukunftsabsichten für England und Deutschland. An ihre Verwirklichung glaubte er nicht. Aber er ließ den Staatssekretär zunächst gewähren".
   In England stritten die Protagonisten einer bündnispolitischen Anbindung an das Festland und die Isolationisten. Asquith vertrat die Position einer Anbindung an Europa. "Nur die Isolierung" habe "Zwischenfälle, wie Pendjeh und Faschoda, die zeitweiligen Schreckbildnisse russischer Absichten in Asien und" Englands "gefährliche internationale Situation während des Burenkrieges möglich" gemacht. Es sei "ohne Zweifel...die praktische Erkenntnis der Schwierigkeiten und sogar Gefahren der Isolierung" gewesen, "die 1899...Mr.Chamberlain dazu" geführt habe, "auf eine englisch-deutsche Alliance zu drängen und Lord Salisbury, mit ihr zu spielen".
  

Es bestand die Chance, dass sich in diesen Jahren seit 1897 die deutschen und englischen Annäherungsversuche treffen würden. Wohl die Einschätzung des Generalstabes gibt Wilhelm II. wieder, wenn er zum Bündniswert Englands ausführt:


"England besaß zahlreiche Panzerschiffe. Sie nützten Deutschland nichts, wenn es mit Rußland und seinem Bundesgenossen Frankreich im Kriege lag. Daß England allein mit seiner Flotte Frankreich an seiner atlantischen Küste, an seinen Mittelmeerufern und durch die Bedrohung seiner Kolonien in Schach halten konnte, daß Italien mit angespannten Kräften an Englands Seite marschieren mußte, so wie Großbritannien es befahl, daß England auf dem Kontinent wiederholt mit großen, eigenen Armeen gefochten hatte, seit den Tagen der Jeanne d´Arc über Höchstaedt, Oudenarde und Malplaquet bis zu der Entscheidung von Waterloo, daß die deutsche öffentliche Meinung darüber wie gewöhnlich in abgedroschenen Schlagwörtern dachte, die in Wahrheit gar nicht zutrafen: all das spann sich auch der Staatssekretär von Bülow nicht weiter aus. ‚Das Hazardspiel der Vertragsschließung’, den durch Jahre gesuchten Bund mit England, lehnte er in dem Augenblick ab, da er erreicht schien".


   Doch auch Holstein "traute England nicht über den Weg". Für ihn war ein deutsch-englisches Bündnis nur dann von Wert, wenn


"1. ‚Rußland uns angreift’--
  2. ‚England weniger breitspurig auftritt’--".


Wilhelm II. erfuhr angeblich nur von einem englischen Bündnisangebot. Allerdings führe, so Chamberlain, "Englands Weg zum Zweibund..., wenn Deutschland nicht mit ihm gehen könne". Das habe, so Wilhelm II., Bülow dem Kaiser allerdings verschwiegen. Auch Metternich, der deutsche Botschafter in London, habe die Bülowsche Position unterstützt. Im Gespräch mit Wilhelm II. in Homburg habe er ausgeführt:


"Jawohl, Majestät, - er will unsere Bajonette haben´.
 
[Wilhelm II.]: ‚Aber gegen wen?

[Metternich]: ‚Gegen Rußland, Eure Majestät!’-
 
[Wilhelm II.]: ‚Aber wir leben mit Rußland doch im tiefsten Frieden! Wir können doch nicht einfach über Rußland herfallen’.

[Metternich]:  ‚Ja,...das weiß ich auch nicht’—

[Wilhelm II.]: ‚Ein Bündnisangebot von England ist eine sehr ernste Sache!...Da Chamberlain wissen ließ, daß es gegen Rußland gehen soll, geben Sie ihm die Traditionsskizze--...Moralisch...sind wir Rußland auch durch Bindungen nahe, die ich -- ohne jeden Grund - nicht alle durchbrechen kann!’...Daher ist es nötig, daß Chamberlain den Beweis erbringt, daß er Ministerium und Parlament hinter sich hat’“.

 


EXKURS: Das Scheitern eines Zeitalters.


   Bülow beabsichtigte, das englische Angebot als Spielmaterial gegenüber Rußland zu benutzten, um in Petersburg mehr herauszulocken, als ohne dieses Pressionsmittel möglich schien. Die Tendenz herrschte allerdings bei Bülow vor, sich im Osten auf Rußland abzustützen, wenn überhaupt eine Bindung Deutschlands eingegangen werden sollte. Andererseits beabsichtigten Bülow und Holstein, von England Kompensationen auf kolonialem Gebiet erhandeln. Chamberlain verkündete in Birmingham im Mai 1898, Englands Vorteil bestünde in seinen guten Beziehungen zu den Flügelmächten Amerika und Deutschland, und hier einem Bündnis mit Berlin. Die Kompensation für das Reich bildete in diesem Zusammenhang der westafrikanische Kolonialbesitz Portugals. Doch der Disput um den Burenkrieg, und der Streitfall um den spanischen Besitz auf den Philippinen, gossen Wasser in den Wein der deutsch-englischen Beziehungen. Als Bülow ein ganzes Bündel von Forderungen in London präsentierte (Togo, Sansibar, Samoa, Walfischbai), lieferte er den Grund für Salisbury noch weiter auf Distanz zu gehen, als schon zuvor mit dem Satz gegenüber dem Botschafter Hatzfeld geschehen."Sie verlangen zuviel für Ihre Freundschaft", hatte Salisbury verlauten lassen. Wilhelm II. rechnet 1931 mit Bülow scharf ab. Dessen Verantwortung für das Scheitern des epochalen englischen Bündnisses wird Schritt für Schritt herausgearbeitet. Dem gegenüber sah Bülow das Reich unabhängig am stärksten, denn Deutschland würde "entweder Rußland oder England zum Übergewicht" verhelfen. Doch ließ er - ähnlich wie Salisbury einstmals gegenüber Bismarck - das Angebot Chamberlains zu den portugiesische Besitzungen „auf dem Tisch liegen“. Die Bedrohung der deutschen Ostgrenze, im Fall eines Abschlusses mit England, führten Bülow und Holstein inneramtlich als Argument gegen das „englische Bündnis“ an. Dem Kaiser sollen sogar unzutreffende Informationen über das englische Bündnisangebot zugegangen sein. Eine Manipulation des Monarchen durch seinen Außenminister soll stattgefunden haben. Selbst die Unterstellung, England habe Rußland einen Vertrag angeboten, sei durch Bülow benutzt worden.


   So gerieten im Gegenzug die Kaiserreise in die Türkei, und der Bagdadbahnbau (bis Bagdad, Konia und Kuwait), zu einer Belastung der deutsch-englischen Beziehungen. Als Chamberlain in Wakefield dennoch offenlegte, auch Amerika in den Bund einzubeziehen, war "der große Zusammenschluß der angelsächsischen und germanischen Rasse" vorgezeichnet. Der Streit um Samoa führte schliesslich zum Bruch mit Salisbury. Für Samoa bot Chamberlain das Volta-Delta in Afrika, was die deutsche Kolonie Togo aufgewertet hätte. Doch der Verbündete Bülows, Tirpitz, bestand auf Samoa (Stützpunkt/Weltkabelsystem). Gespräche des Kaisers mit Cecil Rhodes hatten zu der Formel geführt, "Afrika den Briten, Vorderasien den Deutschen!"


   Die Möglichkeit einer Annäherung an Rußland entschwand zunehmend und parallel zum Beginn des Burenkriegs, wie der starken Neigung des Kaisers zu England und trotz der zugunsten der Buren aufschäumenden deutschen öffentlichen Meinung. Dennoch reiste Wilhelm II. nach England. Er sprach Chamberlain, der erneut den Plan einer Einheit "von Deutschland, von England, von Amerika" entwickelte. Dieses Gespräch förderte einen anderen Strich zutage, als jenen, den die Geschichte bald darauf zog. Samoa hatte Deutschland zugeschlagen erhalten. Gegen die Urteile und Ratschläge des englischen Geschäftsträgers in Tanger, Sir Arthur Nicolson, wandte sich Chamberlain:


"England sollte sich in Tanger festsetzen. Deutschland sollte sich die Westküste am atlantischen Ozean sichern. In Kleinasien wollte er Deutschland keine Schwierigkeiten machen. Es sollte die Bagdadbahn bauen. Englisches Kapital sollte beigesteuert werden".


   Auch Balfour, der Gesinnungsgenosse Chamberlains, warb um die Sympathie Wilhelms II.. Staatssekretär Bülow, gleichfalls in London anwesend, wurde mit Chamberlain konfrontiert. Selbst die Ankündigung der deutschen Flottenpläne schreckte den englischen Kolonialminister nicht ab. Entsprechend den Vereinbarungen mit Bülow, verkündete Chamberlain wenige Tage darauf, in seiner großen Rede in Leicester:


"...und ich glaube, in dem Moment, wo dieses Verlangen entstand, muß jedem klar geworden sein, daß unser natürliches Bündnis jenes zwischen uns und dem großen deutschen Kaiserreiche sein müßte. Wir haben unsere Unstimmigkeiten mit Deutschland gehabt, wir haben unsere Streitigkeiten und Zusammenstöße, wir haben unsere Mißverständnisse gehabt. Ich verhehle mir nicht, daß das Volk dieses Landes beunruhigt und mit Recht beunruhigt gewesen ist durch Umstände, die wir selbst nur zu gern vergessen. Aber an der Wurzel der Dinge war immer eine Kraft, die uns mit Notwendigkeit zusammenbrachte. ...
Ich kann vieles für die Zukunft voraussehen, das den Staatsmännern Europas Grund zur Beängstigung geben muß, worin aber unsere Interessen deutlich die gleichen sind, wie die Interessen Deutschlands, und bei denen die Verständigung, von der ich im Fall Amerikas sprach, auf Deutschland ausgedehnt, vielleicht mehr für die Erhaltung des Friedens der Welt zu tun vermag, als alle Waffenvereinigungen. ...
Ich habe das Wort ‚Alliance’ gebraucht..., aber noch einmal möchte ich klarlegen, daß es mir unwesentlich erscheint, ob Sie eine Alliance haben, die dem Papier anvertraut ist oder eine Übereinstimmung der Meinungen bei den Staatsmännern der betreffenden Länder. Eine Verständigung ist vielleicht besser als eine Alliance mit festgelegten Vereinbarungen...".


   Bülow stand zwei Wochen darauf im Reichstag auf und verwahrte sich gegen Englands Annäherung. "Chamberlain stand da als ein aussichtsloser Schwärmer". Die deutsche Trumpfkarte war die Flotte. Die Berliner Parole war:


"In dem neuen Jahrhundert muß Deutschland der Hammer oder der Amboß sein!"


   Im Januar 1901 wurde ein dritter Anlauf unternommen, das englisch-deutsche Bündnis zu schmieden. Über den deutschen Botschaftsrat Eckardstein signalisierten der Herzog von Devonshire, Lord Landsdowne und Chamberlain ihr Ziel, "den Bund mit Deutschland". 1931 rückblickend will Wilhelm II. das Bündnis mit England gefördert haben. Botschafter Hatzfeld plädierte dafür. Doch Holstein wünschte den Anschluß des Inselreiches an den Dreibund. Japan stand wohlgerüstet im Rücken Rußlands, wenn dieses Deutschland angriffe, und Deutschland im Rücken Frankreichs, wenn es sich am russisch-japanischen Krieg beteiligen würde. Tokio plante, Deutschland, England und Japan sollten sich gegenseitig sichern. Berlin hatte im japanischen Bündnissystem Priorität vor England. Doch Holstein wies Vicomte Aoki ab. Graf Wedel, der deutsche Botschafter in Tokio, bestand darauf, das kommende Jahrzehnt bringe den Krieg zwischen Japan und Rußland. Holstein lachte ihn einfach aus. "Der Walfisch könnte ruhig mit den Gelben gehen. Nie würde Japan wagen, sich am russischen Bären zu vergreifen".


   Mitte März 1901 hatte Lord Landsdowne Eckartstein gefragt, ob Deutschland zu einem Verteidigungsbündnis bereit sei. Dieser warnte erneut in Berlin vor der drohendem Wendung Englands zu Frankreich und Rußland, für den Fall, dass das Reich erneut ablehne. Doch Bülow und Holstein beharrten darauf, Österreich und Italien seien "in das Abkommen" mit einzubeziehen. Auch solle der Vertrag vom englischen Parlament bestätigt werden, was die Berliner Stellen zugestanden, während Landsdowne das Bündnis auf Japan auszudehnen wünschte. Der Brite ging nicht davon ab, das Abkommen ausschließlich mit Deutschland, und nicht mit Österreich und Italien abschließen zu wollen, was neben der Unwissenheit der deutschen Führungsspitze über die innerenglisch-parlamentarischen Gebräuche dazu führte, dass es erneut nicht zum Abschluss des Vertrages kam. Schon im Juni äußerte Chamberlain:


"Wenn sie so kurzsichtig sind, und nicht sehen können, daß eine ganz neue Weltkonstellation davon abhängt, so ist den Leuten nicht zu helfen".


   Allgemein wurde in London nunmehr zum Rückzug geblasen. "Verbindlich hörten König Eduard VII. und sein Botschafter Lascelles noch im August in Homburg die Gedanken des Kaisers über Englands Beitritt zum Dreibund an". Wieder trat Chamberlain in Birmingham auf die Rednertribüne. Aber es handelte sich um einen anderen Chamberlain. Er verwies darauf, nichts wären die Grausamkeiten, welche den Briten in ihrem Afrikafeldzug vorgeworfen würden, gegen die Haltung anderer Völker im vergleichbaren Fällen. Er wies auf die Taten der Deutschen im Feldzug von 1870 hin. Wilhelm II. lässt behaupten, er habe von all dem nicht gewusst. Demnach war der Kaiser von der tatsächlichen Politik getrennt gehalten worden. Bülow, so Wilhelm II., habe die Verständigung mit England, infolge Arroganz und Borniertheit, hintertrieben. Künftig gebe es für England nur noch einen Feind: Deutschland.
                                                 

          
Fortsetzung der Diskussion 1932.


   So kommt es zwischen 1897 und 1909 zu dem deutsch-englischen Gegensatz, der politisch und militärisch in den Entschliessungen Bülows begründet war.


   William Tyrell bezieht Stellung zu der Frage, weshalb es zwischen Bismarck und Salisbury nicht zum Abschluss des, von deutscher Seite angestrebten, Bündnisses gekommen war. Tyrell erläutert, Bismarck sei "der Ursprung der Verstimmung" gewesen. Salisbury habe "Misstrauen wegen Russland" und dem "Rückversicherungsvertrag" gehegt. "Das Anerbieten [Bismarcks] gegen Frankreich" sei inakzeptabel gewesen, da Bismarck  "uns [England] 10 % [bietet] und verlangt von uns 100 %´.-" Tyrell kritisiert "sein Paktieren mit der Kolonialpartei Frankreichs. Schon Herbert Bismarck ging diese Wege in Stockholm. In der Zeit von Barrière u[nd]. Jules Ferry ging das weiter." Mit dem "Aufputschen gegen England" sei  "das Gegenteil erreicht" worden. Daraufhin wurde "1904" die "Entente in London besiegelt". Tyrell betont: "Chamberlain/ 1898/ wollte ein Bündnis" mit Deutschland. Die "Verabredung" dazu habe er in einer "Rede mit Angriff auf Russland" formuliert. Doch dieses Angebot habe "Bülow desavouiert[e]". Der Kanzler habe "genau das Gegenteil" des Erwarteten getan. Daraufhin habe "Ch[amberlain]. gesagt: ‚Mit diesem Kerl will ich nie wieder etwas zu tun haben’". Es schlossen sich die "Versuche 1898-1900 mit Japan" an. "Hier" sei "der Wendepunkt" zu sehen. "- 1904" dann der "Wendepunkt für die Entente".
Tyrell fährt fort:


"Seit 1895 waren unsere Beziehungen zu Frankreich immer gespannt. Chamberlain war so wuetend, dass[s] er sagte: ‚Wir haben genug von diesen Geschichten’. Es waren die Konflikte wegen New Foundland, wegen Wes[t]afrika, wegen Siam und Marokko. Chamberlain sagte: ‚Diese Franzosen sind unmoegliche Leute. Sie haben die Verstaendigung mit Russland. Da ist die Versicherung ein Bund mit Deutschland. Diese Leute - die Franzosen - machen uns dasselbe, was uns Spanien gemacht hat. Mit einem Bund mit Deutschland koennen wir den Frieden der ganzen Welt diktieren’".


Wilhelm II.: "[M]mit Zuhilfenahme Deutscher Bajonette! Festlandsdegen[.]"


   Eingang findet dieses Statement Chamberlains 1931 bei Wilhelm II.. Dieser zitiert den Kolonialstaatssekretär:


"Sie haben die Verständigung mit Rußland. Da ist die beste Versicherung ein Bund mit Deutschland. Diese Leute - die Franzosen - machen uns dasselbe, was uns Spanien gemacht hat. Wir haben genug von ihren Geschichten. Mit einem Bund mit Deutschland können wir den Frieden der ganzen Welt diktieren!"


   Und Tyrell ergänzt:


" Salisbury wollte keine neue Politik mehr machen. Er war zu alt. Aber Chamberlain hat in Balfour einen Helfer gefunden. [gestr.: ‚Die deutsche Auffassung war’ und im folgenden geändert von Wilhelm II.] ....[unleserl.] war von ...[unleserl.] mitgetheilt, dass England einen Bund mit Deutschland [gestr.: ‚nur’] wollte, um [die] deutsche [gestr.: ‚Verständigung mit Russland unmoeglich zu machen’] Truppen gegen Russland zu verwenden".


Wilhelm II. wirft ein:


"[A]als ich durch Metternich aus Homburg dem Ausw[ärtigen]. Amt befahl[,] Chamberlain zu fragen: gegen wen er das Bündnis haben wollte[?] kam die Antwort zurück: ‚gegen Russland!’ [W]worauf ich erklären liess, ich hätte gar keinen plausiblen Grund[,] mit Russland einen Streit vom Zaun zu brechen (Verwandschaftl[iche].  Beziehungen, Befreiungskriege, Waffenbrüderschaft etc.)[.] Ich liesse mich nur auf ein von König u[nd]. Ministerium unterschriebenes, vom Parlament öffentlich sanktioniertes Bündnis ein. Da kam Salisbury dazwischen u[nd]. lehnte ab. Darauf schloss England mit Japan das Bündnis u[nd]. Japan stellte den Briten prompt seine Armee zur Vernichtung der Russischen zur Verfügung [.] Das sollten wir! Wundervoll wie der verschlagene Brit[ische]. Diplomat in scheinbar harmloser Weise die Wahrheit zu verdrehen versteht zu unseren Ungunsten! Die alte Taktik, die hier wieder in schönster Blüthe zur Anwendung gebracht wird, wie sie das F[oreign].O[ffice]. mit solcher Virtuosität uns gegenüber angewandt hat. Eine Mordsfrechheit einen renomierten Historiker ... so anzulügen. So geht es aber durch das ganze Gespräch. Einem ‚Continentalen’ gegenüber kann der Brite sich das eben leisten".


Der britische Botschafter setzt fort:


"Es [Deutschland] wollte sich kein ‚Netz’ ueber den Kopf werfen lassen. Es dachte, dass England nur der tertius gaudens sein wollte.

Wilhelm II.: ‚Wie im Japan[isch]-Russ[ischen]. Kriege!’

Salisbury wollte eine Verstaendigung mit Deutschland, keinen Bund. Er wollte keine Praezu[i]sion, sondern die England naehere psychologische Verstaendigung.

Wilhelm II.: ‚Blech!’ und: ‚Krieg m[it]. Russland!’.

Er  wollte vollstaendige Bereinigung und Zusammengehen ohne Vertrag.

Wilhelm II.: ‚wir u[nd]. Russland sollten uns gegenüber schwächen’.

Chamberlain wollte den ausgesprochenen Bund. Seine Rede, auf die Bülow nach der Vereinbarung antworten sollte, hielt Chamberl[a]in ohne Lord Salisbury zu verstaendigen. Er war zwar...

Wilhelm II.: ‚Unglaublich’...

sehr eitel, aber er hatte klaren Verstand, sehr grosse Energie, er war sehr praezis und hatte sehr grossen Mut.

Wilhelm II.: ‚nach alter Brit[ischer]. Tradition Parlamentarisch unmöglich! Daher hat S[alisbury]. nachher Chamberlain zu Fall gebracht, nicht ich oder meine Regierung’.


England wollte das Zusammengehen mit Deutschland absolut ehrlich.

Wilhelm II.: ‚Chamberlain der Premier nicht! vor allem K[önig].E[duard].VII. nicht! Fisher und Wilson nicht’.

Wenn wir einen Bund mit Deutschland gehabt haetten, so waeren wir stark genug gewesen, um Russland zu sagen: wir tolerieren nicht, dass der Friede gestoe[ö]rt wird...

Wilhelm II.: ‚Zb’. ‚dann wünsch[müss]te der Brit[ische]. Premier, die Brit[ische]. Regierung das Angebot machen, nicht irgend ein Minister hinter dem Rücken des Premiers!’

...Wir haben Deutschland gegenüber wirklich einen sehr grossen Fehler gemacht: 1882 - als unser Berliner Botschafter mit Bismarck ueber Kolonialpolitik sprach....

Wilhelm II.: ‚Russland dachte nicht daran’.

...Er erklaerte ihm: ´sagen Sie mir, ob wir uns nicht verstaendigen koennen". Bismarck hatte sich in die Kolonialpolitik draengen lassen.

Wilhelm II.: ‚falsch!’

Aber er war zu alt, um Kolonialpolitik noch anzufangen. Unser Fehler war es, dass wir ihn zwei Jahre auf Antwort warten liessen. Er hat dann Truppen gelandet. Da war sehr viel Schuld bei uns. Ebenso absolut haben wir uns; als es mit Deutschland nicht ging, als wir abgewiesen wurden, mit Frankreich verstaendigt.
 
Wilhelm II.: ‚Der König vor allen! umgekehrt! Geschichtsklitterung!’

Unsere Heirat mit Frankreich und Russland [gestr.: ‚und mit’] hat absolut Deutschland gemacht. Russland war unsere Verstaendigung 1907.

Wilhelm II.: ‚Unverschämtheit! absolute Lüge!’


Warum es nicht zu einem Abkommen mit Deutschland kam, erläutert Tyrel weiter:


"Die Verstaendigung mit Deutschland scheiterte an Bu[ü]low. Die Eckardsteinsche Sache an...

Wilhelm II.: ‚war Betrug’.

...Holstein, der erklaerte, Deutschland koenne kein Buendnis mit England und Japan haben, weil das die Verstaendigung mit Russland verdirbt.

Wilhelm II.: ‚Und mit Frankreich auch’.


Unsere Minister hatten immer den Eindruck, dass der Kaiser ueber die Dinge nicht informiert war, ueber die er sprach. Bülow spielte mit ihm wie mit einem Kinde. Mein Onkel Radolin sagte mir ueber Bülow: ‚Glaube mir, er ist ein Schwindler. C´est un aventurier, der niemand die Wahrheit sagt und dem Kaiser nie etwas sagt’.

Wilhelm II.: ‚er sprach so wie er es haben wollte, nicht ahnend[,] dass seine Regierung eine andere Sprache in seinem Namen führte/ Constitutionalismus[-] stimmt’.

Eckardstein war ein Mann, der viel in England gelernt hat. Er sah ein, dass England den Frieden wollte. Aber auch, dass das Auswaertige Amt keine Kenntnis von England hatte.

Wilhelm II.: ‚ein Lump!... Recht powerer Rechtfertigungsversuch für die hinterhältige britische Hetzpolitik gegen uns! Warum hat denn das F[oreign].O[ffice]. nicht einen Vergleich zw[ischen]. meinen persönlichen Ansprachen in England mit den of[f]iziellen Meldungen aus Berlin gemacht, u[nd]. wenn da eine Discrepanz zu Tage trat einfach die Sache bei mir oder in Berlin zur Sprache gebracht? Wie kamen die Brit[ischen]. Minister dazu dem Enkel ihrer Königin weniger Gewicht beizumessen als Holstein u[nd]. Bülow? Constitutionalismus! Mir gegenüber würde Mr.Tyrell mit obigen Flausen nicht durchgekommen sein. Ich hätte ihm auf gut Englisch den Text gelesen’".


   Wie folgenschwer diese Abweisung Englands durch Deutschland war, offenbaren die Erklärungen William Tyrells zur Umstellung der englischen Politik nach 1901. Tyrell argumentiert mit entwaffnender Offenheit. Der Verdacht wird so neu belebt, England habe 1914 einen Präventivkrieg gegen das wachsende Deutschland geführt. Der britische Botschafter enthüllt:


"Was Deutschland betrifft, so haben wir es seit unserer Abweisung direkt als Feind betrachtet. Wir haben unser Verhalten dementsprechend eingerichtet und haben jede Versicherung getroffen, die man gegen einen Feind trifft. Die Anregung, dass die beiden Generalstäbe - von uns und von Frankreich - in Besprechungen miteinander eintreten sollten, ist von dem französischen Militärattaché  in London General Huguet ausgegangen. Man war in Frankreich unsicher geworden, ob die Entente auch weiter bestehen sollte, als das liberale Kabinett ans Ruder kam. Aber das war auch nur eine Versicherung. Es wurde so gearbeitet, dass im Falle der Gefahr und im Falle der Not ein Druck auf den Knopf genüge. Das hatte Bülow herausgefordert. Falsch ist, was Nicolson über die Sache mit Belgien erzählt. Alles was darüber veröffentlicht worden ist, besagt nichts. Alle Schriftstücke sind Enunciationen des britischen Militärattachés in Brüssel. Wer diesen General kannte, wusste, dass er dies alles auf eigene Faust tut. Die Regierung hat das weder gebilligt, noch hat sie selbst dergleichen angeordnet oder veranlasst, noch gehindert, sondern laufen lassen!"


   Der Russisch-Japanische Krieg bildete eine der bedeutenden Zäsuren des beginnenden Jahrhunderts, die weitgehend unerkannt blieb. Wilhelm II. gibt des Kaisers Einschätzung eines möglichen Krieges:


"Über Amerika hatte er Nachrichten aus Japan erhalten, die mit Gewißheit den Niederbruch der Russen voraussagten. Im Gegensatz zu seinem eigenen Generalstab rechnete er mit dem Sieg der Japaner. Aber auch der Zar erhoffte immer noch [einen] günstigen Kriegsausgang durch seine Waffen. Die deutsche Hilfsbereitschaft, die Kohlen für seine Kriegsschiffe nahm er dankbar an. Da England in den Kohleabgaben nahezu einen Bruch der Neutralität sah, obgleich Deutschland erklärte, sie nur bis in die Höhe von Madagaskar gewähren zu wollen, da England zum Schlusse deutschen Schiffen nicht mehr die Ausfahrt aus seinen Häfen gestatten wollte, wenn sie mit Kohlenvorräten den Geschwadern des russischen Admirals entgegendampfen wollten, so ließ ich in Petersburg anfragen, ob Rußland wenigstens dann zu Deutschland stehen wollte, wenn es eben der Kohlelieferungen wegen zu Konflikten käme. Graf Lambsdorff hatte alle Ursache, die Anfrage zu bejahen. Noch einmal wiederholte ich daraufhin mein großes Angebot. Aber wiederum bestand der Zar darauf, vor dem Abschlusse eines Kontinentalbündnisses erst Frankreich zu befragen. Abermals lehnte ich ab".


Das Deutsche Reich bewarb sich, in Konkurrenz mit Frankreich, um den möglichen Bündnispartner Rußland. Doch dieser sah nicht die Vorteile, die ihm das aufstrebende Deutschland bot. So zumindest lautete die Einschätzung Wilhelms II., der jedoch annahm, das Zarenreich werde erst nach erlittener Niederlage zum Bündnis bereit sein. Andererseits hatte England sich im Zusammenhang mit dem Doggerbank-Zwischenfall, und der Versorgung der russischen Flotte durch deutsche Kohledampfer auf der Kap Route, scharf gegen die weitere deutsche Aufrüstung zur See gestellt.


   Fürst Egon von Fürstenberg erläutert seine Eindrücke von König Eduard VII. von England, der für die politisch-militärische "Einkreisung" Deutschlands verantwortlich gewesen sein soll. Die wenig positiven Details zum Vorleben Eduards VII. in den europäischen Hauptstädten, ergänzt Fürst Fürstenberg durch die Bemerkung, der englische König habe


"den Aufstieg Deutschlands gesehen. Er sah die Gefahr, die für England daraus erwuchs. Er wollte für England tun, was er nur konnte. Da begann er Deutschland einzukreisen, überall spuckte er ihm in die Suppe.... Durch seine Persönlichkeit, durch sein Wissen, durch das was er im Leben gelernt hatte, hatte Eduard bald jenes wirkliche Weltkönigtum erreicht, dass die Sehnsucht Kaiser Wilhelm’s war und das ihm fehlte".


   Zugleich wird deutlich, wohin die Gedanken des deutschen Kaisers in dieser weltgeschichtlichen Phase schweiften. Der "natürliche" Drang zu immer grösseren Einheiten, komplexeren Strukturen und umfassenderen Ämtern liess die Phantasie ins Ungeahnte wachsen. Graf Monts belastet den Kaiser mit der Verantwortung für das "schlechte[n] Verhältnis zwischen Eduard von England und" Wilhelm II.

Wilhelm II.: " ‚falsch’[.] Er lese die Memoiren Lord Landsdownes darüber! Dem die Haare zu Berge [gestr.: ‚darin’] standen über die unerhörte Art wie Edu[ard]. VII. sich schriftlich über mich äusserte!"


   Monts geht weiter ins Detail:


"Ich erinnere mich, wie peinlich es war, als der Kaiser nicht wollte, dass bei seinem ersten Besuche in Wien auch der Prinz of Wales wäre. Wir bekamen ein Telegram, das S[eine].M[ajestät]. kein Zusammentreffen mit seinem Onkel wünsche."


Wilhelm II.: ‚weiss nichts davon’.


Prinz Reuss musste also wohl oder Übel zu Kalnocky gehen, der sehr feine Ohren hatte und auch die Andeutungen des Prinzen verstand. Kalnocky war die Sache auch nicht angenehm. Nun wurde Festetio a[r]larmiert. Auf seinem Gute am Plattensee wurden nun Jagden und alles mögliche arrangiert. Der Prince of Wales fuhr hin, aber Sie können sich denken, wie wütend er war. Das alles machte man, anstatt zu sagen: Umso besser, wenn der Prinz auch hier ist, dann sind wir eben drei im Bunde. Nun war ja auch der Prinz of Wales ein eigenartiger Herr. Aber er verstand seine Engländer. Er war geschäftstüchtig  [Unterstreichung Wilhelms II.: ´!´], wie es die alte Queen und schon gar die Kaiserin Friedrich war. Geld hatte er nie."


Wilhelm II.: ‚dann war er also nicht geschäftstüchtig’.


"Er war oft in Homburg und dann pflegte er immer 12 Herren zum Frühstück einzuladen. Durchreisende oder Herren, auf die er gerade Wert legte. Er lud sie zu sich ein ins Hotel. Das Essen war ausgezeichnet. Wenn die Herren aufbrachen, stand draussen der Maitre d´Hotel und präsentierte die Rechnung für das Kuvert. Die Queen war geizig. Sie gab ihm so gut wie gar nichts. Der Prinz of Wales gab vielen Grossindustriellen, Brauern, Leuten aus Südafrika die Ehre seines Besuches zu einem Frühstück. Er hatte einen Sekretär, der auch Posonby hiess, wie der jetzige. Dafür war eine Taxe. Das kostete 1 bis 2 Tausend


Wilhelm II.: ‚mir völlig unbekannt’.


Guinees. Nach dem Besuch kam Posonby, kassierte den Scheck ein und steckte ihn in die Brusttasche. Namentlich die Südafrikaner kostete das viel Geld. Die Engländer wussten das und fanden auch gar nichts dabei.


Wilhelm II.: ‚nie etwas davon gehört’.


Aber für den Kaiser, der so etwas nie gemacht hätte, waren das unmögliche Methoden


Wilhelm II.: ‚falsch, er wollte ihn u[nd] das gönnt mir Monts von Herzen!’.


Auch bei Kaiser Franz Joseph wäre das unmöglich gewesen. Einen Krieg mit Deutschland wollte König Eduard bestimmt nicht. Er wollte Deutschland kaltstellen, vor allem immer seinem Neffen eins draufgeben".


William Tyrell äussert sich zu König Eduards Versuch, Österreich vom Dreibund abzuwerben:


"Den Versuch König Eduard´s, Kaiser Franz Joseph in Ischl vom Bündnis mit Deutschland fortzubringen, kann ich nicht als authentisch betrachten.


Wilhelm II.: ‚Frechheit!’ – ‚absolut authentisch ich habe es vom Kaiser selbst’.

Aber wenn Kaiser Franz Joseph selbst dies erklärt hat, dann ist es wohl möglich.


Wilhelm II.: ‚freilich’.


 Es wird ein vorsichtiger Tastversuch gewesen sein; dass der König zu den Ministern nicht davon gesprochen hat, namentlich wenn der Versuch missglückte, ist selbstverständlich.


Wilhelm II.: ‚Jesuitisch-Britisches verklausuliertes Eingestehen!’


Es könnte also wohl so gewesen sein.


Wilhelm II.: ‚Unverschämter Brite’, - ‚Na also!’ ‚Wenn S[eine].M[ajestät]. K[aiser]. F[ranz].J[osef]. u[nd]. S[eine]M[ajestät]. K[aiser]. W[ilhelm].II. sagen[,] dass es so ist, dann ist das so! Mr. Tyrell hat dazu die Schnauze zu halten!’


   In Wahrheit, so äussert sich der Premier Asquith, sei der Dreibund ein "höchst künstliche[s] Gebilde" gewesen. Das habe schon Bismarcks Versuch einer Rückversicherung bei Russland gezeigt. Italien sei "niemals im Dreibund zu Hause" gewesen und habe "sich mehr und mehr" losgelöst:


"1902 schloß es [i.e. Italien] das Prinetti-Abkommen mit Frankreich; stimmte ständig gegen seinen deutschen Verbündeten auf der Algeciras-Konferenz 1906 und befand sich seit 1912 mit Österreich fast dauernd in hitzigen Disputen über Balkanfragen. Italien widersetzte sich in Wirklichkeit dem zynischen österreichischen Plan zur Zerschmetterung Serbiens nach dem Vertrag von Bukarest 1913. Österreich, selbst ein geographischer Notbehelf, hatte kein unabhängiges Gemeinschaftsleben und trieb im Kielwasser Deutschlands, das seinerseits mit all seinen großen Hilfsmitteln und noch größeren Möglichkeiten, seit dem Tode Bismarcks, das Genie der Führerschaft eingebüßt hatte".


Wilhelm II. merkt an:


"Ballin hat mir von einem Gespräch mit Sir E[rnest].Cassel berichtet. Dieser war von K[önig].E[duard].VII. zu ihm geschickt, um ihn zu bereden in der Colonialpolitik zu Englands Gunsten auf mich einzuwirken. Cassel deutete dabei an: ‚dass Ballins Stellung zu mir ja doch dieselbe sei, wie C[assel]´s zu E[duard].VII. les petites entrées, intime diners, Kartenspiel etc!’ Worauf B[allin]. antwortete: ‚S[eine].M[ajestät]. führt seine Colonialpolitik nicht nach den Interessen seines Portemonnaies, er speculiert auch nicht Colonial-Shares wie sein Herr Oheim. Mit S[einer].M[ajestät]. Vermögensverwaltung habe er nicht das Mindeste zu thun. Wenn aber Sir E[rnest].C[assel]. sich einbilde sein - B[allin]’s - Verhältnis zum Deutschen Kaiser entspräche demjenigen von C[assel]. zu K[önig].E[duard].VII.[,] dann befinde er sich in einem ‚dicken Irrtum!’ Der Deutsche Kaiser habe nicht die Angwohnheit[,] sich Aben[d]s mit ihm [z]u ein pa[a]r anderen Juden an den Spieltisch zu setzen u[nd] ihnen die Zechinen aus der Tasche zu holen wie sein Oheim. Wenn S[eine]. M[ajestät]. je so etwas ihm, B[allin]., proponiren sollte, dann würde er der erste sein[,] S[eine].M[ajestät]. zu antworten: ‚Nein E[ure].M[ajestät]. das geht nicht; das passt sich für E[ure].M[ajestät]. Oheim, aber nicht für Sie als den deutschen Kaiser, der darf so etwas nicht thun!’ C[assel]. habe ein äusserst verwundertes Gesicht gemacht  und sei sehr verlegen abgezogen.- Tyrell ist mir stets als verlogen u[nd]. verschlagen geschildert worden. Das hat er hier sattsam bewiesen!"


   Österreich dachte darüber nach, wie dessen Platz im Kreis der Großmächte zu sichern sei. Baron Kanya, der österreichische Gesandte in Berlin, berichtet, der Staatskanzler Aehrenthal habe "die Überzeugung" vertreten,
"dass irgend etwas geschehen müsse, um das Prestige des Dreibundes wieder zu heben, das durch die schlechte deutsche Politik der Jahre vorher vollkommen gesunken war. Es waren die Ausstrahlungen, hauptsächlich der Marocco-Politik".


Das war der Ansatzpunkt für die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich. Kanya klärt über den Entscheidungsprozes in Wien auf:


"Am 20. August 1908 trat ein Ministerrat zusammen, um zu beraten, was in der angedeuteten Richtung geschehen solle. Die Idee der Annexion stammte aber nicht von Aehrenthal, sondern von Burian. Aehrenthal selbst war entschlossen die Annexion trotz aller Konsequenzen durchzuführen, die er vollkommen übersah und die mit einer erstaunlichen Richtigkeit seiner Voraussage gemäss eintrafen.
Er kündigte den Sturm an, der sich erheben würde. ‚Aber lassen sie sich nicht beirren’, sagte er zu mir. ‚Schlagen Sie drein in der Presse, was Sie können. So scharf wie möglich’".


Die wichtige Grundüberlegung hinter der Aktion Österreichs bestätigte, dass nicht zuletzt Österreich - wie Deutschland - die Hand Englands ausgeschlagen hatte. Kanya berichtet:


"Aehrenthal war der Überzeugung, dass Russland keinen Krieg deswegen führen könnte. Russland war nicht fertig. Was die Jungtürken betraf, so hatte er vor, sie zu kaufen. Das hat er dann mit 50 Millionen getan. Was die Serben betraf, so war er entschlossen, mit Ihnen unter Umständen Krieg zu führen. Dann aber bekam er Sukkurs durch England, das Serbien zu den bekannten Erklärungen zwang. Mit König Eduard hatte er übrigens in Ischl 1907 eine Unterredung. Dabei hatte der König versucht, die Monarchie von dem Bündnis mit Deutschland wegzubringen. Aber Aehrenthal lehnte ab. Wir hätten damals natürlich Deutschland fallen lassen und mit England gehen können. Es ist also nicht ganz richtig, wenn die Deutschen später behaupteten, dass sie nur uns zu Liebe in den Krieg eintraten und dass wir auf sie angewiesen waren. Wir hätten 1907 die Angelegenheit auch anders führen können. Deutschland war mindestens so angewiesen auf uns, wie wir auf sie".


Die Disposition der Krise ergab sich mit "der Sandschak-Angelegenheit". Aehrenthal habe nun versucht,  "den Gegner wieder zu versöhnen, den man verletzt hat". "So entwickelte sich allmählich die Korrespondenz und die Unterhandlungen mit Iswolsky", berichtet Kanya. "Die geheime Korrespondenz, mit deren Veröffentlichung Aehrenthal schliesslich" gedroht habe, "bezog sich auf die Zusprechung der Dardanellen an Russland". „Die Details dieser Verhandlungen mit Rußland, die ja schließlich mitentscheidend für die Motive Rußlands wurden, schließlich einen Weltkrieg zu führen ein“, schildert Kanya:


"Aehrenthal war auf sie eingegangen, hatte aber dabei auf die anderen verwiesen, die mitzusprechen hätten, andererseits aber hatte er seine Wünsche formuliert. Schliesslich kam es zu der Entrevue von Buchlau. Die Angelegenheit wurde dort ohne Zweifel sehr ernsthaft durchgesprochen. Mit verschiedenen Kleinigkeiten hat aber Aehrenthal Iswolsky ohne Zweifel hineingelegt. Er erklärte, dass die Annexion ‚bald’ geschehen werde. Iswolsky fuhr nach Paris und wurde dort von Clemenceau fürchterlich angefahren, weil er erst mit den Feinden verhandelt hatte, bevor er mit den Verbündeten überhaupt gesprochen hatte. In London fiel er dann vollständig ab. Er war eitel. Er erwartete, dass er in den Grafenstand erhoben würde. Statt dessen musste er dem Zaren die vollzogene Annektion mitteilen. Iswolsky wandte sich in seiner Verzweiflung nunmehr an Bülow. Aehrenthal hatte vorausgesagt, das man eine Konferenz werde einberufen wollen. Auch Bülow war für eine Konferenz gewesen. Aber Aehrenthal war von Anfang an entschlossen, auf eine Konferenz unter keinen Umständen zu gehen. Da machte Bülow etwas, was ganz klug war, indem er Iswolsky auf seine Frage, was nun zu tun wäre, einfach sagte: ‚Nachgeben’".


In seinen Erinnerungen hat Bülow das falsch dargestellt. Von einem Ultimatum in Petersburg war gar keine Rede. Noch weniger davon, dass Bülow auch nur den geringsten Einfluss auf den Gang der Ereignisse gehabt hätte. Nicht er führte Österreich Ungarn, sondern Aehrenthal stellte ihn vor vollendete Tatsachen. Dass die Russen die deutsche Haltung als Aufreizung empfinden mussten, ist eine andere Angelegenheit.


Aehrenthal teilte Bülow den Beschluss der Annektion und den Termin der Veröffentlichung am 9. September mit. Ich selbst hatte das Schreiben abgeschickt. Bülow musste es am 10. September haben. Kaiser Wilhelm hat von der Annektion erst erfahren, als es alle wussten. Es ist also unbegreiflich, wieso Bülow ein Schreiben, das er am 10. September hatte, und dass eine so wichtige Angelegenheit enthielt, dem Kaiser überhaupt erst am Ende der ersten Oktoberwoche mitteilte. Dem Präsidenten der französischen Republik sollte die Mitteilung erst am 5. Oktober wie allen übrigen gemacht werden. Da der Präsident aber verreiste, wurde ihm die Mitteilung vom Grafen Khevenhüller um ein oder zwei Tage früher gemacht. Graf Khevenhüller hatte die Erlaubnis hierzu in Wien eingeholt".


Allgemein war Aehrenthal bewußt, "dass einmal die Auseinandersetzung mit Russland kommen würde...Er hielt sie für unvermeidlich, er hatte aber die Überzeugung, dass er - also Österreich-Ungarn - allein mit Russland und Serbien fertig würde".


   Von besonderem Interesse sind die Äusserungen des früheren Außenministers Jagow, der zunächst Holstein schildert, welcher "in der Annexionskrise [1908/09]...jede Nacht durch die Hintertür ins Kanzlerpalais" geschlichen sei. Holstein sei "damals für den Krieg" gewesen. Er habe auch alles getan "um es zum Kriege zu bringen". Jagow meinte ex post, Holstein habe "damals wohl auch recht damit gehabt".


   Graf Monts berichtet einige aufschlussreiche Details über Bernhard Fürst von Bülow:


"Bülow war 7 Jahre Gesandter in Bukarest gewesen, [dann] bevor er Kanzler wurde.


Wilhelm II.: "erst Staatssekretär des Äusseren!"


Er hatte eine beispiellose Suada. In Bukarest liess er in seinem Badezimmer die Wanne vollaufen und das Wasser rauschen und davor übte er sich im Reden. Er wollte das Wasser übertönen. Er dachte an Demostenes, der sich im Reden übte, indem er die Wellen des Meeres [zu] übertönen suchte. Das hat mir Alfred v.Bülow erzählt, der ebenso anständig war, wie sein Bruder unanständig. Bülow legte sich auch einen Buchmann zurecht. Er lernte alle Zitate auswendig. Damit schmückte er seine Reden aus. Als er seinen Schlaganfall hatte, verliess ihn sein Gedächtnis. Es war da mit seiner Redekunst aus. Er machte alles mit der Presse. Herrn von Holstein hat er gestürzt. Als ich Holstein einmal über seinen Sturz befragte, hielt er Tschirschky für den Urheber. Ich sagte ihm: ‚Nein, Bülow hat es getan’".


Wilhelm II.: ‚[N]nein! [E]er wollte nicht! Ich habe ihn mit Tschirschky gezwungen’, ‚das war falsch!’.


   Bülow habe "grosse Fehler und kleine Fehler" gemacht, behauptet dessen scharfer Kritiker Graf Monts. Wilhelm II. merkte knapp an: "wie Bismarck". Aber Monts hatte den "grossen Fehler,... die Ablehnung der englischen Annäherung" im Auge. "Ferner Marokko, endlich, dass er Aehrenthal carte blanche in Serbien" gegeben habe. Hintergrund dafür sei gewesen, dass "die Jungtürken...nicht daran gedacht" hätten, Wahlen auszuschreiben. Österreich-Ungarn" habe "in Bosnien und der Herzegowina ein Mandat" besessen. Da sei "viel mehr" gewesen, als eine Annektion. Aehrenthal, so berichtet Monts,


"wollte aber dem Kaiser Franz Joseph zwei Provinzen als Ersatz für Venetien und die Lombardei geben. Dafür wurde er Graf. Dafür gab er die Kontrolle über Antivari her, die Kontrolle an der Montenegrinischen Küste und im Sandjak. Ohne die Preisgabe des Sandjak hätte es überhaupt keinen Balkankrieg gegeben. Aehrenthal sah das falsch und Bülow hatte keine Ahnung von der Sache".


Wilhelm II.: ‚...und er sagte nichts und liess ihn reinfallen!’ Doch Monts fährt fort:


"Bülow hat auch eine ganz falsche Einstellung Italien gegenüber gehabt. Dass die englische Maltaflotte die italienischen Häfen bis nach Livorno hinauf kontrollierte, das begriff er nicht. Es ging ihm einfach nicht in den Kopf. Bei der Erneuerung des Dreibundes liess er sich ein Gutachten von Klenat ausarbeiten. Tschirschky und ich arbeiteten in ihm das Material durch. Wir kamen beide zu dem Resultat, dass der Vertrag nicht haltbar war, vor allem der unglückliche Paragraph 6, der dann auch zum Austritt von Italien führte. Aber Aehrenthal wollte unbedingt die Erneuerung. Die zweite Erneuerung hat Kiderlen hinter dem Rücken von Jagow und gegen meinen Willen durchgeführt. Wir haben [sie] Italien umfraktioniert. Wir erklärten, dass der italienische Botschafter in Wien die Erneuerung angeregt hatte und dass wir gerade [dar]auf eingingen"

.
Auch Wilhelm II. habe Italien falsch eingeschätzt. Monts sagt:


"Im Jahre 1912 war Schemua in Berlin. Er erklärte dem Kaiser[,] dass Tirol und Isonzo sehr gut gesichert waren. Und der Kaiser hielt das nicht für sehr wichtig. Noch im Jahre 1914 sagte er zu Conrad Hohenlohe: ‚Sie werden ja gesehen haben, wie gut wir uns mit Italien stehen. Der Irredentismus ist eine Erfindung meines früheren Botschafters in Rom".


Wilhelm II.: ‚gelogen!’


   Raschdau charakterisiert Bülow als "Schmeichler". Er habe "dem Kaiser immer einzureden" versucht, "dass die ganze Erde ihn als ‚arbiter mundi’" betrachte. Eulenburg habe "dem Kaiser viel haeufiger die Wahrheit" gesagt. Wilhelm II. merkt an: "ja". Bülow sei "ueber das Nachlassgesetz 8 Monate nach der Novemberkrise gestuerzt. Aber der Kaiser" habe "noch wiederholt bei ihm gespeist". Dazu ergänzt Wilhelm II.: "Graf Hertling sagte mir mal ganz stolz: ‚Ich habe Bülow gestürzt, weil er log’".


   Tyrell beurteilt den mässigen Zuschnitt der deutschem Botschafter in London äusserst realistisch. Er ergänzt:


"Mit Metternich - auch er war faul - ging es ganz gut. Bis er nach Berlin ging. Dort wurde er von Tirpitz aufgehetzt. Wer [Streichung] wirklich [ergänzt: "etwas"] verstand, war Graf Hatzfeldt".


   Asquith gesteht zu, England habe sich "durch den Wiederaufbau" der "Armee und durch reichliche Vermehrung" der Flotte "auf die schlimmsten Eventualitäten" vorbereitet. Demnach war das eine Art Kriegsvorbereitung seit 1906?

Bernd F. Schulte(c)

Reichsfernsehen 1932: Diskutieren im Stil einer Fernseh-Talk-Show. Die Handelnden von 1914, und deren Bild vom Entstehen des Ersten Weltkrieges.

 

Teil III: Deutsche Taktik.

 

Tirpitz: der "Vater der Lüge"*.

  Grundsätzliche Differenzen verhinderten den deutsch-englischen Ausgleich. Während das Reich definierte Garantien der englischen Unterstützung in solchen Teilen der Welt forderte, in welchen dessen Interessen weniger bedeutend waren - vor allem in Mitteleuropa - forderte England Unterstützung im Fernen Osten, wo Deutschland nur geringe Interessen besass. Doch die deutsche Regierung verstand nicht die Folgewirkungen der englischen Haltung. Ein Abkommen über solche Regionen, in denen britische Interessen bedeutend waren, schien möglich, jedoch kein Militärbündnis über Zentraleuropa, weil es keinerlei Bedrohung gab, die ein derartiges Abkommen rechtfertigen würde.

   Tirpitz unterstreicht, zum Aufbau der deutschen Flotte gehörte die

"Geschichte mit Mani[l]la und den[m] Admiral Dieterichs. Ferner die Geschichte mit den portugiesischen Kolonien 1897. Dann die Sache mit dem Weltmarschall, dem Sü[h]neprinzen und dem verunglückten Kotau. Die Deutschen und die Österreicher, zur Not noch die Italiener gehorchten Waldersee. Die anderen  machten alle, was sie wollten.

Wilhelm II.: ‚Unsinn!’

Es war ein grosser Fehler, Deutschland in den Vordergrund zu schieben, weil unser Botschafter Graf Kettler so dumm war...

Wilhelm II.: ‚Monts war ja sein Dozent gewesen! Er that seine Pflicht’.

...sich totschlagen zu lassen. Denn man hatte ihn gewarnt, doch er hat erklärt: ‚Mir kann als Botschafter nichts geschehen’

Wilhelm II. greift ein:

"Jetzt weiss ich, wo eine der [gestr.: ‚falschen’] Quellen steckt, von, der die fabelhaften Lügen über mich verbreitet werden! Das ist Monts mit seinem Gequatsche!"38

   Monts verwahrt sich grundsätzlich dagegen, Tirpitz sei der Schöpfer der deutschen Flotte gewesen. Er merkt an:

"Tirpitz tut immer so, als ob er die deutsche Flotte geschaffen [hätte]. Keine Spur davon".

Vielmehr hätten Admiral Werner, sein Vetter Graf Monts, der Bruder des Grafen Waldersee - "der jung gestorben...und sehr begabt" gewesen sei - endlich St. Paul[i]-Hilaire, der spätere Hofmarschall des Prinzen Adalbert", die Initiative ergriffen und seien um die Mitte des 19. Jahrhunderts nach England gegangen. Dort seien sie "viele Jahre" geblieben und hätten "dann den Grundstein zu der Flotte" gelegt. "Ein See-Offizier[s]corps" sei "auch nicht in 10 Jahren ausgebildet".Monts betont: "Es gehören 40 Jahre dazu".

Der Diplomat ergänzt, Tirpitz habe der Kaiserin keinen Aufstand eingeredet, der stattfände, wenn das Flottengesetz nicht verabschiedet würde, sondern

"er redete ihr ein, dass die Dynastie gefährdet sei, so sehr sei der Flottengedanke im Volke verwurzelt".

Augusta Victoria habe "den Kaiser damit schrecken" sollen. Wilhelm II. merkt dazu an:

"gelogen! niemals hat Ihre M[ajestät]. mir sowas mitgeteilt"39.

   Im Februar 1900 kündigte Tirpitz im Reichstage an, daß siebzehn Linienschiffe in sechs Jahren gebaut würden. Das war die offene Attacke auf England und die Welt veränderter. Es traf zu, wenn betont wurde,

"nur der Admiral von Tirpitz und der neue Reichskanzler Graf Bülow glaubten, daß sie ihr eigentliches Wollen so geschickt hinter einem Wort und einer Spiegelfechterei verkleidet hätten, daß England den versteckten Sinn nicht begriff"40 (Hervorh.v.m., B.S.).

Exakt dies traf zu.

   Tirpitz kommentiert weiter Details der Entrevue von Björkoe. "Der Admiral des Atlantik grüsst den Admiral des Pacifik" sei das Motto dieses Gesprächs zwischen Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. gewesen. Der Kaiser habe sich dabei "sicher nichts" gedacht, meint Tirpitz. Vorgeblich habe er, Tirpitz, bereits in Stettin den Kaiser vor einer solchen Aussage gewarnt, da der Zar diese "sofort Lambsdorff geben würde". Und was dann geschehe, könne man sich ja denken. Noch in Reval habe ihm der Zar versichert: "Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich Deutschland nie den Krieg erklären werde"41.

Erneut unterstreicht der Flottenspezialist seine Position, einer engen Anbindung an Russland, als Basis jeglicher Konfrontation mit England. Auch legt er ex post nahe, Deutschland habe einen Krieg nicht benötigt, habe warten können bis sich die bedeutendere Industriekraft des Reichs auswirken würde. Indem Tirpitz Differenzen mit dem Kaiser betont, teilt er zugleich mit, dass im Jahre 1906 Streit zwischen dem Kaiser und dessen Berater über die Höhe der Flottenforderungen aufgetreten sei. Dies erscheint von Bedeutung, war doch - im Gefolge der ersten Marokkokrise - die mangelnde Kriegsbereitschaft der deutschen Armee und Flotte offenbar geworden. Tirpitz führt aus:

"Es gab [dann] bisweilen ‚ein Stadium der leichten Ungnade’, was für mich das Beste war.

Wilhelm II.: ‚besonders wenn er mich belogen hatte’.

1906 war eine Misstimmung da, weil ich nicht genug für die Flotte verlangte. Da gab es einen richtigen Krach. Mir lag natürlich viel an der ‚Flotte’, die ein Faktor war. Die rapide Entwicklung unserer Wirtschaft, war freilich eine grosse Gefahr für Deutschland. Stahl ist immer ein Barometer in diesen Dingen. Wir waren weit voraus. Aber im ganzen waren der Kaiser und ich immer einer Meinung über die Flotte. Die Stadien der Ungnade kamen immer wieder, wenn er selbst mit eigenen Dingen kam. Er kam mit neuen Konstruktionen zu denen er sich irgend einen düsteren Techniker herausgeholt hatte.

Wilhelm II.: ‚falsch! er ärgert sich, dass er die Erfindung nicht gemacht hatte’). Ich aber trug die Verantwortung. Ich hatte einen hochausgebildeten Stab herangezogen. Da gab es dann Konflikte"42.

 "Nicht nur der Kanzler, auch der Staatssekretär des Marineamtes, Admiral von Tirpitz, gedachte die allgemeine Erbitterung der Öffentlichkeit gründlich auszunutzen [nachdem diese zuvor geschaffen wurde, B.S.]. das Flottengesetz nannte er bereits gesichert. Er trank ein Glas Sekt auf die Beschlagnahme der deutschen Schiffe [Postdampfer-Affaire]". Wilhelm II. habe sich seit Herbst 1895 der Flotte zugewandt. Seit Peter Winzen wissen wir, daß Wilhelm II., Tirpitz und Bülow 1891, im Kieler Schloß, den Aufbau einer Flotte beschlossen.  

 

Marokko I: "Das passiert mir nie wieder!"

   Tyrell enthüllt:

"der Marokko-Vertrag ist in Berlin gemacht worden. Alles, was sich seit 1900 ereignete, hat Berlin gemacht. Es war ‘notre Bureau de Marriage’43 (Hervorh.v.m., B.S.).

   Kühlmann geht in seinem Einwurf weiter zurück, geißelt die Kontinuität des Unverständnisses, angesichts der sich wandelnden internationale Lage, in Berlin und zeichnet ein differenzierteres Bild der französischen Aussenpolitik Delcassés:

"Als England an die Ordnung des Egyptischen Problems ging, versuchte er  aus seiner Isolierung irgendwie heraus zu kommen und eine Anlehnung an eine Kontinentalmacht sich zu sichern. In Deutschland hat man das nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. Man hat mit geistvollen Phrasen herumgeworfen und in den Gleichnissen von Wa[a]lfisch und Elefant gesprochen, die man an einander geraten lassen wollte, ohne sich selbst zu binden. Auch der alte Bismarck übersah oder verstand die ganze Situation nicht. Er war eben nicht mehr ein Mann von 45. Die anderen bildeten sich weiss Gott was auf die Feinsinnigkeit ihrer Gleichnisse ein. Die Folge war, dass sich England inzwischen mit Frankreich arrangierte. Da es Egypten nahm, überliess es Marocco der französischen Einflussphäre. Das geschah im Jahre 1904. Delcassé hatte die Empfindung, dass er bei dieser Neuordnung uns nicht ganz übergehen könne und klopfte vorsichtig bei Herrn von Radowitz an. Man hielt das wieder für eine Falle und es wurde nichts daraus. Ich war um diese Zeit aus Persien zurückgekommen und kurze Zeit in London. Es liess mich Herr von Holstein kommen und schickte mich nach Tanger. Ich hatte das Gefühl, dass aus dem Marocco-Abkommen zwischen England und Frankreich sehr viel für uns herauszuholen wäre, indem wir uns die Zustimmung zur Neuordnung möglichst teuer abkaufen liessen. Ich organisierte in Tanger einen ganz regelrechten Dienst zur Realisierung dieser Idee. Als der Kaiser auf eine seiner Mittelmeerreisen ging, inspirierte ich den Korrespondenten der Times, den Vertreter der Agence Havas und der Kölner Zeitung eine Depesche, in der es hiess, dass alles in Marocco von ihm erwartete, dass er Tanger anlaufen werde. Von Herrn von Holstein bekam ich ein Telegram, dass die Depesche zwar nicht werde veröffentlicht werden, dass man sich aber vorbehält, der Stimmung, die aus dieser Depesche spräche Rechnung zu tragen. Unter dem Druck dieser Angelegenheit und unter dem Drucke Bülows kam der Kaiser wirklich nach Tanger. Die Franzosen, mit denen ich sehr gut war, tranken damals auf ´la bonne guerre´. Von da ab ruhte die Marocco-Angelegenheit nicht mehr"44 (Hervorheb.v.m., B.S.)

Der Kaiserbesuch in Tanger habe

"in Frankreich eine grosse Welle der Angst erzeugt, weil man darin Vorboten kriegerischer deutscher Pläne gegen Frankreich sah, weil Frankreich schlecht geführt war und Russland durch die Nachwehen des Mandschurischen Krieges ausschied" (Hervorh.v.m., B.S.),

berichtet Kühlmann und geht noch weiter:

"Eine Politik, die sehr rasch zugegriffen hätte, hätte in positiven Abmachungen Erfolg gehabt, denn der Sturz Delcassés und das Kommen von Rouvier war eine Erklärung der Verhandlungsbereitschaft. Aber Holstein versagte" (Hervorh.v.m., B.S.).

   Wilhelm II. hält diese Aussage für zentral und warnt vor Krieg. Der Monarch zählte in Berlin zu den Tauben. Kühlmann behauptet, er habe "eine Politik erfunden", was Wilhelm II. mit der Bemerkung beantwortet: "na na?" Der Monarch stimmt Kühlmanns Kritik der Holsteinschen Politik zu. Der Diplomat erläutert:

"Als Herr v[on]. Holstein gegen Frankreich im Herbst aggressivere Absichten hatte, sagte ich: ‚Man kann doch nicht die Angst der Franzosen, die im Frühjahr frisch genossen ein  bekömmliches Getränk ergeben hätte, im Herbst auf Flaschen gezogen kalt geniessen’. Die Franzosen hatten in der Zeit von Tanger bis zu den Verhandlungen unmittelbar vor Algeciras die Zusicherung Englands erhalten, dass England im Kriegsfalle Frankreich beistehen würde".

Wilhelm II. merkt an: "richtig" [erste Unterstreichung] und fügt bestätigend hinzu: "ja" [zweite Unterstreichung]. Kühlmann betont, dass er "Holstein mehr und mehr im Sinne einer aktiven Politik beeinflussen" wollte. Er sieht:

"Immer in dem Sinne: Deutschland wird einen Bruch des Madrider Vertrages nicht dulden. Es besteht auf seinem Rechte, dass der status quo in Marocco gewahrt bleibt, bis wir die Zustimmung zu einer Veränderung geben".

Verschiedene Warnungen an Paris, die von Kühlmann ausgegangen seien, sollen schließlich dazu geführt haben, dass Delcassés "falsche[,] dem Ministerium gegenüber eingenommene Stellung", für dessen Sturz verantwortlich geworden sei.

Wilhelm II. erwähnt hier den "Fürst[en] v[on]. Monaco".

Über "den Korrespondenten der Kölnischen Zeitung in Tanger" habe er für die Landung des Kaisers plädiert. "Dann drängte Bülow[,] und vor allem Holstein[,] darauf, dass der Kaiser landen sollte“, berichtet Kühlmann. Schließlich habe ihn ein Telegramm Bülows erreicht, die Landung des Kaisers in Tanger sei der Öffentlichkeit bekannt geworden. Darin sei Kühlmann dafür verantwortlich gemacht worden, "dass der Kaiser nun auch wirklich in Tanger lande".

Kühlmann legt die innen- und personalpolitischen Wirkungen der Marokkokrise offen. Darüber hinaus erklärt er den Zusammenhang zwischen der Marokkokrise 1905, in deren Verlauf der Krieg verschoben wurde, und der schliesslichen Bereitschaft des Kaisers, den formalen Mobilmachungsbefehl 1914 zu unterschreiben:

"Die Maroccopolitik führte:
1.) zum Sturz Holsteins.

2.) zum Niederbruch Bülows. Er wurde im Reichstage als die Debatte über Marocco einsetzen sollte, bekanntlich ohnmächtig. Ich bin überzeugt, dass er diesen Ohnmachtsanfall fingiert hatte. Er war eine ganz charakterlose Puppe .

3.) zu der Campagne, die Holstein nach seinem Sturz durch Harden führen liess gegen die Umgebung des Kaisers und gegen den Kaiser selbst.
4.) dazu, dass die Schuld für die angeblich schwächliche Politik Deutschlands in der Marokko-Frage vollkommen auf den Kaiser gewälzt wurde, dessen persönlicher Mut angezweifelt wurde. Ganz offen konnte man hören: ‚Der ist überhaupt nie in den Krieg zu bringen.’ Man nannte den Kaiser einen Chlappier, der von keinem vor die Klinge zu bringen war. Das war von entscheidendem Gewicht in der Krise 1914. Der Kaiser sagte ungefähr: Das passiert mir nie wieder. Wenn es hart auf hart geht, werde ich zeigen, dass ich auch beissen kann."45 (Hervorh.v.m., B.S.).

   Botschafter Baron von der Lancken berichtet zum Entscheidungsprozess in der Reichsleitung vor dem Hintergrund der ersten Marokkokrise, der Generalstabschef Schlieffen habe für den Krieg mit Frankreich votiert. Von der Lancken führt aus:

"Holstein war in der Marokkokrise für den Krieg mit Frankreich. Er wurde von Schlieffen geschoben. Schlieffen vertrat den Standpunkt: ´Wenn die Franzosen nicht nachgeben wollen, so lassen wir sie gegen uns anrennen. Sie laufen ja direkt in unsere Gewehre´"46 (Hervorh.v.m., B.S.).

   Graf Monts ergänzt diese Darstellung des Holsteinschen Kalküls in der Frage des Kriegsentschlusses. Das Reich habe sich durchaus in einer starken Position zwischen den Mächten befunden. Holstein habe bereits zu diesem Zeitpunkt das Bündnis mit England gewollt. Monts entwickelt:

"In Bezug auf Marokko wollte Holstein den Krieg. Das war für ihn, so wie für Bismarck einmal die spanische Kandidatur ‚die mündliche Sache’. Mit England konnte es zu einem Kolonialabkommen und Neutralitätsbündnis kommen. Ungefähr in der Art, wie es dann mit Frankreich eines geschlossen hat. Holstein wollte das Bündnis mit England. Aber er hielt die Situation nicht für bündnisreif. Japan war nicht dagegen. Russland stand mit gebundenen Händen da (Hervorh.v.m., B.S.).

Wilhelm II.: ‚und wie! Die 3.grösste der Welt aber keine Kriegsflotte’.

Ein englischer Hass bestand noch nicht. Vielleicht ging England mit. Der Krieg war mathematisch für uns. Wir hatten keine Handelsflotte. Die politische Konzeption war jedenfalls richtig. Bülow ging in dieser[n] Gedankengängen so lange mit, wie er sich damit Triumphe holen konnte. Die Folge war der Sturz Delcassé[s]. Er selbst wurde Fürst" 47 (Hervorheb.v.m., B.S.)

   Bülow habe "die Franzosen natürlich" gereizt, wirft von der Lancken ein, und, "als es dann dazu" gekommen sei, "dass die Angelegenheit ausgetragen werden sollte, dann schwenkte er ab"48. Graf Monts konkretisiert:

"Bülow wollte 1905 den Krieg mit Frankreich.

Wilhelm II.: ‚?’.

Er wollte schon damals durch Belgien gehen. Das hat er auf seinem Gewissen. Er hatte keine Ahnung von England...,

Wilhelm II.: ‚richtig’.

...von der Macht dieses Landes und der Macht seiner Moral. An Russland sah er nicht die Tonfüsse des Kolosses, Oesterreich-Ungarn mochte er nicht. Dagegen hatte er eine Affenliebe zu Italien. Von innerer Politik verstand nichts. Er half sich überhaupt durch, indem er redete. Im Anfang seiner Kanzlerschaft fragte ich ihn, wie er sich sein Amt dachte. Er erklärte, dass er hoffe, über die Zwischenspanne von Wilhelm I. bis zum Nachfolger Kaiser Wilhelms II, das Reich durchzulavieren. Dann würde er wieder gehen...Von Wirtschaft verstand er nichts. Er fragte mich einmal im Ernst, was Prioritäten seien" (Hervorh. v.m., B.S.)49.

   Scharf kritisiert Kühlmann den Vertrag von Algeciras, der "ein Machwerk" gewesen sei. Der Diplomat verschärft: "In Wirklichkeit siegten die Franzosen, denn die Frage des Kernproblems mit der Polizeigewalt haben sie zu ihren Gunsten gelöst"50. Kühlmann wurde aus Tanger verdrängt und suchte an anderem Platze eine politische Einigung mit Frankreich zu fördern. Zusammen mit dem französischen Gesandten in Tanger bereitete er dies von Paris aus vor. Mit Graf Cherrisé vereinbarte Kühlmann, für die "grosse[n] Interessen und grosse[n] Rechte" des Reichs in Marokko sei dieses zu entschädigen. Kühlmann plädierte für den Konferenzweg und gab vor, dort ein "Scheingefecht" zu liefern, das mit dem Mandat und der Polizeigewalt für Frankreich in Marokko enden würde. Eine Duldung von Seiten Deutschlands, erst nach zwei Jahren, werde das Ergebnis bilden. Andererseits erhalte

"Deutschland den französischen [Kongo] und das Vorkaufsrecht auf den belgischen Kongo. Graf Cherrisé fand diese Bedingungen durchaus annehmbar und sagte mir: ‚Ich werde mit meinen Freunden sprechen und Sie werden mit ihren Freunden in Berlin reden und wenn sie einverstanden sind, werden wir einen Geheimvertrag machen’".

   Kühlmann traf dort auf "Herrn von Radowitz". Dieser habe ihn umarmt und "die Lösung die glücklichste des Problems" genannt. Doch war ein Ausgleich mit Frankreich offenbar nicht das Ziel Berlins. Kühlmann offenbart:

"Dann gingen wir zu Herrn von Holstein. Radowitz sprach ein paar einführende Worte. Dann hielt ich meinen Vortrag. Herr von Holstein hörte ihn eiskalt an, sagte dann, was er immer sagte in solchen Fällen: ‚Ich kann das nicht entscheiden. Ich muss das Auswärtige Amt befragen’. Am nächsten Tag kamen wir beide wieder. Ich fragte, was ich dem Grafen Cherrisé depeschieren sollte. Holstein nannte die Sache gefährlich. Ich telegraphierte dem Grafen Cherrisé ab. Holstein liess mich noch einmal kommen und sagte mir: ‚Ich habe Sie jetzt empfangen, damit Sie sehen, dass ich Ihnen Ihre Opposition nicht nachtrage. Sie werden nach Washington gehen. Dort haben Sie ein neues  Betätigungsfeld weit ab vom Schuss’".

Als Wilhelm II. seinem Kanzler nach der Rückkehr von der Tangerlandung befragte, äußerte dieser, er habe diese "für seine Politik" benötigt.

"Eure Majestät habe ich den Franzosen als Fehdehandschuh hingeworfen. Ich wollte sehen, ob die Franzosen mobilisieren werden" (Hervorh.v.m., B.S.).

Dem Kaiser  habe "erst die Antwort" versagt. Wilhelm II. war nun klar: Der Kanzler wollte also den Krieg". Der Monarch bezog Stellung gegen Krieg, und damit gegen seinen Kanzler. Er wollte keinen Krieg mit England, und auch nicht mit Frankreich. Selbst die Franzosen träumten nicht davon. Doch Bülow, so Wilhelm II., habe immer wieder mit dem Krieg geliebäugelt. Konferenzgedanke hin oder her, auch Holstein sei "zu kühneren Absichten" gekommen. Es wird berichtet:

"Der Chef des Generalstabes Graf Schlieffen beeinflußte ihn. Der General dachte noch weit mathematischer als der ewige Mathematiker Baron Holstein. Rußland konnte sich im Augenblick nicht rühren. In fünf oder zehn Jahren waren seine japanischen Erlebnisse verwunden. Dann stand vielleicht eine russische Armee an den deutschen Ostgrenzen. England konnte 100000 Mann, von denen Delcassé so viel und so vertraulich sprach, daß die deutschen Agenten die Meldung schließlich nach Berlin gaben, den Franzosen in einem Kriege wegen Marokko wirklich zu Hilfe schicken. Aber der Zuwachs hatte, wie die Dinge in der Gegenwart lagen, trotzdem nur wenig zu besagen. Der Generalstabschef war für die gründliche, rascheste Klärung des Verhältnisses zu Frankreich: mit den Waffen. Keinen Weltkrieg in zehn oder zwanzig Jahren, sondern so gründliche Ordnung sofort, daß es danach keinen Weltkrieg mehr gab. Frankreich sollte herausgefordert werden. Bis es zu den Waffen greife mußte.
’Wenn die Franzosen nicht nachgeben wollen’, führte Graf Schlieffen dem Geheimrat aus, ‚so lassen Sie sie gegen uns anrennen! Sie laufen ja in unsere Gewehre’--"51 (Hervorh.v.m.,B.S.).

   Offenbar ging es Holstein nicht so sehr darum. Eher hatte das  Auswärtige Amt im Auge, durch Pressionen die Franzosen in Unruhe zu versetzen. Doch Holstein verpasste auch den Moment, in Marokko und auf kolonialem Gebiet zu punkten. Eher ging es darum, Unruhe in der Staatengesellschaft zu verursachen und so einen diplomatischen Erfolg zu erzielen. Ein Ausgleich mit Frankreich rückte in unansehbare Ferne52. Auch der französische Außenminister Delcassé, der Begründer der Entente mit England, steuerte einen Konfrontationskurs. Er war bereit, den Krieg mit Deutschland auf sich zu nehmen. Doch weder Armee, Regierung oder französisches Volk folgten ihm. Stolz erfüllte schliesslich Bülow, der den "Skalp" Delcassés erntete. Fürst Albert von Monaco habe, so die Information des Kaisers, seinem Wunsche entsprechend, den Ausgleich mit Frankreich gefördert. Tatsächlich sei des Kaisers Einfluß dafür verantwortlich gewesen, dass der vom Kanzler anvisierte Krieg nicht eingetrat53. Hiess das, Deutschland wollte um Marokko eine europäische Krise, oder gar einen Krieg, entfesseln? Kühlmann vermittelt den Eindruck, Holstein sei auf die "Phrasen vom Gleichgewicht" abonniert gewesen. Auch habe der Kaiser in Vigo das deutsche Desinteresse an Marokko erklärt. Wilhelm II. kommentiert: "Ich kann mich nicht erinnern, es gesagt zu haben". Zum Sturz Delcassés, und den Anmerkungen Kühlmanns notiert der Kaiser: "Der Fürst von Monaco hat dabei mitgewirkt"54.

   William Tyrell ergänzt:

"Delcassé konnten wir nicht halten. Wir haben ihm nie eine Unterstützung in konkreter Form angetragen. Die Angelegenheit der 100.000 Mann stammt von Admiral Fisher. Er hat davon gesprochen. Fisher war so eine Art Tirpitz. Die Franzosen hatten eine Unterstuetzung auch gar nicht erbeten.

Wilhelm II.: ‚faule Ausrede! Auf einen Admiral wär der schlaue Delcassé nicht hereingefallen’.

König Eduard schickte einen Beauftragten zu Admiral Fisher: ‚Sagen Sie ihm: Sie sind verrückt! Das duerfen Sie nicht sagen!’ Der Herzog Albrecht von Schleswig-Holstein hat da auch viel Unfug gemacht. Er war viel in England und erzaehlte so unverantwortliche Dinge als ernst in Berlin.

Wilhelm II.: ‚aber vorbereiten und thun, u[nd]. das wusste Delcassé’.

Rouvier wollte und sollte Praesident der Republik werden, wenn er die Verstaendigung mit Deutschland zusammengebracht hatte. Er sagte zu Radolin: ‚Ich gebe Ihnen die vollstaendige Deutsch-französische Verstaendigung. Die Entente ist damit ausgeloescht’. Aber Bülow bestand darauf, dass er in der Kammer den Friedensvertrag von Frankfurt akzeptieren sollte. Radolin war ein fuer uns sehr gefaehrlicher Botschafter in Paris. Da hat man ihn fortgerufen“55.

   Jedenfalls entscheid sich Großbritannien für den Ausgleich mit Russland. William Tyrell erläutert:

"unser Vorgehen in Persien war eine Versicherung [Wilhelm II.: ‚von’] Indien. Es war eine Verstaendigung mit Russland [Wilhelm II.: ‚über’][gestr.: ‚in Persien’] Persien, wo [gestr.: ‚wir’] [Wilhelm II.: ‚bis’] immer krachte [Wilhelm II.: ‚hatten’]. Persien spielte immer den einen gegen den anderen aus. Wir aber sagten: Wir wollten keinen Krieg, den  ihr uns  macht. Dazu kam die deutsche Gefahr. Deshalb haben wir uns ueber den Kopf der Perser hinweg[,] die uns gar nicht als Land interessierten, verstaendigt.

Wilhelm II.: ‚Oel! Nicolson von der jetzt Carnock zugibt, dass sie niemals bestanden hat’.

Ein geheimes Abkommen mit Russland existierte nicht und hat nie existiert. Deshalb hat man es auch in den Roten Archiven nicht finden koennen. Wir hatten auch mit Frankreich nur eine Entente.

Wilhelm II.: ‚Kein Beweis! siehe ‚Gentlemanagreement!’

Das hat uns Frankreich auch schwer zum Vorwurf gemacht. Wir haben gegen Deutschland, als wir sahen, dass es unser Feind war,...

Wilhelm II.: ‚wie denn?’ ‚Ausrede?!’

...eine Versicherung geschlossen. Wir haben alles fertig[t] gemacht,..

Wilhelm II.: ‚Militair-Convention’.

...damit die Versicherung wirksam sei. Es ist auch nie ein Bund mit Russland vorgeschlagen worden.

Wilhelm II.: ‘Marine-Convention. Agreement’ (Hervorh.v.m., B.S.).

Das ist eine a[b]solute Luege. Keine englische Regierung haette das tun koennen.

Wilhelm II.: ‚Wortklauberei’.

Die oeffentliche Meinung haette das nie angenommen. Es ist also absolut erfunden,...

Wilhelm II.: ‚Demarche 1914! Gentlemanagreement in der Wirkung genau dasselbe wie ein Bund!’

...was der Zar an Kaiser Wilhelm schrieb, dass auch ihm ein Buendnis von England angeboten worden sei.

Wilhelm II.: ‚König E[duard].VII. Der Zar [Nikolaus II .] hätte eine solche gefährliche Lüge, die verifiziert hätte werden können, nicht geschrieben. Dazu war er zu vorsichtig’."56

   Vier Wochen nach dem Untergang der russischen Flotte bei Tsuschima konkretisierte Wilhelm II., auf der Fahrt von Hernösand nach Björkoe, seine Vorstellungen zu einem Bündnisvorschlag für den russischen Zaren. An Deck der "Hohenzollern" auf und ab schreitend, entwickelte er dem Vertreter des Auswärtigen Amtes von Tschirschky:

"1. England steht hinter Japan.
  2. Frankreich verweigerte der russischen Flotte jede Hilfe auf ihrer Ausfahrt.
  3. Bedenkliche Gärung im russischen Volk und Heer über die Niederlagen in dem sehr unpopulären Krieg, die
  4. S.M. persönlich und seiner Dynastie gefährlich werden konnte;
  5. also mußte dem völlig vereinsamten Zaren Zuspruch, Trost und Stärkung zuteil [werden] und die Möglichkeit geboten werden, eine     Stütze in der Welt zu finden.

  6. Diese konnte nur durch Deutschland angeboten werden, da wir die Einzigen waren, die eine sehr ‚wohlwollende bis an die Grenze       des Möglichen’ gehende Neutralität Rußland gegenüber geübt hatten (Bekohlen der ausfahrenden Flotte durch Ballin), auf Grund             derer die Flotte überhaupt nur im Stande war, den fernen Osten zu erreichen".

Vor Björkoe: der Zar "sah verträumt vor sich hin, da der Kaiser seinen eigenen Traum von dem großen Kontinentalblock der Zukunft vor ihm aufbaute. Er sprühte vor Haß, wenn der Begriff ‚England’ fiel. England hatte selbst bei dem verbündeten Frankreich erreicht, dass es den Bundesgenossen in höchster Gefahr im Stich ließ"57.

   Wilhelm II. sah sich am Ziel. Frankreich würde dem deutsch-russischen Bündnis beitreten. Damit werde der englische Einfluss auf dem Festland zurückgedrängt. Björkoe schien dem Kaiser zu einem neuen „Rückversicherungsvertrag“ zu werden. Ein Krieg Russlands mit England in Ostasien machte den sehr schwierigen Vorstoss auf Persien und Indien möglich. Dieser würde englische Truppen binden. Deutschland würde die Ostseeküste und die Hauptstadt Petersburg decken. Deutschland seinerseits allerdings keine russische Unterstützung im Kampf mit England erhalten. Das hiess: kein Marsch auf Indien. Höchste Sicherheit schien für das Reich erreicht. Bülow wollte jedoch den Marsch der russischen Armee auf Indien. Ohne diesen schien ihm das Abkommen nutzlos. Doch Wilhelm II. befragte Schlieffen. Dieser hielt die Idee, England in Indien anzugreifen, für Unsinn. "Was wollen wir denn mit unseren Truppen in Indien anfangen?" rief Schlieffen. Doch selbst Abänderungen des Vertrages torpedierte Holstein in der zweiten Jahreshälfte 1905 durch erneute Anfeindungen Frankreichs58.
 

 

Bernd F. Schulte(c)

Reichsfernsehen 1932: Diskutieren im Stil einer Fernseh-Talk-Show.

Die Handelnden von 1914, und deren Bild vom Entstehen des Ersten Weltkrieges.

Teil II

 

Wilhelm II.


Der Kaiser, und seine Politik, werden bislang in der Geschichtsschreibung hemmungslos überschätzt. Das mag darin begründet sein, das Wilhelm II. derart unzulänglich war, dass der deutsche Anteil an den Geschehnissen, welche zum Ersten Weltkrieg führten, durch die überbordende Darstellung der Rolle des Monarchen im deutschen Führungszirkel, gemindert werden konnte. Dilettantismus regierte allenthalben. Der 1926 entlassene Chef der Reichswehr, Seeckt, berichtet:
"Bei der Szene mit Waldersee und dem Kaiser bei den Manövern in Schlesien im Jahre 1890...

 

Wilhelm II.: ‚richtig’.

...war ich selbst dabei. Ich war in seinem Stabe. Der Kaiser kommandierte das V. Korps.

Wilhelm II.: ‚Seine Aufgabe war eine Falle!’

Mein Vater - das VI. Der Kaiser teilte seine Truppen und mein Vater griff erst die I.Division an und schlug den Kaiser.

Wilhelm II.: ‚ich schlug den einen Flügel des VI.A.C. dafür. das gli[c]h sich aus[.]’

 

Waldersee übte nun Kritik und äusserte sich ziemlich scharf über die Führung des Kaisers. Den Manövern und der Kritik wohnte auch Kaiser Franz Joseph bei. Ich und wir alle sahen, dass die Kritik Waldersee’s dem Kaiser sehr unangenehm war. Aber er liess Waldersee ruhig aussprechen. Dann sagte er, die Kritik des Generalstabschefs nehme er an. Dann fuhr er fort: ‚So, aber jetzt spreche ich und zwar als oberster Kriegsherr. Als solcher finde ich, dass die gestellte Aufgabe undurchführbar war, und als Oberster Kriegsherr habe ich zu verlangen, dass den Truppenführern keine undurchführbaren Aufgaben gestellt werden, denn dies lähmt und schädigt die Offensivkraft der Armee’.


Wilhelm II.: ‚? Kann sein[.] ich erinnere mich nicht mehr’.


Seeckt ist der Überzeugung, daß dieser Vorfall - der vordergründig erledigt schien - keinesfalls vergessen war. Doch gibt er seiner "feste[n] Überzeugung" Ausdruck, "dass der Zwischenfall in Gegenwart Kaiser Franz Josephs der Grund für die Versetzung Waldersees nach Altona" zum IX. Korps gewesen sei. "Pfiffige  Überlegung" habe "dem stets überklugen General den Gedanken eingegeben, die sichtlich schwindende Gunst des Kaisers, der bisweilen auch Schmeicheleien mit einem harten Wort zerriß, auf umgekehrte Art sich neu zu sichern". Wilhelm II. habe "die Kritik Waldersees" an seiner Führung im Manöver von Rohnstock ruhig angehört, habe dann
"das Wort als Oberster Kriegsherr an sich genommen und festgestellt, daß der Chef des Generalstabes seinen Offizieren unlösbare Aufgaben stelle, wodurch er ihre Kampfkraft schwäche. Der bestürzte Graf Waldersee schrieb den Hergang des Zwischenfalls sorgsam, aber anders in sein Tagebuch, indes ihm der Kaiser die zweifellose Bloßstellung vor dem Bundesgenossen mit der  Abberufung aus dem Generalstab und dem Kommando nach Hamburg vergalt".


Zu der These vom Einfluss der vorwiegend militärischen Umgebung Wilhelms II. auf Politik, äussert William Tyrell. Der im Moment der Äusserung englische Botschafter in Paris berichtet aus eigenster Erfahrung:
"Die Herren in der Umgebung Kaiser Wilhelm´s waren ohne Ausnahme sacksiedegrob mit uns.

Wilhelm II.: ‚Lüge’ – ‚vom König stammt das’.

König Eduard hatte wiederholt strengen Befehl gegeben, alles einzustecken, was nur ging und um jeden Preis jede Zänkerei und jeden Skandal zu vermeiden. Es war die schrecklichste Adjutantenüberhebung und Adjutantenwirtschaft, die jemals da war. Der Kaiser wusste gar nichts davon. Er hatte keine Ahnung, was diese Umgebung alles zerschlug. Ich will ein Beispiel geben, wie vorgegangen wurde.

Wilhelm II.: ‚Merkwürdig, dass die Damen des Hofes mir oft Complimente über meine Herren machten: vor Allem war Plessen von ihnen geradezu umschwärmt, was ihn zuweilen ganz verlegen machte. I[hre].M[ajestät]. die Königin Victoria hat sich oft mit Jedem Einzelnen von meinen Herren unterhalten und mir jedesmal Elogen über sie gemacht nachher’.

Als der Kaiser zur Beerdigung seiner Großmutter kam, war, wie ich schon sagte, die ganze Bevölkerung ehrlich gerührt. Man hat ihm das hoch angeschrieben. Der Kaiser war nie so populär in England. Der Lordmayor von London fühlte das Bedürfnis, dieser Stimmung Ausdruck zu geben. Er schrieb dem Kaiser einen Brief und erbat eine Audienz, um dem Dank der Londoner Bevölkerung Ausdruck geben zu können. In diesen Tagen wurde Freiherr von Eckardstein, der noch sehr viel in London gelernt hatte, in irgendeiner Angelegenheit zum Kaiser befohlen. Oder er hatte jedenfalls dort zu tun. Als er ankam, zeigte ihm Plessen das Schreiben des Lordmayor und erklärte: ‚So ein frecher Kerl.

Wilhelm II.: ‚voraussichtlich eine Eckardsteinsche Fabel!’

 

Da könnte jeder Bürgermeister kommen und Audienz bei S[einer].M[ajestät]. verlangen. Daraus wird nichts. Es ist wirklich eine Frechheit!’ Eckardstein fasste seinen Mut zusammen und sagte dem General gründlich seine Meinung. Er klärte ihn darüber auf, dass der Lordmayor nicht ein ‚Bürgenmeister’ war und was die Sache als Ausdruck bedeute. Plessen war nicht zu überzeugen. Eckardstein wurde dann zum Kaiser hereingerufen und brachte die Sache vor. Was dieser alberne Plessen nicht begriff, begriff der Kaiser in der ersten Sekunde. Er befahl sofort, dass die Audienz stattzufinden habe".


Dem Burenkrieg, der durch das Telegramm des Kaisers an Ohm Krüger, vordergründig zur Weichenstellung gegen ein Bündnis mit England wurde, verleiht der Bericht William Tyrells unerhörten Aufklärungswert:
"Der Burenkrieg war der schrecklichste und ruhmloseste aller Kriege, den England je geführt hat.

Wilhelm II.: ‚stimmt’.

Er ist rücklsichtslos geführt worden mit einer Brutalität ohne Gleichen und, wenn es eine Entschuldigung dafür gibt, so ist es die, dass England die Buren wirklich zum Schluss zu der Zivilisation geführt hat, die sie bis dahin nicht hatten. Die Buren waren primitiv und recht plump und...

Wilhelm II.: ‚P[h]arisäer!’.

...grob.

Wilhelm II.: ‚mit verhungerten Weibern u[nd]. Kindern im Conzentrationslager!!’.

Aber das ist auch die einzige Entschuldigung für...

Wilhelm II.: ‚Nein!’

...uns.

Wilhelm II.: ‚Dafür braucht man sie nicht totzuschlagen!’.

Nach diesem Prinzip musste die Keilerei unter den Völkern nicht aufhören[.] Dazu kommt, dass wir den Krieg gar nicht gewollt haben, sondern dass wir einfach in ihn hineingedrängt worden sind. Cecil Rhodes war ein ganz grosser Mann. Er hat dieses riesige einheitliche Reich in Afrika vom Kap bis zur Mündung des Nils aufrichten wollen, aber nicht durch Krieg, sondern anders. Er hat die Buren einfach umzingeln wollen. Ganz umgeben von britischem Besitz wäre schliesslich nichts anderes übriggeblieben, als sich in die Gesamtheit einzugliedern. Aber da waren zwei jüdische Kaufleute, die aus Hamburg stammten und in Johannisburg ansässig waren...

Wilhelm II.: ‚War nicht einer aus Hessen? Welcher? Beit?’, ...

denen diese Politik nicht passte. Sie hatten Verbindung mit Cecil Rhodes und arbeiteten mit ihm zusammen. Diese beiden Juden wollten in den Besitz der Goldfelder kommen. Es dauerte ihnen zu...

Wilhelm II.: ’Mamon!’

...lange. Sie waren es, die den Jameson Raid provozierten...

Wilhelm II.: ‚u[nd]. dafür mussten die kerndeutschen Christen von den Angelsächsischen Christen totgeschlagen werden!’

Uns war der Einfall Jameson´s im höchsten Grade unangenehm.

Wilhelm II.: ‚Möge Grass vor deren Thüren wachsen!’

Das ist die Logik eines Backfisches in der Pension! [U]und je mehr wir taten, um den Zustand des Rechtes wieder herzustellen, desto unangenehmer wurde unsere Situation, als wir gar noch mit Strafen vorgingen, schwoll den Buren vollends der Kamm und jetzt taten sie alles...

Wilhelm II.: ‚was?’

...solange bis England gezwungen war, den Krieg zu führen.

Wilhelms II.: ‚Schamloses Zeug’.

Das ist die Geschichte des Buren Krieges.

Wilhelm II.: ‚Ne in! das ist sie nicht’.

Gegen die beiden Kaufleute war Cecil Rhodes sehr loyal.

Wilhelm II.: ’very misplaced loyalty’.

Er hätte sie natürlich an den Pranger stellen...

Wilhelm II.: ‚müssen’.

...können. Aber da sie einmal mit ihm zusammengearbeitet hatten, schwieg er.

Wilhelm II.: ‚u[nd]. machte sich zu ihrem Complicen[.] Und liess ein Volk zu Grunde richten [-] Saubere Cumpanei!’)".
Der Monarch, dem die Besorgnisse der englischen Königin nahe gebracht wurden, gab die Problemlage an seinen Generalstabschef Schlieffen weiter. Dessen "Richtlinien" gingen an Königin Victoria. Die Monarchin bedankte sich beim Deutsche Kaiser28. Die Ostasienmission Graf Waldersees, des "Weltmarschalls", förderte die Verbrüderung deutscher, französischer und russischer Offiziere gegen die Engländer zutage. Etwa der Oberstleutnant Marchand, der die französische Flagge in Faschoda hatte niederholen müssen, regte an, künftig mit den Deutschen "gegen England zu gehen".

Bei Gelegenheit des Begräbnisses der Königin Victoria im Jahre 1901, äusserte Wilhelm II. gegenüber einem Kabinettsmitglied:
"Lord Salisbury ist veraltet. Er ist von der Idee besessen, daß da in Europa eine ´balance of power´ sei. Da ist keine ´balance of power´ in Europa,  außer mir - mir und meinem fünfundzwanzig Korps. Ich kann sie verdoppeln am Tage des Kriegsausbruchs. England ist kurzsichtig. Ohne Verbündete wird es sein Schicksal sein, am Ende von Rußland und den Vereinigten Staaten verdrängt zu werden. Mit meiner Armee und Ihrer Flotte würde diese Kombination gegen uns machtlos werden".


Gespräche mit Joseph Chamberlain verstand Wilhelm II. als Vorbereitung auf ein englisch-deutsches Bündnis gegen Russland. Absprachegemäss hielt Chamberlain am 30.11.1899 in Leiceter eine Rede, in welcher er aussprach:


"Noch etwas, glaube ich, muß jeder weitsehende englische Staatsmann lange gewünscht haben: daß wir nicht dauernd auf dem europäischen Kontinent isoliert bleiben sollten, und ich glaube, in dem Moment, wo dieses Verlangen entstand, muß es jedem klar geworden sein, daß unser natürliches Bündnis jenes zwischen uns und dem großen deutschen Kaiserreiche sein müßte...Ist die Verbindung zwischen England und Amerika in der Sache des Friedens ein mächtiger Faktor, so wird eine neue Triple Alliance der teutonischen Rassen und der beiden Zweige der angelsächsischen Rasse von noch viel machtvollerem Einfluß auf die Zukunft der Welt sein. Ich habe das Wort ‚Alliance’ gebraucht...aber noch einmal möchte ich klarlegen, daß es mir unwesentlich erscheint, ob Sie eine Alliance haben, die dem Papier anvertraut ist oder eine Übereinstimmung der Meinungen bei den Staatsmännern der betreffenden Länder. Eine Verständigung ist vielleicht besser als eine Alliance mit festgelegten Vereinbarungen, die im Hinblick auf die von Tag zu Tag wechselnden Umstände nicht als beständig betrachtet werden können".


Doch Bülow "goss kaltes Wasser auf die Idee eines englisch-deutschen Rapprochements". Dabei liess er im Reichstag die verräterische Wendung fallen, "in dem neuen Jahrhundert" müsse "Deutschland der Hammer oder der Amboß sein". Daraufhin äusserte sich Chamberlain gegenüber Baron Eckardstein an der Deutschen Botschaft zu London ablehnend.


Geradezu kennzeichnend für Verfahren und Wirkung wilhelminischen Auftretens wirkt die Schilderung, die Graf Monts zu einem Vorkommnis auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin gibt:


"Ich erinnere mich, wie der Kaiser den König von Italien empfing und weiss, wo der Hass des Königs gegen ihn zu suchen ist. Der Kaiser stand mit seinen Herren an dem Anhalter Bahnhof und als der Zug einfuhr, erklärte er in seiner Art[:] ‚Dass mir aber keiner von Euch jetzt lacht, wenn der Knirps aus seinem Coupé steigt’. Nun müssen Sie bedenken, dass der italienische Militair-Attaché unter den Herren war. Noch am selben Abend wusste der ‚Knirps’ davon. Als ich in Rom war, liess mich der König ganz abfallen. Wie sich später herausstellte, nahm er an, dass der Kaiser extra mich ausgesucht hatte, weil ich so gross war. Uebrigens stand ich mich dann mit dem König ganz gut. Der Kaiser hat eine besondere Vorliebe, ganz grosse Leute als Sondergesandten zu schicken".


Wilhelm II.:

"Ein Bekannter von Monts sagte mir mal von ihm: ‚Er ist ein stets mit allem missvergnügter Nobile. Keiner kann ihm recht machen, auch Ew. M[ajestät]. nicht. Eine eingebildete, hochnäsige, menschenverachtende Kratzbürste. Wollen Ew. M[ajestät]. mit einem Staat eine Differenz oder gar Krieg, schicken E[ure].M[ajestät]. nur getrost Monts hin. Binnen 14 Tagen hat er durch selbe hochfahrende, burschikose Taktlosigkeit die Staatsmänner in solche Wut gebracht, dass der Krieg da ist!’ Das obige Dokument bestätigt das, aber auch dass er wie ein Diplomat lügt".


Darauf „kontert" Monts. Nach dessen Schilderung soll der Generalstabschef Moltke über den Kaiser geäussert haben:
"Ich bin arm und musste daher im Dienst bleiben. Aber es war kein Tag, an dem ich über den Kaiser innerlich nicht empört war".
Den wohl entscheidenden Rückschlag erlitt der Kaiser infolge des Skandals um das Interview, welches er während eines Englandbesuches seinem Freund, Oberst Stuart Worthly, auf Highcliff Castle gewährte und das einvernehmlich in der  "Daily Telegraph" veröffentlicht wurde.


Tirpitz gibt eine Darstellung dieses Vorfalls, in dessen Verlauf der Monarch einen Nervenzusammenbruch erlitt und politisch wie persönlich schwer geschädigt zurückblieb:


"Im Jahre 1908 war ich in Rominten zur Pürschjagd. Ich ging mit dem Kaiser und unterwegs sagte er mir: ‚Ich habe da einen Brief erhalten, der sehr wichtig ist. Lesen Sie ihn einmal durch’. Das war der Stuartbrief. Da nicht mehr genug Licht war und eine englische Handschrift auch nicht sehr deutlich zu lesen ist, konnte ich mich nicht mit allen Einzelheiten befassen. Ich wollte am nächsten Morgen noch einmal darauf zurückkommen, kam aber wegen anderer wichtigerer Dinge nicht dazu. Ich [gestr.: "sagte"]  machte Rücker-Jaenisch auf das Schreiben aufmerksam. Dem Kaiser riet ich durch ihn das Auswärtige Amt zu befassen. Rücker-Jaenisch sollte den Brief an Bülow schicken. Das geschah auch. Bülow schickte das Schreiben durch seinen Attaché Müller an den Staatssekretär Schön. Schön war nicht da. Ich sprach noch mit dem Dezernenten Stemmerich, dem ich auch meine Bedenken auseinandersetzte. Ich weiss nicht mehr, was er mir antwortete. Jedenfalls wurde der Brief in England publiziert. Das wäre noch nicht so schlimm gewesen. Aber dadurch, dass das Wolff’sche Bureau den Text übernahm, wurde es eine amtliche Publikation. Darin hatte Bülow schon recht, dass er versuchte, den Kaiser von selbständigem Handeln zurückzuhalten".

.
Daraufhin bezieht William Tyrell zu den Vorgängen um den "Daily Telegraph-Artikel" eindeutig Stellung:
"Die [zwei Streichungen] englischen Minister waren empört über Bülow’s Verhalten im Reichstag 1908; er hätte den Kaiser decken müssen, der an der Daily Telegraph Affaire ganz unschuldig war". Tyrell ergänzt diese Darlegung aus der Kenntnis der 1930 erschienen Bülow-Memoiren: 

 

"Was Bülow betrifft, so ist sein Wirken das Unheilvollste gewesen".

Wilhelm II.: ‚richtig’.


Wir wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Was er jetzt in seinen Memoiren erzählt, ist das Unanständigste und Verlogenste, das je ein Staatsmann über seinen Souverän geschrieben hat, dem er 10 Jahre lang diente.

Wilhelm II.: ‚stimmt’.


Auch Asquith betont den nichts weniger als guten Willen des Kaisers, der sich als "Englands bester europäischer Freund" habe darstellen wollen. So ist es erklärlich, dass weniger in Frankreich, Russland und Grossbritannien, als vielmehr in Deutschland, ein Sturm der Entrüstung aufgebrochen sei, der durchaus im Stande gewesen sei, den Monarchen wegzufegen. Dass der Reichskanzler seinen Rücktritt anbot, habe im direkten Zusammenhang mit dessen Bestreben gestanden, in der nachfolgenden Debatte im Reichstag deutlich zu machen, dass derartige Eingriffe des Monarchen in die Reichspolitik künftig zu unterbleiben hätten. Ob mit Bülows Entmachtung im Juni 1909, auch das Abenteuer "Weltpolitik" sein Ende fand, bleibe jedoch dahingestellt. Bülow - so Asquith - habe noch 1913 die parallele Gültigkeit von Welt- und Europapolitik betont.

Forts. von "Deutschland 1910/11...".

 

Dass der innere Zustand der Donaumonarchie äußerst labil war, zeigen die Überlegungen zur inneren Sicherheit auch im Operationsgebiet. Conrad verlangte "die rücksichtslose Unterdrückung jeder reichsfeindlichen Agitation u.s.w. schon im Frieden" und schärfstes Vorgehen gegen "den leider vorhandenen passiven Widerstand der Civilbehörden" (Hervorh.v.m., B.S.). Während der feindlichen Spionage entgegen gewirkt werden müsse, sah der Generalstabschef die Schwerpunkte der eigenen Aufklärung in den "Hauptzielen" feindlicher Massierung "zwischen Bug und Weichsel", "bei Luck, Dubno, Rourev, Ostroy" oder "bei Proskurow und südlich". Die

"Insurgierung der polnischen Gebiete Rußlands"

wurde vorgesehen:

"Es wäre ein großes Versäumnis wenn man sich der Vortheile entschlagen würde welche eine Insurgierung der polnischen Gebiete Rußlands zu bieten vermag. Eine solche muß jedoch schon im Frieden angebahnt und für den Krieg speziell vorbereitet sein. In erster Hinsicht ist enger Contakt mit in Russisch-Polen ansäßigen eigenen Reichsangehörigen (Reserve: Offizieren!) sowie mit allenrussenfeindlichen Faktoren zu suchen und aufrechtzuerhalten. Es ist insbesondere durch die Geistlichkeit der Boden vorzubereiten. Für den Kriegsfall hingegen muß vorgesorgt sein daß eigene Cavallerie-Körper,-Detachements, und nationale freiwilligen Formationen schon bei Kriegsbeginn in das feindliche Gebiet einbrechen und die Insurrectionentfachen. Diese Detachements müssen bereitgestellt, ihre Armeeintendanten hinsichtlich ihrer Aufgabe instruiert sein, diese Instruktionen, sowie die zu ertheilenden Proklamationen müssen bereitliegen,- letztere um bei drohender Lage sogleich gedruckt zu werden. Diese Insurrektion ist für das ganze polnische Gebietinsbesondere aber für den Raum südlich der Pilic und jenem zwischen Weichsel und Bug anzustreben also vorzubereiten. Die in diesen Räumen stationierten russischen Truppen sollen zur Gegenwehr gezwungen und dadurch abgehalten werden in das Gebiet der Monarchie einzubrechen" (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad drang in seiner „Directive“ vom 12. April 1911 auf „den innigen Zusammenhang zwischen der politischen Anschauung und den operativen Vorarbeiten. Er kritisierte für seine Mitarbeiter im Generalstab die „status quo“-Politik des österreichischen Außenministers und forderte realistisch das „eigene[n] Entwicklungsbedürfnisse[s]“ in Korrelation mit dem der „Nachbarn und Concurrenten“ zu vergleichen. Er gab bekannt, er habe

1907/8 einen Präventivkrieg gegen Italien, 1908/9 das Losschlagen gegen Serbien... maßgebensten Ortes beantragt“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Seine Vorschläge seien „nicht acceptiert, die betreffenden Maßnahmen... nur so weit zur wirksamen Geltung“ gekommen, „als sie die Anrainer-Politik unterstützten und diplomatisch sicherten“. Die österreichische Politik habe „die Erhaltung des Friedens als oberstes Ziel“ gesetzt, doch seien „die Gestellung guter Beziehungen zu Russland und zu den Balkan-Staaten, sowie das Festhalten an dem Bündnis mit Italien“ nur möglich bei „innige[m] Anschluß an Deutschland“ und Rumänien. Conrad forderte, die „Kriegsvorbereitungs-Arbeiten“ auf eine früher bereits erarbeitete „breite Basis“ zu stellen.

38 - Informationsstand in Berlin (Italien, Belgien).

   Anfang des Jahres 1911 wird "noch immer festgehalten an den Transportange- legenheiten für die ital[ienischen]. Truppen". Eine "neue Konferenz [wird] deshalb abgehalten". Offenbar kommt es zu Unstimmigkeiten, denn der "Mil[itär].Attaché[s] Paris" meldet

"Äußerungen des ital[ienischen]. Mil[itär].Attachés über die Rolle der italienischen Armee im Kriegsfall".

Ende Januar findet die "Vlissinger Frage" ihre Fortsetzung. Der Tenor ist: Deutschland werde durch Belgien marschieren. Das belgische Journal des Débats

"bestreitet das auch nicht, folgert aber, daß die Versuchung für Frankreich mindestens ebenso groß sei wie für Deutschland und daß Engländer u[nd]. Franzosen im Kriegsfalle (wie in London und Paris die Spatzen von den Dächern pfeifen!) durch Belgien hindurch in den Rücken der deutschen Armee vorstoßen wollen, oder Holland zur Operationsbasis machen wollen".

Im Reichsboten antwortet E.Bötticher und "warnt unter Hinweis auf die Haltung der Holländer vor engl[ischen]. Absichten eines Sprungbretts auf dem Kontinent. Die Behauptung, die belg[ische]. Neutralität sei in Gefahr, erklärt B[ötticher]. für ‚erlogen’(!)". Anfang Juni kommt vom Militärkabinett ein "Bericht des Gesandten" in Bern zu "französische[n] antideutschen Hetzereien in der Schweiz".

 

39 – Conrad: Tauziehen um 10 Divisionen.

   Conrad antwortete auf Moltkes Schreiben zum Kriegsfall Deutschland/ Österreich gegen Rußland unter Neutralität der übrigen Staaten. Der Wiener Stabschef stellte 40 Divisionen gegen Rußland in Aussicht und fasste ins Auge, gegen Serbien und Montenegro "mit einem Minimum an Kräften" auszukommen. Im Gegenzug erwartete Conrad, daß "deutscherseits mindestens 40 Infant[erie]. Divisionen von Haus aus gegen Rußland" eingesetzt werden. Zehn rumänische Divisionen stellte der Österreicher in seine Rechnung nicht ein, da noch "nicht völlig klar liegt, daß dieser Staat von Haus aus aktiv auftritt", schrieb Conrad. Der österreichische Militärattaché in Berlin, Bienerth, habe ihm jedoch gemeldet, es würden "nur 32 Infant[erie]. Di[visionen]. im Gebiet Preußen’s östlich der Weichsel aufmarschieren, da ein Mehr in diesem Raum überhaupt nicht zu placieren wäre". Infolge von "Wald, See- und Sumpfgebiete[n]" rechnete Conrad mit deren "beengende[m]n Einfluß", was verursachen könne, daß "8 Div[isio]nen östlich der Weichsel" nicht versammelt würden. Als Aushilfe schlug Conrad vor, eine Operation aus dem Raum westlich der Weichsel gegen den unteren Narew einzuleiten. Selbst einen Stoß über Kalicz-Lodz gab er zu bedenken, und hoffte, die Russen würden im Raum Warschau-Brest-Bialystok versammelt sein. Allerdings erkannte Conrad die Gefahr, ein Stoß der Russen "westlich der Linie Kowel[-]Lemberg“ werde „alle Verbindungen" der österreichischen Hauptkräfte "empfindlichst" treffen und diese würden „von der Monarchie ab, gegen die Waldkarpathen gedrängt werden können". Daraus leitete der österreichische Generalstabschef ein Gegenvotum zu den Vorstellungen Moltkes her, möglichst mit den Hauptkräften "im östlichsten Galizien" aufzumarschieren, "mit der Tendenz, durch Vorgehen vom rechten Flügel aus die russischen Kräfte gegen das Polezie zu drängen". Hinzu käme, daß die österreichischen "Bahn-Verhältnisse ein rechtzeitiges Versammeln der Hauptkräfte im östlichen Galizien gar nicht" ermöglichten. Russische Gegenmaßnahmen zeichneten sich ab. Diesen Kräften genügend stark entgegentreten zu können, sei durch die schwachen österreichischen Bahnen nicht möglich. Conrad nahm an, Rußland werde "die Kräfte seiner Central-Armee" gegen den Narew heranführen und vertrat, es werde

"trachten, - die Deutschen u[nd]. die öst[erreich].-ung[arischen]. Kräfte von den inneren Flügeln zu trennen,- also erstere gegen den öst[lichen]. San, letztere gegen die Waldkarpathen zu drängen; jedenfalls wäre dies die für die Verbündeten gefährlichste Operation",

Der Österreicher plante:

"Die öst[erreich]-ung[arischen]. Hauptkräfte werden im mittleren Ostgalizien, östlich des San versammelt um die Offensive vom linken Flügel aus zu beginnen,- ein analoges Vorgehen deutscherseits, alsoein Vorgehen entsprechendere deutscher Kräfte gegen den unteren Bug-Narew wäre sehr erwünscht" (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad erwartete "45 oder doch wenigstens ebenso viele deutsche als österr[eich].[-] ung[arische]. Div[isi]onen. gegen Rußland" und bestand, für den Fall der Einmischung Frankreichs und Italiens, auf den Vereinbarungen von 1910.

   Am 3. Juni hatte Moltke Conrad eine "wertvolle Mitheilung hinsichtlich der im Kriegsfalle gegen Rußland bereitgestellten deutschen Kräfte" gemacht. Alarmiert durch die Meldung des österreichischen Militärattachés, Baron Bienerth,

"Deutschland werde in einem Kriege der Verbündeten gegen Rußland, bei vorausgesetzter Neutralität Frankreichs, nur 32 Divisionen in Preußen aufmarschieren lassen" (Hervorh.v.m., B.S.),

antwortete Moltke dem österreichischen Generalstabschef, es handele sich um ein "Mißverständnis". Moltke sagte zu,

"wenn Österreich-Ungarn und Deutschland - vielleicht unter Mitwirkung Rumäniens - den Krieg gegen Rußland allein zu führen haben, wird Deutschland in erster Linie 43 Divisionen für den Aufmarsch gegen Rußland verfügbar machen. Von diesen können 32 Divisionen ohne Weiteres östlich der Weichsel aufmarschieren, der Rest -11 Divisionen - muß entweder westlich der Weichsel ausladen und per Fußmarsch nachgezogen werden, oder er muß als 2.Staffel mit der Bahn vorgeführt werden" (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Große Ostaufmarsch 1910/11 (Kesselschlacht in Polen).

   Moltke ging Mitte 1911 von einem Krieg - vordringlich mit Rußland- "bei gleichzeitiger Neutralität Frankreichs und Italiens"- aus und entwarf das Bild des Großen Ostaufmarsches. Angesichts der diplomatisch-politischen Entwicklung zu diesem Zeitpunkt jedoch keinesfalls eine realistische Annahme. Dass dieser Kriegsfall "sehr unwahrscheinlich ist" erkannte der Berliner Chef jedoch an. Bis zum 24. Mobilmachungstag sollten demnach künftig "alle 43 [deutschen] Divisionen mit der Eisenbahn über die Weichsel vorgeführt werden können". Der Vormarsch wurde schon am 16.Mobilmachungstage erwartet. Das hieß: 5 Tage vor Abschluss des russischen Aufmarsches. Insgesamt ging Moltke von 41 österreichisch-deutschen Armeekorps aus, zu denen 5 rumänische auf dem rechten Flügel der Österreicher treten könnten. Die russischen Kräfte wurden "an einer Stelle zur kraftvollen Offensive" erwartet. Den Versuch, die österreichischen und deutschen Kräfte auf deren inneren Flügeln zu trennen", bezeichnete der deutsche Chef des Generalstabes als für die Verbündeten nur vorteilhaft. Ausdrücklich war Moltke jedoch keinesfalls von Angst vor "langandauernden Kämpfen" beherrscht. Vielmehr plädierte er, unter Berücksichtigung der vermehrten Waffenwirkung, darauf "schlagartige Erfolge" zu erzielen, obwohl "die heute weniger als früher zu erwarten" seien. Doch werde ein Ausweichen der Russen nach Osten durch das Vorgehen der Österreicher "mit vorgenommenem rechtem Flügel" erreicht, "um den Gegner gegen die Pripjet-Sümpfe zu drängen und einen Abzug auf Kiew zu verhindern" (Hervorh.v.m., B.S.).

Russen zur Offensive verleiten.

Moltke jedenfalls erwartete von einem energischen deutschen Vorgehen aus Ostpreußen,

"gegen Narew und Njemen...vielleicht den Einsatz der[russischen] Zentralarmee heraus[zu]fordern" (Hervorh.v.m., B.S.).

Nochmals bestätigte der Generalstabschef die seit Januar 1910 gemachten Zusagen für den Kriegsfall ‚Rußland’, bei "zweifelhafte[r] oder feindliche[r] Haltung Frankreichs und Italiens".

   Der österreichische Chef des Generalstabes antwortete zustimmend, "die Offensive [gegen Rußland] sobald als möglich zu beginnen". "Strengst vertraulich" teilte er Berlin ferner mit, dass er "seit einigen Jahren" hinsichtlich des "so sehr erwünschten aktiven Beitritt[s] Rumänien´s" in "direkten Verhandlungen" stehe. Das bisherige Ergebnis strich Conrad allerdings aus seinem Konzept. Er hatte Moltke mitteilen wollen, "daß Rumänien seine Hauptkräfte in der Gegend von Dotucani" versammeln werde. Da Rumänien den Bulgaren nicht traue, rechnete Conrad mit "kaum mehr als acht rumänische[n] Divisionen" gegen Rußland. Weiter nahm der Österreicher an, die russische "Central-Armee" könne sowohl gegen Deutschland wie auch gegen Österreich eingesetzt werden. Dem Wunsch Moltkes, die österreichische Armee möge "in Richtung Brest-Litowsk" eingreifen, suchte Conrad zu entsprechen. Er teilte mit, er habe

"den Aufmarsch der diesseitigen Hauptkräfte so weit nach Osten verlegt als es die nicht sehr vortheilhafte Grenzconfiguration Galizien´s und die Leistungsfähigkeit der Bahnen"

zulasse. Grundsätzlich stimmte der Österreicher Moltke zu, der Schlag gegen die russische Armee in Polen könne gelingen. Conrad hielt fest:

"Auch ich bin der Ansicht, daß Rußland gegenüber das unangenehmste Moment in der Unermeßlichkeit der Räume dieses Reiches und der damit Rußland gebotenen Möglichkeit gelegen ist seine Streitkräfte zurückzuführen um im Clausewitzschen Sinne die Offensive erlahmen zu lassen,- und daß es daher nur höchst erwünscht sein kann, die russischen Kräfte zum Schlag zu zwingen;- doch glaube ich, daß diese Verhältnisse seit 1812 sehr zu ungunsten Rußland´s verändert sind" (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad erwartete Mitte 1911, dass Rußland in Polen offensiv werde:

"Das höchst Bedenkliche einer so großen freiwilligen Gebietsabtretung, insbesondere bei den bestehenden polnischen und ukrainischen Aspirationen,- die Gefahr der socialen Revolution im Inneren werden R[ußland]. nöthigen den Schlag im Westen zu [führen, gestr.] suchen; andererseits bieten die modernen Verkehrsmittel ganz andere Chancen für den Angreifer als dies im Jahre 1812 der Fall war" (Hervorh.v.m., B.S.).

Auch der theoretische Vorteil der russischen Position, zwischen deutschen Kräften in Ostpreußen und österreichischen in Galizien, erschien Conrad wie Moltke von geringerer Bedeutung. Doch schränkte der österreichische Generalstabschef ein:

"Hinsichtlich des heutzutage Bedenklichen der Operationen auf der inneren Linie bin ich ganz E[urer].E[xcellenz]. Anschauungen;- aber im vorliegenden Falle scheinen mir zwei wesentliche Momente mitzusprechen, erstens ist der trennende Raum zwischen den beide[n] Vorstoßenden in der Linie Mlawa, Zaidichost 300 Kilometer breit und zweitens kann jeder der beiden Verbündeten am äußeren Flügel wieder umfaßt werden, nämlich die deutschen Kräfte aus der Linie Kowno, Grodno, die öst[erreich].ungarischen aus jener Piosknrow Staro Konstantinow,- so daß sich die Gesamtlage damit ergibt[,] daß jede der infolge der Grenzconfiguration auf 300 km voneinander getrennten beiden Gruppen der Verbündeten,- russischerseits aus zwei Fronten angegriffen werden könnte [Warum sollte sich Rußland das nicht zunutze machen? gestr.] (Hervorh.v.m., B.S.).

Dennoch bleibe es, so Conrad, bei den im Januar/Februar 1910 getätigten Vereinbarungen.

 

40 – Schlaglicht Marokkokrise 1911: England nun Hauptgegner.

   Anfang Februar fühlt der preußische Kriegsminister beim Reichskanzler vor, ob der Anregung des Korvetten-Kapitäns a.D.Mayer vom 27. Januar gefolgt werden könne, ausgesonderte 15 cm  und 21 cm Ring- und 21 cm Mantel-Kanonen an Serbien und Griechenland zu liefern. Am 17. Juli berichtet der Militärattaché in Konstantinopel, Strempel, dass der "Ausbruch eines Krieges zwischen [der] Türkei und Montenegro wahrscheinlich" sei.

   Noch am Tage seiner Krönung zum König von England erwähnte Georg V. in seinem Tagebuch den ernsten politischen Hintergrund vor welchem seine Investitur stattgefunden hatte. Der neue König schrieb:

"Sah Francis (Lord Knollys), der gerade aus London zurückkam, und hatte eine lange Unterhaltung mit ihm über politische Krise, die sich sehr unangenehm zugespitzt und mir viel Kummer und Sorge macht!" (Hervorh.v.m., B.S.).

   Am 4. August vormittags fand sich Conrads Emissär, Hauptmann Ulmansky, aus Wien kommend, in Begleitung des österreichischen Militärattachés Bienerth, bei Moltke ein, um einen Brief des österreichischen Generalstabschefs zu überbringen. Im Verlauf des sich anschließenden Gesprächs äußerte der deutsche Gesprächspartner, es wäre in der gegenwärtigen Lage "die günstigste Zeit" für den Krieg gewesen. Bienerth und Ulmansky gewannen den Eindruck,

"dass die Ansichten S[eine]r. Exzellenz sich mit jenen unserer allgemeinen militärischen Kreise vollkommen decken. Wir schlossen dieses Kapitel mit dem beiderseitigen Ausdrucke des Bedauerns, dass es sich anders gefügt hat, als es der Soldat wünschte" (Hervorh.v.m., B.S.).

Das militärische Berlin: Abrechnen mit England.

Das Gespräch war jedoch nicht beendet. In dessen zweitem Teil kam Moltke auf die letzte Marokkokrise zu sprechen und betonte,

"dass die militärischen Kreise [in Berlin] vollkommen überzeugt sind, dass die Tätigkeit der deutschen Diplomatie die erwünscht beste und zweckmäßigste ist. An ein Nachgeben seitens der Diplomatie des lieben Friedens halber scheint in Deutschland  N i e m a n d Massgebender zu glauben. S[eine]. Exzellenz sagte, die ganze Sache ist nur eine Frage der Nerven und Kiderlen hat gute Nerven. Weiters gab S[eine]. Exzellenz seiner Ueberzeugung Ausdruck, dass die ganze Frage  n u r  von England in das gegenwärtige Fahrwasser gedrängt wurde. Sobald England erwähnt wurde, gewannen die Redewendungen und Ausdrücke S[einer]. Exzellenz derart an Kraft und Leben, dass man sah, dass er England als den Gegner mit dem man abrechnen muss betrachtet".

Bedeutsam erscheint, dass Moltke offensichtlich mit Kiderlen einig war in der Absicht, über Marokko England zum Krieg zu zwingen, und festlandstrategisch in Frankreich zu treffen. Dass die Übereinstimmung von Politik und Militär in Deutschland keine vorübergehende Laune war, zeigte das am Abend folgende Gespräch der österreichischen Spezialdelegation mit den Vertretern der Nachrichten-Abteilung III im Generalstab. Diese betonten nämlich, dass der deutsche Generalstabsoffizier "in der auswärtigen Vertretung [Deutschlands] den eminenten Förderer seiner Aspirationen" sieht. Wie hoch das Engagement Deutschlands, rein strategisch gesehen, in der Türkei bewertet wurde, zeigte die Aussage der Herren der deutschen Feindnachrichten-Abteilung, die

"alle im deutschen Heere dienenden [türkischen] Offiziere (gegenwärtig za 150) [würden] als den sehnlichsten Wunsch der Türkei, deren Aufnahme in den Dreibund bezeichnen" (Hervorh..m., B.S.).

Auch Moltke hatte am Vormittag "eine der Türkei freundliche Politik" als "erwünscht" bezeichnet. Gerade zwei Tage zuvor, so wurde berichtet, sei die gegenwärtige "Marokkoangelegenheit" hochgekocht. "Am 2./8" seien "alarmierende Nachrichten von der französischen Ostgrenze" eingelaufen, wonach "Bahnpersonal einberufen worden sein soll". Die Spionage-Spezialisten in Berlin hätten "sofort einen Offizier zur Bereisung dieser Gegend" entsandt.

   Am 10. August schickt das Auswärtige Amt "Berichte des Konsulats Johannisburg über eine Unterredung zwischen dem englischen General Townshend und dem deutschen Finanzier Gossert" über einen "(Krieg zwischen England und Deutschland, engl[ische]. Maßnahmen)". Dazwischen läuft am 19. August der Militärbericht Nr. 83 aus Brüssel ein, worin gemeldet wird, die

"Belgier haben sehr geringes Vertrauen zu ihrer eigenen Armee und zu Frankreich, werden ihre Neutralität wohl nicht sehr energisch verteidigen. England steht doch mehr draußen; ist nur halb beteiligt nach Belgiens Meinung" (Hervorh.v.m., B.S.).

   Im Juli sprach der liberale Premierminister Asquith im Unterhaus zur Flottenfrage. Er äußerte sich positiv über Deutschland. Goschen schrieb, diese Rede habe in Berlin einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen und fügte hinzu:

"he spoke of the great friendly German Nation, admitted that Germany required a strong navy - with her commerce and World Power increasing every day, and buttered them up generally. He however maintained his point about the possibility of Germany having 17 [eingefügt: Dreadnought] ships in 1912 - and that may make a little row as Tirpitz and Bethmann etc. have always said that they will only have 13. Moreover, they can have 17 - and we have to reckon not with what they say they will have - but with they can have and what they would have sh’d circ’es require it" (Hervprh.v.m., B.S.).

Goschen beurteilte die deutsch-englischen Flottenbeziehungen äußerst nüchtern. Er sah den deutschen Willen, das Flottengesetz durchzuführen. England aber werde, so Goschen’s Tagebuchnotiz vom 29. Juli:

"build a sufficient number of ships to ensure our supremacy at sea" (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Botschafter machte vor allem die Presse verantwortlich für die auf beiden Seiten erhitzte Atmosphäre, wie auch immer wechselseitig deren Stimme motiviert gewesen sei. Das habe dazu geführt, dass

"Press violence only embittered relations [between England and Germany] and rendered any moderating influence quite powerless".

Deutscher Operationsplan gegen Belgien, Frankreich, England.

Zusätzlich erschwerten Schoens Weggang, und dessen Nachfolger Kiderlen, die Lage. Goschen urteilte:

"Kiderlen-Wächter will be another pair of shoes - and I doubt if they will fit me so well. Mais nous verrons! and it is possible that it may be advantageous having a man who will take a line of his own - and talk out even tho’- brutally" (Hervorh.v.m., B.S.).

   Die Krise um Marokko erreichte am 1. September ihren Höhepunkt. Das

"K[riegs]M[inisterium] teilt [eine] Unterredung mit dem Reichskanzler und [dem] Staatssekretär des A[uswärtigen]A[mtes] über [die]Abbestellung der Manöver mit Rücksicht auf die politische Lage"

mit. Am 28. September trifft in Berlin ein anonymer Artikel der "Fortnightly Review" ein. Dieser "sieht den deutschen Operationsplan durch Belgien" als Tatsache und

"versichert die Franzosen d[er]. engl[ischen]. Unterstützung. Antwerpen soll so lange gehalten werden bis "die Engländer landen und in die deutsche Flanke vorstoßen können". "Ein Artikel der Zeitung La Belgique" empfiehlt "bereits den Volkskrieg zu entfesseln gegen die Deutschen mit Rücksicht auf die Unzulänglichkeit der belg[ischen]. Armee. Frankreich einverstanden....!" (Hervorh.v.m., B.S.)

Die

"Besorgnisse Belgiens wachsen immer mehr nach den weiteren Berichten des Mil[itär].Att[achés].[:] pessimistische Stimmung. Die Alarmartikel der belg[ischen]. Presse vermehren sich immer stärker".

Die französische "Presse läßt jetzt (seit Herst 1911) eifrigen Beistand" in der "Landesverteidigung" erkennen. "Sachverständigenbücher erscheinen über die Gefahr [des deutschen Angriffs]".

Österreich tritt auf die Bremse.

   Am 1. August berichtete der österreichische Botschafter in Berlin, Szögyenyi, Kiderlen und Ährenthal hätten "beschlossen", dass Sommer und Herbst friedlich sein sollten. Auch sei Kiderlen sehr wohl für gute Beziehungen mit England zu haben. Doch Goschen hegte Zweifel. Er notierte:

"I am not certain about either of these things. I don’t think things look particularly well in Macedonia - and I am not certain about K[iderlen]. Of course if we yielded everything Germany wants we could have an understanding tomorrow" (Hervorh.v.m., B.S.).

Offenbar war aber Grey nicht gewillt, den Deutschen die Sache zu einfach zu machen. Goschen erhielt Anfang August Weisungen, die seinen Äußerungen, zuvor gegenüber Bethmann Hollweg, zuwider liefen. Der englische Botschafter bemerkte, offensichtlich stehe der Außenminister unter dem Druck des "radical wing" im Kabinett. Während Kiderlens Empfang, wenige Tage darauf, äußerte dieser sich überhaupt nicht zu den englisch-deutschen Beziehungen. Es kam dem deutschen Außenminister offensichtlich darauf an, dass sich die Dinge in Macedonien besserten; wie war ihm eigentlich gleich. Zur Frage eines Krieges auf dem Balkan schien der deutsche Aussenminister mit Ährenthal überein zu stimmen. Goschen schrieb:

"I asked him whether supposing there was war he agreed with Ährenthal in thinking it would be localised. He said – ‘Yes - if you keep your friends back’! I said ‘What friends?’ and he said ‘The Russians’." (Hervorh.v.m., B.S.)

Goschen sucht den Ausgleich.

Die Vorstellungen Berlins, unter welchen Bedingungen der Krieg zu führen sei, waren augenscheinlich im Jahre 1911 ausgereift. Kiderlen der im Außenministerium empfing, überließ es Stumm, mit Goschen ins Detail zu gegen. Wobei der Staatssekretär des Äusseren zunächst über englisch-deutsche Beziehungen einiges "blubberte", um dann kurzerhand eine neue Theorie zu verkünden. Nämlich, nicht die Flottenfrage führe zu den Belastungen zwischen Deutschland und England, sondern dessen Politik, sich mit Frankreich und Russland zu verbinden. Goschen antwortete:

"My dear man - we might as well complain of your policy of being friends with Austria and Italy´. He [Kiderlen] admitted that he had no belief in the Balance of Power theory" (Hervorh.v.m., B.S.).

So vorbereitet, erreichte den englischen Botschafter am Freitag, dem 12. die durch Stumm überbrachte Einladung des Reichskanzlers auf dessen Landsitz "Hoch Finnow" - wie Goschen in seinem Tagebuch notierte - für Sonntag, den 14. August. Goschen gab von Schloss und Garten Hohenfinow einen ersten Eindruck wider:

"went out to see Chancellor at Hohen Finnow [Hohenfinow bei Eberswalde]- a quaint old house with fine ceilings and a nice old fashioned garden - with old fashioned flowers and beautiful avenues of old lime trees. Farm - about 200 cows not up to much - and badly kept. Some good pigs - Deutsche Edelschweine chiefly - but not many".

Doch das Hauptgewicht des Gespräches, das von Musik am Flügel und Anmerkungen zu Literarischem umrahmt wurde, lag, an diesem Nachmittag und Abend, auf den deutsch-englischen Marinefragen. In einer langen und zentralen Unterredung erörterten der Kanzler mit Goschen den britischen Vorschlag, wie eine Verständigung möglich sei. Dabei ging es darum zu klären, was Greys Vorschlag bedeute, die deutsche Flottenrüstung einzufrieren und sich gegenseitig über Schiffbaufragen zu informieren. Bethmann Hollweg fragte: "But what will G´t Britain do meanwhile?" Goschen merkte in seinen Tagebuchnotizen an, er habe geantwortet,

"that I was not clear either but that I thought - as our great object was to reduce the great expenditure on armaments - we should reduce our expenses to the minimum of what we considered necessary for safety" (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kanzler habe nicht sofort Stellung bezogen, sondern gebeten, Grey für die Verbindung zu danken, jedoch anzumerken, er habe noch einige Unterlagen durchzusehen, bevor er seine Meinung gebildet haben werde. Mit einigen atmosphärisch-skizzenhaften Anmerkungen schloss Goschen seine Aufzeichnungen:

"I had quite a nice afternoon – tho’ it was beastly cold sitting out in the garden before dinner - Me B[ethmann].H[ollweg].’s sister was there - young B[ethmann].H[ollweg]. a nice lad educated at Oxford and a very pretty Governess - Miss Clark: also that dull fellow Flotowand Stumm" (Hervorh.v.m., B.S.).

Berlin kritisches Kalkül: Machtfaktor Türkei. Ausgleich mit Rußland?

   Wenig später erläuterte der serbische Außenminister Milovanovich dem englischen Botschafter die Machtverhältnisse auf dem Balkan. Die Macht der Türkei werde weit überschätzt. Goschen hielt fest:

"He told me inter alia in answer to an observation from me that the military situation between Turkey and Bulgaria was very different, in Turkey’s favour, from what it was two or three years ago, that that was true to a certain extent; but that the Turks were neither so strong as they thought themselves nor as a great many other people thought them. Their men were good - but their officers - nothwithstanding v.der Goltz deplorable: as venal and inefficient as they were in Abdul Hamid´s time" (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Militärbericht Nr.109 meldete bereits am 10. Oktober,

"das Belg[ische] K[riegs]M[inisterium] und die Mehrzahl der belgischen Offiziere sind deutschfreundlich gesinnt".

   Goschen und Bethmann Hollweg trafen Mitte Oktober zu einem "tremendous talk of 2 hours" zusammen. Ein paar Tage später wiederholte sich dieser Vorgang mit Wilhelm II., der eingehend mit dem Botschafter über Politik sprach. "It was interesting but too secret for this book" (Hervorh.v.m., B.S.), notierte Goschen in seinem Tagebuch. In diesen Tagen urteilte der französische Botschafter Jules Cambon über Kiderlen:

"Dans les petites affaires il sera très coulant - mais dans les affaires importantes il est capable de nous faire des grandes cochonneries’!!"

Das sich abzeichnende Treffen zwischen Zar und Kaiser erörterte Unterstaatssekretär  Nicolson vom Foreign Office in einem Brief an Goschen. Der englische Botschafter reduzierte auf das Wesentliche, nämlich die Begegnung zwischen Sasonow und Kiderlen-Wächter. Überdies schien ihm ein Krieg zwischen der Türkei und Griechenland (unter Beteiligung Deutschlands auf türkischer Seite) nicht mehr zu erwarten.

   Doch die Spannungen - vor allem jene zwischen Frankreich und Deutschland - dauerten an. Cambon äusserte erneut zu Kiderlen:

"Ah! Mon ami - nous avons mangé notre pain blanc dans la Personne de Schoen - avec Kiderlen nous n´aurons que du pain noir!" (Hervorh.v.m., B.S.)

Aber auch zwischen den Westmächten und Russland bestand Misstrauen. Goschen und Cambon waren sich einig, wenn es darum ging, aus Osten-Sacken oder Schebeko etwas über Sasonows Besuch in Potsdam und Berlin herauszuholen. Am 1. November aßen Bethmann Hollweg und Kiderlen bei Osten-Sacken mit Sasonow. Goschen bemerkte, es werde schwer fallen herauszubekommen, was der russische Außenminister in Berlin wolle. Als der englische Geschäftsträger Ende Dezember Nicolsen in London traf, war dieser über Sasonow äußerst entrüstet. Auch Goschen meinte: "I think latter is not behaving well". Schoen, nun nach Paris versetzt, hatte aus Berlin eine Antrittsrede erhalten, die er vor dem Präsidenten der Republik Fallières zu halten hatte, deren freundliche Töne er jedoch abschwächte. Der deutsche Geschäftsträger begründete dies damit, er werde in der deutschen Öffentlichkeit bereits als zu frankophil bezeichnet.

   Im November fasste Brigadegeneral G.N.Nickolson die Kontakte des Jahres 1906, zwischen Frankreich und Großbritannien, noch einmal zusammen. Es habe sich damals um Vorbereitungen "für den Fall eines unprovozierten Angriffs Deutschlands auf Frankreich" gehandelt. "Die Arbeiten von 1906" hätten "eine gewisse Berücksichtigung für die Heimatarmee 1907" gefunden.

   Den vorgeblichen Gegenstand der "Entrevue von Potsdam" teilte dann, mehr oder weniger unscharf, Kiderlen am 8. November mit, als der englische Botschafter den deutschen Staatsekretär des Auswärtigen an dessen diplomatischem "jour fixe" aufsuchte. Goschen notierte dazu:

"Went to Kiderlen´s day - he gave me a very jejune account of his conversations with Sazonow - Statu quo in Balkans - support of present Turkish Gov´t Faute de Mieux´(wh. he explained by saying that a Gov´t directed by an anonymous Committee was not an ideal one!) - localization of quarrels amongst minor Balkan States - and necessity of making latter understand that sh´d Internal troubles arise in Turkey it is not their affair but that of G´t Powers. About Persia he said but little merely that he had told Sazonow that as long as integrity of Persia and open door was guaranteed Germany had nothing to do with ‘Persian Question’".

Kriegsentschluß bereits im Dezember 1911? Zusammenarbeit zwischen Reichskanzler, Generalstab und Kriegsministerium.

Am Vortage hatte der "Daily Chronicle"(Pansa) die Ausführungen Bethmann Hollwegs zu den englisch-deutschen Beziehungen unverkürzt gebracht, die der Kanzler Goschen gegenüber getätigt hatte. Berlin bemühte sich demnach, an allen Fronten den Druck auf Downing Street zu erhöhen, schließlich einem Abkommen mit Deutschland näherzutreten. "Zufällig" begegnete der Botschafter, anlässlich einer Jagd auf Schloss Trachenberg, dem Fürsten "Lignowsky" und späteren Botschafter in London. Unübersehbar demnach die "Regie", welche deutscherseits alles darauf abstellte, die Beziehungen mit Großbritannien über kurz oder lang, und "in any case", zu verbessern.

   Am 2. Dezember geht an Bethmann Hollweg die "Denkschrift des Chefs des Gen[eral].Stabs der Armee über die militärpol[itische]. Lage Deutschlands", "d[ie]. achte!"

Es fragt sich, wo sind die übrigen sieben geblieben, und was war deren Inhalt? Das Kriegsministerium erhält am 4. Dezember eine Abschrift. Der Reichskanzler dankt am 26.12.1911. Von Bethmann Hollweg hatte am 28. November, dem Vertreter Moltkes, Stein, die

"Abschrift der Berichte 707, 718, 773, 774, 775 des Marine-Attachés in London [und] 2 Berichte der Botschaft in London [übersandt]. Staatssekretär Tirpitz sendet in Abschrift ebenfalls [die Berichte] 707 und 718".

"Zugeschickt an Gen[eral].Major Stein ganz!" Am 14. Dezember folgt ein "Bericht des Reichskanzlers an S[eine].M[ajestät]. über [die] Unfreundlichkeiten der belgischen Presse und deren Abstellung" nach. Am 16. Dezember macht das Militärkabinett

"Mitteilung über die vom 1.10.[19]12 an neu beabsichtigte Friedenspräsenz- und Heeresvermehrung".

Der Generalstab antwortet am 22. Dezember, und macht dem Kriegsministerium "Vorschläge für die neue Friedensgliederung im Osten und Westen". Der "Entwurf am 23.12. an Oberst Ludendorf zurück". Am 18. Dezember waren vom Auswärtigen Amt "Berichte des Gesandten in Brüssel[,] nebst Anlagen[,] betr[effend]. [die] Haltung Belgiens zu Deutschland" eingetroffen. Kurz darauf kommt der

"Bericht des Geschäftsträgers in Paris über Aufmarschmassierungen und russ[isch].-franz[ösische]. Abmachungen".

Am 26. Dezember meldet der Botschafter in Bukarest Rumänien rechne "für [das] Frühjahr 1912 mit einem Krieg" (Hervorh.v.m., B.S.).

41 - Inspizient des Pionierkorps Mudra: Strategisch keine Probleme.

   Neue Funde aus den Jahren nach 1919, legen diese Zusammenhänge offen. Der Inspizient für Festungen und Pionierwesen, Mudra, meldete am 9. November seine Forderungen beim Generalstab an. Er betonte "die schwierige Lage", das Reich werde "den Krieg nach 2 Seiten führen" müssen. Der Krieg nach einer Seite - West oder Ost - stelle kein Problem dar. Dieser sei "offensiv und außerhalb des eigenen Gebietes zu führen" (Hervorh.v.m., B.S.). Der Grundgedanke des deutschen Aufmarschplanes war bekannt. Von der Schwerpunktbildung auf einer Seite leitete Mudra her, es sei "die vornehmste Aufgabe der Landesbefestigung diese Absicht mit allen Mitteln zu unterstützen". Der Inspizient des Festungswesens und der Pioniere legte damit die operative Absicht der deutschen Generalstabes offen. Mudra führte aus, es könne

"ein Zweifel darüber wohl nicht bestehen, daß wir mit unserem Hauptstoß in erster Linie Frankreich treffen müssen. Ist Frankreich in den ersten Schlachten geschlagen und ihm das Bewußtsein seiner Unterlegenheit uns gegenüber von neuem aufgepreßt, so ist m.E. die wichtigste Arbeit getan" (Hervorh.v.m., B.S.).

Im Westen wie im Osten: Eventuell Zurückgehen bis auf Rhein und Oder.

Im Westen würden "Metz-Diedenhofen...auf einer Strecke von rund 40 km Länge" die Heeresbewegungen begünstigen. Erneut spielte der Inspizient auf den geplanten Aufmarsch rund um Metz an. Selbst ein Ausweichen "auf den Rhein" wurde erwähnt. Ein Umstand, der 1914, im Zuge der Marneschlacht, durch Lyncker erwähnt werden sollte. Doch gerade die ersten Schlachten des Krieges seien deshalb von entscheidender Bedeutung, weil

"die großen Militärmächte...die Entwicklung ihrer Wehrkraft, ihre Mobilmachung, alle Kriegsvorbereitungen darauf an[legten], in den ersten großen Entscheidungen im freien Felde ihre gesamte militärische Kraft zum Einsatz zu bringen" (Hervorh.v.m., B.S.).

Darin waren sich Moltke und Mudra einig. Dieser schloss:

"Daraus folgt, daß bei einem Kriege nach 2 Seiten die Lage für uns eine aussichtslose wird, wenn wir nicht spätestens am Rhein den Umschwung herbeiführen, und daraus folgt weiter, daß die Festungen wenigstens am Mittel- und Niederrhein kaum anders in Aktion zu denken sind, als in Verbindung mit der Feldarmee!" (Hervorh.v.m., B.S.)

Alle Anstrengungen wollte der Inspizient des Festungswesens auf Metz-Diedenhofen konzentriert wissen. Die Grenzbefestigungen in diesem Raum sollten bereits im Frieden armiert sein. Doch der "Schwerpunkt für den Friedensausbau" der "Landesbefestigung" liege jedoch "an der Ostgrenze". Mudra skizziertr die Planungen für den Ostkriegsschauplatz. Er führte an, es komme

"darauf an, in zähem Widerstande mit möglichst geringen Kräften das Vordringen der numerisch weit überlegen anzunehmenden Russen aufzuhalten und Zeit zu gewinnen für die Durchführung der zunächst entscheidenden Operationen auf dem westlichen Kriegstheater. Frankreich muß von uns in entscheidenden Schlachten geschlagen sein, ehe die Russen mit stärkeren Kräften die mittlere und untere Oder überschreiten" (Hervorh.v.m., B.S.).

Die herausragende Bedeutung des Festungsbaus im Osten unterstrich der Inspizient durch den Hinweis:

"Je länger wir im Osten mit Hilfe der Landesbefestigung die Situation hinhalten, desto mehr Zeit bleibt für die entscheidende Aktion im Westen, desto gründlicher kann dort die erste Abrechnung vor sich gehen, ehe man von den Franzosen ablassen muß, um sich gegen die Russen zu wenden!" (Hervorh.v.m., B.S.)

   Im Jahre 1899 hatte der Freund und Lehrer Mudras, Colmar von der Goltz, bereits diese Grundsätze deutschen Festungsbaus entwickelt, jedoch für die gleichzeitige fortifikatorische Ausgestaltung des westlichen, wie des östlichen, Kriegsschauplatzes plädiert. Diese Forderung hatte zu dessen Entlassung geführt, da Generalstab (Schlieffen) und Klriehgsminister (Einem) gegen Festungslinien aufgetreten waren. Die Anmerkungen des Oberquartiermeisters Stein zeigten 1911 die gleich ablehnende Position des Generalstabes. Die untere Weichsel, so Mudra, sei bereits gegen den frontalen Angriff der Russen verstärkt. Von Süden sei die Front "Kulm-Marienburg jedoch jederzeit zu umgehen. Die Verteidigung der Weichsellinie entbehre der Tiefe. Ein Durchbruch werde zur "Räumung der ganzen Linie" führen. Deshalb sei Graudenz zu erweitern und "zu einem doppelten Brückenkopf" auszubauen. "Die Weichsel-Befestigungen von Thorn bis Marienburg und...die Festung Posen" behinderten "einen Vormarsch der Russen in der allgemeinen Richtung Berlin".

   Momentan wären die Festungen Posen, Thorn und Graudenz derart schwach, dass die Russen "nach erfolgter Durchführung der lebhaft in Angriff genommenen Modernisierung ihrer schweren Artillerie...sogar gegen 2 von diesen Festungen den Angriff gleichzeitig aufzunehmen in der Lage sei[e]n". Die Modernisierung dieser Plätze, so der Pionier, sei überfällig. Königsberg, als Brückenkopf in der rechten Flanke der vorstoßenden Russen, stehe

"nach Ausführung des Hafenabschlusses durch die Frische Nehrung in einem gewissen Zusammenhange mit der Weichselverteidigung;dies kann bei Aufnahme der Offensive unsererseits größere Bedeutung gewinnen - ganz abgesehen davon, daß durch den Haffanschluß das Samland mit seinen reichen Hilfsmitteln dem Gegner entzogen bleibt" (Hervorh.v.m., B.S.).

Cüstrin - und eine ernsthafte Belagerung dieser Position - wurden durch Mudra deshalb nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, da, gelange "der Feind einmal mit bedeutenden Kräften in die Nähe von Berlin, so" werde "der Krieg entschieden sein, wenn es nicht" glücke, "den Gegner bald in freiem Felde zu schlagen" (Hervorh.v.m., B.S.). Glogau und Breslau wurden nur in begrenztem Maße herangezogen. Diese erhielten dennoch indirekte Bedeutung durch die "mit französischem Geld" vervollständigten Bahnlinien "in das Festungs-Dreieck Warschau-Brest-Iwangorod". Feldbefestigungen, bereits im Frieden "an den Obra-Abschnitten", wurden beantragt. Offenbar wollte sich der Inspizient der Zustimmung Moltkes versichern. Im November 1911 war augenscheinlich der Umriss der künftigen Kriegführung festgelegt und die Phase unmittelbarer Kriegsvorbereitung sollte eingeleitet werden.

42 – Ende 1911 die Wende: Der Kriegsminister für die Nachrüstung.

   Aufgefordert durch den Reichskanzler, zog am 19. November der Kriegsminister seine Folgerungen aus der Marokkokrise des Sommers. Bislang seien "normale[r] Verhältnisse" Grundlage der letzten Schätzungen zum Bedarf der Armee gewesen. "Mit den neueren politischen Vorgängen" habe auch eine öffentliche Diskussion "Erwägungen" zum "Friedenspräsenzgesetz 1911" in Gang gesetzt. Vorschalten wollte Bethmann Hollweg die Beratung zu einer Marinevorlage. Das veranlasste Heeringen, in Übereinstimmung mit dem Chef des Generalstabes, auf das Gespräch über die Nachrüstung der Armee hinzulenken.

Blick zurück.

In einer Anlage betonte der Kriegsminister, die Heeresvorlage 1911 sei von vornherein "als unzureichend bezeichnet" worden. Aus fiskalischen Gründen habe auch der Kriegsminister seine Vorstellungen zurückschrauben müssen. Ohne akute politische Spannungen sei dieses Gesetz zu vertreten gewesen. "Der erste wirkliche Zuwachs an Kampfkraft" sei "erst im Jahre 1914" und 1915 geplant gewesen. Allein mit Zahlen des militärtechnischen Vergleichs sei, im Reichstag und dessen Ausschüssen, 1909 keine Armeevergrößerung durchzusetzen gewesen. Allerdings sei schon zu diesem Zeitpunkt bekannt gewesen:

"Daß wir uns auf einen französischen Angriff - event[ue]l[l]. unterstützt durch Rußland und England - einzurichten und dabei nur auf die Hilfe von Oesterreich, aber keineswegs sicher auf die von Italien zu rechnen hätten" (Hervorh.v.m., B.S.).

Heeringen suchte sich gegen den Vorwurf mangelnder Voraussicht zu sichern. "In den Stärkeverhältnissen" zu Frankreich, Russland und England sei "seit 1909 keine durchschlagende Verschiebung" erfolgt. Heeringen unterstrich die nun veränderte Rüstungslage:

"Die russische Armeeorganisation ist fast vollendet. In Frankreich scheinen sich die Absichten, das afrikanische Menschenmaterial zur Stärkung der in Europa verfügbaren Streitmittel zu verwenden, zu verdichten. Belgien und Holland haben sich, angeregt durch die Spannung 1911, auf die Wahrung ihrer Neutralität wesentlich mehr vorbereitet" (Hervorh.v.m., B.S.).

Folgen der Marokkokrise.

Diese Folge der zweiten Marokkokrise, so sah es der Kriegsminister, werde, "in wenigen Jahren..., schon aus rein ziffernmäßigen Erwägungen eine Verstärkung des deutschen Heeres unabweisbar" werden lassen. Das Problem zahlenmäßiger Unterlegenheit gegenüber den möglichen Gegnern, wurde keineswegs zurückgewiesen, sondern als Argument für eine Armeeverstärkung ins Feld geführt. Vorgeblich hatte der Kriegsminister bereits 1910 mehr gewollt. Jedoch seien die Bemühungen seit 1905 "verhältnismäßig wenig vorwärts" gekommen, gestand Heeringen zu. Bereits mit dem "technischen Quinquennat" von 1911 wurde für dessen Durchführung das Jahr 1916 anvisiert. Nun sei in der Planung auf 1914 hin disponiert worden, und 1915 für den Abschluss vorgesehen. Die Lage habe sich jedoch mit der Marokkokrise, in der zweiten Jahreshälfte 1911, grundlegend verändert. Das Reich habe sich inzwischen - und das gestand der Kriegsminister zu - auf einen "französischen Angriff - event[ue]l. unterstützt durch Rußland und England - einzurichten" und könne "dabei nur auf die Hilfe von Oesterreich, aber keineswegs sicher auf die von Italien" rechnen. Überraschend für den Leser stellt Heeringen fest, seit 1909 sei "keine durchschlagende Verschiebung" zuungunsten Deutschlands eingetreten.

Hochrüstungsphase in Europa.

Die Veränderungen in Frankreich (Armeeverstärkung) und Russland (Umorganisation) bildeten "noch keine greifbaren Tatsachen". Allerdings regten die Vorgänge des Sommer 1911 zu nicht mehr als der "Frage" an, "ob die militärpolitischen Verhältnisse auch jetzt noch ebenso zu beurteilen" seien. Die Entwicklung Frankreichs in Marokko werde die französischen Streitkräfte verstärken können. Russland, Belgien und Holland hätten deren Reorganisationen nahezu abgeschlossen. Dennoch sei "das deutsche Heer nach des Kriegsministers und des Chefs des Generalstabes der Armee Ueberzeugung" den "vorausssichtlichen Gegnern" Deutschlands "noch gewachsen". Heeringen näherte sich der Position Moltkes insofern an, als auch er keineswegs die Bedeutung "numerisch[r] Ueberlegenheit...im Kriege" leugne.

Kritik Repingtons als Katalysator.

   Entscheidenden Einfluss übte hier die beißende Kritik ausländischer Militärbeobachter an der deutschen Armee, die nach den Kaisermanövern 1911 in Vorpommern von englischer Seite zutage gefördert wurde. Heeringen sprach von "politischen Hetzereien im Ausland" und leitete von dort die gegnerische Kriegsbereitschaft her. Aushangspunkt für Kriegsvorbereitungen schien dem Kriegsminister England zu sein. Als Anlass könne ein weiterer Ausbau der deutschen Flotte dienen. Das Rezept der deutschen militärischen Führung für diesen Fall war, nach Ansicht Heeringens,

"daß wir unter Hinwegsetzung über alle Bedenken alsbald Frankreich vor die Klinge nehmen" (Hervorh.v.m., B.S.).

Der "preemptive strike" war demnach deutsches Programm. Diese Vorstellung entsprang der Überlegung, das "neben einem Seekriege auch mit einem Landkriege zu rechnen" sei.

"In letzterem wird aber unbedingt die Entscheidung liegen....Auf dem Sieg oder Mißerfolg des deutschen Heeres ruht das Schicksal der Krone der Hohenzollern, das Wohl und Wehe unseres Vaterlandes",

führte Heeringen dem Reichskanzler eindringlich vor Augen. Der Kriegsminister prägte für die anstehenden Wehrgesetze die Formel: nicht allein die Flotte sondern auch die Armee. Bis zum 1.10.1912, demnach mit einiger Beschleunigung, sollte nunmehr zunächst die Armee nachgerüstet werden.

43 - Moltkes Rüstungsprogramm: Kriegswille, Abstimmung,Entschluß.

   Anfang Dezember griff daraufhin auch der Generalstabschef zum Mittel der Denkschrift, um dem Politiker zum Jahresende die militärische Lage zu entwickeln. Offen ist, ob dies alljährlich zu diesem Zeitpunkt geschah. Moltkes einleitende Ausführungen stellten seine Darstellung in den Duktus abgestimmten Vorgehens innerhalb der politischen und militärischen Führungsspitze des Reiches. "Politische und militärische Verhältnisse" seien nicht zu trennen. Ausdrücklich sprach Moltke für die Synopse beider Sichtweisen. "Deutschlands Ziele" seien 1911 "weiter gesteckt als früher". So sei

"der Leiter der militärischen Operationen...vor eine Aufgabe gestellt, die fruchtbringend nur gelöst werden kann, wenn seine Vorarbeiten sich in Uebereinstimmung mit den politischen Richtlinien des Staatesbefinden. Die Vorbereitungen für Aufmarsch und Operation bedürfen einer langwierigen und sorgfältigen Arbeit, sie können nicht von heute auf morgen verändert werden und auch die Führung unserer Politik wird auf sie rücksichtigen müssen. Schon der Zeitpunkt, wo die Politik durch Waffengewalt fortgesetzt werden soll, kann von ausschlaggebender Bedeutung für den Ausgang sein" (Hervorh.v.m., B.S.).

Nichts anderes als hochmodern waren diese Einsichten des verantwortlichen militärischen Führers. Wurde diese Denkschrift deshalb von einem Teil der Forschung, da unliebsam für deren apüologetische These vom polykratischen Chaos, bewusst vernachlässigt? Die Kooperation von Politik und Militär im Kaiserreich wird hier durch Moltke bestätigt.

Frankreich: Zunehmender Offensivgeist.

   Von Frankreich ausgehend, welches das zentrale Problem deutscher Strategie darstelle, sah Moltke keine aktuelle Bedrohung. Anders England, von wo der französische Revanchegeist wiederbelebt würde. Zum Beispiel durch die Propaganda eines Repington. Deutschland verfolge seinem westlichen Nachbarn gegenüber keine offensiven Ziele. Wenn auch die deutsche Weltpolitik durch den Generalstabschef offensiver aufgefasst wurde, blickte doch immer wieder die Sorge zwischen den Zeilen hervor, der französische Offensivgeist könne wieder erstarken, "Armee, Regierung, Generalstab und Kriegsministerium" Mut fassen, die deutsche Armee im Rahmen der Entente mit England anzugreifen. Moltke konkretisierte:

"Die Zuversichtlichkeit, die durch die Niederlage des russischen Verbündeten einen empfindlichen Stoß erlitten hatte, hat sich mit dem Wiedererstarken des Zarenreiches gehoben, vor allem ist sie gekräftigt worden durch die Gewißheit englischer aktiver Unterstützungin einem Kriege mit Deutschland" (Hervorh.v.m., B.S.).

Einfluß der Kritik Repingtons.

Welche Bedeutung der westeuropäischen Kritik an der deutschen Armee, auch an höchster Stelle, beigemessen wurde, bestätigte der Generalstabschef:

"Zahlreiche Flugschriften, Aufsätze in den Tageszeitungen und in Zeitschriften, auch größere, wissenschaftlich[e] gehaltene, zum Teil von höheren Offizieren verfaßte Werke suchen die Ueberlegenheit der französischen über die deutsche Armee nachzuweisen. In demselben Sinne sind Aeußerungen der englischen Presse laut geworden. In einer längeren Reihe von Aufsätzen über die diesjährigen deutschen Kaisermanöver kommt ein Militärschriftsteller von Ruf, der englische Oberstleutnant Rep[p]ington, zu dem Schluß, die deutsche Armee sei der französischen vielfach unterlegen, in manchen Dingen stehe sie nur auf der Stufe eines Staates zweiten Ranges" (Hervorh.v.m., B.S.).

Den Franzosen solle so suggeriert werden, "die Vortrefflichkeit der eigenen Armee" könne "sich mit jedem Gegner messen". Der Gedanke eines französischen Überfalls klang erneut an. Moltke unterstrich, "die chauvinistische Stimmung" könne "mit oder ohne Willen der Regierung den Krieg unerwartet herbeiführen, der entscheidend sein" werde "für Deutschlands Zukunft". Doch einen lokalisierten deutsch-französischen Krieg hielt der Generalstabschef nicht mehr für möglich.

Das Bild der Blöcke.

Er nahm an:

"Kommt es zum kriegerischen Zusammenstoß beider Staaten, so werden auch die übrigen Großmächte in einer Weise in Mitleidenschaft gezogen, die ihnen ein aktives Handeln aufzwingen"

werde. Seine Prognose ging dahin, "der Dreibund Deutschland, Oesterreich, Italien" werde "der Koalition Frankreich, England, Rußland gegenüberstehen". Den Dreibund sah Moltke geteilt, hinsichtlich der jeweiligen Aufgabenstellung zwischen Deutschland und Österreich gegen Rußland und Deutschland-Italien gegen Frankeich. Falls Rußland nicht am Kriege teilnehme, bestünde für Österreich "keine vertragliche Verpflichtung zu einer Unterstützung Deutschlands". Das würde bedeuten, Deutschland und Italien würden gegen Frankreich kämpfen, das "sicher" von England "aktiv" unterstützt sein werde. Dadurch, und über den Ausgleich der französisch-italienischen Spannungen seit 1902, erscheine die Unterstützung durch Italien unsicher. Diese Entwicklung werde verschärft durch die "Spannung zwischen Oesterreich und Italien". Italien lasse sich inzwischen von Dreibund und "Ententemächten" umwerben. Das sei die Situation.

Krieg mit Frankreich/England leistbar.

Moltkes schlussfolgerte:

"Deutschland wird also gut tun sich darauf vorzubereiten, daß es einen Krieg gegen Frankreich und England zunächst alleine zu führen haben wird. Einen solchen Krieg haben wir nicht zu fürchten, so lange Rußland neutral bleibt und damit für Deutschland Rückenfreiheit geschaffen ist" (Hervorh.v.m., B.S.).

   Die Unbekannte in der Rechnung des Generalstabes hieß: was enthält der Zweibundvertrag zwischen Rußland und Frankreich für den Bündnisfall? Die aktuellen politischen Vorgaben wandelten sich demnach von Jahr zu Jahr. Sollte Russland eingreifen, dann würde das bedeuten, daß Österreich an Deutschlands Seite träte. Stehe Italien zum Dreibund, dann würde Österreich "den größten Teil seiner Kraft gegen Russland verwenden" können. Moltke befürchtete allerdings für den Fall, dass Italien abschwenke, werde dessen "Stoßkraft...gegen Rußland gelähmt werden". Es zeichne sich ab, dass Österreich in diesem Fall "seine Hauptkräfte gegen Italien" einsetzen werde. In jedem Falle werde "Deutschland die Eröffnung des Feldzuges mit allen verfügbaren Mitteln gegen Frankreich" einleiten. Äußerst schwach gegen Russland auftretend, sollte "die Entscheidung des Krieges" gegen Frankreich und England gesucht werden. Moltke verkündete sein Credo:

"Die Republik ist unser gefährlichster Gegner, aber wir können hoffen, hier eine baldige Entscheidung herbeizuführen. Ist Frankreich in den ersten großen Schlachten geschlagen, so wird das Land, das über keine großen Reserven an Menschenmaterial verfügt, kaum imstande sein, einen lang andauernden Krieg weiterzuführen, während Rußland ihn nach einer verlorenen Schlacht in das Innere seines unermeßlichen Gebiets verlegen und ihn auf unabsehbare Zeit in die Länge ziehen kann. Das ganze Streben Deutschlands muß aber darauf gerichtet sein, mit einigen großen Schlägen den Krieg wenigstens nach einer Seite hin sobald wie möglich zu beendigen" (Hevorh.v.m., B.S.).

Die türkische Armee - Ass im Ärmel Berlins.

Operationsziel: Das britische Empire.

Die Hauptgefahr des parallel ablaufenden italienisch-türkischen Krieges um Tripolis sah der Generalstabschef darin, dass Deutschland "entweder einen Bundesgenossen oder einen Freund" verlieren könne. Entscheidend sei, und das erwähnte Moltke herausgehoben, der "militärische[n] Wert" der Türkei in "einem europäischen Kriege". Für das osmanische Reich als Bündnispartner Deutschlands sprach aus der Sicht des Generalstabschefs,

"seitdem Rußland in ein freundschaftliches Verhältnis zu Englandgetreten ist und letzteres dadurch von seinen Besorgnissen um Indien entlastet hat, ist die Türkei die einzige Macht, die England zu Lande gefährlich werden kann. Eine türkische Offensive aus Syrien würde die englische Etappenlinie nach Indien, an der empfindlichsten Stelle, dem Suezkanal, bedrohen und die englische Machtstellung in Aegypten gefährden" (Hervorh.v.m., B.S.).

Wie durchdacht die türkische Karte im deutschen Machtkalkül bereits war, zeigte Moltkes Berechnung für den Vorstoß der Türkei gegen Ägypten. 80.000 Mann türkischer Verbände würden zunächst 6.000 Mann englischer Truppen gegenüberstehen. Diese Kräfte würden "aus den Kolonien auf 20.000 Mann gebracht werden" können. Berlin glaubte annehmen zu dürfen, England würde es nicht "wagen können, in einem Kriege gegen den Kalifen aller Gläubigen die eingeborenen ägyptischen Truppen zu verwenden". Allerdings sei dieser Vorstoß über 350 Kilometer zu führen; benötige also Zeit. Entscheidender erschien jedoch dem Generalstabschef, dass "schon die Versammlung starker türkischer Kräfte in Syrien...es England unmöglich machen" werde, "seine Heimatarmee in voller Stärke auf europäischem Boden einzusetzen" (Hervorh.v.m., B.S.). Damit enthüllte Moltke einen wesentlichen Teil seiner strategischen Rahmenkonzeption. Es ging ihm darum, die Türkei wie mit einem Dreizack einzusetzen. Russland in Armenien und England in Ägypten und Persien zu binden, und so, neben der russischen Westarmee in Polen,  das Auftreten der British Expeditionary Forces in Nordfrankreich zu schwächen.

   Selbst Aden, der britische Seestützpunkt am Ausgang des Persischen Golfes, sollte durch die Türkei genommen werden. Im Jemen standen 30-40.000 Mann türkischer Truppen, die geeignet erschienen, sowohl die türkischen - wie auch die deutschen - Ziele zu verwirklichen, nämlich Ägypten und Aden zu bedrohen und den Seeweg nach Indien zu gefährden. Hinter diesen Überlegungen stand offenbar der Plan, vermittels der Revolutionierung der islamischen Welt, das britische Weltreich ins Mark zu treffen. Die türkische Armee - so Moltke - habe inzwischen ihre "Schlagfertigkeit erhöht".

In Armenien gegen Rußland.

Sie beabsichtige ferner,

"im Falle eines Krieges mit Rußland ein Heer von 100 000 Mann in Armenien aufzustellen. Rußland kann diesem nur seine drei, im Kaukasus stehenden Armeekorps entgegenstellen. Sie werden umso weniger ausreichen, als starke Kräfte zur Niederhaltung der, mit ihren Sympathien der Türkei zuneigenden, mohammedanischen Bergvölker erforderlich sein werden. Rußland wird daher gezwungen sein, Teile seiner Zentralarmee nach dem Kaukasus zu werfen, die dann auf der deutsch-österreichischen Front ausfallen. Wenn die Türkei von den 700 000 Mann, die sie aufstellen kann, 100 000 gegen Rußland, 100 000 gegen Aegypten, 50 000 gegen Aden einsetzt, so bleiben ihr noch 450 000 Mann in Europa verfügbar, denen Bulgarien seine 350 000 Mann nicht vollzählig wird entgegenstellen können, da es sich gegen Rumänien decken muß" (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Türkei, als strategischen Machtfaktor von "Gewicht", erwartete Moltke "in einem europäischen Kriege" auf Seiten Deutschlands und Österreichs. Das habe auch England erkannt, das der türkischen Armee gestatte, "eine gut arbeitende Etappenlinie nach der Cyrenaika einzurichten".

Das Resümee Moltkes.

Letztlich, und das ist des deutschen Generalstabschefs "worst case"-Szenario, blieben "als sichere Factoren, mit denen zu rechnen" sei, "nur die vereinigten Streitkräfte Deutschlands und Oesterreichs, die einer Koalition Frankreich, England, Rußland entgegengestellt werden" könnten. Diese Kräfte würden in voller Stärke, ausschließlich und ohne Ablenkung, gegen die Zentralmächte Deutschland und Österreich aufmarschieren können.

   Das Kräftegleichgewicht sei für diese ein äußerst prekäres. Auch die Zuflucht, numerische Überlegenheit sei nicht alles, und

"die Wehrhaftigkeit einer ganzen Nation, Kriegstüchtigkeit, Tapferkeit, Aufopferungsfähigkeit, Disziplin, Geschicklichkeit der Führung sind höher zu bewerten als die tote Zahl",

konnte nicht des Problems Lösung bringen. Moltke gestand das ein. Nur die Gegenüberstellung der beiderseitigen Machtmittel" bedeute "eine positive Unterlage".

Rußland quantitativ überlegen.

So habe ...<

 

 
Bernd F. Schulte
 
Beware of the Wolves.
 
The Riezler Diary and a Historians “Fraternity”.
 
Preamble.
 
The controversy surrounding German war aims in the First World War, lastly centred on Germany’s share in the responsibility for the outbreak of war, is closely connected with the late Hamburg professor of history, Fritz Fischer. Between 1959 and 1968 this discussion was dominated by a primarily older generation of scientists, the memories of which reached back into the monarchy. Fischer succeeded in gaining influence at universities, radio- and television channels as well as by further publishing. He did furthermore influence research ventures in the fields of social and economic history. In 1978 at the “Historian´s Day” in Hamburg, Fischer began – visible to all – with his public speech on the “alliance of the elites” - his retreat from the – even in his view - distasteful controversy. He interrupted this path in 1983, only on a short-term level, through his sudden emergence in a long-overdue discussion on the authenticity of the Riezler-Diaries. In the course of this last chapter of the discussion, the foundations of the historical view of his opponents in the Third Reich started to sound.
 
Historical science overrated Kurt Riezler as a witness of the events in the German leading circle prior to 1914. Whether or not the highly educated Bavarian uttered an active influence on the politics of the Imperial Chancellor Bethmann Hollweg, may be a matter of discussion1. Whether Kiderlen, Bethmann Hollweg, and (or) even Riezler, initiated the Morocco policy, in order to weaken the entente, appears to be immaterial in the end2. At all events, this Foreign-Office-Assistant was deeply involved with the characteristics of the political climate before 1914 and had already foreseen the war in his conditions3. The German leaders before 1914 were evidently closely engaged in the “localising” of conflicts, i.e. attempts were made to control and direct conflicts in a diplomatic fashion4. Riezler represented those aims which were also followed by both, Bülow and afterwards Bethmann Hollweg since 1908, and which became the breviary of German leadership6. Although he did not belong to the innermost circle of decision-making, Riezler declared that Great Britain would lose its status as world power7. This was just the aim of Moltke and the Great General Staff by planning the German Army’s advance on the Channel. The aim of dividing the entente was not achieved. Great Britain failed to succumb to the “joint venture” of a formal neutrality alliance and military pressure8.- The question remains as to what German historians did after the First World War in order to conceal these associations9.
 
1 cf. Wayne C. Thompson: In the Eye of the Storm. Kurt Riezler and the Crises of modern Germany, Iowa City 1980, p. 39 (quoted as: Thompson, Eye).
2 See ibid., 40
3 See ibid.,43 and following pages. All denial is to no effect.
4 See ibid., 47, Riezler: Finances and Monopolies.
5 Ibid., 49.
6 Ibid., 50.
7 Ibid., 54.
8 See ibidem 55.
9 BA-K. NL Rothfels. NL Rothfels to R. Stolt, 26.07.1963: “[concerning Rudolf Steiner] From the examples shown I have not gained the impression that would encourage me to embrace your wish to publish an article here. This applies in particular to the facts already known relationship of the younger v. Moltke where one could set quite different accents in the interpretation”.
 
 Riezler Diaries and “Fischer-Controversy”.
 
The Diary becomes a matter of discussion1.
 
It has recently been claimed that the diaries of Kurt Riezler are “a later forgery” and now, eighteen years later, with little innovation, the theory has been aired that Carl Erdmann intended with his publication of the Riezler diaries to provide himself with “a sharpened sword” against Fritz Fischer2. The neo-conservative German historians would dearly love to put an end to the continuing debate over the outbreak of the First World War. For it is as ever the national-historical background of the sixties to which Fischer’s opponents formulated their attacks. This event is particularly today of great significance, since once again powers are at work in favour of a new German national history. Kurt Riezler did reveal in the 1920ties, in view of the defeat of 1918, at Frankfurt University, details on the outbreak of war in 1914, on the verdict of Bethmann Hollweg, on Emperor William II, the military, the party leaders and professors. However, in no way was there a fundamental breach with the aims and methods of the commanding elite of imperialist Germany to be expected. Not to mention an accusation. Witnesses of the time described Riezler´s criticism of Tirpitz, the military and of other personalities3. Incited by the outbreak of war in September of 1939, Riezler again revealed information, describing the Imperial Chancellor Bethmann Hollweg as “war-hungry” in expectation of the great war with Russia. Thereupon, the Königsberg historian Hans Rothfels, who also had emigrated to USA, gave his colleague the advice to refrain from a publication of his material4.
 
In September 1939 Riezler gave a critical judgement of the development in the “old world”5. His attitude towards the former journalist Paul Scheffer (“Berliner Tageblatt”), who tried to win him for a memorial collection, remained unremitting6. Scheffer had been thinking of an “addenda”. It should have been “a discursive, non-chronological…consolidation of memories”7. Riezler affirmed his interest in the subject in 1954, however in the form of but a “long hours” of narrative8. Thus it was, in no means, a priori refusal9. In early July, Riezler wrote that he had found a small apartment in Rome in which the well-known conversation with Kurt Rheindorf should take place, in the course of which the initial results of his work on the remembrance project were mentioned10. “The Riezler matter”, noted Scheffer in 1956, had become a “tiresome subject” since the inconvenient aspects of Riezler´s legacy were subjected to “a concealment”. Scheffer confirmed that his friend Kurt had had contact to Rothfels. This had formed the starting-point for Riezler´s plan to “keep these memories forever secret”. Up to this time, “the manuscript” had not been destroyed by himself in person. Apparently however Walter Riezler was the first - for whatever reason - to speak of an order by his brother to destroy “the manuscript”. Paul Scheffer stressed that:
 
“According to my informant, the decisive point for Kurt and Mr. Rothfels was the fact that Bethmann Hollweg had made bellicose remarks to him in 1914. This obviously is a serious reason for a non-publication. And there is more of a similar strain, although of lesser significance” (My emphasis, B.S.).
 
The intensity of the exchange of ideas, even between Scheffer and Rothfels, is confirmed by Hans von Saucken, the owner of the Scheffer legacy in a letter to the Tübingen historian in mid-October 196312.
 
1 BA-Koblenz. N 1354/31. Heritage Hans Herzfeld. G.Ritter to H. Herzfeld, 5.4.1962: “The experts are of course Mr. Fischer and his school”.
2 According to Bernd Sösemann in early 2001 in the “Frankfurter Allgemeine Zeitung”. Eighteen years later, he assumes in late recognition: Bernd F. Schulte, The forged Riezler Diaries. A Contribution to the Scientific History of the 50’s and 60’s, Frankfurt-Bern-New York 1985 (quoted as: Schulte, Riezler). Schulte, Riezler, 165-180 (Documents Nos. 2-10).
3 Schulte, Riezler, 169. [Conversation Rheindorf-Riezler, 5./6.8.1930] „Later he voiced strong criticism to the factual content of the memories of ‘the world war leaders’”. Ibid., A. 67: ”Riezler stood in contact with the historian [Karl Friedrich] Nov[w]ak. See K.F.Nowak, The third German Imperial State, Berlin 1929/31. See also appearing soon: B.F.Schulte: Politics and the Military in Imperial Germany, 1890-1914.
4 Schulte, Riezler, 234, [Rheindorf to Erdmann, 27.12.1965]. Rothfels’ difficulties with the system in money matters are documented in the latter’s legacy. See BA-K, Heritage Rothfels. N 1213/35, H. Rothfels to the Imperial Minister of Finance, 9.3.1939. The historian then left Germany. See ibid., D.C.Thomson (Society for the Protection of Science and Learning/London) to H.Rothfels, 25.1., 26.1. and 14.2.1939.
5 BA-K. N. 1422/98, Heritage F.Fischer. K.Riezler to P.Scheffer, 13.9.1952. See as follows Schulte, Riezler with detailed exposition on the Riezler brothers in the 50’s. My investigations in 1983/84 were largely met with silence by friends and students (Marx, Helbig, Lowe) to the Riezler prior to 1914. See Diary Schulte, 1984.
6 Ibid., N 1422/98. K.Riezler to P.Scheffer, 5.12.[1953]. Schulte, Riezler, 7: K.Riezler: The Historian and the Truth, in: The Journal of Philosophy, vol. XLV, No. 14 (July 1, 1948) 381. Margret Boveri’s letters from Rothfels’ legacy give information on Paul Scheffer’s contribution to the discussion on 20 July 1944. Here mention is made of Eugen Gerstenmeier’s “theory” that “the legend of 20 July” may not be disturbed. See BA-K, N 1213. Heritage Rothfels, N 1213/1, M.Boveri to H.Rothfels, 25.11.1958. Ibid. N 1213/32-2, M.Boveri to H.Rothfels, 5.3.1963.
7 Ibid., P.Scheffer to K.Riezler, 7.2.1954. See Schulte, Riezler, 59. For contact between Scheffer and Rothfels, see BA-K. Heritage Rothfels. N 1213/1, P.Scheffer to H.Rothfels, 25.11.1953 and ibid., 5.1.1954.
8 Ibid. K.Riezler to P.Scheffer, 27.12.1954.
9 Ibid. K.Riezler to P.Scheffer, 19.2.1954. See Schulte, Riezler, 71-78 (A.68-87).
10 Ibid. K.Riezler to P.Scheffer, 1.7.1954. See Schulte, Riezler, 158 and following.
11 BA-K. Heritage F. Fischer, N 1422/98, transcript: P.Scheffer to H.Helbig, 27.7.1956. See Schulte, Riezler, 158 and following. Regarding the “run” on the diaries, see Schulte, Riezler, 85 and following. Moritz Schlesinger was put under pressure. The German Foreign Office had threatened to cancel his pension, should he continue to support Fischer, Fischer claimed while we were working on the “polemic” in 1982. In 1963, H.Rothfels showed interest in the heritage of P.Scheffer. See ibid. Heritage Rothfels. N 1213/48, H.Rothfels to H.v.Saucken, 31.10.1963. H.v.Saucken had informed et al. that he owned the heritage of P.Scheffer. See ibid., H.v.Saucken to H.Rothfels, 26.10.1963.
12 See ibid., H.v.Saucken to H.Rothfels, 17.10.1963.


A Diary as a Weapon.
 
The contents of the original Riezler Diaries severed the German position of July 1914 to such an extent that a publication repeatedly was denied. For this reason, Riezler once again turned his attention to the texts and carefully copied sections of it in pencil onto 19 large sheets of paper. By chance rather than as the product of serious editing can be seen on page 2, top left, the phrase “casus foederis”. It seems nonsense, in view of the precise handwriting, that at the bottom of page 4 the title “Hohenfinow 10.7.14” is deleted. The whole day is thus cancelled. Riezler departs on 11 July. Even the mistake in the decisive sentence: “Should there not be war, the tsar does not wish have [deleted] or advises France to peace”, mak