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Aufschlußreiches zu bedeutenden DiskussioenAufschlußreiches zu bedeutenden Diskussioen

Bernd F. Schulte

"Krisenkonferenzen" und englischer Präventivkrieg*


In seiner Kritik der einseitigen Betonung innenpolitischer Faktoren im Rahmen der aggressiven Reichspolitik, in Wunsch, Idee und Ziel nach außen (E.Kehr), ist Ferguson sicherlich zu folgen, läßt doch diese historiographische Richtung, neben einer Fülle von Detailuntersuchungen sämtlicher Facetten des politisch-sozialen Spektrums der Reichsinnenpolitik, grundsätzliche Ergebnisse für die großen Fragen der Zeitepoche vermissen. Mit Recht weist Ferguson darauf hin, daß "die Übereinstimmung zwischen deutschen Politikern, Generälen, Agrariern und Industriellen keineswegs so umfassend gewesen sei, "wie es manchmal behauptet" werde (S.63).

Jedenfalls aus "oberflächlichen" Gründen, einen Krieg zu entfesseln, war nicht das Verfahren der deutschen Reichsleitung vor Bülow, und danach (S.64). Daß es trotz Revolutionsfurcht, wirtschaftlichem Wachstum und zunehmender Demokratisierung, wie verbreiteter Unlust am Kriege, dennoch zu einem Kriegsentschluss kam, läßt auf eine breit angelegte psychologische Vorbereitungen von Gesellschaft, Parteiensystem, Reichstag wie militärisch-industriellem Komplex schließen. Dies ist eine Frage, die den Briten nicht zu interessieren scheint. Denn er glaubt sagen zu können:

"die Europäer marschierten damals nicht auf den Krieg zu, sondern wandten sich vom Militarismus ab".

Der englische Forscher kommt nicht umhin, die "eindeutig aggressiven Ziele" des Reichsbankpräsidenten Rudolf Havenstein am Vorabend des Krieges zu erwähnen (S.67). Allerdings übersieht er, daß zum Beispiel das bedeutende deutsche Werftenpotential erst für den Flottenbau künstlich aufgebaut wurde. Fälschlich setzte die deutsche Politik auf die "pazifistische" Londoner City. Und schließlich verfestigte sich bis zum 21. Juni selbst bei Wilhelm II. der Gedanke,

"ob es nicht besser sein werde, jetzt gegen Rußland und Frankreich loszuschlagen, statt abzuwarten".

Daß seit längerem über den Zeitpunkt der Kriegsauslösung und nicht das grundsätzliche "Ob-Überhaupt" eines Krieges diskutiert wurde, ist damit belegt. Daß Havenstein am 18. Juni bereits die Direktoren der acht größten deutschen Banken aufgefordert hatte, ihre Goldreserven zu erhöhen, zeigt zudem, daß in Berlin eine bedeutende Krise - wenn nicht die entscheidende - vorhergedacht wurde.

Ferguson regt die Frage an: Wer brauchte 1914 den Krieg? England sei nach Paul M.Kennedy eine "im Abstieg befindliche Macht" gewesen (S.68). Deutschland habe sich "unaufhaltsam im Aufstieg" befunden. Die Konfrontation zwischen beiden sehe Kennedy quasi als unvermeidlich. Auch bezeichnete Bethmann Hollweg England bereits 1910 als den

"entscheidenden Rivalen Deutschlands in den Fragen der expansiven Wirtschaftspolitik" (S.71).

Aber Handelsrivalität als Vorboten des Krieges lehnt der Brite ab. Allerdings, während England Menschen exportierte, habe sich Deutschland vom Emigrationsland zum Aspiranten europäischer Hegemonie gewandelt.- Dafür wurde aber dann jeder Einzelne benötigt und der "Kampf um Lebensraum" führte direkt zum europäischen Konflikt (S.72). Meint Ferguson das? Der Angelsachse relativiert andererseits die von deutschen Historikern überbetonte diplomatische Leistung Bismarcks Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Da der Gegensatz England-Rußland-Frankreich weit bedeutender gewesen sei, als dies zumeist gesehen werde(S.74). Jedenfalls haben nicht nur England und Frankreich, sondern auch Rußland und Deutschland vor 1914 im weltpolitischen Maßstab geplant. So war ein englisch-russischer Krieg 1894 äußerst wahrscheinlich (S.75). Die englisch-belgischen Beziehungen über dem Kongo waren gleichzeitig angespannt. Es fällt hier bereits die Militanz Edward Greys ins Auge. Gleichgewichtsdiplomatie oder Imperialismus? Der Schotte Ferguson stellt die Sicht einer modernistischen Forschungstradition der 70iger Jahre in Frage. Schon der Blick von außen auf Europa macht diese Sicht fruchtbar. Die Europazentrische Nabelschau wird damit relativiert. Scharf tritt der Fehler Bismarcks 1878 in dessen willkürlicher Wende gegen Rußland hervor. Damit provozierte der Kanzler letztlich den entscheidenden Schwenk Rußlands zu Frankreich hinüber. Das Grundmuster der "Lagersituation" europäischer Vorweltkriegspolitik - wenn dem so war - datiert damit aus den späten siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts (S.77) und wurde in den Forschergehirnen seit 1945 neu belebt. Frankreich baute Rußland schließlich bis 1914 gegen Deutschland wirtschaftlich und militärisch auf. Ferguson betont:

"Nicht Deutschland, sondern Rußland war vor 1914 das Reich mit der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft"(S.78).

Daß England diese Entwicklung 1888 noch nicht begriffen hatte, bestätigt nur Holsteins Zurückhaltung bei den Verhandlungen über ein deutsch-englisches Bündnis. Doch letztlich, so der Forscher aus Oxford, soll der Niedergang der deutsch-englischen Beziehungen(S.80) zum Krieg geführt haben. Der britische Historiker will nicht sehen, daß die "Macht in der Macht", England, und das aufstrebende Deutschland, nicht "zusammenarbeiten" konnten. Daß Zufälle ein deutsch-englisches Agreement verhindert hätten, sagt nichts über dessen Grundpositionen und Chancen aus. Dieses Muster greift zu kurz (S.81). Letztlich - und das wird mit Fergusons Darstellung deutlich - war die kontinentale Fixierung Bismarcks wie Holsteins dafür verantwortlich, daß es nicht zu einer deutsch-englischen, weltpolitisch motivierten, Zusammenarbeit kam. Auf deutscher Seite Eckardstein, der in seiner Anti-England Orientierung wenig wendige Bülow, und der Fehler Chamberlains auf englischer Seite, trugen dazu bei, daß der deutsch-englische Ausgleich erneut nicht zustande kam. Dennoch, es gab Kolonialbeziehungen gab es. Übereinstimmende Sichten ebenfalls. Die Bagdadbahnplanungen führten gleichfalls nicht zum Bruch. Doch der Blick in die rechte deutsche und englische Presse offenbart ein anderes Bild. Samoakrise, Venezuela, Türkei und Burenkrieg machten der Politik auf beiden Seiten das Leben schwer (S.87). Zudem der Englandhaß Wilhelms II., dessen Kontinental-Liga-Pläne und Marokko, ließen - wie bereits erwähnt - England auf die Seite Rußlands, treten. Gegen das Agreement mit Deutschland - so der Angelsachse - habe nicht die Stärke, sondern die Schwäche Deutschlands gesprochen. Völlig unzureichend erscheint die Begründung, gerade die Erkenntnis, Deutschland sei schwach, habe portugiesischen Ausgleich mit dem Reich obsolet werden lassen. Das wäre die Bestätigung, daß nicht Deutschland, sondern England für das Scheitern der Vorweltkriegsdiplomatie verantwortlich zeichne. Von Deutschland sei keine Bedrohung des englischen Empires ausgegangen. Er glaubt, über dem weltpolitischen Aspekt die Bedeutung Deutschlands vom Tisch wischen zu können. Doch entscheidend war die Machtstellung Großbritanniens in der Welt zu behaupten, nämlich die Suprematie zur See. Entsprechend dem Kalkül Tirpitz', in der Nordsee.- Die Rückkehr der englischen Grand Fleet dorthin bildet die Bestätigung dieses Faktums. Im November 1901 habe London erkannt, so der angelsächsische Autor, Deutschland sei schwächer als Rußland oder Frankreich. Eine Behauptung, die ein Blick auf vier Jahre Weltkrieg widerlegt. Als Bestätigung für diese "Wahl" versteht Ferguson die erste Marokkokrise. Die Entente habe Frankreich bestätigt und "automatisch" England näher an Rußland herangeführt. Wieso Großbritannien für diese Mächte - und die USA - plädierte, und gegen Deutschland, vermag er selbst nicht zu erklären. Der Navalist versucht, indem er behauptet Frankreich, Rußland und die USA hätten zu den "starken Mächten" gezählt, und deshalb habe England mit diesen, und nicht mit Deutschland den Ausgleich gesucht, die Schwäche seines Gedankens zu überspielen (S.91). Dabei die Bedeutung Greys herauszustreichen, erscheint zwar "en détail'' interessant, bedeutet jedoch "en gros" nichts. Daß die Bereitschaft zum Krieg nach persönlichen Schicksalsschlägen zunehme, mag von Bedeutung sein. Grey verlor seine Frau 1906. Bethmann Hollweg im Mai 1914 (S.94). Beide waren Partner in der Kriegskrise dieses Jahres. Grey bestätigte sein politisches "Glaubensbekenntnis" schon bevor er Außenminister wurde, im Oktober 1905. Danach war er bestrebt,

"alles in [s]meiner Kraft stehende [zu] tun, um dagegen [sich Deutschland zu[zu]wenden] anzukämpfen".

Der Premierminister seit 1908, Asquith, soll diese Politik gedeckt haben. Jedenfalls schätzte der englische Geheimdienst nach 1905 unter Lord Robertson Deutschland als "eine weit ernsthaftere militärische Bedrohung" ein als Russland, was Ferguson einige Seiten darauf anführt. Grey bot wiederholt in diesen Jahren seinen Rücktritt dann an, immer dann, wenn es um einen Ausgleich mit Deutschland ging; zum Beispiel als Ausweg aus gescheiterter Einkreisungspolitik. Die Planungen für den Krieg mit Deutschland - so Ferguson - hätten bereits vor 1905 eingesetzt. Erst im September dieses Jahres habe London beschlossen, eine Expeditionsstreitmacht" zu entsenden. Interessant erscheint, daß stets damit gerechnet wurde, Deutschland werde die Neutralität Belgiens brechen. Das war vor 1914 Allgemeingut der Publizistik. Die Überraschung des britischen Kabinetts im August 1914 erscheint damit in einem anderen Licht. Schon im Dezember hatten sich erste Vertreter der englischen und französischen Armee getroffen, um derartige Schritte (B[ritish]E[xpeditionary]F[orce]) zu erörtern. Entsprechend seiner Zielstellung droht Grey am 9. Januar 1906 dem deutschen Botschafter mit dem englischen Eingreifen, falls es zu einem deutsch-französischen Krieg um Marokko kommen sollte(S. 101). Ferguson zeigt, die englischen Militärs hatten bereits Anfang 1906 "bewaffnete Zusammenstöße mit Deutschland als unvermeidlich" betrachtet. Sollte die Haltung Greys in Deutschland unbekannt geblieben sein? Alle Antworten dazu werfen ein kritisches Licht auf die deutschen Realitäten. Kurz nach dem Scheitern des "Büchsel-Plans" in der deutschen Führungsspitze, lehnte auch die englische Admiralität ein in Berlin erwartetes Vorgehen der Grand Fleet in die westliche Ostsee ab (S.102). Grey erscheint als entscheidender Schmied des französisch- englischen Kriegsbündnisses. Wenn das so war - und der englische Außenminister den Krieg mit Deutschland wünschte - dann war der "steife Rücken der Franzosen" die erste Voraussetzung für den Aufbau einer Ausgangsposition für den Entscheidungskampf.

 

"Krisenkonferenzen".

Daß nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien "Krisenkonferenzen" stattfanden, bildet einen wesentlichen zusätzlichen Ertrag des Ferguson-Buches2. Am 23. März 1909 wurde vom C[ommittee]of I[mperial]D[efence] die "Kontinentalstreitmacht" abgesegnet (S.103). Jedenfalls liegen die entscheidenden Konferenzen um Krieg und Frieden in London und Paris nah beieinander. Wenn die Engländer am 27. August 1911

"den Kurs in Richtung auf eine militärische Konfrontation zwischen Großbritannien und Deutschland festlegten!"

Dann ist das nichts weniger als verständlich, denn die zweite Marokkokrise war Auslöser und Anlaß für derartige Vorbereitungen - analog zu 1905. - Das trifft - zunächst für den Kriegsrat vom 8. Dezember 1912 zu - und erst recht für das, was zuvor und darauf folgend, eintrat. Jedenfalls war eine der Denkschriften des britischen Generalstabes Auslöser der Haltung Greys und Haldanes Anfang Dezember 1912. Wie weitsichtig britische Generäle argumentierten, offenbart die Stellungnahme des britischen Generalstabschefs Henry Wilson,

"der voraussagte, der Krieg würde durch einen Zusammenstoß zwischen der deutschen Angriffsspitze von 40 Divisionen, die zwischen Maubeuge und Verdun durchstoßen werde, und einer französischen Streitmacht von höchstens 39 Divisionen entschieden werden, so daß es recht wahrscheinlich sei, daß unsere [englischen] sechs Divisionen den ausschlaggebenden Faktor darstellen werden"(S.103).

So siegte - wie in Berlin und Kiel - auch in London die Armee.- Daß selbst in London, parallel zum sogenannten "Kriegsrat" vom 8. Dezember 1912 in einer weiteren "Krisenkonferenz" am 6. Dezember über die Neutralität Belgiens und Hollands gerechtet wurde, führt Ferguson in großer Breite vor (S.104ff.). Er spricht aus:

"Hätte Deutschland nicht im Jahre 1914 die belgische Neutralität verletzt, dann würde Großbritannien dies getan haben".

Und daß englische "Krisenkonferenzen" stärker "entscheidungsbetont" als deutsche gewesen sein sollen, kann schon deshalb nicht bestätigt werden, weil der Brite sich ausschließlich auf den "Kriegsrat" vom 8. Dezember bezieht (S.106). Jedenfalls erscheint, vor dem Hintergrund der aggressiven englischen Absichten im Sommer 1911, die Politik Kiderlen-Wächters (und damit Bethmann Hollwegs) als nicht so sinnlos wie bisher dargelegt (S. 107). Davon habe sich die deutsche Politik vor Kriegsausbruch wohltuend friedlich abgehoben, so Ferguson. Und wohlvorbereitet durch Meerengen-, Bagdadbahn- oder Kolonialpolitik schien in London ein Krieg kaum zu erwarten. So äußerte Lord Rothschild im März 1914 zu Fürst Lichnowsky, es gebe

"soweit er die Lage beurteilen könne und Bescheid wisse, keinen Grund für Kriegsängste, und es seien keinerlei Verwicklungen zu erwarten".

Daß der schottische Historiker mit seiner These, die Agreement- und Flottenverhandlungen zwischen Dezember 1907 und Februar 1912 hätten keinerlei Bedeutung, in einer Einbahnstraße steckt, liegt auf der Hand (S.109). Daß es die Frage der englischen Neutralität war, welche die Verhandlungen scheitern ließ, weist in die Richtung, daß London die Absichten Berlins durchaus durchschaute. Schließlich: war Grey unnachgiebiger als Bethmann Hollweg? Daß der englische Außenminister durchaus adäquat dachte, zeigt Ferguson überdies(S. 111-13). Doch liegt der Brite mit seiner Unterschätzung Deutschlands falsch, bestätigen Committee of Imperial Defence und Foreign Office zwischen 1908 und 1911. So erkennt das CID die deutsche Gefahr umfassend am 15. August 1911. Ferguson rettet sich nicht, wenn er von "weiteren Übertreibungen" spricht. Stattdessen ist sein artikel_zitate von Geheimdienstberichten ohne Beweiskraft, da allseits bekannt ist, wie gering der Wahrheitsgehalt derartiger Dossiers allgemein einzuschätzen ist (S. 114f.). Gerade die Behauptung des Briten bleibt zu erwägen, "daß Großbritannien mit Frankreich und Rußland verbündet bliebe", habe "es notwendig" gemacht, "den Deutschen monströse Pläne für die Beherrschung Europas zu unterstellen". Natürlich weist er zurück, Englands "Außenpolitik und die militärische Planung[...]hätten unausweichlich zum Kriege geführt" (S. 115). So sei zum Beispiel, während der "Krisenkonferenz" vom August 1911 auch Widerspruch gegen ein Engagement britischer Truppen auf dem Kontinent ernst genommen worden. Selbst die Folgen dieser Konferenz sieht Ferguson abgeschwächt. Zwischen September und November 1911 seien die militärischen Absprachen mit Frankreich "auf Eis gelegt" worden (S.117).

Eine schwere Niederlage Greys bahnte sich an. Der englische Außenminister ging daraufhin im November 1911 so weit, das Kabinett zu belügen. Denn Absprachen mit Frankreich bestanden. Ob schriftlich oder nicht, ist nicht von Belang. Praktisch waren die Landung, und das Operieren englischer Truppen in Nordfrankreich vorbereitet. Grey hielt alles bis in den Juni 1914 offen (S. 118). Offiziell hat der englische Außenminister Deutschland wiederholt vor einem Angriff auf Frankreich gewarnt. Doch die Bündnisse Englands waren eher informell gehalten, denn definitiv. Das blieb auch der deutschen Seite nicht verborgen. Damit war der "Köder" für Bethmann Hollweg ausgelegt, der die Hoffnung des Reichskanzlers auf eine - wie auch immer geartete - Neutralität Großbritanniens bis in den August 1914 nährte, und letztlich Bethmann Hollweg zu seinem riskanten Spiel in der Julikrise veranlasste (S. 119). So gelangt Ferguson zu dem Schluss, die "Mischung von diplomatischen und strategischen Verpflichtungen [Englands], sowie militärischen und politischen Nichtverpflichtungen" habe "einen Kontinentalkrieg eher wahrscheinlicher als unwahrscheinlicher" gemacht" (S. 120). Hätte dann nicht, wenn die These Ritters von der unheilvollen Wirkung des Rüstungswettlaufes vor 1914 zuträfe, seit 1948 zig Mal der große Krieg ausbrechen müssen? Das zu bedenken zu geben, mag angesichts der angewandten Methode erlaubt sein (S. 121).

_____
* Bernd F. Schulte, England war nicht besser - nur erfolgreicher! Niall Fergusons Ansichten zur Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges, in: Ders., Rückbesinnen und Neubestimmen. Beiträge zur Deutschen Frage, Hamburg 2000, S. 101-106.

Der Begriff "Krisenkonferenz", seit 1980 von mir geprägt, wird nun für Meetings der  Vtdgs.-Ministerin etc. benutzt.,

http://www.freiewelt.net/interview/von-krise-zu-krise-gesteigert-interview-mit-dr-bernd-f-schulte-18868/

 

Forumfilm.de

"Von Krise zu Krise gesteigert" - Interview mit Dr. Bernd F. Schulte

 

Dr. Bernd F. Schulte ist Historiker, Publizist sowie Film und Fernsehprosduzent. Als Schüler Fritz Fischers wirkte er zunächst an Hamburger Hochschulen und veröffentlichte  eine Reihe von Beiträgen zur deutschen Militärgeschichte, sowie Fernsehdokumentationen. Schulte lebt in Hamburg und betreibt dort das Nachrichten- und Geschichstportal ForumFilm.de. In seinem neuesten Buch "Deutsche Policy of Pretention" geht er dem Institut der deutschen Krisenkonfrenzen nach, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit beigetragen haben. FreieWelt sprach mit Dr. Schulte über das Buch seine Thesen und den Einfluss Fritz Fischers.

 

Norman GutschowVeröffentlicht: 23.12.2011 - 10:37 Uhr | Kategorien: Interviews | Schlagworte: Bildung
von 

FreieWelt.net: In Ihrem Buch "Deutsche Policy of Pretention” schildern Sie den "Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914". Wie ist dieser Begriff  “Anmaßung” / Pretention zu verstehen? 
(praetendo -  pretend - prétendre - Pretension -  Pretention) Zur Rezension auf FreieWelt.net

Dr. Bernd F. Schulte: “Pretention” hieß 1914 “Bluff”. Es handelte sich um ein Modewort der damaligen Diplomatie. Schließlich wurde der Fehlschlag der europäischen Regierungen in der Julikrise des Jahres 1914 mit der Formulierung entschuldigt, man habe sich eben “festgeblufft”. Dass Spielerische des Vorgangs wurde leichtfertig überbetont.

Hier geht es allerdings um mehr. So wie die wissenschaftliche Interpretation der Ereignisse bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Verlaufe der neueren Diskussion seit 1961, eine eher unglückliche Fixierung auf den Juli/August feststellt, so geht es inzwischen in der allgemeinen Forschung darum, die europäische Welt zwischen 1905 und 1914 - hinsichtlich deren wirtschaftlichen, diplomatischen, militärischen und kulturgeschichtlichen Wurzeln - zu untersuchen. 

In diesem Zusammenhang wird inzwischen von einer deutschen “brinkmanship”-Politik
gesprochen. Das heißt: die Berliner Politik habe ein zunehmend bedeutenderes Risiko übernommen.  Ich sehe die deutsche Politik dabei, systematisch, von Krise zu Krise gesteigert, nahezu naturwissenschaftlich und labormäßig, ein “testing the entente” vorzunehmen. Es ging darum festzustellen, als wie solide das in Berlin als monolithisch aufgefasste System der Entente-Bündnisse und Absprachen - zwischen Paris, Petersburg und London - sich herausstelle. Es ging ferner darum, eventuell auftretende Risse zu erkennen, und im Folgenden eine mögliche Sprengung der Verbindungen zu betreiben.

Was war nun dabei deutscherseits vorgeschützt, übertrieben oder vorgespiegelt? Die deutsche Politik basierte, nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, zu großen Teilen auf dem herausragenden Ruf der preußisch bestimmten Armee. Es ist gezeigt worden, dass Kampfwertvergleiche den anscheinend unerschütterlichen Nimbus der deutschen Waffen als immer labiler erscheinen ließen. Spätestens seit der Marokkokrise von 1905 brach sich eine breit gefächerte Kritik an den deutschen taktischen und operativen Verfahren Bahn. Zum Beispiel in der “Revue Militaire des Armées Ètrangères” des französischen Generalstabes sowie englischen und russischen  Magazinen, Monatsschriften und Tageszeitungen. Das geschah in einer breiten Kritik, unter anderem, am Beispiel der deutschen Kaisermanöver. Die nicht unbedingt erfolgreichen diplomatischen Bemühungen Berlins in diesen Jahren verschärften zusätzlich die fortschreitende Erosion des Bildes der Zeitgenossen von der preußisch-deutschen Armee als der „besten der Welt“.

Nicht zuletzt durch den immer wieder aufgenommenen Appell, das Schwert zu ziehen, entwertete, abgesehen von diesem technischen Hintergrund, die Berliner Diplomatie ihre Pressionspolitik 1904/06, 1908/09 und im Herbst 1912 selbst. Es wuchs in den Hauptstädten Europas bis Ende 1912 die Überzeugung heran, nun, bei nahezu vollendeter militärischer Rüstung, diesem Druck künftig widerstehen zu sollen. 

So kam es zu einem Krieg, in den Deutschland mit noch nicht vollendeter Rüstung eintrat. In diese Zwangslage war Berlin geraten, obwohl etwa der englische Oberst Repington im Oktober 1911, in der Times, eindringlich davor gewarnt hatte, die deutsche Armee, und deren Leistungsfähigkeit, überzubewerten. Deutscherseits wurde diese Kritik, bis hinauf zum Kaiser, empört zurückgewiesen, und wurde in Berlin übersehen, dass jahrzehntelang bedeutende Summen in den Schlachtflottenbau geflossen waren, die nun - wie sich herausstellen sollte – in der Armee unübersehbare Lücken verursacht hatten. Die Marne erreichten, im September 1914, die Armeen des rechten Heeresflügels nicht nur ohne die 1913 umstrittenen drei Armeekorps, sondern auch ohne ein, in Führung und Gefecht,  konkurrenzfähiges Kampfverfahren, zeitgemäße Ausrüstung und Bewaffnung der Waffengattungen.


FreieWelt.net: Erläutern Sie bitte ihren Begriff des "Kriegerstaates".

Dr. Bernd F. Schulte:
 Einerseits hat Paul Kennedy in seinem berühmten Buch über den “Aufstieg und Fall der großen Mächte”(1986); vor allem am Beispiel Spaniens, Englands - wie auch Deutschlands, der USA und der UdSSR - dafür plädiert, den Akzent staatlicher Grundstruktur und Politik, nicht ausschließlich auf militärische Machtentfaltung zu setzen. Vielmehr seien, so Kennedys Urteil, die “Handelsstaaten” den “Kriegerstaaten” im Verlauf der Geschichte grundsätzlich überlegen. Diese These, die nicht zuletzt in Washington hart umstritten war, veranlaßte mich, den Begriff „Kriegerstaat“ in Bezug auf das deutsche Kaiserreich anzuwenden (vgl. "Bismarck war kein Deutscher, in: Rückbesinnen und Neubestimmen", 2000)". 

Andererseits bildete sich die etwas ältere Wurzel im Verlauf der Diskussionen um das Buch Fritz Fischers “Griff nach der Weltmacht” (1961) heraus. Diese wissenschaftlichen und publizistischen Auseinandersetzungen um Strukturen, Modernitätsgrade und Entwicklungschancen des Kaiserreichs, hinterließen eine breitere Spur in der jüngeren deutschen, sozialgeschichtlich orientierten Historiographie. Es bildete sich die Erkenntnis  heraus, die mittelalterlich-feudalen, einseitig kämpferischen, Versatzstücke im Erscheinungsbild des wilhelminischen Kaiserreichs (Reden, nationale Parolen, Paraden, Aufmärsche, Stechschritt, Sedanstage, Denkmäler); wie dessen hierarchisch strukturierter Gesellschaft, Armee und Verwaltung, hätten das Bewusstsein des damaligen Bürgertums (bis in die Arbeiterschaft) einseitig kämpferisch-maskulin geprägt.

Diese Hypothesen, die in der jüngsten deutschen Forschung aufmerksame Ohren gefunden haben, mögen, in den Rahmen der militanten Problemlösungsversuche, welche die deutsche politische Führung zwischen 1905 und 1914 unternahm, hineingespielt haben. Meine, zu Beginn der achtziger Jahre, veröffentlichten Arbeiten ließen, in Bezug auf die Krisenkonferenz-Problematik innerhalb der Berliner Führungsspitze, wie hinsichtlich des Bürgerkriegs-Problems im militärischen Bereich, und hinsichtlich der horrenden, fatalen deutschen Verluste 1914, beim Angriff auf Belgien und Frankreich, diese Momente bereits anklingen.

So gelangte ich, unter dem Eindruck der letzten Aufgipfelung des Rüstungswettlaufs in „Kalten Krieg“ zwischen den USA/Nato und der UdSSR, 1979/83, zu der Überlegung, militärische Lösungswege, wo immer möglich, durch diplomatisch-politische und Ansätze der Friedensforschung, wenn nicht zu ersetzen, so doch zumindest zu "unterfüttern" (Graf Baudissins System der "Vertrauenbildenden Maßnahmen").


FreieWelt.net: Sie sind Schüler des Hamburger Historikers Fritz Fischer, dessen Buch „Griff nach der Weltmacht“ vor 50 Jahren die sog. "Fischer-Kontroverse" auslöste. Wie ist ihr Verhältnis zu ihm und wie steht es in der heutigen Wissenschaft um seine Thesen?

Dr. Bernd F. Schulte:
 Fritz Fischer war mein Lehrer und hat mir vermittelt, stets auf die Quellen zurückzugehen, positiv positivistisch zu denken, und neues Material der historischen Forschung, zur Beantwortung der dieser gestellten Fragen, zur Verfügung zu stellen. Ich kam zu ihm 1972 als Batterieoffizier in einem Hamburger Artillerie-Batallion und
ging 1983, im Begriff, einen Platz beim Fernsehen zu finden. Dazwischen lagen meine Dissertation und ein Buch zu Balkankrise und dem "Kriegsrat" von 1912, sowie - auf Fischers Seite - einige Rezensionen und Vorträge, ein Aufsatzband sowie der große Auftritt 1978 vor dem Hamburger Historikertag, das daraus entstandene Buch "Bündnis der Eliten", und die Kampfschrift "Wir sind nicht hineingeschliddert" zum Kriegsausbruch 1914 und der "Fälschung der Riezler Tagebücher", einer damals hart geführten Kontroverse. 

Wir scheiterten gemeinsam in dem Bestreben, mich - trotz der angespannten Bewerbungslage - noch in der Wissenschaft unterzubringen. Stets ging es Fischer in diesen Jahren darum, zu unterstreichen, dass die besondere Bedeutung von forscherischer Leistung vor allem darin bestehe, einen Beitrag zu einem größeren Ganzen zu leisten. Breitere Publizität stelle für den Historiker einen seltenen Glücksfall dar. Das hat er 1988 unterstrichen, als eine Versammlung von Historikern und Hamburger Würdenträgern, zu seinem 80. Geburtstag, ihre Honneurs machten. Mein Fernsehportrait dazu, produziert für den Hessischen Rundfunk, stellte Fischer ganz in sein Hamburger Umfeld, und vor allem unter den Einfluss der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges. Als er nämlich 1947 aus der Gefangenschaft zurückkam, hatte er mit den Traditionen des preußisch-deutschen Nationalstaates grundsätzlich gebrochen. Diese Zäsur vollzog er zunächst in seinem angestammten protestantisch-theologischen Arbeitsfeld. Mit dieser Wende hin zum westeuropäisch-amerikanischen Kulturkreis zog sich Fischer bereits 1949 die scharfe Opposition des Doyens der deutschen Geschichtswissenschaft, Gerhard Ritter, zu. 

Als Fischer dann 1959/61, fußend auf grundstürzenden Archivforschungen, die Kriegsziele des kaiserlichen Deutschland, zusätzlich zur Hypertrophie Hitlerscher Aggressionspolitik herausstrich, beging er an sich schon, nach der überwiegenden Auffassung der damaligen Historikerzunft und bundesdeutschen Gesellschaft, ein Sakrileg. Dieses Buch, das unter dem provozierenden Titel "Griff nach der Weltmacht", im November 1961, auf den Buchmarkt kam, wurde zusätzlich eingeleitet durch ein Kapitel, das die Entstehung des Ersten Weltkrieges, im Sinne einer Deutschland belastenden Darstellung von 1950 entwickelte. Störten Fischers Darlegungen zu den deutschen Kriegszielen im Ersten Weltkrieg an sich schon die trügerische Ruhe genug, welche deutsche Historiker für das Thema "1914" verordnet hatten, so bot dieses Kapitel eine ungeschützte Flanke, eröffnete einen neuen (alten) Kriegsschauplatz" und forderte geradezu die konservative wissenschaftliche Fronde zum Gegenstoß heraus. 

Niemand war weniger als Fischer zum Vorboten der sozialliberalen Koalition von 1969 geeignet. Obwohl er der liberalen Bewegung wohl an sich nah stand. Das wurde nicht zuletzt zu Beginn der achtziger Jahre deutlich, als wir wiederholt die Kandidatur Ingo von Münchs, für den Hamburger Senat, unterstützten. Dennoch, sein berühmtes Buch gehört zur Vorgeschichte des innenpolitischen Wandels in Deutschland, der sich im Verlauf der sechziger Jahre vollzog. Auch demonstrierten Fischers Publikationen dem Ausland, dass es nun, durchaus auch in den politischen Grundsatzfragen, ein neues Deutschland gebe. Das stärkte nicht zuletzt das Vertrauen unserer früheren Kriegsgegner in die neuerstandene Bonner Republik und begünstigte die Tendenz, Deutschlands in die internationale Gemeinschaft zu reintegrieren.

So liegen Fischers Verdienste weniger in den immer noch hart umkämpften Deutungsunterschieden und wissenschaftlichen Grabenkämpfen um die Entstehung des Weltkrieges von 1914, als vielmehr in seiner indirekten politischen Wirkung. Wissenschaftlich übergreifend hat der Hamburger Historiker zusätzlich, gegen die überkommene, diplomatiegeschichtlich akzentuierte, traditionelle Auffassung den eher sozial- und wirtschaftsgeschichtlich akzentuierten Ansatz seiner Hamburger Schule gestellt. Dieser hat Frucht getragen, und mit anderen Forschern, die deutsche Geschichtswissenschaft insgesamt wieder auf internationales Niveau gehoben. So erscheint es überfällig, Fischer, der die Hamburger Universität auf internationalem Parkett berühmt machte, in der deutschen Wissschenschafts-Republik den Platz einzuräumen, der ihm, jenseits allen kleinkarierten Streits, zukommt.
 

FreieWelt.net: Sie beziehen sich in ihrem Buch vor allem auf die Krisenkonferenzen im
Führungssystem des Deutschen Reiches und die Rolle des Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg. 

Dr. Bernd F. Schulte:
 Kurz gesagt behauptet die traditionelle deutsche Geschichtswissenschaft in Kontinuität, und immer wieder neuer Formulierung (seit 1959); die "Schuld am Ersten Weltkrieg" spiele "kaum noch eine Rolle innerhalb der Forschung" (Große Kracht, 2004). Dass der Begriff der "Krisenkonferenzen" im Kaiserreich, den ich 1980 prägte, noch bis in die jüngste Zeit benötigte, um von eben diesem Teil der der deutschen Geschichtswissenschaft akzeptiert zu werden, zeigt, wie wenig dieses Problem in Deutschland verarbeitet ist.

Worum geht es aber? Es geht um die vordergründige Abschwächung der Röhl/Fischer-These, am 8. Dezember 1912, dem sogenannten "Kriegsrat" bei Wilhelm II., sei, für einen Zeitpunkt in anderthalb Jahren, der Erste Weltkrieg beschlossen worden. Bereits der Streit um die tatsächliche Auswirkung dieser Konferenz hoher Vertreter von Armee und Marine beim Kaiser (Tirpitz wurde umgehend benachrichtigt); legte wiederum offen, wie heiß umkämpft die deutsche Verantwortlichkeit, im Bewusstsein der Historiker, nach wie vor war und ist.

Wie groß nun mein Interesse an dieser Frage war, zeigt die Tatsache, dass ich bereits in der Dissertation über die deutsche Armee von 1914 (1977) auf eine Unterredung zwischen dem Reichskanzler und dem Feldmarschall Colmar von der Goltz erstmals Bezug nahm, die in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft zum 8. Dezember stattfand, und sich um die Möglichkeit eines Präventivkrieges, im Gefolge der türkischen Niederlagen im Herbst 1912, drehte. Bestand doch das Bestreben der konservativen Historikerfronde um Wolfgang J. Mommsen darin, auf die Abwesenheit des Reichskanzlers beim Kaiser, und damit eine Nichtbeteiligung der Politik, hinzuweisen. Diese Argumentation widerlegte mein Buch "Vor dem Kriegsausbruch 1914" (1980); das die Auswirkungen der Balkankrise auf den "decision making process" in Berlin, in den politischen und militärisch-strategischen Führungseliten, zum Gegenstand erhob. 

Bilden doch militärische Fragen, und der strategische Entscheidungskreis, den noch fehlenden "Schlußstein" der Fischerschen Argumentation. Es wurde gezeigt, dass - durchaus im Sinne einer Kriegsvorbereitung - nach dem Dezember 1912 ausgreifende Maßnahmen technischer, personeller und ausbildungstechnischer Art ergriffen wurden, die offensichtlich dazu führten, dass die deutsche Armee im Jahre 1913 nicht kriegsbereit war. Es wurden nämlich sämtliche Bereiche der Militärverwaltung von einer rasanten Aufrüstung (von der Konservendose bis zum Lederkoppel) ergriffen, was unmittelbar zu Engpässen führte. Quellen, die mir 1978 bekannt wurden, zeigen darüber hinaus, dass es sich im Umfeld der Kriegsentschluss-Problematik um ein breiter angelegtes Phänomen innerhalb der deutschen Führungsstruktur handelte. In der ersten Auflage des hier behandelten Buches aus dem Jahre 1983 wurde dementsprechend auf die "Krisenkonferenz" bei Bülow im Juni 1909 hingewiesen, die durch einen möglicherweise unmittelbar bevorstehenden Krieg mit England veranlaßt war. Es fällt auf, dass sich die Diskussion im Grunde um die gleiche Problematik wie am 8. Dezember 1912 bewegte. 

Arbeiten an meinem demnächst erscheinenden Buch über "Politik und Militär im Kaiserreich" führten zu weiteren "Krisenkonferenzen", die in nächster Nähe zu den übrigen Vorkriegskrisen stattfanden. Erste Ergebnisse dieser Forschungen fanden im Annex des hier besprochenen Bandes Aufnahme, und führten zu der These vom "Institut der Krisenkonferenzen" in der deutschen Führungsspitze zwischen 1871 und 1914. Es handelte sich also ganz und gar nicht um etwas Besonderes, wenn die Spitzen von Politik und Militär sich in Berlin zusammenfanden, um über die nächsten Schritte, angesichts einer Krise mit Frankreich (1875); mit Russland und Frankreich (1877/79); mit Rußland (1887/89) - und schließlich mit Russland (1908/09)und, gegebenenfalls, England/Frankreich (1912/14) zu beraten. Die inhärente Brisanz des "Krisenkonferenz"-Begriffs hat die, begierig vor dem Begriff des "Kriegsrats" abgehende konservative Zunft übersehen.

Es bildet sich, abgesehen von den Details der verschiedenen Krisenabläufe im einzelnen, ein ausgesprochen dichtes Bild einer regen Interdependenz in der deutschen Führung. Und dies insbesondere zwischen den politischen und militärischen Ämtern. Von einer hochgradigen, und vermeintlich strukturbedingten, Polykratie in der politisch-militärischen Führungselite des deutschen Kaisereichs - wie Mommsen immer wieder behauptet hat - kann also, vor allem in Bezug auf die lebenswichtigen Fragen von Krieg und Frieden, keinesfalls gesprochen werden.

Im Zentrum der Berliner Politik, zumindest zwischen 1909 und 1917, stand und steht der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Es führt nicht weiter, wenn dieser Kanzler lediglich als Philosoph und wirklichkeitsfremder Politiker der Diagonale verstanden wird. Er war mehr. Ausgehend von den Vorstellungen seines Großvaters, des preußischen Kulturpolitikers und Staatsrechtlers, Moritz August von Bethmann Hollweg, in der Krimkriegphase, stand er ganz auf der liberalkonservativen Position der von diesem begründeten Wochenblatt-Partei im Preußen der "neuen Ära". So wollte der Kanzler seit 1909 Deutschland zwischen Russland und England stellen, Grossbritannien auf das Reich, durch eine - wie auch immer geartete - Neutralitätspolitik zuzwingen, und so Spielraum für die weiterhin offen gehaltene deutsche Europa- und Weltpolitik offenhalten. Dass dieses "Zuzwingen Englands", wie schon gesagt, in einem immer riskanteren "testing the entente" mündete, und gleichzeitig der deutsche Nimbus der Unbesiegbarkeit stetig abnahm, führte schließlich zum Scheitern der "Policy of Pretention" im Angesicht der Konfliktlage des Juni/ Juli 1914.

Nicht zuletzt wurde die Entscheidung des Reichskanzlers durch eine von mir hier erwähnte Denkschrift aus Wien vom 24. Juni 1914 gefördert, die offenlegte, es sei in den nächsten Monaten mit dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns - und damit dessen militärischer Präsenz - zu rechnen. In dem Augenblick des Fürstenmordes von Sarajevo hielt Bethmann Hollweg diese Denkschrift in Händen. Diese mag den Kanzler, in dramatischen Stunden, dazu bestimmt haben, einem Kriege im äußersten Falle zuzustimmen, da dieser dann noch mit Unterstützung Österreichs geführt werden könne. Eine Aufteilung Österreichs, ähnlich jener für die Türkei erwarteten, deren Schattenriß fiel in diesen Stunden zwischen dem 28. Juni und 5. Juli 1914 auf die dunkle Eichholztäfelung im Arbeitszimmer des Reichskanzlers auf Schloß Hohenfinow.

Bernd F. Schulte, Deutsche Policy of Pretention. Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914. 
Norderstedt 2009, 404 S., 22,80 €. 
ISBN-10: 383702251X ISBN-13: 978-3837022513

Immer noch nicht verstanden: Politik ist KEIN Infotainment!

 

Gerhard Schröder hat die dreihundert Gäste des Handelsblatt-Kongresses „Asia Business Insights“gestern Abend in der Düsseldorfer „Meerbar“ beeindruckt: Auf Deutsch und Englisch brillierte er mit Wortwitz und Altersklugheit. So warb der ehemalige Bundeskanzler für Respekt gegenüber anderen Kulturen und verlangte im Flüchtlingsdrama mehr politische Führung. Das naiv anmutende Merkel-Postulat „Wir schaffen das“ wendete er ins Realistische: „Wir können das schaffen.“ Präzise nannte Schröder die dafür notwenigen Bedingungen. So wurden Tuschler zu Zuhörern und Zuhörer zu Fans. Selfie-Jäger umlagerten ihn anschließend, wie man es sonst nur von Rockkonzerten kennt. Oscar Wilde schoss einem in den Sinn: „Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.“ 

 HANDELSBLATT, 26.1.2016.

https://navigator.gmx.net/navigator/show?sid=efffdc880e779f720c2419d48ee84f96454adbaf267aa51485d959e89c129eed452e5beec15934ec029705da8b6e01b9#mail

Der Merkelismus ist unerträglich.

MERKEL MUSS WEG!

 

Frau Merkel macht die Grenzen auf und ermöglicht so die Attentate in Paris (SPIEGEL, 24.12.2015, S. 23 "Attentäter durchgewinkt"). Ein Staat gibt sich bereitwillig auf. Flüchtlinge "reisen" durch Europa. Bestimmen wo sie sich niederlassen. Überprüft, durchgesiebt wird nicht. Merkel sitzt in Berlin und macht sich nicht einmal auf, um vor Ort ein Signal zu setzen. Es wird noch besser, sie geht in Weihnachtsurlaub, als wenn gar nichts passiert wäre. Sie verwechselt permanent den Regierungsstil eines späten Honecker mit westlicher politischer Coutume! Weiter dreht sie das Gesicht Deutschlands - wie 1891!!! Bülow, Tirpitz und Wilhelm II. - erneut gegen Westen.

Es bleibt weiter auch der Landeschef Bayerns weit hinter seiner Pflicht zurück. Wer hindert ihn, mit Bundespolizei und Bundeswehr einen cordon sanitaire an der deutschen, südöstlichen Grenze zu schließen? Oder sind auch die Bayern blind? Wohin marschieren Flüchtlinge, wenn sie sich von Griechenland nach Nordost auf den Weg machen? Ist der bundesdeutsche Geheimdienst schon durch die Parlamente so paralysiert, dass er der Politik nicht berichtet? Eher ist wohl die deutsche Politik, in der allgemeinen Dekadenz, derart erratisch, dass diese dessen Berichte nicht mehr liest.

Denn, es ist für die Beust, Woverweit u.ä. der Stichtag für die Pension viel wichtiger als der Eid und damit der Staat!

Das treibt die Bürger in die Arme der Extremisten, die sich, aus diesen Gründen, weiter im Lande formieren. Aber auch die Polizeiführungen, vor allem der Innen- und Justizminister, fördern eher das Gelächter der Extremisten. Weiter auch, weil die Obersten Richter in Karlsruhe, auch keine Bücher lesen, sondern ihren desolaten, wirklichkeitsfremden, juristischen Prinzipien folgen - ohne politischen Verstand und Fingerspitzengefühl für die Praxis.

Kurzum. Deutschland erprobt seit 1918-33, ein weiteres Mal den Weg, wie Staaten in die Diktatur absinken können. Aber diesmal nicht für die Lehrbücher, nicht für die Illusion der versponnenen politischen Theoretiker oder weltfremde Bundestagsdiskussionen.

Hamburg, 7.1.2016                                                               Dr. Bernd F. Schulte

Barnimer Bürgerpost die unabhängige Leserzeitung

N R . 2 5 2  ·  2 2 .  J A H R G A N G  ·  A U S G A B E  1 / 2 0 1 6  V O M  5 . J A N U A R   2 0 1 6 

1854 – 1914 – 2014 (Teil 4):

EU als Hauptfeind der USA

von Dr. Bernd F. Schulte

Absteigende Weltmächte kompensieren ihren Machtverlust durch zunehmende Aggressivität. Diesen Weg beschritt im Jahre 1914 auch das Deutsche Reich.

Der Autor beleuchtet die Kontinuität in Sachen Ostexpansion vom Krimkrieg 1854, über die beiden Weltkriege hinweg, bis in die heutige Zeit.

 

Das in der jüngeren Vergangenheit international immer mehr um sich greifende Mittel der Militarisierung hat dazu geführt, daß heutige Gesellschaften zunehmend gefährdeter, Verlustbedrohter und Kriegsgefährdeter erscheinen.

Die Sicherheitsrisiken, die sich mittlerweile auf der Entscheidungsebene der Großstaaten und Bündnisse ergeben, mögen auch auf Fehlrechnungen der jeweils dominanten Sicherheitseliten zurückgehen und noch verschärfend

in einseitig militärisch charakterisierte internationale Machtauseinandersetzungen hineinwirken. Je überzeugender die militärischen Facheliten auch aufgrund technologischer Fortentwicklung voraussagen können, welche Mächte sich auf welcher Seite aufstellen werden, welche Machtmittel insgesamt und wo vereinigt sein können, um so überzeugender können diese Eliten den Ausgang eines solchen Krieges vorhersagen (1854 Palmerstone, Clarendon, 1914 Moltke/ Jagow, 1940 Blomberg, v.Brauchitsch).

Aber warum soll gekämpft werden? Die schwächere Seite will nicht, wie stärkere muß nicht kämpfen. Der Kompromiß, Schachmatt oder Kapitulation. Der Weg zum Krieg, in den Erwägungen der Führungseliten absteigender

Mächte, kann sich in folgenden Schritten vollziehen:

 

  1. Bewußtwerden nachlassender industrieller Fähigkeiten,(1854, 1914, 1991/2014),

  2. Erfahrung des Nachlassens der Kräfte in Bezug auf die eigene Einflußsphäre (1991ff.),

3. Verstärken von Bündnisverpflichtungen (1854, 1912/13, 2014),

4. Verstärken der militärischen Rüstung (1851/54, 1913/14, 2010ff.),

5. Zunehmende Verwicklung in militärische Auseinandersetzungen (1848ff., 1991ff.),

  1. Fortsetzung dieser Entwicklung, mit Zielrichtung auf den allgemeinen Krieg (1852ff., 1911/14, 2013).

 

Wie 1980, könnte die Wissenschaft heute die Antwort auf die Frage geben, wie lange solche sich mehr und mehr autistisch verhaltenden Mächte und Machtblöcke im Bewußtsein des Abschwunges ihrer Entwicklung zögern werden, mehr und mehr in Bedrängnis gebracht und durch Aufrüstung unter Druck gesetzt, zum Mittel des Krieges zu greifen. Heute handelt es sich um Rußland UND die USA. Dazu kann die sorgfältige Analyse der wirtschaftlichen, industriellen sowie der damit zusammenhängenden Kriterien verhelfen.

Auch für die Jahre vor 1870 fördert das ein Spektrum der »jungen Mächte« zutage, die geeignet schienen, die Seniorstaaten zu verdrängen. In den modernen Kriegen mehr als in den vorausgegangenen Jahrhunderten zeigt der

Umfang des militärisch-finanziellen Engagements des Siegers rund um die Erde den Grad der großmächtigen Potenz dieser Macht im Aufstieg auf den Gipfel oder deren Abstieg.

In unseren Tagen treten in diesem Zusammenhang verstärkt die USA in den Fokus des Interesses. Ein Ermüdungsprozeß der bisherigen Supermacht ist unverkennbar zwischen Korea, Berlin, Kuba, Vietnam, Persien einerseits und Kuwait, Irak, Afghanistan andererseits. Heute sind hinzugetreten: Nordafrika und Ägypten bis Syrien und Krim/Ukraine. Mittlerweile sind die zeitgeschichtlichen Entwicklungen über die Grundfragen der 80iger Jahre hinaus fortgeschritten. Dazu diente die Analyse von Militärausgaben und quantitativer Stärke der Armeen, das berühmte

»Panzerzählen« der Friedensforschungsinstitute. Eine mehr oder minder arg überschätzte Einrichtung, ging es doch auf diesen ertragreichen Feldern nicht so sehr um »Friedens-«, als vielmehr Kriegsforschung. Leitvektoren der Analyse bildeten unter anderem für die Zeit zwischen 1816 und 1970/80 die Eisen- und Stahlproduktion sowie der industrielle Energieverbrauch. Die »jungen Mächte« bildeten ein zentrales Ergebnis dieser Analysen. Ob dies nun für Preußen, Frankreich und Sardinien-Piemont um 1850 zutrifft oder für Deutschland und Japan in den 30iger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Es ging und geht um die Verdrängung der Senior-Staaten. Die Parameter des Umfanges der Initiativen, Investitionen und des räumlichen Engagements nach erfolgreichen Kriegen sollte zeigen, ob der betreffende Sieger-Großstaat

sich noch im Aggregatzustand des Aufstieges oder bereits des Niederganges befand (befindet). Es ging 1850/1914 (zaristisches Rußland), und geht heute (1991/2014), um die Bestimmung des Momentes, in dem ein Nachlassen der Befähigung einer der Haupt- und Vormächte (UdSSR 1978-82/ Rußland 2014) gegeben ist, maßgebenden Einfluß auszuüben, wenn

 

a) diese in eine zunehmende Zahl militärischer Auseinandersetzungen verwickelt wird, wobei ein bloßer clash wohl kaum dazu führen wird, bis an den Rand eines Krieges zu gehen; allerdings könnte dieser Punkt überschritten werden, wenn eine Mobilmachung, ein Aufmarsch militärischer Kräfte, Gewaltanwendung oder Kampfhandlungen einträten (Krim, Donezk 2014/15); für die Beherrschbarkeit solcher Eskalationen mögen für Rußland 1953, 1956, 1967, 1968 sprechen

b) derartige militarisierte Streitigkeiten sich öfter innerhalb oder an den Rändern von Einflußzonen bündnispolitischer Nachkriegsbildungen finden als außerhalb derselben

c) die Ergebnisse derartiger Entwicklungen sich von Mal zu Mal ernüchternder gestalten (für die USA: 1952/53 Korea, 1956 Suez, 1958 Berlin, 1962 Kuba, 1978 Persien, 1963-1975 Vietnam; heute: Kuwait, Irak, Afghanistan, Syrien/

IS-Mossul).

 

Es ist zu erkennen, wie brisant sich die Lage inzwischen gestaltet. So muß die Politik der USA daraufhin untersucht werden, ob infolge vermehrter Rüstung das innenpolitische Prestige absinkt, dementsprechend gemäßigte Lösungen

an Attraktivität verlieren und einer zunehmenden Militarisierung der Außenpolitik Raum gegeben wird. Empirisch gefragt, bleibt zu klären, ob zunehmende Bündnisverpflichtungen verstärkte militärische Mobilmachungen zur Folge haben.

 

Vor dem Hintergrund dieser nunmehr ebenfalls labilen Machtlage der USA und der aus der inferioren Machtposition Rußlands hervorgehenden Offensive mit begrenztem Ziel im Donezbecken ergeben sich neue Gefährdungspotentiale. Denn die Konfliktpartner erscheinen beide angeschlagen und zu sämtlichen hier aufgezeigten Fehlreaktionen fähig. Ob es nun nsinnfällig wäre, ähnlich wie in den Jahren 1853 bis 55 zwischen England, Österreich, Preußen und Frankreich mit Rußland durchgeführt, in extenso und in Kontinuität zu verhandeln, führt wohl damals wie heute nicht zu dem Ergebnis, den beiderseits noch verführerischen kriegerischen Konflikt zu vermeiden.

Zu dem Ziel, dem Urteil der Geschichte, zu gelangen, mögen folgende Fragen führen:

 

Wie regelmäßig beginnt sich eine Nachkriegshierarchie aufzulösen?

Wie schnell, wie weitgehend geschieht das?

Erkennen nationale Sicherheits-Eliten die sich verändernden Macht- und Einflußkonfigurationen; wie frühzeitig vollzieht sich das?

  • Erkennen diese die Realität oder über- oder unterschätzen sie diese?

  • - Antworten diese, wie hypnotisiert, mit der Verstärkung ihrer Bündnis- und Militärverpflichtungen oder konzentrieren sich diese auf die Verstärkung der Armee – oder beides?

 

Falls die Neigung absinkender Mächte zu militarisierter und weniger einfallsreicher Außenpolitik geringere Erfolgsraten in Auseinandersetzungen hervorbringt, wird der Selbstbestätigungsprozeß verstärkt und lassen schließlich derartige Erfahrungen solche Mächte kriegsbereiter werden als die historische Erfahrung uns vermuten ließe?

Weiterhin steht die Frage nach dem Prozeß im Raum, durch welchen die Nationen fortfahren, das Wüten des Krieges denjenigen aufzuladen, die von ihnen Frieden erwarten. Ursache und Anlaß für diese Überlegungen war die Beobachtung, daß zwischen 1960 und 1980 sowohl die UdSSR als auch die USA sich mit einem äußerst zwiespältigen Absinken ihrer Befähigung konfrontiert sahen, internationale Ereignisse zu beeinflussen und zu kontrollieren.

Eine betonte Zunahme der Militarisierung der Außenpolitiken und die stetige Zunahme der Militäraufwendungen waren festzustellen. Es stand 1983/84 die Frage, ob die Sorge vor den Auswirkungen dieser Entwicklung auf die

Menschheit im Vordergrund stand oder eher das Abklopfen der Machtbasis der UdSSR auf mögliche kriegerische Lösungen in Zentraleuropa.

Diese Frage wird heute, im Angesicht von Krim- und Donezkrise, neu gestellt. Daß es um eine mögliche Konfrontation zwischen den beiden Systemen geht und daß der Gedanke an die Vergleichsfälle 1852-54 und 1914 »die kriegerische Frivolität alternder Reiche« in jenen Jahren leitend waren, überrascht den Beobachter aus Deutschland weder damals noch heute. Ist doch die Erkenntnis des Jahres 1989 keinesfalls eine das bündnispolitische Vertrauen stärkende. Europa ist inzwischen aufgebrochen, selbst Weltmacht zu werden. Und die USA haben sich entschieden, dies zu verhindern.

Ein Riß verläuft dementsprechend durch die NATO. Provoziert letztendlich durch eine abgesetzte US-Außenpolitik gegenüber Rest-Rußland, das von Washington nicht mehr als Machtfaktor von bemerkenswerter Wertigkeit anerkannt wird. Entscheidend für alles, was folgt, mag sein, daß die USA – ähnlich wie England im Herbst 1853 – einseitig entschieden hat, die Machtpräsenz Rußlands endgültig entscheidend zu mindern. Und das in Fortsetzung der Schläge, die dieses 1991ff. Erlitten hat. Die Gegenbewegungen Rußlands sind in dieser Rechnung zu vernachlässigen.

 

Gleichzeitig erfüllt diese besondere Aggressivitätin der US-Außenpolitik eine weitere Bedingung für den heißen Konflikt, nämlich wird westlicherseits seit 1991 auf die EU-Politik der Ausdehnung nach Osten »draufgesattelt«. Damit aber zieht die EU – veranlaßt durch US-amerikanisches Vorgehen – jene Schläge (lokalisierter konventioneller Krieg in Europa) auf

sich, die sich dadurch ergeben, daß Rußland lediglich die EU, nicht aber die USA in der Ukraine treffen kann. Die USA weenrd möglicherweise dem expansionistischen Ziel England/Preußens 1854 und Deutschlands 1914 folgen. Mögen also die Generäle in Moskau auf die Frage – »was können wir gegen die USA tun(?)« – dasselbe geantwortet haben, wie Moltke in der Krisenkonferenz vom Juni 1909:

 

»wir können (lediglich) einen Krieg mit der Ukraine

vom Zaun brechen – mehr aber nicht«.

 

Alles Reden und Unterhandeln, also alle Politologie in der Geschichte in being (Steinmeier) wird, so traurig das ist, nicht weiterhelfen, wenn der Krieg im Vorhinein beschlossen ist, wie von England im Herbst 1853 auf Schloß Windsor, und in Deutschland vor 1914.

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Eindrücke des Marinekabinettchefs Georg Alexander von Müller

 

 

Wilhelm II. zu Admiral von Müller: "Mensch, wie sehen Sie denn aus. Ich werde Sie gleich nach Hause schicken, damit Sie sich erst einmal wieder herausfuttern."

Regiert wurde im Kaiserreich Wilhelms II., Sie mögen es glauben oder nicht, zumeist beim Frühstück; und das fand zwischen 1 und 3 Uhr nachmittags statt! Wie üblich fielen die Stimmungen des Kaisers auf, die die Nerven seiner Mitarbeiter bis zum Reißen anspannten. Was würde er vor fremden Gästen ausplaudern? In welche Fettnäpfchen würde er treten, und wie lange würde das Begängnis wieder einmal dauern?

Admiral Georg Alexander von Müller trat im Jahre 1905 als Personalchef der Marine in diese Verhältnisse ein, und schon nach kurzer Zeit zeigte seine Konstitution erste Schwächen. Sie war den Anforderungen der Bankette, Diners, Frühstücke und Bierabende nicht gewachsen. Im Januar 1906 war er noch rüstig. Früh morgens wurde geturnt, dann ging es ab zur Predigt des Müller von tiefster Seele verhaßten „Dorfpfaffen" und „Byzantininers", Kaiser-Pastor Göns. Darauf wurde gefrühstückt. Sie werden fragen: wie hielt Wilhelm II. all dies aus? Er empfing zum Beispiel den russischen Staatsrat Kokowzeff „spazieren gehend" im Sternsaal des Berliner Schlosses. Das war das Rezept des Kaisers für ein langes Leben. Später, in Holland im Exil, hackte er dann Holz – bis 1941.

Gegen Alkohol waren seine Majestät auch, zumindest noch im Jahre 1906. Müller jedenfalls litt aus tiefster Seele und notierte damals in seinem Tagebuch: „Wenn nur nicht die furchtbare Magenschlacht gewesen wäre!" Gegessen wurde nämlich nach der Oper. Hier waren es die „Meistersänger" und das Nachtsouper dauerte an bis nach Mitternacht. Was passieren mußte, geschah: Seine Majestät schlossen den Schnaps aus den Kantinen bei Armee und Flotte aus. Natürlich nicht bei Hofe.

 

"Wenn nur nicht die furchtbare Magenschlacht gewesen wäre", notierte Kabinettchef von Müller in seinem Tagebuch. Hinzu kam auch noch das "gräßliche Humpenleeren".

Immer wieder klagt von Müller über die„stumpfsinnigen Soupers" bei den Majestäten. Was folgte, liegt auf der Hand. Von Müller wurde magenkrank. Ende April 1906 war er krank zu Hause, mußte mit Hafergrütze vorlieb nehmen. Und damit es nicht besser wurde, war der Bierabend während der Kieler Woche eine ständige Einrichtung, der Müller erst mit der Zeit zu entkommen lernte. Die kurzen Nächte nahmen zu, weil der Magen zunehmend streikte. Daß der Beruf das Leiden nicht linderte, wurde auf der Manöver-Reise im September 1906 klar. Schlechte Unterbringung und Verpflegung auf einem der Linienschiffe führten zum Zusammenbruch. Wie immer in diesen Fällen wurde auch hier der Arzt sehr spät konsultiert. Bettruhe war die Folge. Zehn Tage Ruhe und der Gesundheit Leben wurden jedoch durch die Hochzeit des Großindustriellen Krupp in Essen – und das damit verbundene „sehr ausgedehnte Mahl" – am 15.9.1906 wieder überholt. Das „scheußliche Pokal austrinken", verbunden mit ausgedehntem Skatspiel auf den Jagdreisen des Kaisers, griffen den Kabinettchef erneut an. Schon im November kehrte die Erkrankung zurück. Von Müller schlief zunehmend schlechter. Hinzu kam eine aufkeimende Depression.

Aber all das ist mit einem Blick auf den Tagesablauf des Admirals erklärt. Das Tagebuch von Müllers gibt diese Zustände knapp wieder:

2. Januar 1907: „Admiralsfrühstück bei uns 20 Personen. Seine Majestät hielt fast drei Stunden Vortrag über Lage im Orient. Ziele der japanischen Politik etc. Es wurden schließlich Lichter angesteckt. Um 5 Uhr ging erst seine Majestät. Abends Diner der Kommandierenden Generale im Schloß" (Im Hotel Adlon kostete das Gedeck RM 27.-).

Die Folge: Magenschmerzen, Arztbesuch, Magenausspülung. Den Sonntag darauf verbrachte Admiral von Müller im Bett. Aber am 12. Januar war schon wieder Jagdangesagt. Die „Zwiebeln im Jagdfrühstück" brachten erneut Turbulenzen. Aber welchen Rang die Zeremonie des „Frühstükkens" einnahm, zeigt die Tatsache, daß im August ein Admiral beinahe zur Entlassung gekommen wäre, weil er lieber während einer Flottenübung der kaiserlichen Marine frühstückte, als taktisch führte. Im November 1907 – mit der Jagdsaison – folgten wieder Jagddiners mit dem „gräßlichen Humpenleeren".

Von Müller war erneut geplagt. Im Jahre 1908 kam der Zusammenbruch. Schmerzen und Schlaflosigkeit und „dabei der ganze Trubel der Kieler Woche mit permanenten Diners und Frühstücks" ließen selbst den Kaiser endlich den Gesundheitszustand seines Mitarbeites erkennen:


„Mensch wie sehen Sie denn aus. Ich werde Sie gleich nach Hause schicken, damit Sie sich erst einmal wieder herausfuttern" rief Wilhelm II. am 4. Juli 1907 aus.

Was folgte, war eine Magenoperation in Berlin. Am siebten Tag durfte von Müller schon „kräftigere Nahrung, geschabten Schinken, und geschlagenes, weichgekochtes Ei" essen. Nach einem Urlaub in Schweden finden sich kaum noch Bemerkungen zu Reaktionen des Magens in den Aufzeichnungen von Müllers. Auch das Essen als Gegenstand seiner Notizen tritt zunehmend zurück. Dafür drängen umso mehr die spannungsreichen Ereignisse im Vorfeld des Ersten Weltkrieges in den Vordergrund.

© Dr. Bernd F. Schulte
Quelle: Bundesarchiv - Militärarchiv Freiburg. N 159. Nachlaß Admiral von Müller.

 

Dieselgate
 
VW-Management wusste viel früher  Bescheid        
     
PremiumDer Abgasskandal ist für die VW-Führung weniger überraschend gekommen als bislang angenommen. Schon Mitte August räumte der Konzern gegenüber den US-Behörden Tricksereien ein. Der Aufsichtsrat wurde im Unklaren gelassen. 

 

Über das Teilgeständnis gegenüber den US-Behörden wurde im Management bereits im August geredet. Quelle: dpa
Volkswagen-Zentrale in Wolfsburg

Über das Teilgeständnis gegenüber den US-Behörden wurde im Management bereits im August geredet.

(Foto: dpa)

FrankfurtBereits am 19. August dieses Jahres – und damit mehrere Wochen früher als bisher vermutet – hätten Vertreter des Unternehmens bei einem Treffen mit der kalifornischen Umweltbehörde Carb teilweise zugegeben, dass es bei Dieselmotoren des Konzerns eine Einrichtung zur Beeinflussung der Abgaswerte gebe. Das geht aus einem als „streng vertraulich“ eingestuften Aktenvermerk der niedersächsischen Staatskanzlei hervor.

 
 

Alarmmeldung aus Dunkel-Deutschland.

Findet PARIS II in Ostdeutschland statt?

 

"...letzte Stunden hier im abgeschottenten Tiefschlaf.
Der Mob tobt tatsächlich. Es ist gruselig, was ich hier höre.
Die jungen Menschen im Osten " bewaffnen" sich. Tatsächlich leider in keinem Fall "nur" mit hohlen Parolen. Hier hörst und siehst Du ganz tief in die braue Suppe. Es ist gruselig - wirklich gruselig. Die gehen soweit, und machen Merkel für den Anschlag in Paris verantwortlich. Hier hörst Du Sätze, wie : "Wir deutschen Bürger werden bald nichts mehr zu fressen haben". Wo sind wir nur gelandet. Vieles geht durch meinen Kopf und es ist für dieses Minihandy zu viel. Die Buchstaben verschwimmen..

Bei facebook " trennen" sich plötzlich alte Freundschaften und es beginnt ein Verbalkrieg zwischen GUT und SCHLECHT. Das Thema Beziehung wird virulenter, je älter wir werden, und noch virulenter, wenn die Menschen, so dumm sich zeigen, wie im Moment. Schäuble, der vom Flüchtlingsströmen spricht,- Seehofer- was geht ab Bernd? Wenn Du hier hören würdest, was die jungen Menschen Ende zwanzig bis Mitte dreißig sprechen und tatsächlich tun, würdest Du das Wort "Bewaffnung" in keinem Fall als Übertreibung sehen. Ich bin müde ... der dummen Menschen sooooooo müde.

http://www.financial.de/news/agenturmeldungen/dj-pressetextde-aufstieg-oder-niedergang-deutschland-zwischen-mittelalter-und-postmoderne-buch-von-bernd-f-schulte-warnt-vor-dekadenz-und-verfall-in-deutschland/

 

AGENTURMELDUNGEN

13:35 | 16.06.2008 
 
DJ pressetext.de: “Aufstieg oder Niedergang” – Deutschland zwischen Mittelalter und Postmoderne – Buch von Bern. Schulte warnt vor Dekadenz und Verfall in Deutschland

 

Hamburg (pts/16.06.2008/13:35) - Dass die deutsche Geschichte nicht von Gipfel
zu Gipfel stürmt, ist wohl jedem 1945 bewusst gewesen. Dass sich das
Bewusstsein, eine gescheiterte Großmacht auf dem Weg zur Weltmacht gewesen zu
sein, den Deutschen wieder abhanden kommt, ist uns heute präsent. Aber auch die
übrigen Mächte, aus denen sich die europäische Union zusammensetzt, sind, mehr
oder weniger, während der letzten Jahrhunderte abgestiegene Groß- und Weltmächte 

Es trifft in der Geschichte nun einmal nicht der Satz zu, dass "Minus mal Minus
Plus" ergebe. So trifft der neue Aufsatzband von Bernd F. Schulte, "Aufstieg
oder Niedergang. Deutschland zwischen Mittelalter und Postmoderne", exakt eine
zentrale Frage unserer Zeit. Die nämlich nach der Zukunft Deutschlands und
Europas heute und Morgen. 

Dass sich Sch. dabei ostentativ auf Deutschland bezieht, mag der gängigen Lehre
bitter aufstoßen, ist diese doch seit Jahrzehnten bemüht, gerade den Blick von
Deutschland ab und den generalisierenden (da bemäntelnden) Momenten,
europäischen Zuschnitts, zuzuwenden. 

Schließlich sorgt sich Sch. offenbar um die grassierende Staatsverdrossenheit in
Deutschland heute und beginnt nicht zuletzt deshalb die Einleitung mit einem
Memento an die Französische Revolution, deren Ursachen und Wirkungen in der
Zeitspanne bis 1806. Schon die Einleitung zeichnet dezidiert den Weg Preußens
(stellvertretend für Deutschland) in die Niederlage von Jena und Auerstedt nach.
Über sich selbst weit hinausweisend, stellte der Reformer Gneisenau nach 1807
fest, das Ancien Régime habe ja in Preußen von Staats wegen den "Bürger nur zum
Steuernzahlen" benutzt. Eine zu späte, aber umso zutreffendere Anmerkung. 

"Vom Ständestaat zum Absolutismus" nämlich war die Masse der Menschen zumeist
dem Willen des Fürsten unterworfen. Der Staat, bestimmt durch die
Volksvertretung, den die Staatsrechtslehre in Europa seit dem 15. Jahrhundert
überwiegend forderte, kam nicht. Stattdessen bestimmten Dynasten, Tyrannen oder
Fürsten das Geschick der Staaten von oben herab. Erst denaturierte
Fürstenherrschaft führte zur Revolution. Seume, der Kronzeuge Schultes für die
Zustände im vorrevolutionären Deutschland, geißelte vor 1806 die Zustände auch
in Preußen. Fontane bot in seinen "Wanderungen", an mancherlei Stellen,
wenngleich vornehm verklausuliert, ein zutreffend detailliertes Bild der
folgenschweren Misswirtschaft unter dem, von Maitressen und Rosenkreuzern
beherrschten, König Friedrich Wilhelm II. So verlor Preußen, geistig, wie
praktisch-politisch-militärisch, die Verbindung zur zeitgenössischen
Entwicklung. Schulte ergänzt diesen kritischen Blick auf das "Modell Preußen"
vor 1806 um weitere Abschwünge der Entwicklung, wie Olmütz und die
Krimkriegphase, die wiederum Weichenstellungen der deutschen Geschichte
bedingten, die - historisch gesehen - zu zwei Weltkriegen führten. 

So erscheint auch das Kaiserreich der Hohenzollern als Teil des Niederganges,
der mit dem Ersten Weltkrieg zum entscheidenden Einbruch in der deutschen
Geschichte führte. Der "Zusammenbruch" von 1945 bildete den erklärten Tiefpunkt
dieser Entwicklung von den Glaubenkriegen des 16. Jahrhunderts, über den
Dreißigjährigen Krieg, bis hin zu den Kabinettskriegen des 18. Jahrhunderts -
und den napoleonischen Kriegen. Im wesentlichen hat sich Europa auf diese Art
selbst entmachtet. Dass Deutschland heute, eingebunden in die europäische Union,
alle Anzeichen des Verfalls wie vor 1806 zeigt, bildet die These Schultes, die
in die Köpfe der Politiker Eingang finden sollte. Denn heute geht es in erster
Linie um eine Erneuerung der Staaten von innen heraus. Sonst droht ihnen ein
1806, als kampffähige Festungen (Magdeburg) sich, nach einem Kanonenschuss, dem
Feind ergaben. 

Rezension und Bestellmöglichkeit auf http://www.forumfilm.de (Extra Blatt). 

Bernd F. Schulte, Aufstieg oder Niedergang. Deutschland zwischen Mittelalter und
Postmoderne. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Bd. 4,
Norderstedt 2008, 400 S., 29,95 ?. ISBN 978-3-8334-4455-5. (Ende) 

Aussender: Extrablatt
Ansprechpartner: Dr. Bernd F. Schulte
Email: forumfilm65@netscape.net
Tel.: +49(0)40 551 00 07 

Quelle: http://pressetext.com/pte.mc?pte=080616028 

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Verantwortung für redaktionelle Meldungen (pte) liegt bei pressetext, für
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(END) Dow Jones Newswires

June 16, 2008 07:35 ET (11:35 GMT)

 

 

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N R . 2 5 0 · 2 1 . J A H R G A N G · A U S G A B E  1 1 / 2 0 1 5   VOM

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E R S C H E I N T  MO N AT L I C H · 1 E U R O

 

e r i n n e r t

14

 

1854 – 1914 – 2014 (Teil)

Kontinuum Ostexpansion 

 

von Dr. Bernd F. Schulte

 

Der Verlust der Stadt Sewastopol am 8. September 1855 brachte vor 160 Jahren die Entscheidung im Krimkrieg. Fast ein Jahr lang hatte sich die russische Armee gegen die Belagerung durch französische, britische, türkische und italienische Truppen behauptet. Der erste Teil befaßte sich mit der Haltung Preußens in diesem großen europäischen Krieg in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals wie heute geht es um die Rolle Rußlands in Europa. Navalistische Mächte stehen wie 1854 gegen die Festlands-

macht. Damals sollten die preußisch-englischen Gemeinsamkeiten betont werden. Preußen stand vor der Entscheidung, wohin es kulturell-weltanschaulich gehören wollte. Ähnliches gilt heute für Deutschland oder gar die EU.

 

1914: Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg verfolgte dieses Ziel im Ersten Weltkrieg. Von Konstantin Frantz, über Felix Fürst Schwarzenberg bis zu Friedrich Naumann, Walther Rathenau1 und Theobald von Bethmann Hollweg führte die Idee, Europa unter preußisch-deutscher Führung zusammenzufassen. Die NATO/EU

heute greift nach Kiew – nicht Rußland. Ähnlich 1914, als es um nichtrussisch besiedelteTerritorien ging. Auch den Haß der Polen gegen die Russen, der am Leben erhalten werden sollte. Wie 1854 die Koalition gegen Rußland, so bildet die NATO heute keinen geschlossenen Block mehr. 1854 ging es um Annexionen an der Ostsee, Polen und Moldavien. 1914 ähnlich. Die Idee des »Volk ohne Raum« war geboren. Siedlungsland für verdiente Unteroffiziere sollte gewonnen werden. Oder, wie Ludendorff 1915 an Moltke schrieb, die Armee müsse befriedigt werden.

 

Die preußischen Konservativen standen 1854 ganz im Bann der Befreiungsbewegung von 1813. Sie erwarteten den Krieg mit Frankreich und sahen in einem Bündnis mit England lediglich dessen Funktion, korrespondierend mit der Verteidigung der Rheinlinie. Einerseits fürchtete das konservative Preußen Frankreich als den Hort der Revolution. Die Revolution war eine gefährliche Waffe gegen die Monarchien. Es wurde erwartet: ein preußisch-englisches Bündnis könne andererseits Rußland in die Isolierung treiben, und eine französisch-russische Annäherung heraufbeschwören.

 

Dieses essentielle Problem sollte sich Bismarck, auf anderer Ebene nach 1877 stellen, als auf der Höhe der Berliner Krise2 sich Hoffnungen, Gefährdungen, wie die Konstanten der Rechnung mischten, analog zu 1914 und heute. Doch der Weg der Modernisierung Preußens war steinig und lang. Aus der wirtschaftlichen Rezession zu Anfang des 19. Jahrhunderts ging Berlin gestärkt hervor. Der Niveauunterschied zu Westeuropa, der über 300 Jahre angedauert

hatte, wurde überwunden. Zwischen 1820 und 1850 brachte die Wachstumsrate in Landwirtschaft, Verkehrswesen und Industrie linear 1,2%. Im Deutschen Bund errang Preußen damit wirtschaftlich die Suprematie. Der militärisch-politische Sieg von 1866 über Österreich war industriell, wirtschafts- und finanzpolitisch (DDD-Banken) vorgezeichnet. Nur zögernd folgte die staatliche Verwaltung dieser neuen Entwicklung. Gleichwohl zeichnete sich die Regierung Manteuffel3 durch die, wenngleich zögernde, Überwindung der merkantilistischen Staatspraxis aus.

 

Bismarcks Außenpolitik war gekennzeichnet durch »Vorurteilsfreiheit ... und Realismus«. Ihm oblag es, nach dem Frieden von Paris 1856, mit dem der Krimkrieg endete, die Umorientierung der preußischen Außenpolitik zu vollziehen.

Frankreich war inzwischen zur ersten Macht in Europa aufgestiegen, und sollte der künftige Bündnispartner Preußens werden. Bismarck verfolgte das Ziel, den deutschen Mittelstaaten die Rheinbund-Option abzuschneiden. So begann

etwas völlig Neues, was mit dem Krimkrieg, dem wohl letzten Kabinettskrieg alten Stils, und dem Feldzug von 1859 in Norditalien, begonnen hatte. Daß die überkommene Pentarchie der europäischen Mächte Vergangenheit war, war allseits anerkannt. Die Stringenz des englischen Angriffsplans auf Rußland, das Diktum Bunsens vom »europäischen Generalkrieg« von Finnland bis zum Kaukasus wurde abgelehnt.

 

Wie sieht das Kriegsbild der NATO/EU von heute aus? Ist der Plan der NATO-Erweiterung ausgeträumt, weil die Mitgliedsstaaten ihre Armeen abgerüstet haben, und auf kurze Sicht ein Zusammenwirken mit den USA problematisch

erscheint? Trifft doch Friedrich Wilhelms Besorgnis zu, den Krieg mit Rußland eventuell allein ausfechten zu müssen? Damals, 1854, betrogen von Frankreich und England, heute den USA?

 

Anmerkungen (Quelle: Wikipedia):

1 – CONSTANTIN FRANTZ (1817 - 1891) war ein deutscher

Philosoph, Publizist, Mathematiker und

Politiker. Er stand zeitweise im diplomatischen

Dienst Preußens. Bekannt wurde er als politischer

Schriftsteller mit Bezug zum Junghegelianismus

und zur Romantik. Frantz war Vordenker

eines vom Heiligen Römischen Reich inspirierten

mitteleuropäischen Staatenbundes und Gegner

des von Bismarck nationalstaatlich verfaßten

Deutschen Reiches.

FELIX PRINZ (genannt Fürst) ZU SCHWARZENBERG

(1800 - 1852) war ein österreichischer Staatsmann,

Diplomat und Offizier. Von 1848 bis zu seinem

Tod 1852 war er österreichischer Regierungschef.

Auf ihn geht der Großösterreich- oder

Schwarzenberg-Plan zurück.

FRIEDRICH NAUMANN (1860 - 1919) war evangelischer

Theologe und liberaler Politiker zur Zeit

des Deutschen Kaiserreichs. Nach ihm ist die

FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

benannt. Sein im Herbst 1915 erschienenes

Buch »Mitteleuropa« wurde rasch zur meistgelesenen

deutschen Kriegszielschrift überhaupt.

Naumann forderte darin einen »liberalen Imperialismus

« für Deutschland.

WALTHER RATHENAU (1867 - 1922) war ein deutscher

Industrieller, Schriftsteller und liberaler

Politiker (DDP). Er wurde als Reichsaußenminister

der Weimarer Republik Opfer eines politisch

motivierten Attentats.

2 – Auf dem Berliner Kongreß im Juni/Juli 1878

versammelten sich nach dem Russisch-Türkischen

Krieg von 1877/78 die Vertreter der europäischen

Großmächte Deutsches Reich,

Österreich-Ungarn, Frankreich, Vereinigtes Königreich,

Italien und Rußland sowie des Osmanischen

Reiches, um die Balkankrise zu beenden

und eine neue Friedensordnung für Südosteuropa

auszuhandeln. Insbesondere ging es darum,

den Einfluß auf dem Balkan den Rußland infolge

des Friedens von San Stefano vom März 1878 gewonnen

hatte, wieder zurückzudrängen. Da ein

Krieg der Großmächte gegen Rußland drohte,

verzichtete Rußland auf einen großen Teil seiner

Ambitionen. Die Rivalität Österreichs und Rußlands

auf dem Balkan vertiefte sich und wurde

bis zum Ersten Weltkrieg zu einer Konstante in

der europäischen Politik.

3 – Otto Theodor Freiherr von Manteuffel (1805

bis 1882) war ein konservativer preußischer Politiker.

Von 1850 bis 1858 vollzog er als preußischer

Ministerpräsident..

 

Unbedingt empfehlenswert: Bernd F. Schulte, Deutsche Policy of Pretention, Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914, Hamburg/Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8370-2251-3

Durch dieses vorzügliche Buch, dem viele Leser zu wünschen sind, zu folgenden Stichworten angeregt:

Völlig zutreffend weist er die Polykratie-These vom Mommsen ua (“Unregierbarkeit” des Kaiserreichs, Byzantinismus, verschiedene Gruppen suchten Wilhelms Gunst etcetc) zurück. Auch ich habe diese These nie für plausibel gehalten. Dass innerhalb der Machtelite des Kaiserreichs – wie in der Machtelite eines jeden Staats – Vertreter unterschiedlicher Konzepte agierten, ist richtig, aber belanglos. Solche Gegensätze innerhalb von Machteliten gleichen sich immer aus – sei es durch Kompromisslösungen, sei es dadurch, dass eine Gruppe entmachtet wird (modernes Beispiel: Lafontaines Rücktritt 1999, als sich seine wirtschaftspolitische Konzeption gegen Schröders neoliberalen Kurs nicht durchsetzen konnte. Niemand wird die Bundesrepublik 1998/99 für unregierbar erklären mögen…). Das Kaiserreich war nicht unregierbar, es hat vielmehr konsequent seinen Ansatz “Weltpolitik” verfolgt, wenn auch mit unterschiedlichen Konzepten – bis 1912 Flotte gegen England, ab 1912 kontinental mit Versuchen, Englands Neutralität zu erlangen. Dass diese Weltpolitik 1914 den Krieg zu denkbar schlechten Bedingungen vorsätzlich auslöste, ist natürlich richtig. Grund: man hat es nie gewagt, die Tirpitz-Gruppe (Ausgleich mit Russland gegen England) wirklich kalt zu stellen, sondern agierte weiterhin de facto gegen Russland, Frankreich und England zugleich, dh mit faulen Kompromissen. Schon Riezler hat dies 1915 klar gesehen (im unstreitig authentischen Teil seiner TBs). Man kann sagen: Diese unterschiedlichen Konzepte wurden nie wirklich harmonisiert. Das kaiserliche Deutschland gab, weil die Gegner zeitgleich bekämpft wurden, diplomatisch zweifellos jahre-, jahrzehntelang den Ochs im Porzellanladen (mit seiner Policy of Pretention) und verfestigte so die Triple-Entente, anstatt sie zu sprengen. Selbst wenn wir, just for the argument, den Ansatz “Weltpolitik” einmal mitmachen: Wer Weltpolitik betreibt, darf dabei nicht auch noch ein Dummkopf sein. Aber dass Deutschland sich dumm verhalten hat bedeutet nicht, es sei unregierbar gewesen. Hier spielt dann übrigens doch, nicht trotz, sondern eben gerade wegen seiner Schwäche und seiner “deplorablen Leistungsbilanz” (Stefan Breuer) Kaiser Wilhelm eine entscheidende Rolle: Selbst nach dem Daily-Telegram-Desaster verstand sich niemand darauf, den unheilvollen Einfluß dieses restlos überforderten Menschen substanziell zu beschneiden. Vor allem deswegen nicht weil man mit dem grundsätzlichen Ansatz des Kaisers – “Weltpolitik” – ja völlig einverstanden war und ihn nicht wegen seines Konzepts kritisierte, sondern (zu recht natürlich) wegen seiner deutlich ins skurrile und peinliche hineinreichenden Praxis. Unregierbar meint ja: Subjektlos, keiner agiert, somit ist keiner verantwortlich…sehr bequem. Aber das Kaiserreich war nicht unregierbar. Es hat bei der gewollten Eskalation (Blankoscheck, danach Insistieren auf Lokalisierung) im Gegenteil stringent und (schein)rational agiert.

Falsch ist auch die Mommsen-These von der Versäulung der Bündnisse. Die Bündnisse waren damals nicht verfestigt a la Kalter krieg, sondern prinzipiell offen (Italien hat dies – eigenen Interessen folgend – gezeigt). Haldane-Mission 1912 darf mE getrost als verpasste Chance der deutschen Diplomatie gedeutet werden. Eine enge Abstimmung London-Berlin hätte aller Voraussicht nach den Krieg verhindert. Zum lächerlichen Getue um den deutschen Spion und die russisch-englischen Marinegespräche, um die insbesondere Münkler ja ein groß Gewese macht: a) Grey hat Berlin ja eben gerade nicht angelogen, sondern diese Gespräche Lichnowsky gegenüber eingeräumt – das war regelrecht eine vertrauensbildende Maßnahme Greys. (Was macht Münkler eigentlich den lieben langen Tag? Dokumente lesen kanns nicht sein.) b) Berlin hat im Frühjahr 1914 im Ulster-Konflikt/Irland heimlich Waffen nach Irland geliefert, um England zu destabilisieren…was ja beinahe auch gelungen wäre, noch den ganzen Juli über hat London den Ulsterkonflikt viel ernster genommen als den sich anbahnenden Balkankonflikt. Soviel mal zu fehlendem Vertrauen…und der Frage, wer das Verhältnis vergiftet hat. Von einem Quasi-automatischen way to war a la Mommsen kann keine Rede sein. Philosophisch gesprochen: Es ist an der Zeit, intentionale Handlungsmodelle zu rehabilitieren. Kriege entstehen, wenn jemand einen Krieg will und darüberhinaus die Macht sowie die Gelegenheit zu einem hat.

Zutreffend sieht er auch die Krisenkonferenzen, Plural, in denen sich der Entschluß zur Entfesselung des Krieges mehr und mehr verfestigte. Ab wann Bethmann persönlich den Krieg bejahte? Vielleicht hat er Theodor Wolff wirklich schlicht und einfach die Wahrheit gesagt (ab Januar 1914…). Ich neige dem inzwischen zu. Riezler 7. Juli scheint mir teilauthentisch; wie Fritz Fischer richtig sagte, legt selbst dieser Text (der angeblich ja Fischers Deutung den Boden entzogen haben soll) nahe, dass Bethmann primär den Krieg wollte und lediglich sekundär auch mit einem diplomatischen Sieg zufrieden gewesen wäre. Zu den Riezler-TBs hier meine 20 cent: Bis zum 27. Juli scheinen sie mir, mit einigen Umstellungen/Kürzungen (die es gegeben haben muss, denn sonst muss ich das Original nicht verschwinden lassen) teilauthentisch – aber es fehlen uns eben die vom 28.7.-14.8. Die entscheidenden. Ich vermute – das ist Spekulation, aber eine begründete -, dass uns diese Passagen Auskünfte darüber geben würden, wie ernst Bethmanns Vermittlungen vom 28. abends – 30. abends eigentlich gemeint waren. Tatsache ist, dass er sie in der Nacht zum 31. vorsätzlich abgebrochen hat und den Dingen ihren Lauf ließ.

Hochinteressant auch die reichhaltige Auswahl Schultes – Wenninger-TBs, dazu Berichte und Feldpostbriefe an seine Frau. Ferner kurze Auszüge Tarpen und Hopman. Skurril, dass ein wichtiger militärischer Funktionsträger wie Wenninger seine Frau mitten im Feldzug Herbst 14 anfragt, ob sie ihm nicht den Baedeker Nordostfrankreich zuschicken möge…Man kann das fast nicht glauben. Allerdings liegen von French ähnlich skurrile Berichte vor…

update: Leicht divergiere ich mit Schulte, was die Einschätzung der militärischen Fähigkeiten Deutschlands betrifft. Nicht, dass seine Kritik unstimmig wäre. Deutschlands Armee litt Mängel – was die Ausrüstung mit leichter Artillerie betraf (die allerdings duch die schwere einigermaßen wett gemacht wurde, wie Schulte ja auch sagt), vor allem aber natürlich taktisch. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass das deutsche taktische Vorgehen Sommer 14 – wie allerdings das aller anderen Armeen auch – inkompetent war und zu hohen Verlusten führte (die der Franzosen waren ebenfalls exorbitant)…dennoch wird man zugestehen müssen, dass die deutsche Offensive zunächst deutliche Erfolge zeitigte (im Gegensatz zur französischen), und die deutsche Armee, alles in allem, als die in Summe wohl doch beste Armee wird gelten müssen. Ich hoffe, ich bin des Verdachts enthoben, dies aus nationalen Gründen zu schreiben…man wird Churchills bekanntem Fazit hierzu nun wirklich kaum widersprechen können: Dass das Kaiserreich, mit unzulänglichen eigenen Verbündeten, viereinhalb Jahre gegen eine derartige Übermacht durchhielt und sogar, wenn man nicht solche hanebüchenen Fehler begangen hätte, Sieges-Chancen gehabt hätte, zumindest ein Patt hätte erreichen können, ist, rein militärisch betrachtet, schon eine exorbitante Leistung gewesen (nein, ich bin kein Bewunderer militärischer Leistungen; ich stelle einen sachverhalt fest). Kein U-Boot-Krieg 1917, bzw. Anfang 18 Sieg im Osten konsolidieren (und durch Ressourcenzuwachs aus dem Osten auch die wankenden Verbpündeten stützen) und im Westen auf massive strategische Defensive schalten…das wäre ein Konzept gewesen. Stattdessen dieses absurde Unternehmen Michael. Dieses Defensiv-Konzept war/wäre allerdings aus anderen Gründen unmöglich – nämlich wegen des enormen Einflußes der Siegfrieden-Partei. Dieses irrsinnige, selbst im Sinne des Konzepts “Weltpolitik” irrsinnige Alles-oder-nichts-Spiel der Firma Ludendorff, Claß und Consorten verursachte Deutschlands militärische Niederlage 1918 und letztlich auch Deutschlands Finaldesaster. Und der massive Einfluß der ‘Alldeutschen’ (darunter fasse ich jetzt mal alle zusammen, die seit ca 1890 das Spiel “Weltmacht oder Untergang” spielten, also nicht nur den Verbamnd selber) macht in meinen Augen dann auch den deutschen Sonderweg aus, der für mich keine Theorie sondern eine unstreitige Tatsache ist. Irgend etwas lief in Deutschland ab ca 1890 schief. Nicht, dass ‘die anderen’ nicht auch imperial agierten, völkisch agierten, als Sozialdarwinisten und Eugeniker agierten…Aber allein in Deutschland gab es innerhalb der bürgerlichen Intelligenz diese übermächtige Präferenz für faschistoide, und wenn man sich Claß Buch von 1913 ansieht muss man sagen: schlicht schon faschistische Tendenz ohne große gesellschaftliche Gegenwehr. Frankreich hatte die Anti-Dreyfussards, richtig, und sie waren schlimm…aber Frankreich hatte auch einen Zola. In Deutschland aber waren, um mal zwei Namen zu nennen, Heinrich Mann und Franz Pfemfert auf verlorenem Posten. Selbst und gerade die SPD kuschte dann vor dem Begehren der Alldeutschen – insbesondere gilt das für Weimar.

 

https://julikrise.wordpress.com/tag/bernd-f-schulte/

Historische Sammlung über Karl Lamprecht wird veröffentlicht

19.10.2015 22:02 Uhr
 
http://www.mz-web.de/jessen/historisches-sammlung-ueber-karl-lamprecht-wird-veroeffentlicht,20641004,32201150.html
 

So sieht der Einband des neuen Lamprecht-Buchs aus.

(BILD: THOMAS CHRISTEL)
VON DETLEF MAYER
Der Universitätsverlag Leipzig veröffentlicht eine Sammlung von Aufsätzen, die den in Jessen geborenen Historiker aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.
 
 
JESSEN. 

Von einigen Jessenern wird Karl Lamprecht gern als der größte Sohn der Kleinstadt an der Schwarze Elster bezeichnet. Sein, wie sich inzwischen erwiesen hat, nachhaltiges Wirken als Historiker und seine umfängliche wissenschaftlich-literarische Hinterlassenschaft rechtfertigen diesen inoffiziellen Titel ohne Frage.

Aber auch geschichtlich weniger Interessierten, dafür aber lokalpatriotischen Jessenern hat der Pfarrerssohn bis heute etwas zu sagen. Seine „Kindheitserinnerungen“ - nach Lamprechts Tod, im März 1918 von seinen Töchtern Marianne und Else als Broschüre herausgegeben - in denen er Jessen auf einmalige Weise ein Denkmal setzt, sind immer wieder ein beliebter Lesestoff. Und im Elstertal zudem sicher mehr Leuten ein Begriff als Lamprechts „Deutsche Geschichte“ in zwölf Bänden.

 

Auch für Nichthistoriker

Immer wieder wird von Fachleuten betont, dass man Karl Lamprecht nicht auf seine Aktivitäten als Historiker oder den Methodenstreit der Geschichtswissenschaft beschränken dürfe, um ihm gerecht zu werden und sein Engagement in seiner Zeit verstehen zu können. In dieser Hinsicht einen sehr wertvollen und zudem auch für Nichthistoriker durchaus lesbaren Beitrag liefert der Band „Karl Lamprecht (1856 - 1915) - Durchbruch in der Geschichtswissenschaft“. Herausgegeben wurde das 357 Seiten starke Buch (ISBN 978-3-86583-938-1, Preis: 19 Euro) vom Leipziger Universitätsverlag in Verantwortung von Jonas Flöter und Gerald Diesener (Geschäftsführer des Verlags). Den Anlass dafür bot der hundertste Todestag Lamprechts im zurückliegenden Mai.

Das Werk vereint Aufsätze von insgesamt 17 Autoren, die Karl Lamprechts Rolle und Bedeutung aus ganz unterschiedlichen Ansätzen heraus betrachten und analysieren. So heißt es dazu im Klappentext: „Wenn in diesem Buch dem Wirken des Leipziger Historikers Karl Lamprecht nachgespürt wird, richtet sich die Aufmerksamkeit weit über diesen Gesichtspunkt (gemeint ist der Methodenstreit um eine zeitgemäße wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte - die Redaktion) hinaus auf eine Würdigung des vor hundert Jahren Verstorbenen, und dies aus ganz verschiedenen Blickwinkeln. Denn er war zweifellos ein immens fleißiger Historiker, aber ebenso auch ein umtriebiger Hochschullehrer, nicht selten auch direkt ein homo politicus, der sich stets voller Leidenschaft in die Kontroversen seiner Zeit stürzte, und insgesamt ein Intellektueller im besten Sinne des Wortes. Die hier versammelten Ergebnisse jüngerer biografischer Spurensuche zeichnen das facettenreiche Porträt eines Mannes, der in der Zeit vom ausklingenden 19. Jahrhundert bis an die Schwelle zum Ersten Weltkrieg zu jenen Geistern zählte, die Deutschlands Ruf in dieser Zeit ausmachten und von dem sich eine weltweite Schar von Jüngern faszinieren ließ.“

Im Vorwort der Herausgeber wird dem Interessierten ein weicher Zugang zum Studium des Buches angeboten und ein Weiterlesen schmackhaft gemacht: „Gänzlich anders als einhundertste Geburtstage ist die einhundertste Wiederkehr des Todestages eines Wissenschaftlers vor allem ein untrüglicher Indikator über die von ihm ausgehenden Nachwirkungen.“ Denn man werde sich eines schon so lange Verstorbenen nur erinnern, „wenn er aus der Masse seiner inzwischen längst vergessenen Zeitgenossen herausragt. Das ist im Fall Karl Lamprecht nicht anders.“

Mit der Einordnung des Schaffens von Karl Lamprecht befasst sich in dem Buch Bernhard vom Brocke. Sein Aufsatz, der in dieser Hinsicht einen Überblick offeriert, heißt „Leben und Werk im Kontext der Wissenschaftsentwicklung“.

 

Bleibendes und Zeitbedingtes

Daraus stammen diese Sätze: Karl Lamprecht „zählte zu den Außenseitern unter den deutschen Historikern. Zu Lebzeiten wurde er von den meisten Fachkollegen wegen seines missionarischen Auftretens als Künder eines ,neuen Evangeliums historischer Wissenschaft’ (Arley Barthlow Show) abgelehnt, wegen seiner angeblich dem ,historischen Materialismus’ verhafteten Geschichtsauffassung von Fachkollegen denunziert sowie wegen der Propagierung ,westlicher’ demokratisch-liberaler Tendenzen als ,Irrlehrer’ (so Friedrich Meinecke, 1862 - 1954) und vom ,westlichen’ Positivismus beherrschter ,Fremdkörper’ bekämpft. Außerhalb der deutschen Historikerzunft und vor allem bei den Historikern im Ausland erstrahlte sein Ruhm umso heller. Erst seit den 1970er Jahren wurden Lamprechts frühe bahnbrechende Leistungen auch in Deutschland wieder vorurteilsloser gewürdigt, als Wirtschafts-, Sozial-, Kultur- und Landeshistoriker, als genialer Wissenschaftsorganisator und ideenreicher Kulturpolitiker. Erst seitdem wird zwischen dem Bleibenden und dem Zeitbedingten unterschieden.“

Zu dieser Unterscheidung heißt es einen Absatz später bei Bernhard vom Brocke: „Auf den Gebieten der Landesgeschichte und Sozialgeschichte auf landesgeschichtlicher Grundlage liegen Lamprechts bleibende wissenschaftliche Leistungen. Zeitbedingt aber waren im Zeitalter des Siegeszuges der Naturwissenschaften sein wissenschaftsgläubiger Fortschrittsoptimismus, seine Forderung einer Erhebung der Geschichtswissenschaft in den Rang einer (Natur-) Wissenschaft und sein Glaube an die Lösbarkeit aller historischen Probleme durch empirische Forschung und Ergründung historischer Gesetze.“

Die insgesamt 17 Aufsätze des Bandes „Karl Lamprecht (1856 - 1915) - Durchbruch in der Geschichtswissenschaft“ gliedern sich neben dem Einstieg in folgende fünf Kapitel: „Wege zur Wissenschaft“, „Geschichtstheorie“, „Methodenstreit“, „Universitätsreform“ und „Lamprecht heute“, letzteres mit Beiträgen von Gerald Diesener und Roger Chickering (von der Georgetown University, Washington D.C.). (mz)

 Barnimer Bürgerpost  d i e  u n a b h ä n g i g e  L e s e r z e i t u n g  N R . 2 3 7 · 2 0 .  J A H R G A N G · A U S G A B E  1 0 / 2 0 1 4   V O M  1 4 . O K T O B E R  2 0 1 4 · E R S C H E I N T  M O N AT L I C H · 1 E U R O 

e r i n n e r t

14

Eine Denkschrift vom Juni 1914 mit Folgen:

Die Schale des Krieges senkt sich

 

Im Umfeld des 100. Jahrestags des Beginns des 1. Weltkriegs verstärkten sich Wort-

meldungen wie die des Australiers Christopher Clark, der in seinem Buch »Die Schlafwandler

wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog« behauptet, die europäischen Mäch-

te wären nur aus Unfähigkeit ihrer Politiker in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

hineingeschlittert. Die historischen Tatsachen sollen zurechtgebogen werden, damit

sie nicht als Ballast der künftigen »Verantwortung Deutschlands«, wie BuPrä Gauck die

zunehmende Agg ressivität führender Kreise der BRD umschreibt, im Wege zu stehen.

Was Rosa Luxemburg schon 1915 ihrer »Junius-Broschüre« erkannt und der BRD-Hi-

storiker Fritz Fischer Anfang der 1960er Jahre in seinem Buch »Griff nach der Weltmacht

« anhand von Archivdokumenten bewiesen hatte, soll in Vergessenheit geraten.

Doch nun gibt es neu entdeckte Dokumente aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg,

welche die »Schlafwandler-These« widerlegen. Schon seit längerem ist aktenkundig,

daß die deutschen Führungseliten spätestens nach dem 1. Balkankrieg in den Krisen-

konferenzen vom November und Dezember 1912 die Weichen auf den »Großen Krieg«

gestellt hatten. Damals war klar geworden, daß die militärische Überlegenheit, auf die

Deutschland seit dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 bauen konnte,

bröckelte. Im Frühsommer 1914 hatten sich die internationalen Widersprüche weiter

zugespitzt. In dieser Situation erhielt Reichskanzler Theodor von Bethmann Hollweg

von seinem Cousin, Legationsrat an der deutschen Botschaft in Wien, eine Denk-

schrift zur katastrophalen wirtschaftlichen Lage Österreich-Ungarns. Das war unmit-

telbar vor dem Attentat von Sarajewo. Unser Autor Dr. BERND SCHULTE macht auf

Fakten aufmerksam, wonach die ausschlaggebende Denkschrift vom 24. Juni 1914

möglicherweise nicht zufällig zu diesem Termin geliefert wurde.

 

Selbstverständlich gründeten die Entscheidungen der Berliner Politiker auf den Zusicherungen der Militärs und deren Zutrauen in die militärische Überlegenheit der deutschen Waffen. Selbst die Kritiker des Kanzlers, die Bülows und Schön, 1914 der Botschafter des Reichs in Paris, vertrauten einerseits darauf, es werde sich um einen kurzen Krieg handeln,

und setzten andererseits festes Vertrauen in den Generalstabschef von Moltke. Doch bemäntelten derartige Äußerungen Fehler, die bereits zu Beginn des Jahrhunderts, bei der Besetzung der Stelle des Chefs des Generalstabs begangen wurden. Der jüngere Moltke reichte nun einmal nicht an seinen großen Onkel heran. Bereits im Verlauf des Krieges, als deutlich wurde, wie aussichtslos die Lage sich entwickelte, hat selbst der Kanzler im persönlichen Gespräch Zweifel an den Vorkriegsplanungen,

insbesondere der Militärs, geäußert. Derartige Zweifel werden weiter durch ältere Beamte, wie etwa Botho von Wedel, unterstützt, welche die fehlerhaften Annahmen der militärischen Führung und des Auswärtigen Amtes als Ausgangspunkte einer falschen Politik deklarieren. Die überoptimistische Einschätzung der deutschen Armee und überbordendes Vertrauen in deren Leistungsfähigkeit, der »heiligen Kuh« deutscher Selbsteinschätzung, wie Wedel nachweist, habe – durch Bethmann Hollweg, Jagow, Zimmermann und andere Diplomaten übernommen, dazu geführt, eine überharte »Policy of Pretention« zu verfolgen. Jedenfalls gehörte die politische Administration dieser Jahre, später der so genannte »Bethmann Kreis«, zumindest nicht zu den Vertretern einer pazifistischen Politik. Das gab selbst bereits Bernhard W. von Bülow zu, der zu diesem Kreis zählte. Wie nach der Aktenlage nicht anders zu erwarten, sind uns nur wenige Beiträge des Reichskanzlers überkommen, die zu diesen Fragen aus seiner Sicht Stellung beziehen. So die Denkschrift für den Untersuchungsausschuß des Reichstages 1919, welche sich, in deren zentralem Anliegen, auf den »Wert der Erhaltung nder österreichisch-ungarischen Machtstellung « bezog. Indem der vormalige Reichskanzler ganz die Einbahnstraßen des österreichischen Bündnisses beschrieben und die deutsche »Weltstellung« von der »Unabhängigkeit« Österreichs abhängig machte, suchte er ausschließlich sein Konzept für die Anfangsphase des Ersten Weltkrieges zu begründen.

 

Das Problem, vor dem die deutsche politische Führungsspitze im Juni 1914 stand, bestand in einem, wie Bethmann Hollweg schreibt, »angeblich sterbenden Österreich«, was die »Isolierung des Deutschen Reiches« nach sich gezogen hätte. Ja, der frühere Reichskanzler betonte, »die Weltlage« sei »starr geworden und» habe

»sich seit den letzten beiden Balkankriegen auf der allgemein unveränderten Basis nur insofern weiter entwickelt, als die deutschfeindliche Koalition nach dem Anschluß Englands an den russisch-französischenchen. Dietrich Bethmann Hollweg prophezeit den Zusammenbruch Österreich-Ungarns chen und Vorbereitungen eine diplomatisch und militärisch gebundene Konsistenz gewonnen hatte.« 

Es tritt im Folgenden allseits hervor, wie aggressiv West- und Ostmächte die Lage für einen kommenden Krieg nutzten. Zentral die Absicht Serbiens, Teile aus Österreich herauszubrechen, und damit den Aufteilungsprozeß der Donaumonarchie einzuleiten. Auch das Zusammenspiel zwischen Petersburg, Belgrad und London wird überdeutlich. Bethmann Hollweg, allgemein als England-Philantrop verstanden, erscheint hier völlig eingedenk der tiefgegründeten Gegnerschaft Londons gegenüber Berlin und damit der geringen Aussichten einer deutschen englischen Entspannung.

Petersburgs Kriegsziel sei gewesen, »Österreich und seinen Einfluß vom Balkan zu eliminieren«. Bethmann Hollweg sieht, anders als die neuere Forschung, die hohe Bedeutung der bündnispolitischen Umschichtung in Europa, welche im Gefolge der Balkankriege eintrat. Im Gegensatz zu der Einschätzung, die hier im Folgenden dargelegt wird, soll, wie Bethmann Hollweg 1919 ausführt, Österreich am 5. Juli, in seinem Promemoria, die allgemeine »diplomatische[n] Wiederherstellung des österreichischen Einflusses auf dem Balkan«, »ein Programm auf lange Sicht«, entworfen haben. Der frühere Reichskanzler suchte damit offensichtlich, die Verantwortung für alles was folgte, Wien zuzuschieben. Der entscheidende, alles auslösende, Faktor, so Bethmann, habe in der Ermordung des Erzherzogs Franz-Ferdinand bestanden. Der rapide Entschluß in Berlin, der den Aktionen des frühen Juli 1914 zu Grunde lag, wird deutlich, wenn der frühere Reichskanzler schrieb:

»Der letzte mögliche Augenblick  war da, um die österreichische Autorität bei der südslavischen Welt wieder herzustellen. Sollte er nicht unwiederbringlich verloren gehen, so mußte fest und schnell zugegriffen werden. Der Krieg mit Serbien war damit möglich und wahrscheinlich. Wir haben ihn in unseren Instruktionen nicht ausgeschlossen, aber ihn weder gefordert, noch dazu getrieben. Geraten haben wir aber zu schnellem Vorgehen, weil damit zum ehesten Weltkomplikationen vermeidbar schienen.«

 Es ging um die sogenannte »Politik der Lokalisierung«. Heute wissen wir, daß die deutsche Politik Wien nicht so freie Hand ließ, wie Bethmann Hollweg dies hier erscheinen lassen will. Rußland soll allein verantwortlich gewesen sein; in Verbindung mit verschiedenen Fehlern, die in Wien eintraten. So läuft alles auf die Beurteilung Österreich-Ungarns im Juni 1914, dessen Zukunftsaussichten, und wirtschaftliche und militärische Leistungsfähigkeit hinaus. Das bestätigt Bethmann Hollweg indem er schreibt:

»Nur um so klarer hätte sich dann der Zwang der Lage enthüllt, unter dem wir standen. Auch dann war zu entscheiden, ob der Versuch gemacht werden sollte, die Position der Mittelmächte durch Abwehr eines in den Anfängen möglicherweise noch aufzuhaltenden Vorstoßes zu wahren, oder ob es dazu bereits zu spät war und wir uns darein finden mußten, den Zerfall Österreichs und damit die Verkleinerung unserer eigenen Stellung hinzunehmen«.

Der Legationsrat an der Wiener Botschaft, und Cousin des Reichskanzlers, Dietrich von Bethmann Hollweg, legte am 24. Juni 1914 diesem einen vertraulichen »Wirtschaftlicher[n] Bericht« vor. Diesen hatte der Botschafter von Tschirschky mit der Bemerkung übersandt, diesen

»mit Rücksicht auf die darin gemachten Ausführungen… vertraulich behandeln lassen zu wollen.«

 

Dr. BERND F. SCHULTE

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e r i n n e r t
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Krim 1854/55 – Serbien 1999 – Ukraine 2014/15
Die Ukraine und die Ziele der USA


Ein »lokalisierter konventioneller Krieg in Europa« als Programm wurde 1983 für die Nach-Afghanistan-UdSSR aufgestellt. Dieses Programm tritt nun, nach dem Niederbruch der UdSSR (1991) und der unverändert anti- »kommunistischen« Politik der USA gegen Rußland bis heute, neu in Kraft.


Man vergesse nicht das Diktum des US-amerikanischen Kommandierenden NATO Europa-Mitte gegenüber Bundeskanzler Gerhard Schröder:

»Herr Bundeskanzler, Sie haben 15 Minuten, um zu entscheiden, ob Sie mitmachen.

Gemacht wird es sowieso«.

Damals ging es um den Luftkrieg gegen Serbien. Zudem ein solcher Krieg die EU als Rivale um eine Weltmacht-Position entscheidend treffen könnte. Es gilt – aus der Sicht der US-Außenpolitik – darum

a) durch die Finanzwaffe und den Ukraine-Konflikt die EU zum Scheitern zu bringen,
b) die Nachfolgerin der UdSSR mit gleichen Zielen, Rußland, unverändert zu minimieren,
und als Großmacht zu demontieren.


Dahinter steht Mackinders1 Theorie (1904) von der Aufgabe der englischen Politik des imperialistischen
Zeitalters, ein Zusammengehen von Rußland und Deutschland zu verhindern. England folgte diesem Muster bereits 1852 mit dem Entschluß, geradezu »deliberately«2, Rußland auf der Krim anzugreifen3 und durch
Annektionen auf Dauer zurückzuwerfen.

Was damals die preußische Wochenblattpartei4 befürwortete, um Preußen durch Annektionen im Osten zu vergrößern, und in den Stand einer permanenten europäische Grossmacht zu heben.

Was der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg 1914 – entsprechend diesem Modell seines Großvaters

und Führers der Wochenblattpartei – zum Kriegsziel im Ersten Weltkrieg erhob, nämlich das zaristische

Rußland zum Zusammenbruch brachte (1917) und für eine zunächst demokratische und schließlich kommunistische Entwicklung öffnete. Diese wollen nun offensichtlich die USA heute endgültig beenden, nachdem 1991 – in der einseitig antikommunistischen Sicht der Vereinigten Staaten – nur ein halber Erfolg erreicht wurde.
Und das auf dem Rücken Europas.


Dr. BERND F. SCHULTE


1 – Sir Halford John Mackinder (1861-1947) war ein britischer Geograph und Geopolitiker. In seinem
1904 veröffentlichten Aufsatz »The geographical pivot of history« propagierte er seine »Heartland-
Theorie« mit der er vor der Dominanz einer Landmacht mit Rußland im Zentrum über die bisherige
die Welt beherrschende Seemacht England warnte.


2 – deliberately = mit voller Überlegung, vorsätzlich.


3 – Der Krimkrieg (1853-1856) begann als 10. Russisch-Türkischer Krieg zwischen Rußland und dem
Osmanischen Reich mit Kampfhandlungen an der Donau und in Transkaukasien. 1854 traten Großbritannien
und Frankreich auf Seiten des Osmonanischen Reiches in den Krieg ein, 1855 folgte Sardinien-Piemont. Die entscheidenden Schlachten wurden 1854/55 auf der Krim geschlagen. Fast ein Jahr, von Anfang Oktober 1854 bis Anfang September 1855 dauerte die Belagerung der Festung Sewastopol durch die allierten Armeen. Ein halbes Jahr nach dem Fall von Sewastopol wurde der Krimkrieg mit dem Pariser Frieden vom 30. März 1856 beendet.
Rußland verlor nur an der Donaumündung ein kleines Territorium an das unter osmanischer Oberhoheit
stehende Fürstentum Moldau. Aber der Krieg hatte die Rückständigkeit des Riesenreiches offenbart und beendete die Rolle Rußlands als der Gendarm Europas.


4 – Die Wochenblattpartei war ein Zusammenschluss preußischer liberal-konservativer Politiker der 1850er/ 1860er-Jahre. Benannt war die Gruppierung nach dem »Preußischen Wochenblatt zur Besprechung
politischer Tagesfragen«. Führender Kopf der Gruppe war MORITZ AUGUST VON BETHMANN-HOLLWEG, der Großvater des späteren Reichskanzlers.

 

Siehe: bp 1509, Barnimer Bürgerblatt September 2015, S. 12.

 Bernd F. Schulte(c)

 

 Deutschland im 3. Weltkrieg mit den USA.

 

Die Krisen rücken Euopa, spätestens seit 2009, näher und näher. Verursacht durch den Anspruch Deutschlands durch die "Hintertür" (B.F. Schulte, Weltmacht durch die Hintertür, 2003), über Europa Weltmacht zu werden (Schäuble im BRD-Fernsehen).

Dahinter steckt der Verbund aus bundesdeutscher Industrie und Politik (B.F. Schulte, Armageddon des Kommunismus, 2006). Der ranghohe SS-Offizier Piech (Vater des späteren Audi- und VW-Managers) baute für Hitler das Werk der Organisation Todt auf, Fallersleben, die Urzelle von VW. Zierte sich aber, die schwarze SS-Unifom aus seinem Schrank zu nehmen und damit aufzutreten (NSDAP-Parteiarchiv). Das war umso erstaunlicher, als der Porsche-Clan-Chef Ferdinand Porsche in der Unterredung mit Hitler, v. Oertzen (Auto Union), und Stuck (Bernd F. Schulte, Armageddon des Kommunismus, S. 442) das Bündnis mit dem Regime schloß; und dies als Leiter seiner GmbH in Stuttgart-Feuerbach. Künftig als Konstrukteur des Auto Union Rennwagens und des Volkswagen-Vorläufers, des KdF-Wagens - wie vielfältiger Rüstungsprojekte, Bis hin zum Gigant-Panzer "Maus" (Senger-Etterlin). Der Entwurf des Tatra-Konstrukteurs Ledwinka wurde vor Beginn der IAA 1939 - auf Befehl Hitlers - hinter die Bühne gerollt und der "Volkswagen"-Kdf-Wagen auf die Rampe gestellt (dazu Felix Wankel 1985).

Der Sohn Piech stellte seine Technik-verliebten Entwürfe ganz in den Dienst des o.e. politischen Ziels der bundesdeutschen Teilhabe an der heutigen Weltherrschaft. Wie gezeigt, auch ganz in der Tradition des Porsche-Piech-Clans (zur Methodik: vgl. Wendelin Wedeking, und der Versuch, VW "im Handstreich" zu übernehmen /"Machtergreifung").

Dass es jedoch zusätzlich eine länger andauernde Traditionslinie im VW-Konzern gab, die sich mit den Piech-Intentionen berührte, zeigen die Machinationen der Hahn-Administration (Vater Hahn war Werbechef bei der Auto Union/Münzner)  bei der Übernahme der DDR. Einen wesentichen Teil dieser "Dreizack-Strategie" bildete die Vorstellung Wolfburgs, die DDR-Industrie zum Zulieferer der VW-Gruppe zu machen. Ein Ziel, das schließlich zum Zusammenbruch der DDR führte (Armagddon des Kommunismus, S. 169 "Der Volkswagen-Plan"/www.forumfilm.de). 

Es ging dabei keineswegs um Moral. Das zeigt mein Buch "Armageddon des Kommunismus", das an den Akten des MfS nachweist, wie wenig das Einzelschicksal während der 80iger Jahre im Konzern (Detmar Große-Leege, Habbel, Hahn), und darüberhinaus in der gesamten Automobil-Industrie, zählte. Dass das bis heute sich nicht verändert hat, wird uns gerade vorgeführt (dazu mein ZdF-Film: "studio 1" über Bremsensicherheit bei Mercedes (Sept. 1991 durch den CDU- (oder FDP-) Parteisoldaten Bodo H. Hauser verhindert.  Dieser rief am Abend vor der Sendung in Untertürckheim an (Olaf Buhl, 2001), Die inkludierte inforation war für die US-Highway Control/Ralp Nader damals 1991/92 aber  n o c h  nicht von Interesse). Insofern mag das Vorgehen der USA  v i e l l e i c h t  sogar eine moralische intention bergen.

 

 

 

'U' prof. who used the tools of math to fight against war dies at age 84

 

 

Courtesy of University of Michigan's Political Science Department Buy this photo

BY CAITLIN HUSTON
Daily Staff Reporter
Published January 10, 2010

Correction appended: An earlier version of this story identified the chair of Wayne State University's Political Science Department as David Gellar. His name is Daniel Geller.

 

University Prof. Emeritus J. David Singer, an internationally renowned teacher, researcher and scholar of international politics, died in Ann Arbor on Dec. 28 at the age of 84.

Singer, who had been hospitalized since last September when he was involved in a car accident, is survived by his wife Diane Macaulay, who currently resides in Ann Arbor, his daughters Annie and Katie Singer and his two grandchildren.

Singer joined the Political Science Department at the University in 1958, where he remained a professor until 2007. As a professor and researcher, Singer focused on finding ways to eradicate war through a scientific approach.

While at the University, he founded the Correlates of War project in 1963, which collects scientific knowledge about war. Daniel Geller, professor and chair of the political science department at Wayne State University, described the project as “the most important advance in the scientific study of international conflict in the 20th century.”

Geller added that the project, which has a database of the history of wars and conflicts among states since 1816, is used today by the U.S. government as a guide for the formation of American foreign policy.

The Wages of War, one of the books published during the project in 1972, became the resource for the standard definition of war used by numerous scholars throughout the world, according to Geller.

Singer served as a consultant to the U.S. departments of State, Defense and Navy. Most recently, Singer served on the U.S. Strategic Command 2010 Nuclear Posture Review to address national security issues.

While he taught at the University, Singer received numerous grants from the National Science Foundation, Carnegie Foundation and the United States Institute of Peace.

University alum Shahryar Minhas, who took a class with Singer in 2007 and worked on research projects with him, described Singer as an “amazing teacher and an important mentor.”

Minhas added that Singer was a “very open” and “exciting” teacher, who linked political theories with stories from his own life.

“He was also an important person in terms of helping students think through their ideas about where they want to go and what they want to do,” Minhas said.

Despite his academic prestige, Annie Singer said her father was “just a thoughtful, caring, generous, attentive guy,” adding that he also had a serious side.

“As we were growing up, what he always told us was that war was very destructive and that he was devoting his work to helping people find ways to eliminate it,” she said.

David Singer joined the United States Navy as a sailor two years after Pearl Harbor was bombed, according to Annie Singer who described him as a “patriotic kid.”

Singer was greatly affected by the deaths of his fellow servicemen while he was enlisted in the Navy, Annie Singer said. Despite his feelings, Singer re-enlisted in the Navy during the Korean War.

But it wasn’t until he began pursuing his Ph.D. at New York University and became an officer at the Officer Candidate School, that Singer truly began taking an anti-war stance, according to Annie Singer.

“He put it all together and realized that war was bad and could be prevented if someone put their mind to it — that you could prevent war if you were smart enough about it,” Annie Singer said.

Annie Singer said though her father was a prominent expert in the field, she’s pleased his legacy is his relationship with students, who have dedicated numerous books to him.

“He’s being remembered as a mentor, and I think that’s perfect,” she said. [...]

Weiter:

https://michigandaily.com/content/j-david-singer-dies-age-84

Durch * gekennzeichnete Felder sind erforderlich.

Das Nachdenken der USA über den begrenzten lokalisierten Krieg in Europa.

 

CORRELATES OF WAR PROJECT: INTERNATIONAL
AND CIVIL WAR DATA, 1816-1992

(ICPSR 9905)


Principal Investigators

J. David Singer
University of Michigan

Melvin Small
Wayne State University


First ICPSR Release
April 1994


Inter-university Consortium for
Political and Social Research
P.O. Box 1248
Ann Arbor, Michigan 48106


1
UK Data Archive Study Number 3441 Correlates of War Project: International and Civil War Data, 1816-1992 (Wages of War). [...]

https://de.search.yahoo.com/search?p=j.david+singer%2C+university+of+michigan&fr=yfp-t-777

Reichsfernsehsender 1932 mit der fiktiven Polit-Talkshow zum Kriegsausbruch 1914. Es diskutieren die 1914 Verantwortlichen. Der Deutsche Kaiser ist aus Schloß Doorn zugeschaltet.

Teil VI

Wien/Berlin 1914: Krieg jetzt!

(Szögyenyi aus Berlin: 25.7.1914: "Man rät uns dringed, augenblicklich vorzugehen und die Welt vor eine vollendete Tatsache zu stellen").


   Graf Hoyos erläutert seine Berliner Mission, legt jedoch Wert darauf zu betonen, man habe später, es immer so darzustellen versucht, als hätte er


"die Stimmung des Kaisers nach dem Frühstück ausgenutzt, um noch mehr zu sagen und für"


Österreich herauszuholen. Ganz anders jedoch Hoyos´ Einschätzung der Lage in Berlin, an diesem 5. Juli 1914. Nach Hoyos war der deutsche Kriegsentschluss Sache der Politiker und nicht der Militärs:


"Man war in Berlin überzeugt, dass es jetzt zum Kriege kommen solle. Der Kaiser dachte so aus ritterlichen Gefühlen für Kaiser Franz Josef und aus Freundschaft für Franz Ferdinand. Dazu kam, dass man für die Bündnisfähigkeit Österreichs fürchtete (Denkschrift D.Bethmann Hollwegs für den Reichskanzler/hier und Barnimer Bürgerblatt, 2014*). Ich glaube nicht, dass die Militärs entscheidenden Einfluss ausübten. Wer? Der schwache, spiritistische Moltke? Auch stand man unter dem Eindruck, dass es in zwei Jahren, von Russland aus, dann doch zum Kriege  kommen würde".


Als Alternative zum Weltkrieg entwickelt Hoyos das Bild einer Annäherung Österreichs an England. Die "österreichfeindliche Stimmung in England" habe nämlich erst eingesetzt mit Aehrenthals "Mitroviza-Sache". Der offensichtlich anti-deutsch eingestellte österreichische Sondergesandte rät für 1914:


"Wir hätten unser Verhältnis zu Deutschland wenigstens lockern sollen. Wir hätten dann das völlige Hinüberschwenken Englands zu Russland vermieden. Nur mit England konnte Russland sich seine Politik gegen Österreich erlauben. Wir hätten nicht in allem mit Deutschland mitgehen sollen.  Deutschland hätte sich dann einen anderen Bundesgenossen suchen müssen, darüber wären 20 Jahre vergangen".


Hoyos machte die Aehrenthalsche Politik der Konfrontation mit Russland dafür verantwortlich, dass dort "Iswolsky und Sasonoff ihre persönliche Politik" hätten durchsetzen können.


   Von besonderem Interesse sind die Interviews mit dem früheren Außenminister Jagow, der zunächst Holstein schildert, der "in der Annexionskrise [1908/09]...jede Nacht durch die Hintertür ins Kanzlerpalais" geschlichen sei. Holstein sei "damals für den Krieg" gewesen. Er habe auch alles getan "um es zum Kriege zu bringen". Jagow urteilt ex post, Holstein habe "damals wohl auch recht damit gehabt".


Signale englischer Gesprächsbereitschaft mit Sir William Tyrell vom Foreign Office erreichten Jagow im Frühjahr 1914. Als dies Gespräch "auf dem Schloss des Fürsten Salm am Rhein - in Dyck -" nicht zustande kam, liess Jagow "urgieren". Er "bekam die Antwort, das Grey den Staatssekretär wegen der Wahlen in Irland nicht entbehren" könne. Darauf ging Jagow auf Hochzeitsreise bis zum 6. Juli, war also am Tag der Entscheidung in Berlin nicht zugegen. Er deutet  an:


"Ich legte öffentlich auf diese Feststellung keinen Wert, weil ich die Sache mit Hoyos decken wollte, obgleich ich nicht verantwortlich war".


   Offenkundig gab es noch einen zweiten Kontaktversuch, der dazu dienen sollte, "die nach dem Attentat geschaffenen Möglichkeiten eines Krieges zu applicieren". Doch darauf ist Jagow wohl nicht eingegangen... .


Zur Frage des Ultimatums an Serbien und dem deutschen Anteil, oder sagen wir, dem Grad der deutschen Informiertheit, führt Jagow aus:


"Das Ultimatum bekam ich zwischen 7 und 8 Uhr abends am Tage vorher. Ich sagte sofort: ‚Das ist ganz unmöglich!’ ‚Was wolln´s machen?’ erklärte mir Szögenyi, ‚Morgen wird es übergeben’ ‚Ja, aber warum - frage ich - haben Sie nicht mit der Faust auf den Tisch geschlagen? Es war doch noch die ganze Nacht Zeit dazu.’ ‚Da war eine Verwicklung’, antwortete mir der Staatssekretär, ‚ich hatte vergessen, das ich mit Berchthold abgemacht hatte, dass das Ultimatum erst am Abend des nächsten Tages übergeben werden sollte’. ‚Szögenyi sagte mir, dass uns eigentlich der Text erst am nächsten Morgen, zugleich mit allen anderen Mächten übergeben werden sollte. Dagegen hat er in Wien protestiert. So bekamen wir es wenigstens abends vorher’".


Demnach trifft es durchaus zu, daß die deutsche politische Führung Druck auf Österreich ausübte, möglichst schnell zu handeln, und dies im vollen Wissen um das Ultimatum; ja, allem Anschein nach, den Text selbst in Berlin verfaßt hatte. Die Regie der Krise hatte Jagow veranlaßt. Der französische Ministerpräsident Poincaré befand sich zu diesem Zeitpunkt in Petersburg. Jagow hatte


"mit Berchthold...abgemacht, dass erst die Abreise von Poincaré abgewartet werden sollte. Poincaré fuhr im Laufe des Tages von Petersburg weg. Das hatte ich also vergessen. Daher taten wir nichts...Ich habe auch mit Bethmann-Hol[l]weg am Abend darüber gesprochen".

Jagow ergänzt:


"Nach den Akten war Bethmann-Hollweg in Hohenfinow an diesem Tage. Es ist ein Telegramm da, dass er erst am nächsten Tage nach Berlin hereinkommen sollte. Er muss aber dann doch im Laufe des Nachmittags schon gekommen sein. ‚Ja., da haben wir den Salat’, sagte ich ihm. Er stimmte mit mir überein, dass es nichts mehr zu machen war. Ich ging zu Zimmermann hinüber. Er hatte das Ultimatum eben brieflich bekommen. Denn Tschirschky hatte es Abends zuvor schon in Wien erhalten. Er hatte es nicht chiffriert geschickt, damit es nicht dechiffriert werden könne. So lief die Angelegenheit".


Da ließ Jagow wohl eher Dichtung als Wahrheit durchblitzen.-


   Wie besorgt die politisch-militärischen Stellen um ein, möglicherweise falsches, Bild von den militärischen Maßnahmen vor Kriegsausbruch waren, zeigen Erwägungen aus der Nachkriegszeit. Ein Kontakt zwischen dem früheren bayerischen General Montgelas und dem Reichsarchiv förderte, im Rahmen der Publikation der deutschen diplomatischen Akten, ein mutmasslich inkriminierendes Schreiben des Generalstabschefs vom 13.8.1914 zutage. Dieses wurde durch Montgelas deshalb als kritisch qualifiziert, weil "darin auf zwei Schreiben des Allgemeinen Departements des Kriegsministeriums Bezug genommen" worden sei, "und eines dieser Schreiben...das ominöse Datum des 5. Juli" trage. "Der Argwohn" werde


"hier gleich einsetzen und sagen: ‚Da ist also am 5. Juli eine Anweisung über Bereithaltung von Munition ergangen: Beweis für das an diesem Tage geschmiedete Komplott’. Der Argwohn ist ganz ungerechtfertigt: Dann wenn ein Schreiben des Allg[emeinen]. Dep[artememts]. am 5. Juli ergeht, so ist es acht Tage vorher entworfen".

   Moltke soll sich 1914 zwei Mal in Karlsbad zur Kur befunden haben. Einmal im Mai und zum zweiten Mal zwischen dem 18. Juni und dem 23.7.1914. Auch der österreichische Generalstabschef soll sich, zu diesem Zeitpunkt, eine Woche lang dort aufgehalten haben.  Dies publizierte im Mai 1922  H.M.Gann in der "Londoner ‚Times’". Sidney B.Fay bat in der Sache um die Unterstützung des "Arbeitsausschusses deutscher Verbände", der sich an das Reichsarchiv wandte, um zu klären, ob es zutreffe, dass Moltke seinem Wirt mitgeteilt habe:


"The next time we meet there will be great changes".


Es ging um die Behauptung des früheren englischen Konsuls in Karlsbad, Gann, es sei eine "feste Tatsache, dass der Weltkrieg eine von Deutschland und Österreich schon längst beschlossene Tatsache war, und die Zusammenkunft der beiden verbündeten Generalstabschefs eine[s] der wichtigsten Glieder in der langen Kette gewesen sei und den letzten Anstoss gegeben habe".


   Montgelas, in die Frage hineingezogen, erklärte, es sei "ein einfaches Gebot der Höflichkeit" gewesen, dass Conrad Moltke dort aufgesucht habe. Dennoch fragte Montgelas bei Haeften an, "wie oft, und "wie lange" der Generalstabschef sich 1914 in Karsbad aufgehalten habe. Haeftens handschriftliche Aufzeichnungen zu diesen Fragen zeigen, daß die große Übungssreise bis zum 25. Juli gedauert habe. An diesem Tage kehrte Moltke nach Berlin zurück. Normalerweise habe, so Haeften, Moltke an der Nordlandreise des Kaisers teilgenommen. 1914 jedoch sei er, infolge seines angegriffenen Gesundheitszustandes, verhindert gewesen. Aus diesem Grunde, so scheint es, war der Generalstabschef "zweimal in Karlsbad gewesen". "Der erste Aufenthalt dauerte von Ende April bis Ende Mai". Im Mai habe die "Zusammenkunft mit dem General v[on]. Conrad" stattgefunden. Anfang Mai sei der österreichische Generalstabschef  "überhaupt nicht in Karlsbad" gewesen, so Haeften.


   Tirpitz offenbart seine scharf pro-russische und betont anti-englische Position. Er habe "1914 nach dem Ultimatum nach Berlin" telegraphiert,

"dass wir uns coûte que coûte mit Russland einigen sollten. Admiral Bachmann sprach [im] Juli 1914 mit Witte. Er schlug die Hände über dem Kopfe zusammen wegen des Ultimatums".


   Jagow erklärt,


"Moltke war in den entscheidenden Tagen in einem grässlichen Nervenzustand. Im Schloss war eine Konferenz am 1. August. Bethmann war da und die Militärs, als ich hinkam. Es war gerade ein Telegramm von Lichnovsky gekommen über einen angeblichen [englischen, gestr.] Vorschlag, - den wir machen sollten und dessen Basis er mit Tyrell telefonisch vereinbart hatte. Wenn England Frankreich nicht zu Hilfe kam, so wollten wir uns verpflichten nicht durch Belgien zu gehen.
Bethmann war dafür, in diesem Sinne zu telegraphiren. Moltke war dagegen. Er erklärte, dadurch 3 Tage zu verlieren. Das könne er nicht. Der Kaiser gab Befehl, den Vormarsch in Belgien aufzuhalten, um die 3 Tage für die Antwort zu haben. Dann stellte sich heraus, dass das Ganze ein Irrtum von Lichnowsky war.  Er schämte sich und behielt unsere Depesche in der Tasche. Abends schlich Schubert damit ins Foreign Office.


Moltke bestand auf dem Krieg mit Frankreich. Frankreich sollte entweder mit uns oder gegen uns gehen. Das blosse Nichtmitgehen genügte ihm nicht. Aus diesen Gedanken heraus, wurde das ‚Pfand’ vorgeschlagen, das[s] in der Übergabe der Festung[en] Toul und Verdun bestehen sollte. Ich glaubte nicht recht daran und hoffte, dass unser Botschafter Schön schon einen Weg finden würde, um das abzubiegen.


Moltkes Standpunkt war: ‚Ich muss Frankreich schlagen, ehe die Russen bei uns eindringen können’. Ich wies auf den alten Moltke hin, der auf die Frage nach dem deutschen Verhalten, dem Fürsten Bismarck antwortete:- ‚Natürlich offensiv gegen Russland und defensiv gegen Frankreich’. Waldersee war ja auch dieser Meinung gewesen, aber mit Moltke war nichts zu machen".


   Der englische Botschafter in Wien berichtete am Vorabend des Krieges "die Spannung zwischen Rußland und Deutschland" sei "viel größer" gewesen, "als zwischen Österreich und Rußland. ‚Denn zwischen den letzteren...schien eine Verständigung in naher Sicht’". In Paris ließ der österreichische Botschafter gleichfalls beruhigend wissen, seine Regierung plane keine Gebietsannexionen in Serbien. So hoffte Grey noch auf eine Frist für den Frieden. Doch kam, wie M.de Bunsen aus Wien berichtete - Deutschland dazwischen:
"Unglücklicherweise wurden diese Besprechungen zwischen Petersburg und Wien durch die Verschiebung des Streites auf den gefährlicheren Boden eines direkten Konfliktes zwischen Deutschland und Rußland kurz abgebrochen. Deutschland kam mit seinem doppelten Ultimatum an Petersburg und Paris dazwischen".
 


Abgesang.


   Kronprinz Rupprecht von Bayern fasst prägnant die Summe der Erfahrungen während des Krieges zusammen:


"Im Jahre 1915 habe ich zwei Entwürfe zu einer Offensive im Westen ausgearbeitet".


Es sei um "eine Möglichkeit" gegangen, "an die Kanalhäfen vorzustossen, nicht direkt auf sie, sondern an ihnen vorbei. Von Lille aus". Die "Nachschubverhältnisse" hätten  "hier sehr schwer" gelegen. "Die zweite Möglichkeit" habe an der Somme bestanden. Dort sei "wenigstens die Flanke gedeckt" gewesen:

"wenn schon nicht gegen Artillerie, so wohl gegen Infanterie".


Hinzu sei gekommen, "dass an der Stelle die Naht der Engländer und Franzosen sich" befunden habe. Es habe die Erwartung bestanden, dort "auch politisch einen Eindruck" zu machen. Das Ziel sei gewesen, Engländer und Franzosen zu trennen. Er habe erwartet, "dass einer der Entwürfe modifiziert vielleicht Verwendung finden könnte". Zusammenfassend erklärt der bayerische Kronprinz:


"Meine Auffassungen über den Fortgang des Krieges wurden schon 1916 sehr pessimistisch. Ludendorff klagte im März 1918 über die Verluste. Ich rechnete mir schon 1916 aus, wie lange es dauern könnte. Einen Monat 100.000 Mann Verluste, dann sah ich 120.000 Mann, dann 150.000-- es war nicht schwer, sich das auszurechnen, und ich habe mich im ganzen nur um 2 Monate geirrt".


Gegenüber der Obersten Heeresleitung und Ludendorff beobachtet Kronprinz Rupprecht strenge Reserve. Doch Ludendorff sei "nie ein Stratege" gewesen, gibt er preis. Er habe auch diese "Offensive taktisch, nicht strategisch bewältigen" wollen. Der Generalquartiermeister sei "sehr gut mit den Leutnants und den Hauptleuten" ausgekommen. "Beim General ging es nicht mehr". Im weiteren Ablauf der Ereignisse, als Ludendorff " bald hier, bald da einen Keil in die gegnerische Front trieb",  habe einer der Generale seiner Heeresgruppe Ludendorff gefragt, "wie er sich die Operation eigentlich denke", habe dieser ihn angeschrien:


"Das Wort will ich nicht hören. Operation gibt es nicht. Man haut ein Loch, das weitere findet sich".


Kronprinz Rupprecht kommentiert:


"So war es immer, auch später-- Beim Kapp-Putsch: ‚Das weitere findet sich’-- Bei der Hitler-Affaire: ‚Das weitere findet sich´-- Schon der erste Stoss der Offensive versagte. Wir warteten und warteten. Ich wollte die Oberste Heeresleitung in ihrer Arbeit nicht stören, ich dachte mir, ich hatte den Kopf ohnehin voll. Als ich aber gar nichts hörte, liess ich um ½ 3 anrufen. Vorn bei mir war es sehr hart gegangen, aber schliesslich kamen wir durch. Von Gefangenen erfuhren wir, dass der Gegner alles zusammengebracht hatte, die Sanitätsmannschaften miteinbegriffen, um noch eine dünne Linie zusammenzuhalten. Es hätte nur einen Stoss gebraucht, um die Entscheidung zu bringen. Aber als ich mich endlich mit der Obersten Heeresleitung in Verbindung setzte, erfuhr ich nur, dass vor Amiens keine Reserven da waren, um das angefangene wirklich fortzuführen. Meine Reserven hatte Ludendorff abdisponiert, ohne mir ein Wort davon zu sagen--.
So hat er Krieg geführt. Ob wir den Krieg nicht noch damals für uns hätten gewinnen können, weiss ich nicht. Einen anderen Frieden hätten wir bei anderer Führung bestimmt bekommen".


   Der englische Premierminister Asquith schlug 1924 wiederholt den Bogen zur "Kriegspartei" in Berlin. So veranlasste ihn der Zug der offensiven österreichischen Balkanpolitik vor 1914 zu einem Bogenschlag zwischen der Funktion des Generals Liman von Sanders, im Dezember 1913 in Konstantinopel, und den "Vorkämpfern einer aggressiven Kriegspolitik in Wien, wie in Berlin". Für die Julikrise 1914 bezeichnet er als wahrscheinlich, Bethmann Hollweg habe, "anstatt den Versuch zu machen, Österreich zurückzuhalten, es an[ge]spornt[e] und zu rascherem Vorgehen ermutigt". Der österreichische Botschafter Szögyenyi habe am 25. Juli aus Berlin telefoniert:


"Man rät uns dringed, augenblicklich vorzugehen und die Welt vor eine vollendete Tatsache zu stellen".


   Ob es zutraf, was der deutsche Kanzler 1919 behauptete, "Rußland handelte, um seine Macht zu erweitern", während Österreich Serbien den Krieg gemacht habe, um seinen Bestand zu sichern und Deutschland den Bundesgenossen gedeckt habe, bleibt weiterhin vor dem Hintergrund der Forschungen Fritz Fischers*, und seiner Schule, zu erörtern.

 

* Bernd F. Schulte, Das Deutsche Reich von 1914. Europäische Konföderation und Weltreich. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe II, Bd. 2, Hamburg 2013 (e-book 2014), S. 10-23 (ISBN 978-3-8448-3570-0).

 

 

Bernd F. Schulte(c)

Reichsfernsehen 1932:

Talkshow mit den Handelnden von 1914. Wie kam es zum Kriege? Wer war verantwortlich?

 

Teil V:

"Aber wenn die russische Angabe nicht zutraf, dass das Attentat von Sarajewo in keinem Zusammenhange mit Serbien stand,- warum hat man niemand von Wien nach Petersburg geschickt und erklärt: ‚Entweder ihr helft jetzt Ordnung machen, oder wir veröffentlichen alles?"

 

Marokko II: "Den Engländern werden wir es...zeigen".


   Einen Bogen zwischen Berlin und Paris zu schlagen, war deshalb aussichtslos, weil die "frische Erinnerung an Faschoda" in keiner Weise an die "Erinnerung von Sedan" heranreichte81. Der Kanzler Bülow war zu grossen Teilen "für die verhängnisvolle Orientierung der Politik verantwortlich". Die These Bethmann Hollwegs, von der "Zerfahrenheit der inneren politischen Verhältnisse", die in der deutschen Geschichtswissenschaft so bereitwillig aufgenommen wird, unterstützt bereits Haldane mit seiner Schilderung von den drei Auswärtigen Ämtern. Haldane behauptet:


"Bei diesem hochorganisierten Volk finden Sie, wenn Sie bis zur allerhöchsten Stelle gelangt sind, nicht nur Verwirrung sondern Chaos".


   Während seines letzten Besuches in England, im Frühling 1911, äusserte sich der Kaiser über Houston Chamberlains einflussreiches Werk, "Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts". Asquith schildert ein Gespräch mit Wilhelm II., das anlässlich der Einweihung des Queen-Victoria-Denkmals vor dem Buckingham Palast stattfand. Der Kriegs-Premier teilt mit:


"Er fragte mich, ob ich das kürzlich von Houston Chamberlain, einem Deutschen englischer Abkunft, veröffentlichte Buch...gelesen hätte. Ich erwiderte, ich hätte flüchtig hineingesehen, ohne stärkeren Eindruck zu empfangen. Er warf mir, wohlgelaunt, meinen Mangel an Einsicht vor und - er selbst betrachtete das Buch sichtlich als so eine Art neuer Bibel - fuhr mit großer Beredsamkeit fort, weitschweifig sein Hauptthema zu behandeln: die Herrschaft der Rasse als Hauptfaktor in der Geschichte. Chamberlain behauptete unter anderen Theorien, daß Christus kein Jude war, und daß die Deutschen das wahrhaft ‚erwählte Volk’ seien. Der Kaiser schien von der gelben Gefahr ganz erfüllt zu sein und sah den einzigen Schutz der Zivilisation gegen sie in dem gemeinsamen Vorgehen der weißen Völker. Und unter den weißen Völkern zählten allein in Wahrheit nur die germanischen Rassen; für die Romanen und Slawen (wo immer auch ihr Ursprung sei) hatte er nichts als Verachtung. Er war schon der gleichen Meinung, die er in seinen Memoiren wiederholt: ‚Die germanische Idee wurde in all ihrem Glanze zum erstenmal den erstaunten Deutschen von Chamberlain in seinen Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts enthüllt und gepredigt...’".


Im Laufe der Unterhaltung habe der Monarch erzählt, "daß nicht ein  a k t i v e r  Offizier seiner Armee ein Jude sei". Asquith betont, er habe sich gezwungen gesehen, "hervorzuheben, daß die Juden sich dafür entschädigten: unter anderem hätten sie den größern Teil der deutschen Presse erobert und unter Kontrolle". Wilhelm II. habe das "nicht ableugnen" können.


   Wie deutsche Aussenpolitik unter Kiderlen gemacht wurde, demonstriert daraufhin Kühlmann. Dieser sei "in der Gefolgschaft Herbert Bismarcks hochgekommen". Kühlmann charakterisiert Kiderlen:


"Er war der richtige Schwabe und im Ton genau so rüde wie Herbert Bismarck. Seine Ausdruckweise war grob und unkultiviert. Der Entente gegenüber etwa in dem Ton: ‚Den Engländern werden wir es schon zeigen...den Kerls wollen wir es einmal tüchtig anstreichen´. [O]oder ‚die Franzosen können uns...’[,] wobei er die Grobheit ruhig aussprach. In der Ministervilla hatte er unten eine ‚Kneipe’ eingerichtet, auf die er sehr stolz war. Er kneipte immer. Er trank nicht, sondern er soff und war ebenso wie Herbert Bismarck so oft wie möglich besoffen. Am nächsten Tag kam er dann spät, schwer verkatert ins Amt, und die Misstimmung drückte sich in verschiedenen groben Telegrammen aus. Er war der richtige grobgehobelte Korpsstudent. Im Korpsstudententon führte er die Geschäfte. Obendrein war er leichtsinnig. Er hatte fast immer französische Maitressen gehabt. Bis dann die dauernde Beziehung zu Mme Kypke kam".


Zur Rolle Kiderlens, die Kühlmann ganz aus der Linie der Marokko-Komplikation verstand, vermittelt er:


"Wie Kiderlen Staatssekretär wurde und eine energischere Politik betrieb, als sein unmittelbarer Vorgänger, sah er sich vor einem Prozess, bei dem Frankreich unter Umgehung der gemachten Zusagen und Versprechungen, Marocco in den Sack steckte. Die Grundnote, auf der alles abgefeilt wurde waren die Souveränität des Sultans und die Integrität Maroccos. Die französischen Offiziere waren angeblich Angestellte des Sultans. Es war das französische System von Tunis. Es erfolgte die Tunifizierung Maroccos. Nominal geschah alles unter Oberhoheit des Sultans, aber der Heereskörper war so durchsetzt, dass der Sultan ein Schaugericht wurde".
Kiderlen sah eben, dass das was einmal eine Kompensation gewesen wäre, ihm aus den Händen glitt, ohne Realkompensation zu hinterlassen. Und in Befolgung der Gedankengänge, die die Kaiserlandung in [und die] Algeciras[-Konferenz] erzeugt hätte [hatten], versuchte er durch einen überraschenden Schlag die Maroccofrage aufs neue aufzurollen und dann, von der Politik Holsteins abweichend, sein  [nicht ] Prestige oder Maroccanische Zusicherungen einzuheimsen, [sondern kolonialpolitische Vorteile realer Natur] (Änderungen von der Hand Wilhelms II.).


Das war 1905[.] Die Stosskraft des deutschen Anspruches war inzwischen sehr vermindert, zumal die Entente England-Frankreich riesig zugenommen hatte und die Entsendung des Panthers nach Agadir uns vor die direkte Kriegsgefahr brachte. Immerhin hat Cambon, der französische Botschafter in Berlin[,] die Lage rechtzeitig erfasst und ist Kiderlen auf dem Wege diplomatischer Kolonialverhandlungen gefolgt. Es sind dabei die sogenannten Tastarme - das sind die Brücken bis an den Kongostrom, die den belgischen Kongo mit dem deutschen Territorium verbinden, - aus dem französischen Kongo herausgeschnitten worden. Die Frage des belgischen Kongo ist nie endgültig [geklärt, Ergänzung Wilhelms II.] worden. Kiderlens grösster Fehler war, für seine Aktion die Alldeutschen unter Klars [i.e. Class] mobil zu machen [und, gestr.] die nach dem alldeutschen Rezept sehr ungehalten waren über die geringe Ausbeute und dies mit Krach und Skandal quittierten.


Das war 1911. In diesen Verhandlungen behielten die Franzosen die Oberhand, da sie eben in Verhandlungen Meister sind. Ich wollte Deutschlands Weltstellung ohne Krieg, also Früchte ohne Krieg. Fechten wollte ich keinesfalls ohne England. Das war, wie gesagt, alles 1911, aber da begannen schon meine Verhandlungen mit England.


Wilhelm II.: ‚England gegenüber schon zu spät[,] da es schon zum Krieg entschlossen war’".


Kiderlen habe "den Grundgedanken"  seiner, Kühlmanns, Politik  nicht verstanden. Es sei ihm um "ein Verhandeln mit dem Ziel eines deutschen Parallelgewinns" gegangen. Jedoch habe Kiderlen "einen grossen Fehler gemacht". Kühlmann führt aus:
"Er stützte sich zu sehr auf die Alldeutschen. Diesen Fehler haben wir fast immer gemacht, dass wir diese Leute in diplomatische Angelegenheiten hereinzogen, und dass es dann nie ohne Geschrei abging, weil den Deutschen nicht wohl ist, wenn sie nicht auf den Tisch schlagen können und Bier dabei trinken".


   Aber es seien noch weitere Fehler gemacht worden. Monts schildert Kiderlen bereits zur Zeit Bülows als gescheitert. Er sei als Staatsekretär...gebrochen" gewesen. "Bülow hat ihn im toten Winkel sich totsaufen lassen", weiß der Botschafter  zu berichten:
"Er war eine ungeheure Arbeitskraft vorher. Er war 11 Jahre in Rumänien gewesen. Er war leichtsinnig und war es nicht. Er wollte nur mit diplomatischen Mitteln Sachen machen, die schon zu weit waren. Da wir den Krieg mit Frankreich vertagt hatten, gab es für uns nur eins: rüsten soviel wir konnten und Österreich dazu zwingen".


   War dies das Rezept, das 1914 zur Ausführung kommen sollte? Asquith vermutet 1924:


"Zwar war der Krieg durch solche Bemühung vermieden, aber niemand konnte damals oder kann heute sagen, mit wie genauer Not. Es ist wahrscheinlich, daß die Kriegspartei in Deutschland noch nicht die volle Überlegenheit gewonnen hatte, und daß nach Meinung der Sachverständigen, weder ihre militärischen noch maritimen und finanziellen Vorbereitungen den Grad der Reife erreicht hatten, um die Erfindung eines casus belli zu rechtfertigen".


Auf Grund der Analyse des Herbst 1911 veranlasste Asquith Untersuchungen des "Committee of Imperial Defence", zum Einsatz von Flotte und Armee, "falls wir in einen europäischen Krieg hineingezogen würden".
 
Vorbereitung zum Weltkrieg. Bagdadbahn-, Kolonial- und Neutralitätsvertrag.


   Der frühere deutsche Botschafter in Petersburg, Raschdau, enthüllt, Bismarck habe


"im Herbst 1887 in einem Schreiben an Salisbury offenbar unter dem Eindruck, dass trotz des Rückversicherungsvertrages die Dinge ernst stuenden, die Frage angeschnitten, ob die Beziehungen zu [zu] England und dem Dreibund nicht fester gemacht werden koennten. Ham[m]ann hat dies Schreiben publiziert. Einen zweiten Brief hat Bismarck 1889 geschrieben".


   Als "background" dieser Kontakte malt Kühlmann die Bismarckzeit aus. "Die Grundlage der Bismarckschen Politik" sei gewesen,
"Deutschland, das er aufgerichtet hatte, zu erhalten. Er war von den Sorgen um das Bestehen seines Reiches so erfüllt, dass er jede Expansion als Gefahr betrachtete und das sah, was selbst die anderen, England und auch Frankreich erkannten, das[s] Deutschlands Expansion nötig war. Es ist die grosse Idee der Frühzeit des Kaiserlichen Regimes, das es sich den kolonialpolitischen Fragen zuwandte und darin der Orientbahn nach Bagdad.


Wilhelm II.: ‚Verständigung mit Rhodes’.

 

Es empfand diese Möglichkeit als eine grosse Tür, die Deutschland erhalten sollte, wo es seine Kapitalien anlegen sollte und wo es einen Auslauf haben sollte. Ich muss hier ein wenig ausholen...


Die Engländer hatten in den 60-er Jahren - so zwischen 60 und 70 - ein kleines Lokalbähnchen nach Ismid gebaut. Das war durch die Intention Sir William White´s des englischen Botschafters in Konstantinopel gekommen. Er war ein Mann grossen Formats. Von ihm war der Plan, die Deutschen im Orient so stark zu interessieren, dass die Engländer in den Deutschen natürliche Verbündete gegen russischen Druck hätten. Er hat die Deutschen bewogen, den Engländern die Bahn abzukaufen, und die Engländer den Deutschen das Bähnchen zu verkaufen. Er erklärte bei dem Diner nach dem Abschluss: ,Heute hat England einen starken Bundesgenossen im Orient gewonnen’. Die Gruppe: Deutsche Bank und Dresdener Bank stand unter Führung der Deutschen Bank. Sie baute die sogenannte Anatolische Bahn anschliessend durch bis Angora. Das förderte die damalige englische Politik, weil es die Türkei enorm stärkte. Später wurde von der gleichen deutschen Gruppe ein südlicher Zweig nach Konia (Skonium) gebaut[,] wo ich noch in den ersten 90-er Jahren zu Pferde geritten war. Diese Bahn war ein selbständiges Gebilde, schloss Kleinasien an und brauchte eigentlich keine Fortsetzung. Die Türkei betrieb sehr nachhaltig und geschickt den Bau bis Bagdad, bezw. bis zum Persischen Golf. Das war alles in den 90-er Jahren. Unter dem Wilhelminischen Regime war der weltpolitische Plan der Bagdadplan unter dem Einfluss panislamitischer Ideen der Palästinareise des Kaisers und der Kundgebung am Grabe Saladins durch streberische Kreise - Max Frhr.v.Oppenheim hatte ein Buch geschrieben: ‚Die Bagdadbahn’ - gefördert worden und man glaubte in der Bagdadbahn, in phantastischen Siedlungsplänen


Wilhelm II.: ‚mir unbekannt’.


in Kleinasien die weltpolitische Idee für Deutschland gefunden zu haben".


   Kühlmann bekräftigt einen abweichenden Standpunkt. Für ihn sei die Bagdadbahnfrage zweitrangig gewesen. Allerdings, hätten die Verhandlungen "in Folge englischer Widerstände viele Jahre auf einem toten Punkt verharrt[e]". Er meint, "eine fruchtbare deutsche Entwicklung“ sei „nur über Afrika" herbeizuführen gewesen. Er verweist auf die schweren "Zerwürfnisse mit England, das sich durch die deutschen Bagdadbahnpläne dort, "im Irak, [und] am persischen Golf bedroht sah". Hinter dieser gefahrvollen Idee hätten "alle Leute von der Deutschen Bank, das gesamte Auswärtige Amt, von dem sich schon Helfferich in die Deutsche Bank hineinjongliert" hatte, gestanden91. Die von deutscher Seite hoffnungsvoll betrachteten Verträge zur Bagdadbahn und zu Mittelafrika, der Abgrenzung der beiderseitigen Interessen- und Einflusszonen in Afrika, kommentiert der frühere Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt:
"Jetzt haben die Beteiligten natürlich gar keinen Anlass, auf die Angelegenheit zurückzukommen. Als die Sache perfect war und dann scheiterte, stand Sir William Tyrrel dicht vor seiner Entlassung. Denn eigentlich hatte[n] er und Harcourt ein Abkommen geschlossen, dass eine Ehe mit Deutschland bedeutete. Sie finden in dem Vertrag unter anderem auch die Verpflichtung, dass Deutschland und England gemeinsam mit allen Mitteln auch der Einmischung einer dritten Macht entgegen zu treten hat. Das war ein Bund und sehr deutlich gegen Frankreich gerichtet. Die Engländer werden sich hüten, jetzt auf diese Ehe und auf diese Strömung noch besonders hinzudeuten, die die Abkehr von Frankreich einleitete und eigentlich schon als definitiv sichtbar werden liess" (Hervorh.v.m., B.S.).
Äusserst negativ schildert Kühlmann den Sekretär an der Londoner Botschaft, Stumm. Dieser sei "ein ganz negativer Mensch" gewesen. "Er wollte alles überklug haben, nie war ihm der Zeitpunkt geeignet. Was er anfasste, brachte er zum Scheitern". Stumm habe "Botschafter in London werden" wollen, und "daher" habe "ihm schon nicht" gepasst, "was wir in London arbeiteten". So habe er sich auch im Fall der beiden Verträge kurz vor Kriegsausbruch ausgewirkt. Kühlmann kritisiert:


"Er warf es einfach auf ein Nebengeleise, und verschleppte es, bis es zu spät war. Der Vertrag über Mesopotamien und die Bagdadbahn lag Monate paraphiert. Diese ganzen grossen Schwierigkeiten, wegen derer der Vertrag und überhaupt eine Verständigung jahrelang nicht möglich war, wurden in einer einzigen Nachmittagbesprechung, die einige Stunden währte, von dem englischen Sachverständigen Parker und mir complett bereinigt. Herr Gwinner aber war nach wie vor der Auffassung, dass er England nicht die Hand hinstrecken könne. Was weiter Stumm  betrifft, so war er schwerer Neurasteniker.
Was den Vertrag über Afrika betrifft, so lag der seit Oktober 1913 paraphiert vor. Es ist jetzt noch erstaunlich, welche Kunstfertigkeit Herr von Stumm aufbrachte, um mit den dümmsten Einwänden dieses Riesenwerk zu hintertreiben" (Hervorh. v.m., B.S.).


Wie nah offensichtlich Deutschland und England vor einer Einigung standen, zeigen die Striche, mit welchen Kühlmann das Szenario zu Flottenbau und Afrika - wie Bagdadbahnverträgen zeichnet:


"Mit Sir William hatte ich vereinbart, ganz mit seinem Einverständnis, dass wir die Flottenfrage überhaupt in keiner Weise mit den Kolonialangelegenheiten verquicken wollten. Er vertrat den Standpunkt, dass die Abmachungen über die Flotten, wenn die Verträge zustande gekommen seien, sich ganz zwangsläufig automatisch von selbst zur beiderseitigen Zufriedenheit regeln würden. Schuld trifft, wie gesagt das Auswärtige Amt. Und ganz ohne Frage vor allem Stumm".


   Tirpitz greift ein und gesteht den geringen Einfluss der Flotte auf den Fortgang der politischen Entwicklungen ein. Er stellt fest:
"Übrigens hat in den Jahren vor dem Krieg die Flotte lang nicht mehr diese Rolle gespielt.
Mit Churchill hatte ich mich geeinigt auf das Verhältnis 10 zu 16. Das war im Jahre 1912/13 gewesen. Lichnowsky erklärte mir damals: ‚Die Flotte hat ausgespielt’. Wir hatten auch halb so viel Geld, wie die Engländer für die Flotte. Aber es kam sehr darauf an, was wir mit dem Gelde machten. In Scapa Flow drehten die Engländer jeden Nagelrim. Sie waren voll Bewunderung. Der Aufmarschplan der Flotte sah eine Konzentrierung in der Nordsee vor".


Tirpitz erläutert die näheren Umstände des Tauziehens um verminderte Seerüstungen, und den Plan des Reichskanzlers, mit England ein Neutralitätsbündnis zu schliessen:


"Unser Verhältnis mit England war hauptsächlich durch geschäftliche Gründe getrübt. Ich war um die Jahrhundertwende nach Asien kommandiert. In den Settlements spürte ich auf Schritt und Tritt den Hass der Engländer gegen uns. Dann studierte ich die englische Geschichte. Sie konnten von ihrer 300-jährigen Tradition nicht fort. Als ihnen die Holländer zu mächtig wurden, erklärte der englische Admiral: ‚Wir brauchen gar keinen Kriegsgrund, aber wir können uns noch nehmen, was wir noch brauchen’. Admral Reuter war tot. Die holländische Flotte war nicht mehr in dem Zustand, wie eins[t]. So fingen sie mit den Holländern an. Dasselbe sah ich mit uns kommen. Selbst die englischen Provinzzeitungen strotzten von Hass gegen uns. Es wurde gesagt, dass wir allerlei heimlich bauen. Mc Kenna hetzte gegen uns. Der englische Marine Attaché [gestr.: "hatte"] in Berlin  hatte unrichtige Daten gegeben. Der Reichskanzler dementierte. Ich dementierte sie gleichfalls im Reichstag. Aber die Engländer na[h]men keine Notiz davon. Ich schrieb an den ersten Lord der Admiralität. Er schickte den Marine-Attaché um die Fragen zu bereinigen zu mir. Admiral Usedom traf in dieser Zeit in Kiel den Admiral Jellicoe. Usedom erklärte dem Admiral Jellicoe, dass er begreife, wenn die Entwicklung der deutschen Flotte den Engländer[n] ein unbehagliches Gefühl bereite. Aber es wäre doch nicht fair, wenn zwei solche Dementis, wie die vom Kanzler und mir nicht beachtet werden. Jellicoe gab Usedom vollkommen recht. Von dem Besuch des Marine Attaché sprach ich Bethmann. Er nahm die Sache für sich in Anspruch und schrieb an die englische Regierung, dass solche Fragen durch ihn gehen sollten. Das war die grösste Dummheit, die er tun konnte. Denn natürlich verletzte er die englische Admiralität damit".


Auf die Details des Haldane-Besuches, 1912 in Berlin, kommt Tirpitz kurz zurück:


"Haldane sprach bei seinem Berliner Besuch über die Flottenentwicklung. Wir sollten einen Ausgleich finden. Es handelte sich um drei Schiffe im ganzen. Das erste sollte schon im nächsten Jahre aufgelegt werden. Wir liessen es fallen. Haldane sprach sehr viel von den Afrika-Kolonien. England wollte sie uns angeblich schenken. Der Kaiser wollte bei dieser Unterhaltung dabei sein. Er war es auch. Er war ganz aufgeregt über die Mitteilungen Haldanes.


Wilhelm II.:  ‚Falsch! Ich hatte den Braten längst gerochen!’.


Haldane meinte, wir sollten den Wünschen der Engländer mehr entgegen kommen. Ich erklärte, das wir die Wünsche ja erfüllt hätten. Die Geschichte mit den Kolonien war ein Bluff.


Wilhelms II.: ‚ja’.


Nicht nur die englische Regierung wusste, dass es nichts damit war. Auch Haldane wusste es. Er bluffte mit. Er wollte nichts bei uns, als spionieren.


Wilhelm II.: ‚richtig!’.


Der Kaiser - hocherfreut über seine Mitteilungen - schenkte ihm noch eine Bronzebüste.


Wilhelm II.: ‚Höflichkeit ohne Verpflichtung!’.


   Kühlmann wurde nach der Haldane-Mission von Unterstaatssektretär Harcourt/Foreign Office ins Vertrauen gezogen. Es ging um die sogenannte Neutralitätsformel, die sich im Laufe der Flottenverhandlungen im Jahre 1912, zwischen Berlin und London, herausgeschält hatte. Der Botschaftssekretär berichtet:


"Sie wissen, dass am Ende der Verhandlungen mit Lord Haldane, der über die Flotte verhandeln sollte, plötzlich die [F]Vorderung eines Neutralitätsabkommens mit England aufgetaucht war. Es hat bei uns in Deutschland immer eine Reihe von Menschen gegeben, die fortwährend die deutsch-englischen Beziehungen verbessern wollten. Es wurde immer herumverbessert. So ein Kanal war der Kaiser, Ballin, Sir Ernest Kassel - der dem König Eduard seine Weibergeschichten bezahlte... . Es war so lange herumverbessert worden, bis das englische Kabinett sich endlich entschloss, Haldane herüber zu schicken, worauf also das Flottenproblem verhandelt wurde. Nun schmiss Bethmann dem vollständig verdatterten Lord die Neutralitätsforderung an den Kopf. Haldane fuhr zurück und die englische Regierung benahm sich eigentlich ganz vernünftig. Sie sagte, dass von einem Neutralitätsabkommen gar keine Rede gewesen war. Darauf sagte man in Berlin, man wolle damit eine ‚Formel’ finden. Darauf erklärte also das englische Kabinett: ‚Schön, machen wir also eine Formel’. Namentlich Harcourt war es gewesen, der sich die grösste Mühe gegeben hatte, die Neutralitätsgeschichte der Regierung schmackhaft zu machen und sich dafür einzusetzen.
Auf die Idee des Neutralitätsabkommens war Bethmann durch Kiderlen gekommen. Bethmann hatte ihn eines Tages, als Kiderlen in Bukarest sass in einem Brief gefragt, was man tun könne, um die englisch-deutschen Beziehungen zu verbesser[n]. Kiderlen, der ziemlich schlecht englisch sprach, wenig oder gar nicht in England gewesen war, verstand von England gar nichts. Er antwortete: ‚Schlagen Sie ein Neutralitätsabkommen vor’. Das war schon vor längerer Zeit gewesen. Jetzt als Haldane in Berlin war, packte Bethmann diese Ratschläge Kiderlens aus und schmiss sie Lord Haldane an den Kopf. Kaum aber hatten sich die Engländer soweit gefasst, war das eingetroffen, was mir Harcourt gegen mein Ehrenwort  erzählte: ‚Ich teile Ihnen mit, dass der Kaiser in einem direkten Telegramm uns verständigt hat, dass alle Verhandlungen von ihm als abgebrochen betrachtet werden würden, wenn England mit Deutschland nicht ein Bündnis schliesse, das[s] mindestens so intim sei, wie das englisch-japanische Bündnis. Wir können das unmöglich machen. Wir haben aber den Eindruck, dass Ihr Kabinett von diesem Telegramm nichts weiss, müssen aber verlangen, dass Ihr Kabinett darüber unterrichtet ist und daher bitte ich Sie, das in einem Privatschreiben an die geeignete Persönlichkeit innerhalb der Regierung weiter zu geben ohne Nennung meines Namens, mit der Verpflichtung seinerseits, einen verantwortlichen Minister zu verständigen. Ich habe diesen Schritt getan, weil die Angelegenheit wirklich sehr wichtig ist, weil ich die deutsch-englischen Beziehungen erhalten, aber nicht zerstört haben will, und zwar ohne Wissen meines Kabinetts´".


Kühlmann betont diesen Schritt eines englischen Ministers, wurde er doch im Gegenzug, nach seiner Mitteilung an Stumm, in verschiedene Befragungen verwickelt96. Am 3. Dezember 1931 erwähnt Kühlmann sein Gespräch mit Conrad von Hötzendorf, das sich um "den deutsch-englischen Kolonialvertrag 1912-1914 gedreht" habe. Bereits 1928 hatte Nowak (Wilhelm II.) Conrad davon "in Innsbruck erzählt". Dieser habe geantwortet:


"Wenn Berchthold das gewusst hat und doch seine Politik gemacht hat, so gehört er aufgehängt".
   Wilhelm II. schliesst, "dann wäre der Krieg mit Serbien - wenn das Abkommen im Zustandekommen überflüssig gewesen". Berchthold habe, wie er später gesagt habe, von den Verhandlungen nichts gewusst. Kiderlen habe "immer zu viel versprochen". Doch die Zeit habe sich verändert. Kühlmann ergänzt:


"Die ganze Situation Frankreichs war anders geworden. Von der Gefahr einer Koalition war keine Rede mehr. Alles, was Kiderlen erreichte, waren die beiden Kongozipfel".


Allerdings eine verspätete Erkenntnis, denn die Funktion der Verträge im deutschen Kalkül war, England neutral zu halten, nachdem der Krieg mit Serbien, die Kriegsfackel in Europa entzündet haben würde.


   Die negative Erfahrung der deutschen Öffentlichkeit mit der Marokkoaffaire - und der Reichsleitung - schlägt sich in Kühlmanns Kritik nieder:


"Den Alldeutschen gefiel es, dass Kiderlen mit dem Panthersprung nach Agadir also auf den Tisch schlug. Nachdem der Panthersprung geschehen war, musste diplomatisch noch etwas geschehen. Die Entsendung des ‚Panthers’ hatte keinen anderen Zweck, als eine Demonstration zu sein. Er sollte dartun, dass wir gewillt waren, unseren Handel und unsere Rechte zu schützen. In England war die Erregung gross. Aber Kiderlen schwieg. Ich selbst hatte Metternich angedeutet, dass in der nächsten Zeit etwas geschehen würde. Ich wusste das von meinem Nachfolger in Tanger, der jetzt im Auswärtigen Amt sass. Er hatte mir die Sache mit dem ‚Panther’ angedeutet. Ich erklärte Metternich den Sinn der Entsendung des ‚Panthers’. Er war anderer Meinung. ‚Es ist nicht ausgeschlossen’, erklärte er, in seiner dummen Art, ‚dass dies den Krieg bedeutet’. Er wiederholte noch vielsagend: ‚Es ist nicht ausgeschlossen’.-- Der englischen Regierung eine Aufklärung zu geben, dazu war er nicht zu bewegen. Er erklärte: ‚Das Auswärtige Amt hat mir keinen Befehl gegeben. Und was mir nicht befohlen ist, habe ich nicht zu machen’.  Es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass er nach Berlin berichten und die Aufklärung in England anregen sollte, wenn von Berlin aus nichts geschah. Dann reiste er fort. Inzwischen bemächtigte sich der Engländer eine masslose Erbitterung. Es vergingen Wochen, ohne dass von Berlin aus etwas gesagt wurde. Man hüllte sich über die Entsendung des ‚Panther’ in imponierendes Schweigen. Die Politik seit Bismarck war in der Wilhelmstrasse immer dieselbe: Die Impotenz des Schweigens. Endlich gab Lloyd George eine scharfe Erklärung ab. Sie bedeutete eigentlich die Kriegserklärung gegen Deutschland. Er drohte mit offenem Krieg. da fuhr ich zu Grey. Ich erklärte ihm in wenigen Worten, um was es sich eigentlich handelte. Er und das Kabinett waren sofort zufriedengestellt. Die Gefahr war vorbei.
Dieses Erlebnis zeigte mir aber immer deutlicher, welche Gefahren aus einem solchen Verhältnis zwischen England und Deutschland zu erwarten seien.
In Marokko war nichts mehr zu holen. Es musste etwas anderes gesucht werden. So bin ich auf die Idee einer englisch-deutschen Verständigung gekommen, die generell zuerst besprochen wurde zwischen Tyrell und mir und dann nach der Unterhaltung von mir mit Harcourt in Schottland weiter geführt wurden, bis es endlich zur Parafierung des Vertragswerkes kam".


   Das Bagdadabkommen sei vor dem Kriegsausbruch fertig gewesen. Just darum ging es. Präsentiert kurz vor der Entscheidung Englands, würde zumindest ein verzögerter Kriegsentschluss des Inselreiches herausspringen. Kühlmann stellt die entscheidende Frage. Allerdings greift er gleichzeitig zu kurz:


"Wieso konnte Jagow verlangen, dass die Ratifizierung der beiden Verträge am 4. August vorgenommen werden sollte. Wie töricht die Gedankengänge im Auswärtigen Amt waren - wofür v.Stumm in erster Linie voll  verantwortlich zu machen ist - geht aus der Tatsache hervor, dass ich nach meiner Rückkehr nach London, unmittelbar vor Kriegsausbruch, dort ein ganz dummes Telegramm vorfand. Es war 2 oder 3 Tage vor Kriegserklärung aufgegeben. Das Auswärtige Amt bat dringend doch um jeden Preis wenigstens das grosse Vertragswerk zu retten. Es ist unklar, wie man sich vorstellt, dass ein grosses Vertragswerk gerettet werden sollte, unbeschädigt eines kleinen Krieges, der unabhängig davon mit dem Vertragspartner auf Leben und Tod ausgefochten werden soll".

 
Parallel zu den Verwicklungen des Juni/Juli 1914 liefen breit angelegte Vertragsverhandlungen verschiedenster Natur mit England.


   Jagow zeichnet ein abweichendes Bild. Er wollte, wie er bestätigt, "den [Bagdadbahn-]Vertrag gleichzeitig mit dem Afrikavertrag publizieren". Der Bagdadbahnvertrag sei noch nicht fertig gewesen. Verschiedene Mächte hätten noch Ansprüche geltend gemacht. Das sei solange gegangen, bis der Kaiser davon erfahren habe und ihn fragte:


"Na! Ihr schliesst Verträge hinter meinem Rücken ab?"


Jagow wiegelt ab:


"Das ist gar nichts besonderes. Das ist eine ganz alte Sache. Marschall hat daran schon gearbeitet. Dann ist die Sache wieder eingeschlafen. Jetzt arbeitet Lichnowsky daran, um die Angelegenheit wieder vorwärts zu bringen. Die Sache hat einen rein moralischen Wert. Wann etwas dabei herauskommt oder wann wir die Kolonien bekommen sollten, um die es sich handelt, weiss der Kuckkuck".


Es sei darauf hingewiesen, dass diese Vorgänge eng mit dem deutschen Bestreben verbunden waren, einen Ausgleich mit England zu schaffen. Jagow deutet an, er selbst habe sich dieses Ziel zueigen gemacht. Als Außenminister sollte dies seine Aufgabe sein. Bereits im Januar 1913, vor seiner Berufung nach Berlin, habe er dem englischen Botschafter in Rom, Renan Rodd eröffnet:


"Ich werde versuchen, die Verständigung zustande zu bringen. Aber sie müssen nicht überall eingreifen, wo wir vitale Interessen haben, oder wo sie ein Ehrenpunkt geworden sind. Wir können z.b. Bagdad nicht aufgeben. Aber ich glaube, wir können uns auch da einigen".
Einige Tage darauf habe ihm Rodd in Grey’s Auftrag mitteilen lassen, "wenn das" die deutsche "Politik wäre, so begrüsse er sie freundlich, er würde gern in dem Sinne arbeiten. We can arrive in 10 years or some more".
Ebenfalls 1913 berührte Jagow im Gespräch mit Moltke "den Durchmarsch durch Belgien". Er betont zu dieser zentralen Frage:
"’Wenn  wir in Belgien einmarschieren, so ist das der Krieg mit England’. Moltke erwiderte: ‚Die 500.000 Engländer nehme ich auch noch auf mich’. ‚Eine Kleinigkeit ist das nicht’, erwiderte ich, ‚können Sie den Plan nicht ändern?’ Er erklärte: ‚Nein’. Nachher kam er auf die Sache zurück. ‚Ich will versuchen’, sagte er ‚ob ich den Plan nicht ändern kann’. Wieder eine Weile später sagte er: ‚Sie haben ja recht gehabt, aber die Militärs sind dagegen’. Im Sternensaal sagte mir der Kaiser, während ich spielte, ein Mal: ‚Ich habe schon Befehl gegeben, dass der Plan geändert wird’. Moltke muss also mit ihm gesprochen haben. Es war dann eine Umfrage veranstaltet worden, bei der die Militärs ihren Standpunkt durchsetzten"99 (Hervorh.v.m., B.S.).
   Es  kam - wie der österreichische Botschafter in Petersburg enthüllt - alles auf England an:
"England hätte den Krieg nicht nur verhindern können. Es hätte alles erreichen können, wenn es neutral geblieben wäre. Jagow glaubte unbedingt an die englische Neutralität".
Das heißt: die deutsche Führung erwartete England 1914 neutral.
 
Petersburg 1914: per Konferenz regeln!


   Der russische Finanzminister Bark bestätigt, er habe von Nikolaus II. erfahren, der russische Ministerpräsident Sasonow sei am 23. Juli, bei bekannt werden des österreichischen Ultimatums an Serbien, "sehr aufgeregt" gewesen und habe geglaubt, "dass der Krieg unvermeidlich" sei. Nachmittags, während des Ministerrates, sei Sasonow "ruhiger" gewesen und habe entwickelt,
"erst sollte man von Österreich verlangen dass die Frist für das Ultimatum auf 8 Tage verlängert werden"
solle. Darauf sei, "wie nach dem Balkankrieg, eine Conferenz in London" geplant gewesen, von welcher Sazonow hoffte, "der Krieg werde lokalisiert werden". Auch habe "er beruhigend auf Serbien einwirken" wollen.
Bark äußert:


"erst als auf alle Vorschläge von der anderen Seite nein geantwortet wurde, hatten wir den Eindruck, dass die Zentralmächte den Krieg wollten".


   Alle in Petersburg handelnden Figuren hätten den Krieg nicht gewollt. Der österreichische Botschafter Szapary, der gegenüber Nowak(Wilhelm II.) behauptet hatte, er habe Sazonow erst am 28. Juli sprechen können, habe falsch berichtet. Doch in Petersburg habe gleichzeitig ein enger Kontakt mit dem englischen Botschafter Buchanan und dem französischen, Paléologue, bestanden. Die russische Armeeführung habe argumentiert,


"was die Mobilisierung betrifft, wir können das nur so machen, wie wir es gemacht haben, ändern können wir nichts oder wir müssen alles umwerfen und zurückziehen und können dann nicht mehr mobilisieren".


   Bark bekennt, Sasonow sei ein strikter Parteigänger Englands gewesen.
   Der österreichische Botschafter in Petersburg, Friedrich Szapary, schildert die Vorgänge dort während des Besuches des französischen Ministerpräsidenten Poincaré:


"Meinen[m] Empfang durch Poincaré wohnten auch Viviani und der französische Botschafter Paléologue bei. Die einzelnen Botschafter wurden einzeln empfangen. Vorher war ein grosser Diplomatenempfang gewesen. Es waren alle Botschafter und Gesandten da. Vor ihnen begrüsste Poincaré den serbischen Gesandten als ersten, ging auf ihn zu und schüttelte ihm ostentativ die Hand. Es war eine Demonstration.
Mir sagte Poincaré, der sofort auf die serbische Angelegenheit überging: ‚N´oubliez pas, que la Serbie a des amis’. Er wollte es nicht gelten lassen, dass die serbische Regierung mit verantwortlich am Attentat gemacht werde. Er wies darauf hin[,] dass unser Vorgehen Consequenzen haben könne.
Als er abreiste, hatte ich denn noch nicht den Eindruck, dass Bindendes beschlossen worden sei. Ich hatte auch den Eindruck, dass Sasonoff sich seiner Bundesgenossen noch nicht ganz sicher fühlte, vor allem Englands nicht, von dem ja wirklich alles abhing. England hätte den Krieg nicht nur verhindern können. Es hätte alles erreichen können, wenn es neutral geblieben wäre. Jagow glaubte unbedingt an die englische Neutralität. Auch Pourtalès. England hätte auch Deutschland damit klein kriegen können. Aber ein Staatsmann soll von einem anderen nie annehmen, er sei wenigstens so gescheit, wie man selbst. Als Poutralès und ich dann über Schweden nach Hause fuhren, und auf dem Schiffe von der Kriegserklärung Englands erfuhren, brach Pourtalès völlig zusammen".


   Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass die Gruppe um Bethmann Hollweg, nämlich sein Schwager und deutscher Botschafter in Rußland, Pourtalès, und vor allem der deutsche Aussenminister, Gottlieb von Jagow, alles auf die englische Neutralität abgestellt hatten. Der Zusammenbruch von Pourtalès, über den Szapary berichtet, fand seine Entsprechung in dem aufgelösten Reichskanzler, nachdem der englische Botschafter Goschen ihm die Kriegserklärung des Inselreiches überreicht hatte. Darauf schlug Bethmann Hollwegs Haltung in die des energischen Kanzlers der Tage des August/September um.


Die Regie der Kriegskrise hatte Berlin geführt. Szapary berichtet:


"Als Poincaré Petersburg verlassen hatte, wurde das Ultimatum gegen Serbien veröffentlicht. Wir konnten es nicht während Poincarés Anwesenheit. Wir glaubten auch nicht, dass Sasonoff den Krieg wollte. Wir wollten also vermeiden, dass Poincaré, der sehr draufgängerisch war,- auch war er darin taktlos gewesen, dass er mich empfangen hatte, als wäre ich Gesandter bei ihm und nicht beim Kaiser von Russland - zum Kriege dränge und hetze.
Als ich Sasonoff den Text des Ultimatums übergab, war er sehr reserviert. Das von uns angekündigte Dossier mit den Erhebungen über den Sarajewoer Mord kam leider nicht. Ich drängte in Wien. Aber leider ist es erst sehr spät veröffentlicht worden. Dann kam die Mobilisierung gegen Serbien. Sasonoff war sehr aufgeregt und teilte mir mit, dass die Teilmobilisierung gegen Österreich angeordnet sei. Der Aufwand von Truppen gegen Serbien sei zu gross, ausserdem sei das Prager Corps auch mobilisiert worden, was sich nur gegen Russland richtet. Ich erwiderte, dass dies mit Russland gar nichts zu tun hätte. In unserem Aufmarsch gegen Serbien sei eben auch das Prager Corps bestimmt. Das sei immer so für den ‚Kriegsfall B’ bestimmt gewesen. Er kam immer wieder auf das Prager Corps zurück, obgleich ich ihm sagte, dass wir schon im Balkankrieg auch Teile dieses Corps hinuntergeschickt hätten. Er erklärte schliesslich, dass sei auch Sache des Generalstabschefs, der müsse das ja wissen. Der Zar sei sehr unruhig darüber gewesen. Die in der Teilmobilisierung aufmarschierenden Truppen, wären auch nicht der Krieg. Er werde darüber eine ‚Note explicative’ veröffentlichen. Das ist dann nicht geschehen. Ich bat, den Zaren über das Mis[s]verständnis mit dem Prager Corps zu informieren. Sasonoff erklärte - das war an einem Dienstag - dass er das erst am Freitag könne. Er würde erst dann vom Zaren empfangen, aber der Generalstabschef, der ihn täglich sehe, werde es ihm schon sagen. Im übrigen sei es doch nur eine Teilmobilisierung. Ich erwiderte, dass es sich um 18 Corps handele, die mobilisiert seien, genug, um den Krieg gegen Österreich mit Überlegenheit zu führen. Die Folge musste die Mobilisierung in Österreich sein. So kam die Sache ins Rollen, sie glitt von uns ab und ging an Deutschland über".


   Die These vom Automatismus der Mobilmachungen war eine Frucht der Nach-Weltkrieg II-Jahre, als es darum ging, Verantwortliche für das Desaster aufzutun (G.Ritter). Szapary sucht sich in positives Licht zu setzen, um sich als um den Frieden kämpfend, zu charakterisieren. Für Berchthold unternimmt er einen Entlastungsversuch. Er führt aus:


"Ich habe mit Sasonoff dann noch wiederholt gesprochen. Von Wien holte ich die Erlaubnis ein, Erläuterungen zur Note und zur Situation zu geben. Ich wollte auch mit dem Zaren direkt sprechen. Aber Berchthold wollte das nicht. Er fürchtete, dass die Sache, wenn ich nach Peterhof ginge, noch schlechter würde. Ich setzte Sasonow auseinander, dass in einem Kriege, wir beide zugrunde gehen würden. Die Dynastien würden betroffen, alle Prinzipien würden gestürzt werden, die wir beide vertreten. Er wies immer radikal ab: ‚Das hat mit der monarchischen Frage gar nichts zu tun’. Er wollte nichts davon hören".


Der österreichische Diplomat sucht, ganz wie Kühlmann, Sazonow als äußerst belastet darzustellen. Szapary ergänzt:


"Ich gab mit Bechtholds Erlaubnis Erklärungen ab. Dass wir weder die serbische Souveränität antasten, noch  Land erwerben wollten. Er erklärte, wenn Serbien die Note annehme, so sei Serbiens Souveränität eben vernichtet. Dann sei es eben österreichischer Vasal[l]. Die F[V]orderung, dass österreichisch-ungarische Funktionäre an der Untersuchung teilnehmen sollten, fand er gar nicht so schwerwiegend. Ich hatte ihm Prezedenzfälle vorgeführt und ihm gesagt, dass das im internationalen Recht auch geregelt sei. Aber gegen die Auflösung der Narodna Odbrana wehrte er sich mit Händen und Füssen.’Ne faut pas-jamais-jamais’".


Unterbrochen wurde diese Pendellage, als Österreich Belgrad beschoss. Damit war jene feine Linie zwischen Frieden und Krieg überschritten, welche auch Sasonow eingehalten hatte. Unausweichlich schien jedoch der Krieg für Szapary nicht. Vielmehr verhandelte er in Petersburg mit Sasonow bis zum letzten Moment. Er beschreibt diese dramatische Szene:


"Nach dem Abgang und nach der Ablehnung des Ultimatums verstrich tatenlos gegenüber Serbien eine Menge Zeit. Ich verhandelte noch immer mit Sasonoff über die Punkte des Ultimatums. Es war dann bei einer Besprechung, dass sein Telefon läutete. Er hörte, legte den Hörer hin und sagte schroff: ‚Wir verhandeln hier und sie beschiessen ja Belgrad’. Ich verwies darauf, dass die Ereignisse von Wien aus doch weitergehen mussten. Er aber brach die Unterhaltung ab".


Wie weit das Band der Friedensfühler gedehnt wurde, zeigt die Mitteilung, welche Szapary aus Wien erhielt. Berchthold, so hiess es, habe "mit Schebeko gesprochen". Der österreichische Staatskanzler habe "beruhigende Zusicherungen über die Absichten gegen Serbien gegeben, obgleich der Krieg mit Serbien bereits im Gange war". Nach Absprache mit dem deutschen Botschafter ging Szapary noch einmal zu Sasonow. Sasonow habe ihm gedankt,


"dass wir uns über die einzelnen Punkte ausgesprochen hatten. Für den Krieg waren die Generale und der Generalstabschef. Sie hatten dem Zaren denn auch die allgemeine Mobilisierung abgetrotzt, während die Teilmobilisierung eine diplomatische Idee schien. Sasonoff dachte, Österreich dann bei jedem Schritt und jedem Dorf zum Zurückweichen zu bringen. Aber doch musste der Aufmarsch von 18 Corps alles ins Rollen bringen".


Nach 1918 sollen es dann auf allen Seiten die Militärs gewesen sein, welche die Politiker zum Krieg gezwungen hätten. Eine damals ebenso leichte Erklärung wie heute, wo die militärischen Eliten, zumindest in den europäischen Staaten, von geringerem Einfluss schienen und scheinen. Szapary hält dementsprechend fest:


"Vom Kabinett waren die meisten gegen den Krieg. Es waren ja schliesslich alle vernünftige Leute. Goremikin wollte den Krieg schon gar nicht. Er sah, das es mit dem parlamentarischen System in Russland, wie es sich herausgebildet hatte, nicht ging. Es wurde die Kaiserliche Familie und das Verhältnis zu Rasputin in Formen und Auftritten besprochen, die in jedem anderen monarchischen Staate unmöglich waren. Es war Conventstimmung. Darum wollte Maklakoff den Krieg. Es wäre zur Revolution gekommen. Hinter den Militärs stand der Grossfürst Nikolaiewitsch. Der Zar selbst war ein einfacher Mensch. Vollkommen beeinflussbar. Die Generale, alle machten zum Schluss mit ihm, was sie von ihm wollten".


   Sasonow, so Wilhelm II. zu seinem Interview mit dem früheren russischen Aussenminister, habe "so ziemlich jeden" beschimpft, auf den das Gespräch gekommen sei. Dieser habe geäussert, "Der Kaiser ist ein Lügner". "Ein anderer" sei "ein Kammerdiener des Coburger und ähnliches". Als Nowak die "Zusammenhänge des Attentats von Sarajewo" geschildert habe, hörte Sasonow "ziemlich erbittert zu, mit dem Endresultat: ‚Muss man den[n] allen Mördern und Betrügern glauben?’"


Gegen den Russen eingenommen, beschreibt Wilhelm II.:


"Als ich ihm meine Ansicht darüber mitteilte, dass der Kaiser Franz Joseph einen Botschafter oder Erzherzog nach London hätte schicken müssen, um die Zusammenhänge klar zu machen, wodurch wahrscheinlich der Krieg verhindert worden wäre, machte Sasonow ein sichtlich erschrecktes Gesicht, es wäre ihm jetzt noch eine mögliche Verhinderung unangenehm".


Etwas süffisant deutet der Kaiser an, Sasonow habe "nichts wollen, als den Frieden". Jedoch sei ihm der Satz entschlüpft:


"Wir mussten verlangen, dass der Balkan den Balkanvölkern gehört. Das war das Interesse Russlands. Es war dies nur durch einen europäischen Krieg zu erreichen".


Der Historiker beobachtete, wie Sasonow erkannt habe, dass ihm eine "ungeheuere Dummheit" ausgekommen war und notiert: "Aber das Eingeständnis war ihm entschlüpft". Zeuge dieser Äußerung sei "Herr Teretschenko (Sergei oder Konstantin)" gewesen, welchem gegenüber er "dieses Eingeständnis Sasonows" eigens wiederholt und notiert habe, "um keine Verwischung zu ermöglichen". Das fand statt im "Hotel de Reservoir" in Paris. Wenn dem so war, dann hatte Sasonow hiermit die deutsche These von der Kriegsschuld Russlands bestätigt.


Geschildert wird der russische Außenminister recht kaustisch:


"Sasonow ist sehr gepflegt, trägt sehr elegante Schuhe und Strümpfe. Er hat ein Gesicht, das eine Kreuzung von Geier und Hyäne darstellt. Jedenfalls ein nicht sehr sympat[h]ischer Vogelkopf. Seine Augen wirken ein wenig asymetrisch und haben einen fahlen, fanatischen, dabei lauernden Glanz. Sein weisser Bart sieht an den Wangen aus, wie dort liegengebliebene Schaben".
  

Wilhelm II. fasst zusammen, es sei ihm noch niemals "ein Staatsmann von soviel gepflegter Dummheit und ‚suspektem’ Wesen unter den vielen Menschen", die er kennen gelernt habe, begegnet. So kam das Gespräch zu einem eher unerfreulichen Abschluss. Der Historiker erklärt "kühl und hochmütig, dass" Sasonow "schon gestatten müsse, dass jeder seine Meinung über diese Dinge habe und dass" er sich "erlauben würde, wahrscheinlich selbst zu dem Kommentar einiges beizusteuern". Quasi versöhnlich, extemporiert er "etwas von der grossen Tragödie, in die alle Beteiligten verwickelt worden seien", beide jedoch hätten verstanden, dass niemand der Anwesenden daran glaubte. Sasanow erklärte sich auch sogleich "über Krieg und Kriegsursachen": "Ein kleines Missverständnis".


Dass diese Zusammenhänge in verschiedenen Publikationen zu Wort kommen sollten, zeigen weitere Mitteilungen. Auch wird deutlich, dass mit Kurt Riezler sehr wohl eine Veröffentlichung im Werke war, welche einen Kommentar zu Sasonow bringen würde; was nach diesen Ausführungen zu dem Gespräch von Paris nur verständlich erscheint. Die Riezler-Veröffentlichung Erdmanns sei hier - in diesem Zusammenhang - und in deren wiederholt strapazierten Aufzeichnungen ungeklärter Herkunft und Entstehungszeit, erwähnt.


   Auch der Unterstaatssekretär im Foreign Office, Sir William Tyrell, charakterisiert Sasonow negativ, als "subalterne[n] Beamte[n]". Tyrell teilt mit:


"Er war beschränkt. Er war nie im Stande, den Inhalt einer Conversation zu behalten: was er berichtete war falsch".


Tyrell unterstreicht: "Die russische Politik war immer so: sie lebte von absolut falschen Berichten". Er weist jede Vermutung zurück, zwischen Großbritannien und Russland habe es Informationen zum Balkanbund gegeben. Tyrell bestätigt:


"Wir haben ihn auch nicht ermuntert, weder im Balmoral, noch gelegentlich von Balkanproblemen. Schon deshalb nicht, weil uns Serbien nicht im mindesten interessierte. Wir haben ihm auch nichts mitgeteilt, was ihn zum Kriege ermuntern konnte, und wir waren entsetzt, als die Meldung von der russischen Mobilisierung eintraf. Sasonoff beherrschte die Probleme nicht. Er war von seinem Panslawismus beherrscht,- ein kleiner Beamter,- il n´était pas maître de son hôtel. Unter der Unzuverlässigkeit der russischen Berichte haben wir immer gelitten und nicht nur wir. Poincaré hat sich immer wieder über die falschen Berichte Iswolskys beklagt. Von Petersburg hatte man Iswolsky weggeschickt, weil er zum Kriege trieb. Von Paris meldete er lauter Dinge, die nicht wahr waren. Dann lief er herum und erklärte; ‚c’est la guerre’-[.] Er war von einer solchen Eitelkeit, wie ich es nie vorher und nie nachher bei einem Diplomaten erlebt habe. Natürlich ging sein ganzer Hass nach Buchlau, wegen des Dardanellenschecks gegen Österreich. Mit der Minderwertigkeit der Politik der Russen hatten wir immer zu kämpfen. Graf Benckendorff war noch der einzig mögliche unter den Russen. Er war nicht bedeutend, aber homme du monde. Mit ihm stand Sasonoff schlecht. Was die Meinung des Grafen Szapary betrifft, dass Sasonoff nur ein Aviso Englands erwartete, um loszuschlagen, so kann ich nur sagen, dass ein solches Aviso nie geben würde. Die Bolschewisten, die uns hassen, würden keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um alles zu veröffentlichen, was uns über diese Zusammenhänge nur zu veröffentlichen wäre. Aber wenn die russische Angabe nicht zutraf, dass das Attentat von Sarajewo in keinem Zusammenhange mit Serbien stand,- warum hat man niemand von Wien nach Petersburg geschickt und erklärt: ‚Entweder ihr helft jetzt Ordnung machen, oder wir veröffentlichen alles?’"


   Wilhelm II. berichtet dazu, die dem Engländer von ihm mitgeteilten "Zusammenhänge über Sarajewo" seien "sämtlich neu für Sir William Tyrell". Er sei fortgefahren:


"Dann  hätte auch England anders sprechen oder anders eingreifen können. Das österreichische Ultimatum als solches, war die grösste Dummheit. Und was Sasonoff und den Krieg betrifft, so glaube ich, das er ihn nicht wollte. Aber er war inferior. Und in seinem Kopfe war der Niederschlag von vielen Conversationen, deren Grundlagen er nicht beherrschte, die sie ihm verzerrten, so dass er schliesslich ein ganz falsches Bild von den Tatsachen und Zusammenhängen hatte, wonach er dann handelte".

 

 

Bernd F. Schulte(c)

Reichsfernsehen 1932: Diskutieren im Stil einer Fernseh-Talk-Show.

Die Handelnden von 1914, und deren Bild vom Entstehen des Ersten Weltkrieges.

 

Teil IV: Tyrell - "Was Deutschland betrifft, so haben wir es seit unserer Abweisung (1901) direkt als Feind betrachtet".

Zwischen Österreich und England.


   Im Gespräch mit Lord Salisbury warnt Wilhelm II. davor, die Kraft der Türkei, des Staates, der Administration und der Armee zu unterschätzen. Die Eindrücke, welche der Kaiser während seines Besuches in Stambul 1889 gewonnen hatte, ließen ihn gegen den englischen Premier Front machen, der behauptete, die große Vergangenheit der Türken sei "einmal gewesen" und "das gegenwärtige Heer tauge nichts mehr. Es könne keinen Widerstand leisten". Das Sprachrohr Wilhelms II., fasst die Diskussion innerhalb der Londoner Führungsspitze zusammen, die gegen Ende des Jahrhunderts ablief:

"Der deutsche Staatssekretär vergaß, was er in England vereinbart hatte: die öffentliche Meinung wollte er nicht umstimmen, vielmehr lief er mit...Vertraulich wies er Chamberlain auf den Zwang zu seiner äußeren Haltung durch die Volksstimmung hin".

Zur Kritik sei zitiert "Rache an Bülow":

"Graf Bülow ließ bei den Engländern ‚durchfließen’, was ihm die Russen anvertraut. In den Kaiser drang er, die Russen wissen zu lassen, daß England ein Bündnis vorschlug. Was dem Kaiser seelischer Kampf war, blieb ihm der Genuß an der ‚Finesse’. Er übte eine Staatskunst voll Geist und sinniger Worte: der ‚Walfisch’ könne sich niemals mit dem ‚Bären’ vertragen. Bündnissysteme mußten ‚elastisch ausgeweitet’ sein".


   "Chamberlain glaubte vor allem an den Anreiz und die Beweiskraft von Ziffern. Lord Salisbury hatte alte und viele Erfahrungen. Von Fürst Bismarcks Russenpolitik bis zu der Unterhaltung mit Kaiser Wilhelm über die Teilung der Türkei hatte er nur Enttäuschungen erlebt. Der junge Chamberlain begann erst mit den Versuchen, etwas aufzubauen. Entzückt war Lord Salisbury nicht von Chamberlains Zukunftsabsichten für England und Deutschland. An ihre Verwirklichung glaubte er nicht. Aber er ließ den Staatssekretär zunächst gewähren".
   In England stritten die Protagonisten einer bündnispolitischen Anbindung an das Festland und die Isolationisten. Asquith vertrat die Position einer Anbindung an Europa. "Nur die Isolierung" habe "Zwischenfälle, wie Pendjeh und Faschoda, die zeitweiligen Schreckbildnisse russischer Absichten in Asien und" Englands "gefährliche internationale Situation während des Burenkrieges möglich" gemacht. Es sei "ohne Zweifel...die praktische Erkenntnis der Schwierigkeiten und sogar Gefahren der Isolierung" gewesen, "die 1899...Mr.Chamberlain dazu" geführt habe, "auf eine englisch-deutsche Alliance zu drängen und Lord Salisbury, mit ihr zu spielen".
  

Es bestand die Chance, dass sich in diesen Jahren seit 1897 die deutschen und englischen Annäherungsversuche treffen würden. Wohl die Einschätzung des Generalstabes gibt Wilhelm II. wieder, wenn er zum Bündniswert Englands ausführt:


"England besaß zahlreiche Panzerschiffe. Sie nützten Deutschland nichts, wenn es mit Rußland und seinem Bundesgenossen Frankreich im Kriege lag. Daß England allein mit seiner Flotte Frankreich an seiner atlantischen Küste, an seinen Mittelmeerufern und durch die Bedrohung seiner Kolonien in Schach halten konnte, daß Italien mit angespannten Kräften an Englands Seite marschieren mußte, so wie Großbritannien es befahl, daß England auf dem Kontinent wiederholt mit großen, eigenen Armeen gefochten hatte, seit den Tagen der Jeanne d´Arc über Höchstaedt, Oudenarde und Malplaquet bis zu der Entscheidung von Waterloo, daß die deutsche öffentliche Meinung darüber wie gewöhnlich in abgedroschenen Schlagwörtern dachte, die in Wahrheit gar nicht zutrafen: all das spann sich auch der Staatssekretär von Bülow nicht weiter aus. ‚Das Hazardspiel der Vertragsschließung’, den durch Jahre gesuchten Bund mit England, lehnte er in dem Augenblick ab, da er erreicht schien".


   Doch auch Holstein "traute England nicht über den Weg". Für ihn war ein deutsch-englisches Bündnis nur dann von Wert, wenn


"1. ‚Rußland uns angreift’--
  2. ‚England weniger breitspurig auftritt’--".


Wilhelm II. erfuhr angeblich nur von einem englischen Bündnisangebot. Allerdings führe, so Chamberlain, "Englands Weg zum Zweibund..., wenn Deutschland nicht mit ihm gehen könne". Das habe, so Wilhelm II., Bülow dem Kaiser allerdings verschwiegen. Auch Metternich, der deutsche Botschafter in London, habe die Bülowsche Position unterstützt. Im Gespräch mit Wilhelm II. in Homburg habe er ausgeführt:


"Jawohl, Majestät, - er will unsere Bajonette haben´.
 
[Wilhelm II.]: ‚Aber gegen wen?

[Metternich]: ‚Gegen Rußland, Eure Majestät!’-
 
[Wilhelm II.]: ‚Aber wir leben mit Rußland doch im tiefsten Frieden! Wir können doch nicht einfach über Rußland herfallen’.

[Metternich]:  ‚Ja,...das weiß ich auch nicht’—

[Wilhelm II.]: ‚Ein Bündnisangebot von England ist eine sehr ernste Sache!...Da Chamberlain wissen ließ, daß es gegen Rußland gehen soll, geben Sie ihm die Traditionsskizze--...Moralisch...sind wir Rußland auch durch Bindungen nahe, die ich -- ohne jeden Grund - nicht alle durchbrechen kann!’...Daher ist es nötig, daß Chamberlain den Beweis erbringt, daß er Ministerium und Parlament hinter sich hat’“.

 


EXKURS: Das Scheitern eines Zeitalters.


   Bülow beabsichtigte, das englische Angebot als Spielmaterial gegenüber Rußland zu benutzten, um in Petersburg mehr herauszulocken, als ohne dieses Pressionsmittel möglich schien. Die Tendenz herrschte allerdings bei Bülow vor, sich im Osten auf Rußland abzustützen, wenn überhaupt eine Bindung Deutschlands eingegangen werden sollte. Andererseits beabsichtigten Bülow und Holstein, von England Kompensationen auf kolonialem Gebiet erhandeln. Chamberlain verkündete in Birmingham im Mai 1898, Englands Vorteil bestünde in seinen guten Beziehungen zu den Flügelmächten Amerika und Deutschland, und hier einem Bündnis mit Berlin. Die Kompensation für das Reich bildete in diesem Zusammenhang der westafrikanische Kolonialbesitz Portugals. Doch der Disput um den Burenkrieg, und der Streitfall um den spanischen Besitz auf den Philippinen, gossen Wasser in den Wein der deutsch-englischen Beziehungen. Als Bülow ein ganzes Bündel von Forderungen in London präsentierte (Togo, Sansibar, Samoa, Walfischbai), lieferte er den Grund für Salisbury noch weiter auf Distanz zu gehen, als schon zuvor mit dem Satz gegenüber dem Botschafter Hatzfeld geschehen."Sie verlangen zuviel für Ihre Freundschaft", hatte Salisbury verlauten lassen. Wilhelm II. rechnet 1931 mit Bülow scharf ab. Dessen Verantwortung für das Scheitern des epochalen englischen Bündnisses wird Schritt für Schritt herausgearbeitet. Dem gegenüber sah Bülow das Reich unabhängig am stärksten, denn Deutschland würde "entweder Rußland oder England zum Übergewicht" verhelfen. Doch ließ er - ähnlich wie Salisbury einstmals gegenüber Bismarck - das Angebot Chamberlains zu den portugiesische Besitzungen „auf dem Tisch liegen“. Die Bedrohung der deutschen Ostgrenze, im Fall eines Abschlusses mit England, führten Bülow und Holstein inneramtlich als Argument gegen das „englische Bündnis“ an. Dem Kaiser sollen sogar unzutreffende Informationen über das englische Bündnisangebot zugegangen sein. Eine Manipulation des Monarchen durch seinen Außenminister soll stattgefunden haben. Selbst die Unterstellung, England habe Rußland einen Vertrag angeboten, sei durch Bülow benutzt worden.


   So gerieten im Gegenzug die Kaiserreise in die Türkei, und der Bagdadbahnbau (bis Bagdad, Konia und Kuwait), zu einer Belastung der deutsch-englischen Beziehungen. Als Chamberlain in Wakefield dennoch offenlegte, auch Amerika in den Bund einzubeziehen, war "der große Zusammenschluß der angelsächsischen und germanischen Rasse" vorgezeichnet. Der Streit um Samoa führte schliesslich zum Bruch mit Salisbury. Für Samoa bot Chamberlain das Volta-Delta in Afrika, was die deutsche Kolonie Togo aufgewertet hätte. Doch der Verbündete Bülows, Tirpitz, bestand auf Samoa (Stützpunkt/Weltkabelsystem). Gespräche des Kaisers mit Cecil Rhodes hatten zu der Formel geführt, "Afrika den Briten, Vorderasien den Deutschen!"


   Die Möglichkeit einer Annäherung an Rußland entschwand zunehmend und parallel zum Beginn des Burenkriegs, wie der starken Neigung des Kaisers zu England und trotz der zugunsten der Buren aufschäumenden deutschen öffentlichen Meinung. Dennoch reiste Wilhelm II. nach England. Er sprach Chamberlain, der erneut den Plan einer Einheit "von Deutschland, von England, von Amerika" entwickelte. Dieses Gespräch förderte einen anderen Strich zutage, als jenen, den die Geschichte bald darauf zog. Samoa hatte Deutschland zugeschlagen erhalten. Gegen die Urteile und Ratschläge des englischen Geschäftsträgers in Tanger, Sir Arthur Nicolson, wandte sich Chamberlain:


"England sollte sich in Tanger festsetzen. Deutschland sollte sich die Westküste am atlantischen Ozean sichern. In Kleinasien wollte er Deutschland keine Schwierigkeiten machen. Es sollte die Bagdadbahn bauen. Englisches Kapital sollte beigesteuert werden".


   Auch Balfour, der Gesinnungsgenosse Chamberlains, warb um die Sympathie Wilhelms II.. Staatssekretär Bülow, gleichfalls in London anwesend, wurde mit Chamberlain konfrontiert. Selbst die Ankündigung der deutschen Flottenpläne schreckte den englischen Kolonialminister nicht ab. Entsprechend den Vereinbarungen mit Bülow, verkündete Chamberlain wenige Tage darauf, in seiner großen Rede in Leicester:


"...und ich glaube, in dem Moment, wo dieses Verlangen entstand, muß jedem klar geworden sein, daß unser natürliches Bündnis jenes zwischen uns und dem großen deutschen Kaiserreiche sein müßte. Wir haben unsere Unstimmigkeiten mit Deutschland gehabt, wir haben unsere Streitigkeiten und Zusammenstöße, wir haben unsere Mißverständnisse gehabt. Ich verhehle mir nicht, daß das Volk dieses Landes beunruhigt und mit Recht beunruhigt gewesen ist durch Umstände, die wir selbst nur zu gern vergessen. Aber an der Wurzel der Dinge war immer eine Kraft, die uns mit Notwendigkeit zusammenbrachte. ...
Ich kann vieles für die Zukunft voraussehen, das den Staatsmännern Europas Grund zur Beängstigung geben muß, worin aber unsere Interessen deutlich die gleichen sind, wie die Interessen Deutschlands, und bei denen die Verständigung, von der ich im Fall Amerikas sprach, auf Deutschland ausgedehnt, vielleicht mehr für die Erhaltung des Friedens der Welt zu tun vermag, als alle Waffenvereinigungen. ...
Ich habe das Wort ‚Alliance’ gebraucht..., aber noch einmal möchte ich klarlegen, daß es mir unwesentlich erscheint, ob Sie eine Alliance haben, die dem Papier anvertraut ist oder eine Übereinstimmung der Meinungen bei den Staatsmännern der betreffenden Länder. Eine Verständigung ist vielleicht besser als eine Alliance mit festgelegten Vereinbarungen...".


   Bülow stand zwei Wochen darauf im Reichstag auf und verwahrte sich gegen Englands Annäherung. "Chamberlain stand da als ein aussichtsloser Schwärmer". Die deutsche Trumpfkarte war die Flotte. Die Berliner Parole war:


"In dem neuen Jahrhundert muß Deutschland der Hammer oder der Amboß sein!"


   Im Januar 1901 wurde ein dritter Anlauf unternommen, das englisch-deutsche Bündnis zu schmieden. Über den deutschen Botschaftsrat Eckardstein signalisierten der Herzog von Devonshire, Lord Landsdowne und Chamberlain ihr Ziel, "den Bund mit Deutschland". 1931 rückblickend will Wilhelm II. das Bündnis mit England gefördert haben. Botschafter Hatzfeld plädierte dafür. Doch Holstein wünschte den Anschluß des Inselreiches an den Dreibund. Japan stand wohlgerüstet im Rücken Rußlands, wenn dieses Deutschland angriffe, und Deutschland im Rücken Frankreichs, wenn es sich am russisch-japanischen Krieg beteiligen würde. Tokio plante, Deutschland, England und Japan sollten sich gegenseitig sichern. Berlin hatte im japanischen Bündnissystem Priorität vor England. Doch Holstein wies Vicomte Aoki ab. Graf Wedel, der deutsche Botschafter in Tokio, bestand darauf, das kommende Jahrzehnt bringe den Krieg zwischen Japan und Rußland. Holstein lachte ihn einfach aus. "Der Walfisch könnte ruhig mit den Gelben gehen. Nie würde Japan wagen, sich am russischen Bären zu vergreifen".


   Mitte März 1901 hatte Lord Landsdowne Eckartstein gefragt, ob Deutschland zu einem Verteidigungsbündnis bereit sei. Dieser warnte erneut in Berlin vor der drohendem Wendung Englands zu Frankreich und Rußland, für den Fall, dass das Reich erneut ablehne. Doch Bülow und Holstein beharrten darauf, Österreich und Italien seien "in das Abkommen" mit einzubeziehen. Auch solle der Vertrag vom englischen Parlament bestätigt werden, was die Berliner Stellen zugestanden, während Landsdowne das Bündnis auf Japan auszudehnen wünschte. Der Brite ging nicht davon ab, das Abkommen ausschließlich mit Deutschland, und nicht mit Österreich und Italien abschließen zu wollen, was neben der Unwissenheit der deutschen Führungsspitze über die innerenglisch-parlamentarischen Gebräuche dazu führte, dass es erneut nicht zum Abschluss des Vertrages kam. Schon im Juni äußerte Chamberlain:


"Wenn sie so kurzsichtig sind, und nicht sehen können, daß eine ganz neue Weltkonstellation davon abhängt, so ist den Leuten nicht zu helfen".


   Allgemein wurde in London nunmehr zum Rückzug geblasen. "Verbindlich hörten König Eduard VII. und sein Botschafter Lascelles noch im August in Homburg die Gedanken des Kaisers über Englands Beitritt zum Dreibund an". Wieder trat Chamberlain in Birmingham auf die Rednertribüne. Aber es handelte sich um einen anderen Chamberlain. Er verwies darauf, nichts wären die Grausamkeiten, welche den Briten in ihrem Afrikafeldzug vorgeworfen würden, gegen die Haltung anderer Völker im vergleichbaren Fällen. Er wies auf die Taten der Deutschen im Feldzug von 1870 hin. Wilhelm II. lässt behaupten, er habe von all dem nicht gewusst. Demnach war der Kaiser von der tatsächlichen Politik getrennt gehalten worden. Bülow, so Wilhelm II., habe die Verständigung mit England, infolge Arroganz und Borniertheit, hintertrieben. Künftig gebe es für England nur noch einen Feind: Deutschland.
                                                 

          
Fortsetzung der Diskussion 1932.


   So kommt es zwischen 1897 und 1909 zu dem deutsch-englischen Gegensatz, der politisch und militärisch in den Entschliessungen Bülows begründet war.


   William Tyrell bezieht Stellung zu der Frage, weshalb es zwischen Bismarck und Salisbury nicht zum Abschluss des, von deutscher Seite angestrebten, Bündnisses gekommen war. Tyrell erläutert, Bismarck sei "der Ursprung der Verstimmung" gewesen. Salisbury habe "Misstrauen wegen Russland" und dem "Rückversicherungsvertrag" gehegt. "Das Anerbieten [Bismarcks] gegen Frankreich" sei inakzeptabel gewesen, da Bismarck  "uns [England] 10 % [bietet] und verlangt von uns 100 %´.-" Tyrell kritisiert "sein Paktieren mit der Kolonialpartei Frankreichs. Schon Herbert Bismarck ging diese Wege in Stockholm. In der Zeit von Barrière u[nd]. Jules Ferry ging das weiter." Mit dem "Aufputschen gegen England" sei  "das Gegenteil erreicht" worden. Daraufhin wurde "1904" die "Entente in London besiegelt". Tyrell betont: "Chamberlain/ 1898/ wollte ein Bündnis" mit Deutschland. Die "Verabredung" dazu habe er in einer "Rede mit Angriff auf Russland" formuliert. Doch dieses Angebot habe "Bülow desavouiert[e]". Der Kanzler habe "genau das Gegenteil" des Erwarteten getan. Daraufhin habe "Ch[amberlain]. gesagt: ‚Mit diesem Kerl will ich nie wieder etwas zu tun haben’". Es schlossen sich die "Versuche 1898-1900 mit Japan" an. "Hier" sei "der Wendepunkt" zu sehen. "- 1904" dann der "Wendepunkt für die Entente".
Tyrell fährt fort:


"Seit 1895 waren unsere Beziehungen zu Frankreich immer gespannt. Chamberlain war so wuetend, dass[s] er sagte: ‚Wir haben genug von diesen Geschichten’. Es waren die Konflikte wegen New Foundland, wegen Wes[t]afrika, wegen Siam und Marokko. Chamberlain sagte: ‚Diese Franzosen sind unmoegliche Leute. Sie haben die Verstaendigung mit Russland. Da ist die Versicherung ein Bund mit Deutschland. Diese Leute - die Franzosen - machen uns dasselbe, was uns Spanien gemacht hat. Mit einem Bund mit Deutschland koennen wir den Frieden der ganzen Welt diktieren’".


Wilhelm II.: "[M]mit Zuhilfenahme Deutscher Bajonette! Festlandsdegen[.]"


   Eingang findet dieses Statement Chamberlains 1931 bei Wilhelm II.. Dieser zitiert den Kolonialstaatssekretär:


"Sie haben die Verständigung mit Rußland. Da ist die beste Versicherung ein Bund mit Deutschland. Diese Leute - die Franzosen - machen uns dasselbe, was uns Spanien gemacht hat. Wir haben genug von ihren Geschichten. Mit einem Bund mit Deutschland können wir den Frieden der ganzen Welt diktieren!"


   Und Tyrell ergänzt:


" Salisbury wollte keine neue Politik mehr machen. Er war zu alt. Aber Chamberlain hat in Balfour einen Helfer gefunden. [gestr.: ‚Die deutsche Auffassung war’ und im folgenden geändert von Wilhelm II.] ....[unleserl.] war von ...[unleserl.] mitgetheilt, dass England einen Bund mit Deutschland [gestr.: ‚nur’] wollte, um [die] deutsche [gestr.: ‚Verständigung mit Russland unmoeglich zu machen’] Truppen gegen Russland zu verwenden".


Wilhelm II. wirft ein:


"[A]als ich durch Metternich aus Homburg dem Ausw[ärtigen]. Amt befahl[,] Chamberlain zu fragen: gegen wen er das Bündnis haben wollte[?] kam die Antwort zurück: ‚gegen Russland!’ [W]worauf ich erklären liess, ich hätte gar keinen plausiblen Grund[,] mit Russland einen Streit vom Zaun zu brechen (Verwandschaftl[iche].  Beziehungen, Befreiungskriege, Waffenbrüderschaft etc.)[.] Ich liesse mich nur auf ein von König u[nd]. Ministerium unterschriebenes, vom Parlament öffentlich sanktioniertes Bündnis ein. Da kam Salisbury dazwischen u[nd]. lehnte ab. Darauf schloss England mit Japan das Bündnis u[nd]. Japan stellte den Briten prompt seine Armee zur Vernichtung der Russischen zur Verfügung [.] Das sollten wir! Wundervoll wie der verschlagene Brit[ische]. Diplomat in scheinbar harmloser Weise die Wahrheit zu verdrehen versteht zu unseren Ungunsten! Die alte Taktik, die hier wieder in schönster Blüthe zur Anwendung gebracht wird, wie sie das F[oreign].O[ffice]. mit solcher Virtuosität uns gegenüber angewandt hat. Eine Mordsfrechheit einen renomierten Historiker ... so anzulügen. So geht es aber durch das ganze Gespräch. Einem ‚Continentalen’ gegenüber kann der Brite sich das eben leisten".


Der britische Botschafter setzt fort:


"Es [Deutschland] wollte sich kein ‚Netz’ ueber den Kopf werfen lassen. Es dachte, dass England nur der tertius gaudens sein wollte.

Wilhelm II.: ‚Wie im Japan[isch]-Russ[ischen]. Kriege!’

Salisbury wollte eine Verstaendigung mit Deutschland, keinen Bund. Er wollte keine Praezu[i]sion, sondern die England naehere psychologische Verstaendigung.

Wilhelm II.: ‚Blech!’ und: ‚Krieg m[it]. Russland!’.

Er  wollte vollstaendige Bereinigung und Zusammengehen ohne Vertrag.

Wilhelm II.: ‚wir u[nd]. Russland sollten uns gegenüber schwächen’.

Chamberlain wollte den ausgesprochenen Bund. Seine Rede, auf die Bülow nach der Vereinbarung antworten sollte, hielt Chamberl[a]in ohne Lord Salisbury zu verstaendigen. Er war zwar...

Wilhelm II.: ‚Unglaublich’...

sehr eitel, aber er hatte klaren Verstand, sehr grosse Energie, er war sehr praezis und hatte sehr grossen Mut.

Wilhelm II.: ‚nach alter Brit[ischer]. Tradition Parlamentarisch unmöglich! Daher hat S[alisbury]. nachher Chamberlain zu Fall gebracht, nicht ich oder meine Regierung’.


England wollte das Zusammengehen mit Deutschland absolut ehrlich.

Wilhelm II.: ‚Chamberlain der Premier nicht! vor allem K[önig].E[duard].VII. nicht! Fisher und Wilson nicht’.

Wenn wir einen Bund mit Deutschland gehabt haetten, so waeren wir stark genug gewesen, um Russland zu sagen: wir tolerieren nicht, dass der Friede gestoe[ö]rt wird...

Wilhelm II.: ‚Zb’. ‚dann wünsch[müss]te der Brit[ische]. Premier, die Brit[ische]. Regierung das Angebot machen, nicht irgend ein Minister hinter dem Rücken des Premiers!’

...Wir haben Deutschland gegenüber wirklich einen sehr grossen Fehler gemacht: 1882 - als unser Berliner Botschafter mit Bismarck ueber Kolonialpolitik sprach....

Wilhelm II.: ‚Russland dachte nicht daran’.

...Er erklaerte ihm: ´sagen Sie mir, ob wir uns nicht verstaendigen koennen". Bismarck hatte sich in die Kolonialpolitik draengen lassen.

Wilhelm II.: ‚falsch!’

Aber er war zu alt, um Kolonialpolitik noch anzufangen. Unser Fehler war es, dass wir ihn zwei Jahre auf Antwort warten liessen. Er hat dann Truppen gelandet. Da war sehr viel Schuld bei uns. Ebenso absolut haben wir uns; als es mit Deutschland nicht ging, als wir abgewiesen wurden, mit Frankreich verstaendigt.
 
Wilhelm II.: ‚Der König vor allen! umgekehrt! Geschichtsklitterung!’

Unsere Heirat mit Frankreich und Russland [gestr.: ‚und mit’] hat absolut Deutschland gemacht. Russland war unsere Verstaendigung 1907.

Wilhelm II.: ‚Unverschämtheit! absolute Lüge!’


Warum es nicht zu einem Abkommen mit Deutschland kam, erläutert Tyrel weiter:


"Die Verstaendigung mit Deutschland scheiterte an Bu[ü]low. Die Eckardsteinsche Sache an...

Wilhelm II.: ‚war Betrug’.

...Holstein, der erklaerte, Deutschland koenne kein Buendnis mit England und Japan haben, weil das die Verstaendigung mit Russland verdirbt.

Wilhelm II.: ‚Und mit Frankreich auch’.


Unsere Minister hatten immer den Eindruck, dass der Kaiser ueber die Dinge nicht informiert war, ueber die er sprach. Bülow spielte mit ihm wie mit einem Kinde. Mein Onkel Radolin sagte mir ueber Bülow: ‚Glaube mir, er ist ein Schwindler. C´est un aventurier, der niemand die Wahrheit sagt und dem Kaiser nie etwas sagt’.

Wilhelm II.: ‚er sprach so wie er es haben wollte, nicht ahnend[,] dass seine Regierung eine andere Sprache in seinem Namen führte/ Constitutionalismus[-] stimmt’.

Eckardstein war ein Mann, der viel in England gelernt hat. Er sah ein, dass England den Frieden wollte. Aber auch, dass das Auswaertige Amt keine Kenntnis von England hatte.

Wilhelm II.: ‚ein Lump!... Recht powerer Rechtfertigungsversuch für die hinterhältige britische Hetzpolitik gegen uns! Warum hat denn das F[oreign].O[ffice]. nicht einen Vergleich zw[ischen]. meinen persönlichen Ansprachen in England mit den of[f]iziellen Meldungen aus Berlin gemacht, u[nd]. wenn da eine Discrepanz zu Tage trat einfach die Sache bei mir oder in Berlin zur Sprache gebracht? Wie kamen die Brit[ischen]. Minister dazu dem Enkel ihrer Königin weniger Gewicht beizumessen als Holstein u[nd]. Bülow? Constitutionalismus! Mir gegenüber würde Mr.Tyrell mit obigen Flausen nicht durchgekommen sein. Ich hätte ihm auf gut Englisch den Text gelesen’".


   Wie folgenschwer diese Abweisung Englands durch Deutschland war, offenbaren die Erklärungen William Tyrells zur Umstellung der englischen Politik nach 1901. Tyrell argumentiert mit entwaffnender Offenheit. Der Verdacht wird so neu belebt, England habe 1914 einen Präventivkrieg gegen das wachsende Deutschland geführt. Der britische Botschafter enthüllt:


"Was Deutschland betrifft, so haben wir es seit unserer Abweisung direkt als Feind betrachtet. Wir haben unser Verhalten dementsprechend eingerichtet und haben jede Versicherung getroffen, die man gegen einen Feind trifft. Die Anregung, dass die beiden Generalstäbe - von uns und von Frankreich - in Besprechungen miteinander eintreten sollten, ist von dem französischen Militärattaché  in London General Huguet ausgegangen. Man war in Frankreich unsicher geworden, ob die Entente auch weiter bestehen sollte, als das liberale Kabinett ans Ruder kam. Aber das war auch nur eine Versicherung. Es wurde so gearbeitet, dass im Falle der Gefahr und im Falle der Not ein Druck auf den Knopf genüge. Das hatte Bülow herausgefordert. Falsch ist, was Nicolson über die Sache mit Belgien erzählt. Alles was darüber veröffentlicht worden ist, besagt nichts. Alle Schriftstücke sind Enunciationen des britischen Militärattachés in Brüssel. Wer diesen General kannte, wusste, dass er dies alles auf eigene Faust tut. Die Regierung hat das weder gebilligt, noch hat sie selbst dergleichen angeordnet oder veranlasst, noch gehindert, sondern laufen lassen!"


   Der Russisch-Japanische Krieg bildete eine der bedeutenden Zäsuren des beginnenden Jahrhunderts, die weitgehend unerkannt blieb. Wilhelm II. gibt des Kaisers Einschätzung eines möglichen Krieges:


"Über Amerika hatte er Nachrichten aus Japan erhalten, die mit Gewißheit den Niederbruch der Russen voraussagten. Im Gegensatz zu seinem eigenen Generalstab rechnete er mit dem Sieg der Japaner. Aber auch der Zar erhoffte immer noch [einen] günstigen Kriegsausgang durch seine Waffen. Die deutsche Hilfsbereitschaft, die Kohlen für seine Kriegsschiffe nahm er dankbar an. Da England in den Kohleabgaben nahezu einen Bruch der Neutralität sah, obgleich Deutschland erklärte, sie nur bis in die Höhe von Madagaskar gewähren zu wollen, da England zum Schlusse deutschen Schiffen nicht mehr die Ausfahrt aus seinen Häfen gestatten wollte, wenn sie mit Kohlenvorräten den Geschwadern des russischen Admirals entgegendampfen wollten, so ließ ich in Petersburg anfragen, ob Rußland wenigstens dann zu Deutschland stehen wollte, wenn es eben der Kohlelieferungen wegen zu Konflikten käme. Graf Lambsdorff hatte alle Ursache, die Anfrage zu bejahen. Noch einmal wiederholte ich daraufhin mein großes Angebot. Aber wiederum bestand der Zar darauf, vor dem Abschlusse eines Kontinentalbündnisses erst Frankreich zu befragen. Abermals lehnte ich ab".


Das Deutsche Reich bewarb sich, in Konkurrenz mit Frankreich, um den möglichen Bündnispartner Rußland. Doch dieser sah nicht die Vorteile, die ihm das aufstrebende Deutschland bot. So zumindest lautete die Einschätzung Wilhelms II., der jedoch annahm, das Zarenreich werde erst nach erlittener Niederlage zum Bündnis bereit sein. Andererseits hatte England sich im Zusammenhang mit dem Doggerbank-Zwischenfall, und der Versorgung der russischen Flotte durch deutsche Kohledampfer auf der Kap Route, scharf gegen die weitere deutsche Aufrüstung zur See gestellt.


   Fürst Egon von Fürstenberg erläutert seine Eindrücke von König Eduard VII. von England, der für die politisch-militärische "Einkreisung" Deutschlands verantwortlich gewesen sein soll. Die wenig positiven Details zum Vorleben Eduards VII. in den europäischen Hauptstädten, ergänzt Fürst Fürstenberg durch die Bemerkung, der englische König habe


"den Aufstieg Deutschlands gesehen. Er sah die Gefahr, die für England daraus erwuchs. Er wollte für England tun, was er nur konnte. Da begann er Deutschland einzukreisen, überall spuckte er ihm in die Suppe.... Durch seine Persönlichkeit, durch sein Wissen, durch das was er im Leben gelernt hatte, hatte Eduard bald jenes wirkliche Weltkönigtum erreicht, dass die Sehnsucht Kaiser Wilhelm’s war und das ihm fehlte".


   Zugleich wird deutlich, wohin die Gedanken des deutschen Kaisers in dieser weltgeschichtlichen Phase schweiften. Der "natürliche" Drang zu immer grösseren Einheiten, komplexeren Strukturen und umfassenderen Ämtern liess die Phantasie ins Ungeahnte wachsen. Graf Monts belastet den Kaiser mit der Verantwortung für das "schlechte[n] Verhältnis zwischen Eduard von England und" Wilhelm II.

Wilhelm II.: " ‚falsch’[.] Er lese die Memoiren Lord Landsdownes darüber! Dem die Haare zu Berge [gestr.: ‚darin’] standen über die unerhörte Art wie Edu[ard]. VII. sich schriftlich über mich äusserte!"


   Monts geht weiter ins Detail:


"Ich erinnere mich, wie peinlich es war, als der Kaiser nicht wollte, dass bei seinem ersten Besuche in Wien auch der Prinz of Wales wäre. Wir bekamen ein Telegram, das S[eine].M[ajestät]. kein Zusammentreffen mit seinem Onkel wünsche."


Wilhelm II.: ‚weiss nichts davon’.


Prinz Reuss musste also wohl oder Übel zu Kalnocky gehen, der sehr feine Ohren hatte und auch die Andeutungen des Prinzen verstand. Kalnocky war die Sache auch nicht angenehm. Nun wurde Festetio a[r]larmiert. Auf seinem Gute am Plattensee wurden nun Jagden und alles mögliche arrangiert. Der Prince of Wales fuhr hin, aber Sie können sich denken, wie wütend er war. Das alles machte man, anstatt zu sagen: Umso besser, wenn der Prinz auch hier ist, dann sind wir eben drei im Bunde. Nun war ja auch der Prinz of Wales ein eigenartiger Herr. Aber er verstand seine Engländer. Er war geschäftstüchtig  [Unterstreichung Wilhelms II.: ´!´], wie es die alte Queen und schon gar die Kaiserin Friedrich war. Geld hatte er nie."


Wilhelm II.: ‚dann war er also nicht geschäftstüchtig’.


"Er war oft in Homburg und dann pflegte er immer 12 Herren zum Frühstück einzuladen. Durchreisende oder Herren, auf die er gerade Wert legte. Er lud sie zu sich ein ins Hotel. Das Essen war ausgezeichnet. Wenn die Herren aufbrachen, stand draussen der Maitre d´Hotel und präsentierte die Rechnung für das Kuvert. Die Queen war geizig. Sie gab ihm so gut wie gar nichts. Der Prinz of Wales gab vielen Grossindustriellen, Brauern, Leuten aus Südafrika die Ehre seines Besuches zu einem Frühstück. Er hatte einen Sekretär, der auch Posonby hiess, wie der jetzige. Dafür war eine Taxe. Das kostete 1 bis 2 Tausend


Wilhelm II.: ‚mir völlig unbekannt’.


Guinees. Nach dem Besuch kam Posonby, kassierte den Scheck ein und steckte ihn in die Brusttasche. Namentlich die Südafrikaner kostete das viel Geld. Die Engländer wussten das und fanden auch gar nichts dabei.


Wilhelm II.: ‚nie etwas davon gehört’.


Aber für den Kaiser, der so etwas nie gemacht hätte, waren das unmögliche Methoden


Wilhelm II.: ‚falsch, er wollte ihn u[nd] das gönnt mir Monts von Herzen!’.


Auch bei Kaiser Franz Joseph wäre das unmöglich gewesen. Einen Krieg mit Deutschland wollte König Eduard bestimmt nicht. Er wollte Deutschland kaltstellen, vor allem immer seinem Neffen eins draufgeben".


William Tyrell äussert sich zu König Eduards Versuch, Österreich vom Dreibund abzuwerben:


"Den Versuch König Eduard´s, Kaiser Franz Joseph in Ischl vom Bündnis mit Deutschland fortzubringen, kann ich nicht als authentisch betrachten.


Wilhelm II.: ‚Frechheit!’ – ‚absolut authentisch ich habe es vom Kaiser selbst’.

Aber wenn Kaiser Franz Joseph selbst dies erklärt hat, dann ist es wohl möglich.


Wilhelm II.: ‚freilich’.


 Es wird ein vorsichtiger Tastversuch gewesen sein; dass der König zu den Ministern nicht davon gesprochen hat, namentlich wenn der Versuch missglückte, ist selbstverständlich.


Wilhelm II.: ‚Jesuitisch-Britisches verklausuliertes Eingestehen!’


Es könnte also wohl so gewesen sein.


Wilhelm II.: ‚Unverschämter Brite’, - ‚Na also!’ ‚Wenn S[eine].M[ajestät]. K[aiser]. F[ranz].J[osef]. u[nd]. S[eine]M[ajestät]. K[aiser]. W[ilhelm].II. sagen[,] dass es so ist, dann ist das so! Mr. Tyrell hat dazu die Schnauze zu halten!’


   In Wahrheit, so äussert sich der Premier Asquith, sei der Dreibund ein "höchst künstliche[s] Gebilde" gewesen. Das habe schon Bismarcks Versuch einer Rückversicherung bei Russland gezeigt. Italien sei "niemals im Dreibund zu Hause" gewesen und habe "sich mehr und mehr" losgelöst:


"1902 schloß es [i.e. Italien] das Prinetti-Abkommen mit Frankreich; stimmte ständig gegen seinen deutschen Verbündeten auf der Algeciras-Konferenz 1906 und befand sich seit 1912 mit Österreich fast dauernd in hitzigen Disputen über Balkanfragen. Italien widersetzte sich in Wirklichkeit dem zynischen österreichischen Plan zur Zerschmetterung Serbiens nach dem Vertrag von Bukarest 1913. Österreich, selbst ein geographischer Notbehelf, hatte kein unabhängiges Gemeinschaftsleben und trieb im Kielwasser Deutschlands, das seinerseits mit all seinen großen Hilfsmitteln und noch größeren Möglichkeiten, seit dem Tode Bismarcks, das Genie der Führerschaft eingebüßt hatte".


Wilhelm II. merkt an:


"Ballin hat mir von einem Gespräch mit Sir E[rnest].Cassel berichtet. Dieser war von K[önig].E[duard].VII. zu ihm geschickt, um ihn zu bereden in der Colonialpolitik zu Englands Gunsten auf mich einzuwirken. Cassel deutete dabei an: ‚dass Ballins Stellung zu mir ja doch dieselbe sei, wie C[assel]´s zu E[duard].VII. les petites entrées, intime diners, Kartenspiel etc!’ Worauf B[allin]. antwortete: ‚S[eine].M[ajestät]. führt seine Colonialpolitik nicht nach den Interessen seines Portemonnaies, er speculiert auch nicht Colonial-Shares wie sein Herr Oheim. Mit S[einer].M[ajestät]. Vermögensverwaltung habe er nicht das Mindeste zu thun. Wenn aber Sir E[rnest].C[assel]. sich einbilde sein - B[allin]’s - Verhältnis zum Deutschen Kaiser entspräche demjenigen von C[assel]. zu K[önig].E[duard].VII.[,] dann befinde er sich in einem ‚dicken Irrtum!’ Der Deutsche Kaiser habe nicht die Angwohnheit[,] sich Aben[d]s mit ihm [z]u ein pa[a]r anderen Juden an den Spieltisch zu setzen u[nd] ihnen die Zechinen aus der Tasche zu holen wie sein Oheim. Wenn S[eine]. M[ajestät]. je so etwas ihm, B[allin]., proponiren sollte, dann würde er der erste sein[,] S[eine].M[ajestät]. zu antworten: ‚Nein E[ure].M[ajestät]. das geht nicht; das passt sich für E[ure].M[ajestät]. Oheim, aber nicht für Sie als den deutschen Kaiser, der darf so etwas nicht thun!’ C[assel]. habe ein äusserst verwundertes Gesicht gemacht  und sei sehr verlegen abgezogen.- Tyrell ist mir stets als verlogen u[nd]. verschlagen geschildert worden. Das hat er hier sattsam bewiesen!"


   Österreich dachte darüber nach, wie dessen Platz im Kreis der Großmächte zu sichern sei. Baron Kanya, der österreichische Gesandte in Berlin, berichtet, der Staatskanzler Aehrenthal habe "die Überzeugung" vertreten,
"dass irgend etwas geschehen müsse, um das Prestige des Dreibundes wieder zu heben, das durch die schlechte deutsche Politik der Jahre vorher vollkommen gesunken war. Es waren die Ausstrahlungen, hauptsächlich der Marocco-Politik".


Das war der Ansatzpunkt für die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich. Kanya klärt über den Entscheidungsprozes in Wien auf:


"Am 20. August 1908 trat ein Ministerrat zusammen, um zu beraten, was in der angedeuteten Richtung geschehen solle. Die Idee der Annexion stammte aber nicht von Aehrenthal, sondern von Burian. Aehrenthal selbst war entschlossen die Annexion trotz aller Konsequenzen durchzuführen, die er vollkommen übersah und die mit einer erstaunlichen Richtigkeit seiner Voraussage gemäss eintrafen.
Er kündigte den Sturm an, der sich erheben würde. ‚Aber lassen sie sich nicht beirren’, sagte er zu mir. ‚Schlagen Sie drein in der Presse, was Sie können. So scharf wie möglich’".


Die wichtige Grundüberlegung hinter der Aktion Österreichs bestätigte, dass nicht zuletzt Österreich - wie Deutschland - die Hand Englands ausgeschlagen hatte. Kanya berichtet:


"Aehrenthal war der Überzeugung, dass Russland keinen Krieg deswegen führen könnte. Russland war nicht fertig. Was die Jungtürken betraf, so hatte er vor, sie zu kaufen. Das hat er dann mit 50 Millionen getan. Was die Serben betraf, so war er entschlossen, mit Ihnen unter Umständen Krieg zu führen. Dann aber bekam er Sukkurs durch England, das Serbien zu den bekannten Erklärungen zwang. Mit König Eduard hatte er übrigens in Ischl 1907 eine Unterredung. Dabei hatte der König versucht, die Monarchie von dem Bündnis mit Deutschland wegzubringen. Aber Aehrenthal lehnte ab. Wir hätten damals natürlich Deutschland fallen lassen und mit England gehen können. Es ist also nicht ganz richtig, wenn die Deutschen später behaupteten, dass sie nur uns zu Liebe in den Krieg eintraten und dass wir auf sie angewiesen waren. Wir hätten 1907 die Angelegenheit auch anders führen können. Deutschland war mindestens so angewiesen auf uns, wie wir auf sie".


Die Disposition der Krise ergab sich mit "der Sandschak-Angelegenheit". Aehrenthal habe nun versucht,  "den Gegner wieder zu versöhnen, den man verletzt hat". "So entwickelte sich allmählich die Korrespondenz und die Unterhandlungen mit Iswolsky", berichtet Kanya. "Die geheime Korrespondenz, mit deren Veröffentlichung Aehrenthal schliesslich" gedroht habe, "bezog sich auf die Zusprechung der Dardanellen an Russland". „Die Details dieser Verhandlungen mit Rußland, die ja schließlich mitentscheidend für die Motive Rußlands wurden, schließlich einen Weltkrieg zu führen ein“, schildert Kanya:


"Aehrenthal war auf sie eingegangen, hatte aber dabei auf die anderen verwiesen, die mitzusprechen hätten, andererseits aber hatte er seine Wünsche formuliert. Schliesslich kam es zu der Entrevue von Buchlau. Die Angelegenheit wurde dort ohne Zweifel sehr ernsthaft durchgesprochen. Mit verschiedenen Kleinigkeiten hat aber Aehrenthal Iswolsky ohne Zweifel hineingelegt. Er erklärte, dass die Annexion ‚bald’ geschehen werde. Iswolsky fuhr nach Paris und wurde dort von Clemenceau fürchterlich angefahren, weil er erst mit den Feinden verhandelt hatte, bevor er mit den Verbündeten überhaupt gesprochen hatte. In London fiel er dann vollständig ab. Er war eitel. Er erwartete, dass er in den Grafenstand erhoben würde. Statt dessen musste er dem Zaren die vollzogene Annektion mitteilen. Iswolsky wandte sich in seiner Verzweiflung nunmehr an Bülow. Aehrenthal hatte vorausgesagt, das man eine Konferenz werde einberufen wollen. Auch Bülow war für eine Konferenz gewesen. Aber Aehrenthal war von Anfang an entschlossen, auf eine Konferenz unter keinen Umständen zu gehen. Da machte Bülow etwas, was ganz klug war, indem er Iswolsky auf seine Frage, was nun zu tun wäre, einfach sagte: ‚Nachgeben’".


In seinen Erinnerungen hat Bülow das falsch dargestellt. Von einem Ultimatum in Petersburg war gar keine Rede. Noch weniger davon, dass Bülow auch nur den geringsten Einfluss auf den Gang der Ereignisse gehabt hätte. Nicht er führte Österreich Ungarn, sondern Aehrenthal stellte ihn vor vollendete Tatsachen. Dass die Russen die deutsche Haltung als Aufreizung empfinden mussten, ist eine andere Angelegenheit.


Aehrenthal teilte Bülow den Beschluss der Annektion und den Termin der Veröffentlichung am 9. September mit. Ich selbst hatte das Schreiben abgeschickt. Bülow musste es am 10. September haben. Kaiser Wilhelm hat von der Annektion erst erfahren, als es alle wussten. Es ist also unbegreiflich, wieso Bülow ein Schreiben, das er am 10. September hatte, und dass eine so wichtige Angelegenheit enthielt, dem Kaiser überhaupt erst am Ende der ersten Oktoberwoche mitteilte. Dem Präsidenten der französischen Republik sollte die Mitteilung erst am 5. Oktober wie allen übrigen gemacht werden. Da der Präsident aber verreiste, wurde ihm die Mitteilung vom Grafen Khevenhüller um ein oder zwei Tage früher gemacht. Graf Khevenhüller hatte die Erlaubnis hierzu in Wien eingeholt".


Allgemein war Aehrenthal bewußt, "dass einmal die Auseinandersetzung mit Russland kommen würde...Er hielt sie für unvermeidlich, er hatte aber die Überzeugung, dass er - also Österreich-Ungarn - allein mit Russland und Serbien fertig würde".


   Von besonderem Interesse sind die Äusserungen des früheren Außenministers Jagow, der zunächst Holstein schildert, welcher "in der Annexionskrise [1908/09]...jede Nacht durch die Hintertür ins Kanzlerpalais" geschlichen sei. Holstein sei "damals für den Krieg" gewesen. Er habe auch alles getan "um es zum Kriege zu bringen". Jagow meinte ex post, Holstein habe "damals wohl auch recht damit gehabt".


   Graf Monts berichtet einige aufschlussreiche Details über Bernhard Fürst von Bülow:


"Bülow war 7 Jahre Gesandter in Bukarest gewesen, [dann] bevor er Kanzler wurde.


Wilhelm II.: "erst Staatssekretär des Äusseren!"


Er hatte eine beispiellose Suada. In Bukarest liess er in seinem Badezimmer die Wanne vollaufen und das Wasser rauschen und davor übte er sich im Reden. Er wollte das Wasser übertönen. Er dachte an Demostenes, der sich im Reden übte, indem er die Wellen des Meeres [zu] übertönen suchte. Das hat mir Alfred v.Bülow erzählt, der ebenso anständig war, wie sein Bruder unanständig. Bülow legte sich auch einen Buchmann zurecht. Er lernte alle Zitate auswendig. Damit schmückte er seine Reden aus. Als er seinen Schlaganfall hatte, verliess ihn sein Gedächtnis. Es war da mit seiner Redekunst aus. Er machte alles mit der Presse. Herrn von Holstein hat er gestürzt. Als ich Holstein einmal über seinen Sturz befragte, hielt er Tschirschky für den Urheber. Ich sagte ihm: ‚Nein, Bülow hat es getan’".


Wilhelm II.: ‚[N]nein! [E]er wollte nicht! Ich habe ihn mit Tschirschky gezwungen’, ‚das war falsch!’.


   Bülow habe "grosse Fehler und kleine Fehler" gemacht, behauptet dessen scharfer Kritiker Graf Monts. Wilhelm II. merkte knapp an: "wie Bismarck". Aber Monts hatte den "grossen Fehler,... die Ablehnung der englischen Annäherung" im Auge. "Ferner Marokko, endlich, dass er Aehrenthal carte blanche in Serbien" gegeben habe. Hintergrund dafür sei gewesen, dass "die Jungtürken...nicht daran gedacht" hätten, Wahlen auszuschreiben. Österreich-Ungarn" habe "in Bosnien und der Herzegowina ein Mandat" besessen. Da sei "viel mehr" gewesen, als eine Annektion. Aehrenthal, so berichtet Monts,


"wollte aber dem Kaiser Franz Joseph zwei Provinzen als Ersatz für Venetien und die Lombardei geben. Dafür wurde er Graf. Dafür gab er die Kontrolle über Antivari her, die Kontrolle an der Montenegrinischen Küste und im Sandjak. Ohne die Preisgabe des Sandjak hätte es überhaupt keinen Balkankrieg gegeben. Aehrenthal sah das falsch und Bülow hatte keine Ahnung von der Sache".


Wilhelm II.: ‚...und er sagte nichts und liess ihn reinfallen!’ Doch Monts fährt fort:


"Bülow hat auch eine ganz falsche Einstellung Italien gegenüber gehabt. Dass die englische Maltaflotte die italienischen Häfen bis nach Livorno hinauf kontrollierte, das begriff er nicht. Es ging ihm einfach nicht in den Kopf. Bei der Erneuerung des Dreibundes liess er sich ein Gutachten von Klenat ausarbeiten. Tschirschky und ich arbeiteten in ihm das Material durch. Wir kamen beide zu dem Resultat, dass der Vertrag nicht haltbar war, vor allem der unglückliche Paragraph 6, der dann auch zum Austritt von Italien führte. Aber Aehrenthal wollte unbedingt die Erneuerung. Die zweite Erneuerung hat Kiderlen hinter dem Rücken von Jagow und gegen meinen Willen durchgeführt. Wir haben [sie] Italien umfraktioniert. Wir erklärten, dass der italienische Botschafter in Wien die Erneuerung angeregt hatte und dass wir gerade [dar]auf eingingen"

.
Auch Wilhelm II. habe Italien falsch eingeschätzt. Monts sagt:


"Im Jahre 1912 war Schemua in Berlin. Er erklärte dem Kaiser[,] dass Tirol und Isonzo sehr gut gesichert waren. Und der Kaiser hielt das nicht für sehr wichtig. Noch im Jahre 1914 sagte er zu Conrad Hohenlohe: ‚Sie werden ja gesehen haben, wie gut wir uns mit Italien stehen. Der Irredentismus ist eine Erfindung meines früheren Botschafters in Rom".


Wilhelm II.: ‚gelogen!’


   Raschdau charakterisiert Bülow als "Schmeichler". Er habe "dem Kaiser immer einzureden" versucht, "dass die ganze Erde ihn als ‚arbiter mundi’" betrachte. Eulenburg habe "dem Kaiser viel haeufiger die Wahrheit" gesagt. Wilhelm II. merkt an: "ja". Bülow sei "ueber das Nachlassgesetz 8 Monate nach der Novemberkrise gestuerzt. Aber der Kaiser" habe "noch wiederholt bei ihm gespeist". Dazu ergänzt Wilhelm II.: "Graf Hertling sagte mir mal ganz stolz: ‚Ich habe Bülow gestürzt, weil er log’".


   Tyrell beurteilt den mässigen Zuschnitt der deutschem Botschafter in London äusserst realistisch. Er ergänzt:


"Mit Metternich - auch er war faul - ging es ganz gut. Bis er nach Berlin ging. Dort wurde er von Tirpitz aufgehetzt. Wer [Streichung] wirklich [ergänzt: "etwas"] verstand, war Graf Hatzfeldt".


   Asquith gesteht zu, England habe sich "durch den Wiederaufbau" der "Armee und durch reichliche Vermehrung" der Flotte "auf die schlimmsten Eventualitäten" vorbereitet. Demnach war das eine Art Kriegsvorbereitung seit 1906?

Bernd F. Schulte(c)

Reichsfernsehen 1932: Diskutieren im Stil einer Fernseh-Talk-Show. Die Handelnden von 1914, und deren Bild vom Entstehen des Ersten Weltkrieges.

 

Teil III: Deutsche Taktik.

 

Tirpitz: der "Vater der Lüge"*.

  Grundsätzliche Differenzen verhinderten den deutsch-englischen Ausgleich. Während das Reich definierte Garantien der englischen Unterstützung in solchen Teilen der Welt forderte, in welchen dessen Interessen weniger bedeutend waren - vor allem in Mitteleuropa - forderte England Unterstützung im Fernen Osten, wo Deutschland nur geringe Interessen besass. Doch die deutsche Regierung verstand nicht die Folgewirkungen der englischen Haltung. Ein Abkommen über solche Regionen, in denen britische Interessen bedeutend waren, schien möglich, jedoch kein Militärbündnis über Zentraleuropa, weil es keinerlei Bedrohung gab, die ein derartiges Abkommen rechtfertigen würde.

   Tirpitz unterstreicht, zum Aufbau der deutschen Flotte gehörte die

"Geschichte mit Mani[l]la und den[m] Admiral Dieterichs. Ferner die Geschichte mit den portugiesischen Kolonien 1897. Dann die Sache mit dem Weltmarschall, dem Sü[h]neprinzen und dem verunglückten Kotau. Die Deutschen und die Österreicher, zur Not noch die Italiener gehorchten Waldersee. Die anderen  machten alle, was sie wollten.

Wilhelm II.: ‚Unsinn!’

Es war ein grosser Fehler, Deutschland in den Vordergrund zu schieben, weil unser Botschafter Graf Kettler so dumm war...

Wilhelm II.: ‚Monts war ja sein Dozent gewesen! Er that seine Pflicht’.

...sich totschlagen zu lassen. Denn man hatte ihn gewarnt, doch er hat erklärt: ‚Mir kann als Botschafter nichts geschehen’

Wilhelm II. greift ein:

"Jetzt weiss ich, wo eine der [gestr.: ‚falschen’] Quellen steckt, von, der die fabelhaften Lügen über mich verbreitet werden! Das ist Monts mit seinem Gequatsche!"38

   Monts verwahrt sich grundsätzlich dagegen, Tirpitz sei der Schöpfer der deutschen Flotte gewesen. Er merkt an:

"Tirpitz tut immer so, als ob er die deutsche Flotte geschaffen [hätte]. Keine Spur davon".

Vielmehr hätten Admiral Werner, sein Vetter Graf Monts, der Bruder des Grafen Waldersee - "der jung gestorben...und sehr begabt" gewesen sei - endlich St. Paul[i]-Hilaire, der spätere Hofmarschall des Prinzen Adalbert", die Initiative ergriffen und seien um die Mitte des 19. Jahrhunderts nach England gegangen. Dort seien sie "viele Jahre" geblieben und hätten "dann den Grundstein zu der Flotte" gelegt. "Ein See-Offizier[s]corps" sei "auch nicht in 10 Jahren ausgebildet".Monts betont: "Es gehören 40 Jahre dazu".

Der Diplomat ergänzt, Tirpitz habe der Kaiserin keinen Aufstand eingeredet, der stattfände, wenn das Flottengesetz nicht verabschiedet würde, sondern

"er redete ihr ein, dass die Dynastie gefährdet sei, so sehr sei der Flottengedanke im Volke verwurzelt".

Augusta Victoria habe "den Kaiser damit schrecken" sollen. Wilhelm II. merkt dazu an:

"gelogen! niemals hat Ihre M[ajestät]. mir sowas mitgeteilt"39.

   Im Februar 1900 kündigte Tirpitz im Reichstage an, daß siebzehn Linienschiffe in sechs Jahren gebaut würden. Das war die offene Attacke auf England und die Welt veränderter. Es traf zu, wenn betont wurde,

"nur der Admiral von Tirpitz und der neue Reichskanzler Graf Bülow glaubten, daß sie ihr eigentliches Wollen so geschickt hinter einem Wort und einer Spiegelfechterei verkleidet hätten, daß England den versteckten Sinn nicht begriff"40 (Hervorh.v.m., B.S.).

Exakt dies traf zu.

   Tirpitz kommentiert weiter Details der Entrevue von Björkoe. "Der Admiral des Atlantik grüsst den Admiral des Pacifik" sei das Motto dieses Gesprächs zwischen Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. gewesen. Der Kaiser habe sich dabei "sicher nichts" gedacht, meint Tirpitz. Vorgeblich habe er, Tirpitz, bereits in Stettin den Kaiser vor einer solchen Aussage gewarnt, da der Zar diese "sofort Lambsdorff geben würde". Und was dann geschehe, könne man sich ja denken. Noch in Reval habe ihm der Zar versichert: "Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich Deutschland nie den Krieg erklären werde"41.

Erneut unterstreicht der Flottenspezialist seine Position, einer engen Anbindung an Russland, als Basis jeglicher Konfrontation mit England. Auch legt er ex post nahe, Deutschland habe einen Krieg nicht benötigt, habe warten können bis sich die bedeutendere Industriekraft des Reichs auswirken würde. Indem Tirpitz Differenzen mit dem Kaiser betont, teilt er zugleich mit, dass im Jahre 1906 Streit zwischen dem Kaiser und dessen Berater über die Höhe der Flottenforderungen aufgetreten sei. Dies erscheint von Bedeutung, war doch - im Gefolge der ersten Marokkokrise - die mangelnde Kriegsbereitschaft der deutschen Armee und Flotte offenbar geworden. Tirpitz führt aus:

"Es gab [dann] bisweilen ‚ein Stadium der leichten Ungnade’, was für mich das Beste war.

Wilhelm II.: ‚besonders wenn er mich belogen hatte’.

1906 war eine Misstimmung da, weil ich nicht genug für die Flotte verlangte. Da gab es einen richtigen Krach. Mir lag natürlich viel an der ‚Flotte’, die ein Faktor war. Die rapide Entwicklung unserer Wirtschaft, war freilich eine grosse Gefahr für Deutschland. Stahl ist immer ein Barometer in diesen Dingen. Wir waren weit voraus. Aber im ganzen waren der Kaiser und ich immer einer Meinung über die Flotte. Die Stadien der Ungnade kamen immer wieder, wenn er selbst mit eigenen Dingen kam. Er kam mit neuen Konstruktionen zu denen er sich irgend einen düsteren Techniker herausgeholt hatte.

Wilhelm II.: ‚falsch! er ärgert sich, dass er die Erfindung nicht gemacht hatte’). Ich aber trug die Verantwortung. Ich hatte einen hochausgebildeten Stab herangezogen. Da gab es dann Konflikte"42.

 "Nicht nur der Kanzler, auch der Staatssekretär des Marineamtes, Admiral von Tirpitz, gedachte die allgemeine Erbitterung der Öffentlichkeit gründlich auszunutzen [nachdem diese zuvor geschaffen wurde, B.S.]. das Flottengesetz nannte er bereits gesichert. Er trank ein Glas Sekt auf die Beschlagnahme der deutschen Schiffe [Postdampfer-Affaire]". Wilhelm II. habe sich seit Herbst 1895 der Flotte zugewandt. Seit Peter Winzen wissen wir, daß Wilhelm II., Tirpitz und Bülow 1891, im Kieler Schloß, den Aufbau einer Flotte beschlossen.  

 

Marokko I: "Das passiert mir nie wieder!"

   Tyrell enthüllt:

"der Marokko-Vertrag ist in Berlin gemacht worden. Alles, was sich seit 1900 ereignete, hat Berlin gemacht. Es war ‘notre Bureau de Marriage’43 (Hervorh.v.m., B.S.).

   Kühlmann geht in seinem Einwurf weiter zurück, geißelt die Kontinuität des Unverständnisses, angesichts der sich wandelnden internationale Lage, in Berlin und zeichnet ein differenzierteres Bild der französischen Aussenpolitik Delcassés:

"Als England an die Ordnung des Egyptischen Problems ging, versuchte er  aus seiner Isolierung irgendwie heraus zu kommen und eine Anlehnung an eine Kontinentalmacht sich zu sichern. In Deutschland hat man das nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. Man hat mit geistvollen Phrasen herumgeworfen und in den Gleichnissen von Wa[a]lfisch und Elefant gesprochen, die man an einander geraten lassen wollte, ohne sich selbst zu binden. Auch der alte Bismarck übersah oder verstand die ganze Situation nicht. Er war eben nicht mehr ein Mann von 45. Die anderen bildeten sich weiss Gott was auf die Feinsinnigkeit ihrer Gleichnisse ein. Die Folge war, dass sich England inzwischen mit Frankreich arrangierte. Da es Egypten nahm, überliess es Marocco der französischen Einflussphäre. Das geschah im Jahre 1904. Delcassé hatte die Empfindung, dass er bei dieser Neuordnung uns nicht ganz übergehen könne und klopfte vorsichtig bei Herrn von Radowitz an. Man hielt das wieder für eine Falle und es wurde nichts daraus. Ich war um diese Zeit aus Persien zurückgekommen und kurze Zeit in London. Es liess mich Herr von Holstein kommen und schickte mich nach Tanger. Ich hatte das Gefühl, dass aus dem Marocco-Abkommen zwischen England und Frankreich sehr viel für uns herauszuholen wäre, indem wir uns die Zustimmung zur Neuordnung möglichst teuer abkaufen liessen. Ich organisierte in Tanger einen ganz regelrechten Dienst zur Realisierung dieser Idee. Als der Kaiser auf eine seiner Mittelmeerreisen ging, inspirierte ich den Korrespondenten der Times, den Vertreter der Agence Havas und der Kölner Zeitung eine Depesche, in der es hiess, dass alles in Marocco von ihm erwartete, dass er Tanger anlaufen werde. Von Herrn von Holstein bekam ich ein Telegram, dass die Depesche zwar nicht werde veröffentlicht werden, dass man sich aber vorbehält, der Stimmung, die aus dieser Depesche spräche Rechnung zu tragen. Unter dem Druck dieser Angelegenheit und unter dem Drucke Bülows kam der Kaiser wirklich nach Tanger. Die Franzosen, mit denen ich sehr gut war, tranken damals auf ´la bonne guerre´. Von da ab ruhte die Marocco-Angelegenheit nicht mehr"44 (Hervorheb.v.m., B.S.)

Der Kaiserbesuch in Tanger habe

"in Frankreich eine grosse Welle der Angst erzeugt, weil man darin Vorboten kriegerischer deutscher Pläne gegen Frankreich sah, weil Frankreich schlecht geführt war und Russland durch die Nachwehen des Mandschurischen Krieges ausschied" (Hervorh.v.m., B.S.),

berichtet Kühlmann und geht noch weiter:

"Eine Politik, die sehr rasch zugegriffen hätte, hätte in positiven Abmachungen Erfolg gehabt, denn der Sturz Delcassés und das Kommen von Rouvier war eine Erklärung der Verhandlungsbereitschaft. Aber Holstein versagte" (Hervorh.v.m., B.S.).

   Wilhelm II. hält diese Aussage für zentral und warnt vor Krieg. Der Monarch zählte in Berlin zu den Tauben. Kühlmann behauptet, er habe "eine Politik erfunden", was Wilhelm II. mit der Bemerkung beantwortet: "na na?" Der Monarch stimmt Kühlmanns Kritik der Holsteinschen Politik zu. Der Diplomat erläutert:

"Als Herr v[on]. Holstein gegen Frankreich im Herbst aggressivere Absichten hatte, sagte ich: ‚Man kann doch nicht die Angst der Franzosen, die im Frühjahr frisch genossen ein  bekömmliches Getränk ergeben hätte, im Herbst auf Flaschen gezogen kalt geniessen’. Die Franzosen hatten in der Zeit von Tanger bis zu den Verhandlungen unmittelbar vor Algeciras die Zusicherung Englands erhalten, dass England im Kriegsfalle Frankreich beistehen würde".

Wilhelm II. merkt an: "richtig" [erste Unterstreichung] und fügt bestätigend hinzu: "ja" [zweite Unterstreichung]. Kühlmann betont, dass er "Holstein mehr und mehr im Sinne einer aktiven Politik beeinflussen" wollte. Er sieht:

"Immer in dem Sinne: Deutschland wird einen Bruch des Madrider Vertrages nicht dulden. Es besteht auf seinem Rechte, dass der status quo in Marocco gewahrt bleibt, bis wir die Zustimmung zu einer Veränderung geben".

Verschiedene Warnungen an Paris, die von Kühlmann ausgegangen seien, sollen schließlich dazu geführt haben, dass Delcassés "falsche[,] dem Ministerium gegenüber eingenommene Stellung", für dessen Sturz verantwortlich geworden sei.

Wilhelm II. erwähnt hier den "Fürst[en] v[on]. Monaco".

Über "den Korrespondenten der Kölnischen Zeitung in Tanger" habe er für die Landung des Kaisers plädiert. "Dann drängte Bülow[,] und vor allem Holstein[,] darauf, dass der Kaiser landen sollte“, berichtet Kühlmann. Schließlich habe ihn ein Telegramm Bülows erreicht, die Landung des Kaisers in Tanger sei der Öffentlichkeit bekannt geworden. Darin sei Kühlmann dafür verantwortlich gemacht worden, "dass der Kaiser nun auch wirklich in Tanger lande".

Kühlmann legt die innen- und personalpolitischen Wirkungen der Marokkokrise offen. Darüber hinaus erklärt er den Zusammenhang zwischen der Marokkokrise 1905, in deren Verlauf der Krieg verschoben wurde, und der schliesslichen Bereitschaft des Kaisers, den formalen Mobilmachungsbefehl 1914 zu unterschreiben:

"Die Maroccopolitik führte:
1.) zum Sturz Holsteins.

2.) zum Niederbruch Bülows. Er wurde im Reichstage als die Debatte über Marocco einsetzen sollte, bekanntlich ohnmächtig. Ich bin überzeugt, dass er diesen Ohnmachtsanfall fingiert hatte. Er war eine ganz charakterlose Puppe .

3.) zu der Campagne, die Holstein nach seinem Sturz durch Harden führen liess gegen die Umgebung des Kaisers und gegen den Kaiser selbst.
4.) dazu, dass die Schuld für die angeblich schwächliche Politik Deutschlands in der Marokko-Frage vollkommen auf den Kaiser gewälzt wurde, dessen persönlicher Mut angezweifelt wurde. Ganz offen konnte man hören: ‚Der ist überhaupt nie in den Krieg zu bringen.’ Man nannte den Kaiser einen Chlappier, der von keinem vor die Klinge zu bringen war. Das war von entscheidendem Gewicht in der Krise 1914. Der Kaiser sagte ungefähr: Das passiert mir nie wieder. Wenn es hart auf hart geht, werde ich zeigen, dass ich auch beissen kann."45 (Hervorh.v.m., B.S.).

   Botschafter Baron von der Lancken berichtet zum Entscheidungsprozess in der Reichsleitung vor dem Hintergrund der ersten Marokkokrise, der Generalstabschef Schlieffen habe für den Krieg mit Frankreich votiert. Von der Lancken führt aus:

"Holstein war in der Marokkokrise für den Krieg mit Frankreich. Er wurde von Schlieffen geschoben. Schlieffen vertrat den Standpunkt: ´Wenn die Franzosen nicht nachgeben wollen, so lassen wir sie gegen uns anrennen. Sie laufen ja direkt in unsere Gewehre´"46 (Hervorh.v.m., B.S.).

   Graf Monts ergänzt diese Darstellung des Holsteinschen Kalküls in der Frage des Kriegsentschlusses. Das Reich habe sich durchaus in einer starken Position zwischen den Mächten befunden. Holstein habe bereits zu diesem Zeitpunkt das Bündnis mit England gewollt. Monts entwickelt:

"In Bezug auf Marokko wollte Holstein den Krieg. Das war für ihn, so wie für Bismarck einmal die spanische Kandidatur ‚die mündliche Sache’. Mit England konnte es zu einem Kolonialabkommen und Neutralitätsbündnis kommen. Ungefähr in der Art, wie es dann mit Frankreich eines geschlossen hat. Holstein wollte das Bündnis mit England. Aber er hielt die Situation nicht für bündnisreif. Japan war nicht dagegen. Russland stand mit gebundenen Händen da (Hervorh.v.m., B.S.).

Wilhelm II.: ‚und wie! Die 3.grösste der Welt aber keine Kriegsflotte’.

Ein englischer Hass bestand noch nicht. Vielleicht ging England mit. Der Krieg war mathematisch für uns. Wir hatten keine Handelsflotte. Die politische Konzeption war jedenfalls richtig. Bülow ging in dieser[n] Gedankengängen so lange mit, wie er sich damit Triumphe holen konnte. Die Folge war der Sturz Delcassé[s]. Er selbst wurde Fürst" 47 (Hervorheb.v.m., B.S.)

   Bülow habe "die Franzosen natürlich" gereizt, wirft von der Lancken ein, und, "als es dann dazu" gekommen sei, "dass die Angelegenheit ausgetragen werden sollte, dann schwenkte er ab"48. Graf Monts konkretisiert:

"Bülow wollte 1905 den Krieg mit Frankreich.

Wilhelm II.: ‚?’.

Er wollte schon damals durch Belgien gehen. Das hat er auf seinem Gewissen. Er hatte keine Ahnung von England...,

Wilhelm II.: ‚richtig’.

...von der Macht dieses Landes und der Macht seiner Moral. An Russland sah er nicht die Tonfüsse des Kolosses, Oesterreich-Ungarn mochte er nicht. Dagegen hatte er eine Affenliebe zu Italien. Von innerer Politik verstand nichts. Er half sich überhaupt durch, indem er redete. Im Anfang seiner Kanzlerschaft fragte ich ihn, wie er sich sein Amt dachte. Er erklärte, dass er hoffe, über die Zwischenspanne von Wilhelm I. bis zum Nachfolger Kaiser Wilhelms II, das Reich durchzulavieren. Dann würde er wieder gehen...Von Wirtschaft verstand er nichts. Er fragte mich einmal im Ernst, was Prioritäten seien" (Hervorh. v.m., B.S.)49.

   Scharf kritisiert Kühlmann den Vertrag von Algeciras, der "ein Machwerk" gewesen sei. Der Diplomat verschärft: "In Wirklichkeit siegten die Franzosen, denn die Frage des Kernproblems mit der Polizeigewalt haben sie zu ihren Gunsten gelöst"50. Kühlmann wurde aus Tanger verdrängt und suchte an anderem Platze eine politische Einigung mit Frankreich zu fördern. Zusammen mit dem französischen Gesandten in Tanger bereitete er dies von Paris aus vor. Mit Graf Cherrisé vereinbarte Kühlmann, für die "grosse[n] Interessen und grosse[n] Rechte" des Reichs in Marokko sei dieses zu entschädigen. Kühlmann plädierte für den Konferenzweg und gab vor, dort ein "Scheingefecht" zu liefern, das mit dem Mandat und der Polizeigewalt für Frankreich in Marokko enden würde. Eine Duldung von Seiten Deutschlands, erst nach zwei Jahren, werde das Ergebnis bilden. Andererseits erhalte

"Deutschland den französischen [Kongo] und das Vorkaufsrecht auf den belgischen Kongo. Graf Cherrisé fand diese Bedingungen durchaus annehmbar und sagte mir: ‚Ich werde mit meinen Freunden sprechen und Sie werden mit ihren Freunden in Berlin reden und wenn sie einverstanden sind, werden wir einen Geheimvertrag machen’".

   Kühlmann traf dort auf "Herrn von Radowitz". Dieser habe ihn umarmt und "die Lösung die glücklichste des Problems" genannt. Doch war ein Ausgleich mit Frankreich offenbar nicht das Ziel Berlins. Kühlmann offenbart:

"Dann gingen wir zu Herrn von Holstein. Radowitz sprach ein paar einführende Worte. Dann hielt ich meinen Vortrag. Herr von Holstein hörte ihn eiskalt an, sagte dann, was er immer sagte in solchen Fällen: ‚Ich kann das nicht entscheiden. Ich muss das Auswärtige Amt befragen’. Am nächsten Tag kamen wir beide wieder. Ich fragte, was ich dem Grafen Cherrisé depeschieren sollte. Holstein nannte die Sache gefährlich. Ich telegraphierte dem Grafen Cherrisé ab. Holstein liess mich noch einmal kommen und sagte mir: ‚Ich habe Sie jetzt empfangen, damit Sie sehen, dass ich Ihnen Ihre Opposition nicht nachtrage. Sie werden nach Washington gehen. Dort haben Sie ein neues  Betätigungsfeld weit ab vom Schuss’".

Als Wilhelm II. seinem Kanzler nach der Rückkehr von der Tangerlandung befragte, äußerte dieser, er habe diese "für seine Politik" benötigt.

"Eure Majestät habe ich den Franzosen als Fehdehandschuh hingeworfen. Ich wollte sehen, ob die Franzosen mobilisieren werden" (Hervorh.v.m., B.S.).

Dem Kaiser  habe "erst die Antwort" versagt. Wilhelm II. war nun klar: Der Kanzler wollte also den Krieg". Der Monarch bezog Stellung gegen Krieg, und damit gegen seinen Kanzler. Er wollte keinen Krieg mit England, und auch nicht mit Frankreich. Selbst die Franzosen träumten nicht davon. Doch Bülow, so Wilhelm II., habe immer wieder mit dem Krieg geliebäugelt. Konferenzgedanke hin oder her, auch Holstein sei "zu kühneren Absichten" gekommen. Es wird berichtet:

"Der Chef des Generalstabes Graf Schlieffen beeinflußte ihn. Der General dachte noch weit mathematischer als der ewige Mathematiker Baron Holstein. Rußland konnte sich im Augenblick nicht rühren. In fünf oder zehn Jahren waren seine japanischen Erlebnisse verwunden. Dann stand vielleicht eine russische Armee an den deutschen Ostgrenzen. England konnte 100000 Mann, von denen Delcassé so viel und so vertraulich sprach, daß die deutschen Agenten die Meldung schließlich nach Berlin gaben, den Franzosen in einem Kriege wegen Marokko wirklich zu Hilfe schicken. Aber der Zuwachs hatte, wie die Dinge in der Gegenwart lagen, trotzdem nur wenig zu besagen. Der Generalstabschef war für die gründliche, rascheste Klärung des Verhältnisses zu Frankreich: mit den Waffen. Keinen Weltkrieg in zehn oder zwanzig Jahren, sondern so gründliche Ordnung sofort, daß es danach keinen Weltkrieg mehr gab. Frankreich sollte herausgefordert werden. Bis es zu den Waffen greife mußte.
’Wenn die Franzosen nicht nachgeben wollen’, führte Graf Schlieffen dem Geheimrat aus, ‚so lassen Sie sie gegen uns anrennen! Sie laufen ja in unsere Gewehre’--"51 (Hervorh.v.m.,B.S.).

   Offenbar ging es Holstein nicht so sehr darum. Eher hatte das  Auswärtige Amt im Auge, durch Pressionen die Franzosen in Unruhe zu versetzen. Doch Holstein verpasste auch den Moment, in Marokko und auf kolonialem Gebiet zu punkten. Eher ging es darum, Unruhe in der Staatengesellschaft zu verursachen und so einen diplomatischen Erfolg zu erzielen. Ein Ausgleich mit Frankreich rückte in unansehbare Ferne52. Auch der französische Außenminister Delcassé, der Begründer der Entente mit England, steuerte einen Konfrontationskurs. Er war bereit, den Krieg mit Deutschland auf sich zu nehmen. Doch weder Armee, Regierung oder französisches Volk folgten ihm. Stolz erfüllte schliesslich Bülow, der den "Skalp" Delcassés erntete. Fürst Albert von Monaco habe, so die Information des Kaisers, seinem Wunsche entsprechend, den Ausgleich mit Frankreich gefördert. Tatsächlich sei des Kaisers Einfluß dafür verantwortlich gewesen, dass der vom Kanzler anvisierte Krieg nicht eingetrat53. Hiess das, Deutschland wollte um Marokko eine europäische Krise, oder gar einen Krieg, entfesseln? Kühlmann vermittelt den Eindruck, Holstein sei auf die "Phrasen vom Gleichgewicht" abonniert gewesen. Auch habe der Kaiser in Vigo das deutsche Desinteresse an Marokko erklärt. Wilhelm II. kommentiert: "Ich kann mich nicht erinnern, es gesagt zu haben". Zum Sturz Delcassés, und den Anmerkungen Kühlmanns notiert der Kaiser: "Der Fürst von Monaco hat dabei mitgewirkt"54.

   William Tyrell ergänzt:

"Delcassé konnten wir nicht halten. Wir haben ihm nie eine Unterstützung in konkreter Form angetragen. Die Angelegenheit der 100.000 Mann stammt von Admiral Fisher. Er hat davon gesprochen. Fisher war so eine Art Tirpitz. Die Franzosen hatten eine Unterstuetzung auch gar nicht erbeten.

Wilhelm II.: ‚faule Ausrede! Auf einen Admiral wär der schlaue Delcassé nicht hereingefallen’.

König Eduard schickte einen Beauftragten zu Admiral Fisher: ‚Sagen Sie ihm: Sie sind verrückt! Das duerfen Sie nicht sagen!’ Der Herzog Albrecht von Schleswig-Holstein hat da auch viel Unfug gemacht. Er war viel in England und erzaehlte so unverantwortliche Dinge als ernst in Berlin.

Wilhelm II.: ‚aber vorbereiten und thun, u[nd]. das wusste Delcassé’.

Rouvier wollte und sollte Praesident der Republik werden, wenn er die Verstaendigung mit Deutschland zusammengebracht hatte. Er sagte zu Radolin: ‚Ich gebe Ihnen die vollstaendige Deutsch-französische Verstaendigung. Die Entente ist damit ausgeloescht’. Aber Bülow bestand darauf, dass er in der Kammer den Friedensvertrag von Frankfurt akzeptieren sollte. Radolin war ein fuer uns sehr gefaehrlicher Botschafter in Paris. Da hat man ihn fortgerufen“55.

   Jedenfalls entscheid sich Großbritannien für den Ausgleich mit Russland. William Tyrell erläutert:

"unser Vorgehen in Persien war eine Versicherung [Wilhelm II.: ‚von’] Indien. Es war eine Verstaendigung mit Russland [Wilhelm II.: ‚über’][gestr.: ‚in Persien’] Persien, wo [gestr.: ‚wir’] [Wilhelm II.: ‚bis’] immer krachte [Wilhelm II.: ‚hatten’]. Persien spielte immer den einen gegen den anderen aus. Wir aber sagten: Wir wollten keinen Krieg, den  ihr uns  macht. Dazu kam die deutsche Gefahr. Deshalb haben wir uns ueber den Kopf der Perser hinweg[,] die uns gar nicht als Land interessierten, verstaendigt.

Wilhelm II.: ‚Oel! Nicolson von der jetzt Carnock zugibt, dass sie niemals bestanden hat’.

Ein geheimes Abkommen mit Russland existierte nicht und hat nie existiert. Deshalb hat man es auch in den Roten Archiven nicht finden koennen. Wir hatten auch mit Frankreich nur eine Entente.

Wilhelm II.: ‚Kein Beweis! siehe ‚Gentlemanagreement!’

Das hat uns Frankreich auch schwer zum Vorwurf gemacht. Wir haben gegen Deutschland, als wir sahen, dass es unser Feind war,...

Wilhelm II.: ‚wie denn?’ ‚Ausrede?!’

...eine Versicherung geschlossen. Wir haben alles fertig[t] gemacht,..

Wilhelm II.: ‚Militair-Convention’.

...damit die Versicherung wirksam sei. Es ist auch nie ein Bund mit Russland vorgeschlagen worden.

Wilhelm II.: ‘Marine-Convention. Agreement’ (Hervorh.v.m., B.S.).

Das ist eine a[b]solute Luege. Keine englische Regierung haette das tun koennen.

Wilhelm II.: ‚Wortklauberei’.

Die oeffentliche Meinung haette das nie angenommen. Es ist also absolut erfunden,...

Wilhelm II.: ‚Demarche 1914! Gentlemanagreement in der Wirkung genau dasselbe wie ein Bund!’

...was der Zar an Kaiser Wilhelm schrieb, dass auch ihm ein Buendnis von England angeboten worden sei.

Wilhelm II.: ‚König E[duard].VII. Der Zar [Nikolaus II .] hätte eine solche gefährliche Lüge, die verifiziert hätte werden können, nicht geschrieben. Dazu war er zu vorsichtig’."56

   Vier Wochen nach dem Untergang der russischen Flotte bei Tsuschima konkretisierte Wilhelm II., auf der Fahrt von Hernösand nach Björkoe, seine Vorstellungen zu einem Bündnisvorschlag für den russischen Zaren. An Deck der "Hohenzollern" auf und ab schreitend, entwickelte er dem Vertreter des Auswärtigen Amtes von Tschirschky:

"1. England steht hinter Japan.
  2. Frankreich verweigerte der russischen Flotte jede Hilfe auf ihrer Ausfahrt.
  3. Bedenkliche Gärung im russischen Volk und Heer über die Niederlagen in dem sehr unpopulären Krieg, die
  4. S.M. persönlich und seiner Dynastie gefährlich werden konnte;
  5. also mußte dem völlig vereinsamten Zaren Zuspruch, Trost und Stärkung zuteil [werden] und die Möglichkeit geboten werden, eine     Stütze in der Welt zu finden.

  6. Diese konnte nur durch Deutschland angeboten werden, da wir die Einzigen waren, die eine sehr ‚wohlwollende bis an die Grenze       des Möglichen’ gehende Neutralität Rußland gegenüber geübt hatten (Bekohlen der ausfahrenden Flotte durch Ballin), auf Grund             derer die Flotte überhaupt nur im Stande war, den fernen Osten zu erreichen".

Vor Björkoe: der Zar "sah verträumt vor sich hin, da der Kaiser seinen eigenen Traum von dem großen Kontinentalblock der Zukunft vor ihm aufbaute. Er sprühte vor Haß, wenn der Begriff ‚England’ fiel. England hatte selbst bei dem verbündeten Frankreich erreicht, dass es den Bundesgenossen in höchster Gefahr im Stich ließ"57.

   Wilhelm II. sah sich am Ziel. Frankreich würde dem deutsch-russischen Bündnis beitreten. Damit werde der englische Einfluss auf dem Festland zurückgedrängt. Björkoe schien dem Kaiser zu einem neuen „Rückversicherungsvertrag“ zu werden. Ein Krieg Russlands mit England in Ostasien machte den sehr schwierigen Vorstoss auf Persien und Indien möglich. Dieser würde englische Truppen binden. Deutschland würde die Ostseeküste und die Hauptstadt Petersburg decken. Deutschland seinerseits allerdings keine russische Unterstützung im Kampf mit England erhalten. Das hiess: kein Marsch auf Indien. Höchste Sicherheit schien für das Reich erreicht. Bülow wollte jedoch den Marsch der russischen Armee auf Indien. Ohne diesen schien ihm das Abkommen nutzlos. Doch Wilhelm II. befragte Schlieffen. Dieser hielt die Idee, England in Indien anzugreifen, für Unsinn. "Was wollen wir denn mit unseren Truppen in Indien anfangen?" rief Schlieffen. Doch selbst Abänderungen des Vertrages torpedierte Holstein in der zweiten Jahreshälfte 1905 durch erneute Anfeindungen Frankreichs58.
 

 

Bernd F. Schulte(c)

Reichsfernsehen 1932: Diskutieren im Stil einer Fernseh-Talk-Show.

Die Handelnden von 1914, und deren Bild vom Entstehen des Ersten Weltkrieges.

Teil II

 

Wilhelm II.


Der Kaiser, und seine Politik, werden bislang in der Geschichtsschreibung hemmungslos überschätzt. Das mag darin begründet sein, das Wilhelm II. derart unzulänglich war, dass der deutsche Anteil an den Geschehnissen, welche zum Ersten Weltkrieg führten, durch die überbordende Darstellung der Rolle des Monarchen im deutschen Führungszirkel, gemindert werden konnte. Dilettantismus regierte allenthalben. Der 1926 entlassene Chef der Reichswehr, Seeckt, berichtet:
"Bei der Szene mit Waldersee und dem Kaiser bei den Manövern in Schlesien im Jahre 1890...

 

Wilhelm II.: ‚richtig’.

...war ich selbst dabei. Ich war in seinem Stabe. Der Kaiser kommandierte das V. Korps.

Wilhelm II.: ‚Seine Aufgabe war eine Falle!’

Mein Vater - das VI. Der Kaiser teilte seine Truppen und mein Vater griff erst die I.Division an und schlug den Kaiser.

Wilhelm II.: ‚ich schlug den einen Flügel des VI.A.C. dafür. das gli[c]h sich aus[.]’

 

Waldersee übte nun Kritik und äusserte sich ziemlich scharf über die Führung des Kaisers. Den Manövern und der Kritik wohnte auch Kaiser Franz Joseph bei. Ich und wir alle sahen, dass die Kritik Waldersee’s dem Kaiser sehr unangenehm war. Aber er liess Waldersee ruhig aussprechen. Dann sagte er, die Kritik des Generalstabschefs nehme er an. Dann fuhr er fort: ‚So, aber jetzt spreche ich und zwar als oberster Kriegsherr. Als solcher finde ich, dass die gestellte Aufgabe undurchführbar war, und als Oberster Kriegsherr habe ich zu verlangen, dass den Truppenführern keine undurchführbaren Aufgaben gestellt werden, denn dies lähmt und schädigt die Offensivkraft der Armee’.


Wilhelm II.: ‚? Kann sein[.] ich erinnere mich nicht mehr’.


Seeckt ist der Überzeugung, daß dieser Vorfall - der vordergründig erledigt schien - keinesfalls vergessen war. Doch gibt er seiner "feste[n] Überzeugung" Ausdruck, "dass der Zwischenfall in Gegenwart Kaiser Franz Josephs der Grund für die Versetzung Waldersees nach Altona" zum IX. Korps gewesen sei. "Pfiffige  Überlegung" habe "dem stets überklugen General den Gedanken eingegeben, die sichtlich schwindende Gunst des Kaisers, der bisweilen auch Schmeicheleien mit einem harten Wort zerriß, auf umgekehrte Art sich neu zu sichern". Wilhelm II. habe "die Kritik Waldersees" an seiner Führung im Manöver von Rohnstock ruhig angehört, habe dann
"das Wort als Oberster Kriegsherr an sich genommen und festgestellt, daß der Chef des Generalstabes seinen Offizieren unlösbare Aufgaben stelle, wodurch er ihre Kampfkraft schwäche. Der bestürzte Graf Waldersee schrieb den Hergang des Zwischenfalls sorgsam, aber anders in sein Tagebuch, indes ihm der Kaiser die zweifellose Bloßstellung vor dem Bundesgenossen mit der  Abberufung aus dem Generalstab und dem Kommando nach Hamburg vergalt".


Zu der These vom Einfluss der vorwiegend militärischen Umgebung Wilhelms II. auf Politik, äussert William Tyrell. Der im Moment der Äusserung englische Botschafter in Paris berichtet aus eigenster Erfahrung:
"Die Herren in der Umgebung Kaiser Wilhelm´s waren ohne Ausnahme sacksiedegrob mit uns.

Wilhelm II.: ‚Lüge’ – ‚vom König stammt das’.

König Eduard hatte wiederholt strengen Befehl gegeben, alles einzustecken, was nur ging und um jeden Preis jede Zänkerei und jeden Skandal zu vermeiden. Es war die schrecklichste Adjutantenüberhebung und Adjutantenwirtschaft, die jemals da war. Der Kaiser wusste gar nichts davon. Er hatte keine Ahnung, was diese Umgebung alles zerschlug. Ich will ein Beispiel geben, wie vorgegangen wurde.

Wilhelm II.: ‚Merkwürdig, dass die Damen des Hofes mir oft Complimente über meine Herren machten: vor Allem war Plessen von ihnen geradezu umschwärmt, was ihn zuweilen ganz verlegen machte. I[hre].M[ajestät]. die Königin Victoria hat sich oft mit Jedem Einzelnen von meinen Herren unterhalten und mir jedesmal Elogen über sie gemacht nachher’.

Als der Kaiser zur Beerdigung seiner Großmutter kam, war, wie ich schon sagte, die ganze Bevölkerung ehrlich gerührt. Man hat ihm das hoch angeschrieben. Der Kaiser war nie so populär in England. Der Lordmayor von London fühlte das Bedürfnis, dieser Stimmung Ausdruck zu geben. Er schrieb dem Kaiser einen Brief und erbat eine Audienz, um dem Dank der Londoner Bevölkerung Ausdruck geben zu können. In diesen Tagen wurde Freiherr von Eckardstein, der noch sehr viel in London gelernt hatte, in irgendeiner Angelegenheit zum Kaiser befohlen. Oder er hatte jedenfalls dort zu tun. Als er ankam, zeigte ihm Plessen das Schreiben des Lordmayor und erklärte: ‚So ein frecher Kerl.

Wilhelm II.: ‚voraussichtlich eine Eckardsteinsche Fabel!’

 

Da könnte jeder Bürgermeister kommen und Audienz bei S[einer].M[ajestät]. verlangen. Daraus wird nichts. Es ist wirklich eine Frechheit!’ Eckardstein fasste seinen Mut zusammen und sagte dem General gründlich seine Meinung. Er klärte ihn darüber auf, dass der Lordmayor nicht ein ‚Bürgenmeister’ war und was die Sache als Ausdruck bedeute. Plessen war nicht zu überzeugen. Eckardstein wurde dann zum Kaiser hereingerufen und brachte die Sache vor. Was dieser alberne Plessen nicht begriff, begriff der Kaiser in der ersten Sekunde. Er befahl sofort, dass die Audienz stattzufinden habe".


Dem Burenkrieg, der durch das Telegramm des Kaisers an Ohm Krüger, vordergründig zur Weichenstellung gegen ein Bündnis mit England wurde, verleiht der Bericht William Tyrells unerhörten Aufklärungswert:
"Der Burenkrieg war der schrecklichste und ruhmloseste aller Kriege, den England je geführt hat.

Wilhelm II.: ‚stimmt’.

Er ist rücklsichtslos geführt worden mit einer Brutalität ohne Gleichen und, wenn es eine Entschuldigung dafür gibt, so ist es die, dass England die Buren wirklich zum Schluss zu der Zivilisation geführt hat, die sie bis dahin nicht hatten. Die Buren waren primitiv und recht plump und...

Wilhelm II.: ‚P[h]arisäer!’.

...grob.

Wilhelm II.: ‚mit verhungerten Weibern u[nd]. Kindern im Conzentrationslager!!’.

Aber das ist auch die einzige Entschuldigung für...

Wilhelm II.: ‚Nein!’

...uns.

Wilhelm II.: ‚Dafür braucht man sie nicht totzuschlagen!’.

Nach diesem Prinzip musste die Keilerei unter den Völkern nicht aufhören[.] Dazu kommt, dass wir den Krieg gar nicht gewollt haben, sondern dass wir einfach in ihn hineingedrängt worden sind. Cecil Rhodes war ein ganz grosser Mann. Er hat dieses riesige einheitliche Reich in Afrika vom Kap bis zur Mündung des Nils aufrichten wollen, aber nicht durch Krieg, sondern anders. Er hat die Buren einfach umzingeln wollen. Ganz umgeben von britischem Besitz wäre schliesslich nichts anderes übriggeblieben, als sich in die Gesamtheit einzugliedern. Aber da waren zwei jüdische Kaufleute, die aus Hamburg stammten und in Johannisburg ansässig waren...

Wilhelm II.: ‚War nicht einer aus Hessen? Welcher? Beit?’, ...

denen diese Politik nicht passte. Sie hatten Verbindung mit Cecil Rhodes und arbeiteten mit ihm zusammen. Diese beiden Juden wollten in den Besitz der Goldfelder kommen. Es dauerte ihnen zu...

Wilhelm II.: ’Mamon!’

...lange. Sie waren es, die den Jameson Raid provozierten...

Wilhelm II.: ‚u[nd]. dafür mussten die kerndeutschen Christen von den Angelsächsischen Christen totgeschlagen werden!’

Uns war der Einfall Jameson´s im höchsten Grade unangenehm.

Wilhelm II.: ‚Möge Grass vor deren Thüren wachsen!’

Das ist die Logik eines Backfisches in der Pension! [U]und je mehr wir taten, um den Zustand des Rechtes wieder herzustellen, desto unangenehmer wurde unsere Situation, als wir gar noch mit Strafen vorgingen, schwoll den Buren vollends der Kamm und jetzt taten sie alles...

Wilhelm II.: ‚was?’

...solange bis England gezwungen war, den Krieg zu führen.

Wilhelms II.: ‚Schamloses Zeug’.

Das ist die Geschichte des Buren Krieges.

Wilhelm II.: ‚Ne in! das ist sie nicht’.

Gegen die beiden Kaufleute war Cecil Rhodes sehr loyal.

Wilhelm II.: ’very misplaced loyalty’.

Er hätte sie natürlich an den Pranger stellen...

Wilhelm II.: ‚müssen’.

...können. Aber da sie einmal mit ihm zusammengearbeitet hatten, schwieg er.

Wilhelm II.: ‚u[nd]. machte sich zu ihrem Complicen[.] Und liess ein Volk zu Grunde richten [-] Saubere Cumpanei!’)".
Der Monarch, dem die Besorgnisse der englischen Königin nahe gebracht wurden, gab die Problemlage an seinen Generalstabschef Schlieffen weiter. Dessen "Richtlinien" gingen an Königin Victoria. Die Monarchin bedankte sich beim Deutsche Kaiser28. Die Ostasienmission Graf Waldersees, des "Weltmarschalls", förderte die Verbrüderung deutscher, französischer und russischer Offiziere gegen die Engländer zutage. Etwa der Oberstleutnant Marchand, der die französische Flagge in Faschoda hatte niederholen müssen, regte an, künftig mit den Deutschen "gegen England zu gehen".

Bei Gelegenheit des Begräbnisses der Königin Victoria im Jahre 1901, äusserte Wilhelm II. gegenüber einem Kabinettsmitglied:
"Lord Salisbury ist veraltet. Er ist von der Idee besessen, daß da in Europa eine ´balance of power´ sei. Da ist keine ´balance of power´ in Europa,  außer mir - mir und meinem fünfundzwanzig Korps. Ich kann sie verdoppeln am Tage des Kriegsausbruchs. England ist kurzsichtig. Ohne Verbündete wird es sein Schicksal sein, am Ende von Rußland und den Vereinigten Staaten verdrängt zu werden. Mit meiner Armee und Ihrer Flotte würde diese Kombination gegen uns machtlos werden".


Gespräche mit Joseph Chamberlain verstand Wilhelm II. als Vorbereitung auf ein englisch-deutsches Bündnis gegen Russland. Absprachegemäss hielt Chamberlain am 30.11.1899 in Leiceter eine Rede, in welcher er aussprach:


"Noch etwas, glaube ich, muß jeder weitsehende englische Staatsmann lange gewünscht haben: daß wir nicht dauernd auf dem europäischen Kontinent isoliert bleiben sollten, und ich glaube, in dem Moment, wo dieses Verlangen entstand, muß es jedem klar geworden sein, daß unser natürliches Bündnis jenes zwischen uns und dem großen deutschen Kaiserreiche sein müßte...Ist die Verbindung zwischen England und Amerika in der Sache des Friedens ein mächtiger Faktor, so wird eine neue Triple Alliance der teutonischen Rassen und der beiden Zweige der angelsächsischen Rasse von noch viel machtvollerem Einfluß auf die Zukunft der Welt sein. Ich habe das Wort ‚Alliance’ gebraucht...aber noch einmal möchte ich klarlegen, daß es mir unwesentlich erscheint, ob Sie eine Alliance haben, die dem Papier anvertraut ist oder eine Übereinstimmung der Meinungen bei den Staatsmännern der betreffenden Länder. Eine Verständigung ist vielleicht besser als eine Alliance mit festgelegten Vereinbarungen, die im Hinblick auf die von Tag zu Tag wechselnden Umstände nicht als beständig betrachtet werden können".


Doch Bülow "goss kaltes Wasser auf die Idee eines englisch-deutschen Rapprochements". Dabei liess er im Reichstag die verräterische Wendung fallen, "in dem neuen Jahrhundert" müsse "Deutschland der Hammer oder der Amboß sein". Daraufhin äusserte sich Chamberlain gegenüber Baron Eckardstein an der Deutschen Botschaft zu London ablehnend.


Geradezu kennzeichnend für Verfahren und Wirkung wilhelminischen Auftretens wirkt die Schilderung, die Graf Monts zu einem Vorkommnis auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin gibt:


"Ich erinnere mich, wie der Kaiser den König von Italien empfing und weiss, wo der Hass des Königs gegen ihn zu suchen ist. Der Kaiser stand mit seinen Herren an dem Anhalter Bahnhof und als der Zug einfuhr, erklärte er in seiner Art[:] ‚Dass mir aber keiner von Euch jetzt lacht, wenn der Knirps aus seinem Coupé steigt’. Nun müssen Sie bedenken, dass der italienische Militair-Attaché unter den Herren war. Noch am selben Abend wusste der ‚Knirps’ davon. Als ich in Rom war, liess mich der König ganz abfallen. Wie sich später herausstellte, nahm er an, dass der Kaiser extra mich ausgesucht hatte, weil ich so gross war. Uebrigens stand ich mich dann mit dem König ganz gut. Der Kaiser hat eine besondere Vorliebe, ganz grosse Leute als Sondergesandten zu schicken".


Wilhelm II.:

"Ein Bekannter von Monts sagte mir mal von ihm: ‚Er ist ein stets mit allem missvergnügter Nobile. Keiner kann ihm recht machen, auch Ew. M[ajestät]. nicht. Eine eingebildete, hochnäsige, menschenverachtende Kratzbürste. Wollen Ew. M[ajestät]. mit einem Staat eine Differenz oder gar Krieg, schicken E[ure].M[ajestät]. nur getrost Monts hin. Binnen 14 Tagen hat er durch selbe hochfahrende, burschikose Taktlosigkeit die Staatsmänner in solche Wut gebracht, dass der Krieg da ist!’ Das obige Dokument bestätigt das, aber auch dass er wie ein Diplomat lügt".


Darauf „kontert" Monts. Nach dessen Schilderung soll der Generalstabschef Moltke über den Kaiser geäussert haben:
"Ich bin arm und musste daher im Dienst bleiben. Aber es war kein Tag, an dem ich über den Kaiser innerlich nicht empört war".
Den wohl entscheidenden Rückschlag erlitt der Kaiser infolge des Skandals um das Interview, welches er während eines Englandbesuches seinem Freund, Oberst Stuart Worthly, auf Highcliff Castle gewährte und das einvernehmlich in der  "Daily Telegraph" veröffentlicht wurde.


Tirpitz gibt eine Darstellung dieses Vorfalls, in dessen Verlauf der Monarch einen Nervenzusammenbruch erlitt und politisch wie persönlich schwer geschädigt zurückblieb:


"Im Jahre 1908 war ich in Rominten zur Pürschjagd. Ich ging mit dem Kaiser und unterwegs sagte er mir: ‚Ich habe da einen Brief erhalten, der sehr wichtig ist. Lesen Sie ihn einmal durch’. Das war der Stuartbrief. Da nicht mehr genug Licht war und eine englische Handschrift auch nicht sehr deutlich zu lesen ist, konnte ich mich nicht mit allen Einzelheiten befassen. Ich wollte am nächsten Morgen noch einmal darauf zurückkommen, kam aber wegen anderer wichtigerer Dinge nicht dazu. Ich [gestr.: "sagte"]  machte Rücker-Jaenisch auf das Schreiben aufmerksam. Dem Kaiser riet ich durch ihn das Auswärtige Amt zu befassen. Rücker-Jaenisch sollte den Brief an Bülow schicken. Das geschah auch. Bülow schickte das Schreiben durch seinen Attaché Müller an den Staatssekretär Schön. Schön war nicht da. Ich sprach noch mit dem Dezernenten Stemmerich, dem ich auch meine Bedenken auseinandersetzte. Ich weiss nicht mehr, was er mir antwortete. Jedenfalls wurde der Brief in England publiziert. Das wäre noch nicht so schlimm gewesen. Aber dadurch, dass das Wolff’sche Bureau den Text übernahm, wurde es eine amtliche Publikation. Darin hatte Bülow schon recht, dass er versuchte, den Kaiser von selbständigem Handeln zurückzuhalten".

.
Daraufhin bezieht William Tyrell zu den Vorgängen um den "Daily Telegraph-Artikel" eindeutig Stellung:
"Die [zwei Streichungen] englischen Minister waren empört über Bülow’s Verhalten im Reichstag 1908; er hätte den Kaiser decken müssen, der an der Daily Telegraph Affaire ganz unschuldig war". Tyrell ergänzt diese Darlegung aus der Kenntnis der 1930 erschienen Bülow-Memoiren: 

 

"Was Bülow betrifft, so ist sein Wirken das Unheilvollste gewesen".

Wilhelm II.: ‚richtig’.


Wir wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Was er jetzt in seinen Memoiren erzählt, ist das Unanständigste und Verlogenste, das je ein Staatsmann über seinen Souverän geschrieben hat, dem er 10 Jahre lang diente.

Wilhelm II.: ‚stimmt’.


Auch Asquith betont den nichts weniger als guten Willen des Kaisers, der sich als "Englands bester europäischer Freund" habe darstellen wollen. So ist es erklärlich, dass weniger in Frankreich, Russland und Grossbritannien, als vielmehr in Deutschland, ein Sturm der Entrüstung aufgebrochen sei, der durchaus im Stande gewesen sei, den Monarchen wegzufegen. Dass der Reichskanzler seinen Rücktritt anbot, habe im direkten Zusammenhang mit dessen Bestreben gestanden, in der nachfolgenden Debatte im Reichstag deutlich zu machen, dass derartige Eingriffe des Monarchen in die Reichspolitik künftig zu unterbleiben hätten. Ob mit Bülows Entmachtung im Juni 1909, auch das Abenteuer "Weltpolitik" sein Ende fand, bleibe jedoch dahingestellt. Bülow - so Asquith - habe noch 1913 die parallele Gültigkeit von Welt- und Europapolitik betont.

Forts. von "Deutschland 1910/11...".

 

Dass der innere Zustand der Donaumonarchie äußerst labil war, zeigen die Überlegungen zur inneren Sicherheit auch im Operationsgebiet. Conrad verlangte "die rücksichtslose Unterdrückung jeder reichsfeindlichen Agitation u.s.w. schon im Frieden" und schärfstes Vorgehen gegen "den leider vorhandenen passiven Widerstand der Civilbehörden" (Hervorh.v.m., B.S.). Während der feindlichen Spionage entgegen gewirkt werden müsse, sah der Generalstabschef die Schwerpunkte der eigenen Aufklärung in den "Hauptzielen" feindlicher Massierung "zwischen Bug und Weichsel", "bei Luck, Dubno, Rourev, Ostroy" oder "bei Proskurow und südlich". Die

"Insurgierung der polnischen Gebiete Rußlands"

wurde vorgesehen:

"Es wäre ein großes Versäumnis wenn man sich der Vortheile entschlagen würde welche eine Insurgierung der polnischen Gebiete Rußlands zu bieten vermag. Eine solche muß jedoch schon im Frieden angebahnt und für den Krieg speziell vorbereitet sein. In erster Hinsicht ist enger Contakt mit in Russisch-Polen ansäßigen eigenen Reichsangehörigen (Reserve: Offizieren!) sowie mit allenrussenfeindlichen Faktoren zu suchen und aufrechtzuerhalten. Es ist insbesondere durch die Geistlichkeit der Boden vorzubereiten. Für den Kriegsfall hingegen muß vorgesorgt sein daß eigene Cavallerie-Körper,-Detachements, und nationale freiwilligen Formationen schon bei Kriegsbeginn in das feindliche Gebiet einbrechen und die Insurrectionentfachen. Diese Detachements müssen bereitgestellt, ihre Armeeintendanten hinsichtlich ihrer Aufgabe instruiert sein, diese Instruktionen, sowie die zu ertheilenden Proklamationen müssen bereitliegen,- letztere um bei drohender Lage sogleich gedruckt zu werden. Diese Insurrektion ist für das ganze polnische Gebietinsbesondere aber für den Raum südlich der Pilic und jenem zwischen Weichsel und Bug anzustreben also vorzubereiten. Die in diesen Räumen stationierten russischen Truppen sollen zur Gegenwehr gezwungen und dadurch abgehalten werden in das Gebiet der Monarchie einzubrechen" (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad drang in seiner „Directive“ vom 12. April 1911 auf „den innigen Zusammenhang zwischen der politischen Anschauung und den operativen Vorarbeiten. Er kritisierte für seine Mitarbeiter im Generalstab die „status quo“-Politik des österreichischen Außenministers und forderte realistisch das „eigene[n] Entwicklungsbedürfnisse[s]“ in Korrelation mit dem der „Nachbarn und Concurrenten“ zu vergleichen. Er gab bekannt, er habe

1907/8 einen Präventivkrieg gegen Italien, 1908/9 das Losschlagen gegen Serbien... maßgebensten Ortes beantragt“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Seine Vorschläge seien „nicht acceptiert, die betreffenden Maßnahmen... nur so weit zur wirksamen Geltung“ gekommen, „als sie die Anrainer-Politik unterstützten und diplomatisch sicherten“. Die österreichische Politik habe „die Erhaltung des Friedens als oberstes Ziel“ gesetzt, doch seien „die Gestellung guter Beziehungen zu Russland und zu den Balkan-Staaten, sowie das Festhalten an dem Bündnis mit Italien“ nur möglich bei „innige[m] Anschluß an Deutschland“ und Rumänien. Conrad forderte, die „Kriegsvorbereitungs-Arbeiten“ auf eine früher bereits erarbeitete „breite Basis“ zu stellen.

38 - Informationsstand in Berlin (Italien, Belgien).

   Anfang des Jahres 1911 wird "noch immer festgehalten an den Transportange- legenheiten für die ital[ienischen]. Truppen". Eine "neue Konferenz [wird] deshalb abgehalten". Offenbar kommt es zu Unstimmigkeiten, denn der "Mil[itär].Attaché[s] Paris" meldet

"Äußerungen des ital[ienischen]. Mil[itär].Attachés über die Rolle der italienischen Armee im Kriegsfall".

Ende Januar findet die "Vlissinger Frage" ihre Fortsetzung. Der Tenor ist: Deutschland werde durch Belgien marschieren. Das belgische Journal des Débats

"bestreitet das auch nicht, folgert aber, daß die Versuchung für Frankreich mindestens ebenso groß sei wie für Deutschland und daß Engländer u[nd]. Franzosen im Kriegsfalle (wie in London und Paris die Spatzen von den Dächern pfeifen!) durch Belgien hindurch in den Rücken der deutschen Armee vorstoßen wollen, oder Holland zur Operationsbasis machen wollen".

Im Reichsboten antwortet E.Bötticher und "warnt unter Hinweis auf die Haltung der Holländer vor engl[ischen]. Absichten eines Sprungbretts auf dem Kontinent. Die Behauptung, die belg[ische]. Neutralität sei in Gefahr, erklärt B[ötticher]. für ‚erlogen’(!)". Anfang Juni kommt vom Militärkabinett ein "Bericht des Gesandten" in Bern zu "französische[n] antideutschen Hetzereien in der Schweiz".

 

39 – Conrad: Tauziehen um 10 Divisionen.

   Conrad antwortete auf Moltkes Schreiben zum Kriegsfall Deutschland/ Österreich gegen Rußland unter Neutralität der übrigen Staaten. Der Wiener Stabschef stellte 40 Divisionen gegen Rußland in Aussicht und fasste ins Auge, gegen Serbien und Montenegro "mit einem Minimum an Kräften" auszukommen. Im Gegenzug erwartete Conrad, daß "deutscherseits mindestens 40 Infant[erie]. Divisionen von Haus aus gegen Rußland" eingesetzt werden. Zehn rumänische Divisionen stellte der Österreicher in seine Rechnung nicht ein, da noch "nicht völlig klar liegt, daß dieser Staat von Haus aus aktiv auftritt", schrieb Conrad. Der österreichische Militärattaché in Berlin, Bienerth, habe ihm jedoch gemeldet, es würden "nur 32 Infant[erie]. Di[visionen]. im Gebiet Preußen’s östlich der Weichsel aufmarschieren, da ein Mehr in diesem Raum überhaupt nicht zu placieren wäre". Infolge von "Wald, See- und Sumpfgebiete[n]" rechnete Conrad mit deren "beengende[m]n Einfluß", was verursachen könne, daß "8 Div[isio]nen östlich der Weichsel" nicht versammelt würden. Als Aushilfe schlug Conrad vor, eine Operation aus dem Raum westlich der Weichsel gegen den unteren Narew einzuleiten. Selbst einen Stoß über Kalicz-Lodz gab er zu bedenken, und hoffte, die Russen würden im Raum Warschau-Brest-Bialystok versammelt sein. Allerdings erkannte Conrad die Gefahr, ein Stoß der Russen "westlich der Linie Kowel[-]Lemberg“ werde „alle Verbindungen" der österreichischen Hauptkräfte "empfindlichst" treffen und diese würden „von der Monarchie ab, gegen die Waldkarpathen gedrängt werden können". Daraus leitete der österreichische Generalstabschef ein Gegenvotum zu den Vorstellungen Moltkes her, möglichst mit den Hauptkräften "im östlichsten Galizien" aufzumarschieren, "mit der Tendenz, durch Vorgehen vom rechten Flügel aus die russischen Kräfte gegen das Polezie zu drängen". Hinzu käme, daß die österreichischen "Bahn-Verhältnisse ein rechtzeitiges Versammeln der Hauptkräfte im östlichen Galizien gar nicht" ermöglichten. Russische Gegenmaßnahmen zeichneten sich ab. Diesen Kräften genügend stark entgegentreten zu können, sei durch die schwachen österreichischen Bahnen nicht möglich. Conrad nahm an, Rußland werde "die Kräfte seiner Central-Armee" gegen den Narew heranführen und vertrat, es werde

"trachten, - die Deutschen u[nd]. die öst[erreich].-ung[arischen]. Kräfte von den inneren Flügeln zu trennen,- also erstere gegen den öst[lichen]. San, letztere gegen die Waldkarpathen zu drängen; jedenfalls wäre dies die für die Verbündeten gefährlichste Operation",

Der Österreicher plante:

"Die öst[erreich]-ung[arischen]. Hauptkräfte werden im mittleren Ostgalizien, östlich des San versammelt um die Offensive vom linken Flügel aus zu beginnen,- ein analoges Vorgehen deutscherseits, alsoein Vorgehen entsprechendere deutscher Kräfte gegen den unteren Bug-Narew wäre sehr erwünscht" (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad erwartete "45 oder doch wenigstens ebenso viele deutsche als österr[eich].[-] ung[arische]. Div[isi]onen. gegen Rußland" und bestand, für den Fall der Einmischung Frankreichs und Italiens, auf den Vereinbarungen von 1910.

   Am 3. Juni hatte Moltke Conrad eine "wertvolle Mitheilung hinsichtlich der im Kriegsfalle gegen Rußland bereitgestellten deutschen Kräfte" gemacht. Alarmiert durch die Meldung des österreichischen Militärattachés, Baron Bienerth,

"Deutschland werde in einem Kriege der Verbündeten gegen Rußland, bei vorausgesetzter Neutralität Frankreichs, nur 32 Divisionen in Preußen aufmarschieren lassen" (Hervorh.v.m., B.S.),

antwortete Moltke dem österreichischen Generalstabschef, es handele sich um ein "Mißverständnis". Moltke sagte zu,

"wenn Österreich-Ungarn und Deutschland - vielleicht unter Mitwirkung Rumäniens - den Krieg gegen Rußland allein zu führen haben, wird Deutschland in erster Linie 43 Divisionen für den Aufmarsch gegen Rußland verfügbar machen. Von diesen können 32 Divisionen ohne Weiteres östlich der Weichsel aufmarschieren, der Rest -11 Divisionen - muß entweder westlich der Weichsel ausladen und per Fußmarsch nachgezogen werden, oder er muß als 2.Staffel mit der Bahn vorgeführt werden" (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Große Ostaufmarsch 1910/11 (Kesselschlacht in Polen).

   Moltke ging Mitte 1911 von einem Krieg - vordringlich mit Rußland- "bei gleichzeitiger Neutralität Frankreichs und Italiens"- aus und entwarf das Bild des Großen Ostaufmarsches. Angesichts der diplomatisch-politischen Entwicklung zu diesem Zeitpunkt jedoch keinesfalls eine realistische Annahme. Dass dieser Kriegsfall "sehr unwahrscheinlich ist" erkannte der Berliner Chef jedoch an. Bis zum 24. Mobilmachungstag sollten demnach künftig "alle 43 [deutschen] Divisionen mit der Eisenbahn über die Weichsel vorgeführt werden können". Der Vormarsch wurde schon am 16.Mobilmachungstage erwartet. Das hieß: 5 Tage vor Abschluss des russischen Aufmarsches. Insgesamt ging Moltke von 41 österreichisch-deutschen Armeekorps aus, zu denen 5 rumänische auf dem rechten Flügel der Österreicher treten könnten. Die russischen Kräfte wurden "an einer Stelle zur kraftvollen Offensive" erwartet. Den Versuch, die österreichischen und deutschen Kräfte auf deren inneren Flügeln zu trennen", bezeichnete der deutsche Chef des Generalstabes als für die Verbündeten nur vorteilhaft. Ausdrücklich war Moltke jedoch keinesfalls von Angst vor "langandauernden Kämpfen" beherrscht. Vielmehr plädierte er, unter Berücksichtigung der vermehrten Waffenwirkung, darauf "schlagartige Erfolge" zu erzielen, obwohl "die heute weniger als früher zu erwarten" seien. Doch werde ein Ausweichen der Russen nach Osten durch das Vorgehen der Österreicher "mit vorgenommenem rechtem Flügel" erreicht, "um den Gegner gegen die Pripjet-Sümpfe zu drängen und einen Abzug auf Kiew zu verhindern" (Hervorh.v.m., B.S.).

Russen zur Offensive verleiten.

Moltke jedenfalls erwartete von einem energischen deutschen Vorgehen aus Ostpreußen,

"gegen Narew und Njemen...vielleicht den Einsatz der[russischen] Zentralarmee heraus[zu]fordern" (Hervorh.v.m., B.S.).

Nochmals bestätigte der Generalstabschef die seit Januar 1910 gemachten Zusagen für den Kriegsfall ‚Rußland’, bei "zweifelhafte[r] oder feindliche[r] Haltung Frankreichs und Italiens".

   Der österreichische Chef des Generalstabes antwortete zustimmend, "die Offensive [gegen Rußland] sobald als möglich zu beginnen". "Strengst vertraulich" teilte er Berlin ferner mit, dass er "seit einigen Jahren" hinsichtlich des "so sehr erwünschten aktiven Beitritt[s] Rumänien´s" in "direkten Verhandlungen" stehe. Das bisherige Ergebnis strich Conrad allerdings aus seinem Konzept. Er hatte Moltke mitteilen wollen, "daß Rumänien seine Hauptkräfte in der Gegend von Dotucani" versammeln werde. Da Rumänien den Bulgaren nicht traue, rechnete Conrad mit "kaum mehr als acht rumänische[n] Divisionen" gegen Rußland. Weiter nahm der Österreicher an, die russische "Central-Armee" könne sowohl gegen Deutschland wie auch gegen Österreich eingesetzt werden. Dem Wunsch Moltkes, die österreichische Armee möge "in Richtung Brest-Litowsk" eingreifen, suchte Conrad zu entsprechen. Er teilte mit, er habe

"den Aufmarsch der diesseitigen Hauptkräfte so weit nach Osten verlegt als es die nicht sehr vortheilhafte Grenzconfiguration Galizien´s und die Leistungsfähigkeit der Bahnen"

zulasse. Grundsätzlich stimmte der Österreicher Moltke zu, der Schlag gegen die russische Armee in Polen könne gelingen. Conrad hielt fest:

"Auch ich bin der Ansicht, daß Rußland gegenüber das unangenehmste Moment in der Unermeßlichkeit der Räume dieses Reiches und der damit Rußland gebotenen Möglichkeit gelegen ist seine Streitkräfte zurückzuführen um im Clausewitzschen Sinne die Offensive erlahmen zu lassen,- und daß es daher nur höchst erwünscht sein kann, die russischen Kräfte zum Schlag zu zwingen;- doch glaube ich, daß diese Verhältnisse seit 1812 sehr zu ungunsten Rußland´s verändert sind" (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad erwartete Mitte 1911, dass Rußland in Polen offensiv werde:

"Das höchst Bedenkliche einer so großen freiwilligen Gebietsabtretung, insbesondere bei den bestehenden polnischen und ukrainischen Aspirationen,- die Gefahr der socialen Revolution im Inneren werden R[ußland]. nöthigen den Schlag im Westen zu [führen, gestr.] suchen; andererseits bieten die modernen Verkehrsmittel ganz andere Chancen für den Angreifer als dies im Jahre 1812 der Fall war" (Hervorh.v.m., B.S.).

Auch der theoretische Vorteil der russischen Position, zwischen deutschen Kräften in Ostpreußen und österreichischen in Galizien, erschien Conrad wie Moltke von geringerer Bedeutung. Doch schränkte der österreichische Generalstabschef ein:

"Hinsichtlich des heutzutage Bedenklichen der Operationen auf der inneren Linie bin ich ganz E[urer].E[xcellenz]. Anschauungen;- aber im vorliegenden Falle scheinen mir zwei wesentliche Momente mitzusprechen, erstens ist der trennende Raum zwischen den beide[n] Vorstoßenden in der Linie Mlawa, Zaidichost 300 Kilometer breit und zweitens kann jeder der beiden Verbündeten am äußeren Flügel wieder umfaßt werden, nämlich die deutschen Kräfte aus der Linie Kowno, Grodno, die öst[erreich].ungarischen aus jener Piosknrow Staro Konstantinow,- so daß sich die Gesamtlage damit ergibt[,] daß jede der infolge der Grenzconfiguration auf 300 km voneinander getrennten beiden Gruppen der Verbündeten,- russischerseits aus zwei Fronten angegriffen werden könnte [Warum sollte sich Rußland das nicht zunutze machen? gestr.] (Hervorh.v.m., B.S.).

Dennoch bleibe es, so Conrad, bei den im Januar/Februar 1910 getätigten Vereinbarungen.

 

40 – Schlaglicht Marokkokrise 1911: England nun Hauptgegner.

   Anfang Februar fühlt der preußische Kriegsminister beim Reichskanzler vor, ob der Anregung des Korvetten-Kapitäns a.D.Mayer vom 27. Januar gefolgt werden könne, ausgesonderte 15 cm  und 21 cm Ring- und 21 cm Mantel-Kanonen an Serbien und Griechenland zu liefern. Am 17. Juli berichtet der Militärattaché in Konstantinopel, Strempel, dass der "Ausbruch eines Krieges zwischen [der] Türkei und Montenegro wahrscheinlich" sei.

   Noch am Tage seiner Krönung zum König von England erwähnte Georg V. in seinem Tagebuch den ernsten politischen Hintergrund vor welchem seine Investitur stattgefunden hatte. Der neue König schrieb:

"Sah Francis (Lord Knollys), der gerade aus London zurückkam, und hatte eine lange Unterhaltung mit ihm über politische Krise, die sich sehr unangenehm zugespitzt und mir viel Kummer und Sorge macht!" (Hervorh.v.m., B.S.).

   Am 4. August vormittags fand sich Conrads Emissär, Hauptmann Ulmansky, aus Wien kommend, in Begleitung des österreichischen Militärattachés Bienerth, bei Moltke ein, um einen Brief des österreichischen Generalstabschefs zu überbringen. Im Verlauf des sich anschließenden Gesprächs äußerte der deutsche Gesprächspartner, es wäre in der gegenwärtigen Lage "die günstigste Zeit" für den Krieg gewesen. Bienerth und Ulmansky gewannen den Eindruck,

"dass die Ansichten S[eine]r. Exzellenz sich mit jenen unserer allgemeinen militärischen Kreise vollkommen decken. Wir schlossen dieses Kapitel mit dem beiderseitigen Ausdrucke des Bedauerns, dass es sich anders gefügt hat, als es der Soldat wünschte" (Hervorh.v.m., B.S.).

Das militärische Berlin: Abrechnen mit England.

Das Gespräch war jedoch nicht beendet. In dessen zweitem Teil kam Moltke auf die letzte Marokkokrise zu sprechen und betonte,

"dass die militärischen Kreise [in Berlin] vollkommen überzeugt sind, dass die Tätigkeit der deutschen Diplomatie die erwünscht beste und zweckmäßigste ist. An ein Nachgeben seitens der Diplomatie des lieben Friedens halber scheint in Deutschland  N i e m a n d Massgebender zu glauben. S[eine]. Exzellenz sagte, die ganze Sache ist nur eine Frage der Nerven und Kiderlen hat gute Nerven. Weiters gab S[eine]. Exzellenz seiner Ueberzeugung Ausdruck, dass die ganze Frage  n u r  von England in das gegenwärtige Fahrwasser gedrängt wurde. Sobald England erwähnt wurde, gewannen die Redewendungen und Ausdrücke S[einer]. Exzellenz derart an Kraft und Leben, dass man sah, dass er England als den Gegner mit dem man abrechnen muss betrachtet".

Bedeutsam erscheint, dass Moltke offensichtlich mit Kiderlen einig war in der Absicht, über Marokko England zum Krieg zu zwingen, und festlandstrategisch in Frankreich zu treffen. Dass die Übereinstimmung von Politik und Militär in Deutschland keine vorübergehende Laune war, zeigte das am Abend folgende Gespräch der österreichischen Spezialdelegation mit den Vertretern der Nachrichten-Abteilung III im Generalstab. Diese betonten nämlich, dass der deutsche Generalstabsoffizier "in der auswärtigen Vertretung [Deutschlands] den eminenten Förderer seiner Aspirationen" sieht. Wie hoch das Engagement Deutschlands, rein strategisch gesehen, in der Türkei bewertet wurde, zeigte die Aussage der Herren der deutschen Feindnachrichten-Abteilung, die

"alle im deutschen Heere dienenden [türkischen] Offiziere (gegenwärtig za 150) [würden] als den sehnlichsten Wunsch der Türkei, deren Aufnahme in den Dreibund bezeichnen" (Hervorh..m., B.S.).

Auch Moltke hatte am Vormittag "eine der Türkei freundliche Politik" als "erwünscht" bezeichnet. Gerade zwei Tage zuvor, so wurde berichtet, sei die gegenwärtige "Marokkoangelegenheit" hochgekocht. "Am 2./8" seien "alarmierende Nachrichten von der französischen Ostgrenze" eingelaufen, wonach "Bahnpersonal einberufen worden sein soll". Die Spionage-Spezialisten in Berlin hätten "sofort einen Offizier zur Bereisung dieser Gegend" entsandt.

   Am 10. August schickt das Auswärtige Amt "Berichte des Konsulats Johannisburg über eine Unterredung zwischen dem englischen General Townshend und dem deutschen Finanzier Gossert" über einen "(Krieg zwischen England und Deutschland, engl[ische]. Maßnahmen)". Dazwischen läuft am 19. August der Militärbericht Nr. 83 aus Brüssel ein, worin gemeldet wird, die

"Belgier haben sehr geringes Vertrauen zu ihrer eigenen Armee und zu Frankreich, werden ihre Neutralität wohl nicht sehr energisch verteidigen. England steht doch mehr draußen; ist nur halb beteiligt nach Belgiens Meinung" (Hervorh.v.m., B.S.).

   Im Juli sprach der liberale Premierminister Asquith im Unterhaus zur Flottenfrage. Er äußerte sich positiv über Deutschland. Goschen schrieb, diese Rede habe in Berlin einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen und fügte hinzu:

"he spoke of the great friendly German Nation, admitted that Germany required a strong navy - with her commerce and World Power increasing every day, and buttered them up generally. He however maintained his point about the possibility of Germany having 17 [eingefügt: Dreadnought] ships in 1912 - and that may make a little row as Tirpitz and Bethmann etc. have always said that they will only have 13. Moreover, they can have 17 - and we have to reckon not with what they say they will have - but with they can have and what they would have sh’d circ’es require it" (Hervprh.v.m., B.S.).

Goschen beurteilte die deutsch-englischen Flottenbeziehungen äußerst nüchtern. Er sah den deutschen Willen, das Flottengesetz durchzuführen. England aber werde, so Goschen’s Tagebuchnotiz vom 29. Juli:

"build a sufficient number of ships to ensure our supremacy at sea" (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Botschafter machte vor allem die Presse verantwortlich für die auf beiden Seiten erhitzte Atmosphäre, wie auch immer wechselseitig deren Stimme motiviert gewesen sei. Das habe dazu geführt, dass

"Press violence only embittered relations [between England and Germany] and rendered any moderating influence quite powerless".

Deutscher Operationsplan gegen Belgien, Frankreich, England.

Zusätzlich erschwerten Schoens Weggang, und dessen Nachfolger Kiderlen, die Lage. Goschen urteilte:

"Kiderlen-Wächter will be another pair of shoes - and I doubt if they will fit me so well. Mais nous verrons! and it is possible that it may be advantageous having a man who will take a line of his own - and talk out even tho’- brutally" (Hervorh.v.m., B.S.).

   Die Krise um Marokko erreichte am 1. September ihren Höhepunkt. Das

"K[riegs]M[inisterium] teilt [eine] Unterredung mit dem Reichskanzler und [dem] Staatssekretär des A[uswärtigen]A[mtes] über [die]Abbestellung der Manöver mit Rücksicht auf die politische Lage"

mit. Am 28. September trifft in Berlin ein anonymer Artikel der "Fortnightly Review" ein. Dieser "sieht den deutschen Operationsplan durch Belgien" als Tatsache und

"versichert die Franzosen d[er]. engl[ischen]. Unterstützung. Antwerpen soll so lange gehalten werden bis "die Engländer landen und in die deutsche Flanke vorstoßen können". "Ein Artikel der Zeitung La Belgique" empfiehlt "bereits den Volkskrieg zu entfesseln gegen die Deutschen mit Rücksicht auf die Unzulänglichkeit der belg[ischen]. Armee. Frankreich einverstanden....!" (Hervorh.v.m., B.S.)

Die

"Besorgnisse Belgiens wachsen immer mehr nach den weiteren Berichten des Mil[itär].Att[achés].[:] pessimistische Stimmung. Die Alarmartikel der belg[ischen]. Presse vermehren sich immer stärker".

Die französische "Presse läßt jetzt (seit Herst 1911) eifrigen Beistand" in der "Landesverteidigung" erkennen. "Sachverständigenbücher erscheinen über die Gefahr [des deutschen Angriffs]".

Österreich tritt auf die Bremse.

   Am 1. August berichtete der österreichische Botschafter in Berlin, Szögyenyi, Kiderlen und Ährenthal hätten "beschlossen", dass Sommer und Herbst friedlich sein sollten. Auch sei Kiderlen sehr wohl für gute Beziehungen mit England zu haben. Doch Goschen hegte Zweifel. Er notierte:

"I am not certain about either of these things. I don’t think things look particularly well in Macedonia - and I am not certain about K[iderlen]. Of course if we yielded everything Germany wants we could have an understanding tomorrow" (Hervorh.v.m., B.S.).

Offenbar war aber Grey nicht gewillt, den Deutschen die Sache zu einfach zu machen. Goschen erhielt Anfang August Weisungen, die seinen Äußerungen, zuvor gegenüber Bethmann Hollweg, zuwider liefen. Der englische Botschafter bemerkte, offensichtlich stehe der Außenminister unter dem Druck des "radical wing" im Kabinett. Während Kiderlens Empfang, wenige Tage darauf, äußerte dieser sich überhaupt nicht zu den englisch-deutschen Beziehungen. Es kam dem deutschen Außenminister offensichtlich darauf an, dass sich die Dinge in Macedonien besserten; wie war ihm eigentlich gleich. Zur Frage eines Krieges auf dem Balkan schien der deutsche Aussenminister mit Ährenthal überein zu stimmen. Goschen schrieb:

"I asked him whether supposing there was war he agreed with Ährenthal in thinking it would be localised. He said – ‘Yes - if you keep your friends back’! I said ‘What friends?’ and he said ‘The Russians’." (Hervorh.v.m., B.S.)

Goschen sucht den Ausgleich.

Die Vorstellungen Berlins, unter welchen Bedingungen der Krieg zu führen sei, waren augenscheinlich im Jahre 1911 ausgereift. Kiderlen der im Außenministerium empfing, überließ es Stumm, mit Goschen ins Detail zu gegen. Wobei der Staatssekretär des Äusseren zunächst über englisch-deutsche Beziehungen einiges "blubberte", um dann kurzerhand eine neue Theorie zu verkünden. Nämlich, nicht die Flottenfrage führe zu den Belastungen zwischen Deutschland und England, sondern dessen Politik, sich mit Frankreich und Russland zu verbinden. Goschen antwortete:

"My dear man - we might as well complain of your policy of being friends with Austria and Italy´. He [Kiderlen] admitted that he had no belief in the Balance of Power theory" (Hervorh.v.m., B.S.).

So vorbereitet, erreichte den englischen Botschafter am Freitag, dem 12. die durch Stumm überbrachte Einladung des Reichskanzlers auf dessen Landsitz "Hoch Finnow" - wie Goschen in seinem Tagebuch notierte - für Sonntag, den 14. August. Goschen gab von Schloss und Garten Hohenfinow einen ersten Eindruck wider:

"went out to see Chancellor at Hohen Finnow [Hohenfinow bei Eberswalde]- a quaint old house with fine ceilings and a nice old fashioned garden - with old fashioned flowers and beautiful avenues of old lime trees. Farm - about 200 cows not up to much - and badly kept. Some good pigs - Deutsche Edelschweine chiefly - but not many".

Doch das Hauptgewicht des Gespräches, das von Musik am Flügel und Anmerkungen zu Literarischem umrahmt wurde, lag, an diesem Nachmittag und Abend, auf den deutsch-englischen Marinefragen. In einer langen und zentralen Unterredung erörterten der Kanzler mit Goschen den britischen Vorschlag, wie eine Verständigung möglich sei. Dabei ging es darum zu klären, was Greys Vorschlag bedeute, die deutsche Flottenrüstung einzufrieren und sich gegenseitig über Schiffbaufragen zu informieren. Bethmann Hollweg fragte: "But what will G´t Britain do meanwhile?" Goschen merkte in seinen Tagebuchnotizen an, er habe geantwortet,

"that I was not clear either but that I thought - as our great object was to reduce the great expenditure on armaments - we should reduce our expenses to the minimum of what we considered necessary for safety" (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kanzler habe nicht sofort Stellung bezogen, sondern gebeten, Grey für die Verbindung zu danken, jedoch anzumerken, er habe noch einige Unterlagen durchzusehen, bevor er seine Meinung gebildet haben werde. Mit einigen atmosphärisch-skizzenhaften Anmerkungen schloss Goschen seine Aufzeichnungen:

"I had quite a nice afternoon – tho’ it was beastly cold sitting out in the garden before dinner - Me B[ethmann].H[ollweg].’s sister was there - young B[ethmann].H[ollweg]. a nice lad educated at Oxford and a very pretty Governess - Miss Clark: also that dull fellow Flotowand Stumm" (Hervorh.v.m., B.S.).

Berlin kritisches Kalkül: Machtfaktor Türkei. Ausgleich mit Rußland?

   Wenig später erläuterte der serbische Außenminister Milovanovich dem englischen Botschafter die Machtverhältnisse auf dem Balkan. Die Macht der Türkei werde weit überschätzt. Goschen hielt fest:

"He told me inter alia in answer to an observation from me that the military situation between Turkey and Bulgaria was very different, in Turkey’s favour, from what it was two or three years ago, that that was true to a certain extent; but that the Turks were neither so strong as they thought themselves nor as a great many other people thought them. Their men were good - but their officers - nothwithstanding v.der Goltz deplorable: as venal and inefficient as they were in Abdul Hamid´s time" (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Militärbericht Nr.109 meldete bereits am 10. Oktober,

"das Belg[ische] K[riegs]M[inisterium] und die Mehrzahl der belgischen Offiziere sind deutschfreundlich gesinnt".

   Goschen und Bethmann Hollweg trafen Mitte Oktober zu einem "tremendous talk of 2 hours" zusammen. Ein paar Tage später wiederholte sich dieser Vorgang mit Wilhelm II., der eingehend mit dem Botschafter über Politik sprach. "It was interesting but too secret for this book" (Hervorh.v.m., B.S.), notierte Goschen in seinem Tagebuch. In diesen Tagen urteilte der französische Botschafter Jules Cambon über Kiderlen:

"Dans les petites affaires il sera très coulant - mais dans les affaires importantes il est capable de nous faire des grandes cochonneries’!!"

Das sich abzeichnende Treffen zwischen Zar und Kaiser erörterte Unterstaatssekretär  Nicolson vom Foreign Office in einem Brief an Goschen. Der englische Botschafter reduzierte auf das Wesentliche, nämlich die Begegnung zwischen Sasonow und Kiderlen-Wächter. Überdies schien ihm ein Krieg zwischen der Türkei und Griechenland (unter Beteiligung Deutschlands auf türkischer Seite) nicht mehr zu erwarten.

   Doch die Spannungen - vor allem jene zwischen Frankreich und Deutschland - dauerten an. Cambon äusserte erneut zu Kiderlen:

"Ah! Mon ami - nous avons mangé notre pain blanc dans la Personne de Schoen - avec Kiderlen nous n´aurons que du pain noir!" (Hervorh.v.m., B.S.)

Aber auch zwischen den Westmächten und Russland bestand Misstrauen. Goschen und Cambon waren sich einig, wenn es darum ging, aus Osten-Sacken oder Schebeko etwas über Sasonows Besuch in Potsdam und Berlin herauszuholen. Am 1. November aßen Bethmann Hollweg und Kiderlen bei Osten-Sacken mit Sasonow. Goschen bemerkte, es werde schwer fallen herauszubekommen, was der russische Außenminister in Berlin wolle. Als der englische Geschäftsträger Ende Dezember Nicolsen in London traf, war dieser über Sasonow äußerst entrüstet. Auch Goschen meinte: "I think latter is not behaving well". Schoen, nun nach Paris versetzt, hatte aus Berlin eine Antrittsrede erhalten, die er vor dem Präsidenten der Republik Fallières zu halten hatte, deren freundliche Töne er jedoch abschwächte. Der deutsche Geschäftsträger begründete dies damit, er werde in der deutschen Öffentlichkeit bereits als zu frankophil bezeichnet.

   Im November fasste Brigadegeneral G.N.Nickolson die Kontakte des Jahres 1906, zwischen Frankreich und Großbritannien, noch einmal zusammen. Es habe sich damals um Vorbereitungen "für den Fall eines unprovozierten Angriffs Deutschlands auf Frankreich" gehandelt. "Die Arbeiten von 1906" hätten "eine gewisse Berücksichtigung für die Heimatarmee 1907" gefunden.

   Den vorgeblichen Gegenstand der "Entrevue von Potsdam" teilte dann, mehr oder weniger unscharf, Kiderlen am 8. November mit, als der englische Botschafter den deutschen Staatsekretär des Auswärtigen an dessen diplomatischem "jour fixe" aufsuchte. Goschen notierte dazu:

"Went to Kiderlen´s day - he gave me a very jejune account of his conversations with Sazonow - Statu quo in Balkans - support of present Turkish Gov´t Faute de Mieux´(wh. he explained by saying that a Gov´t directed by an anonymous Committee was not an ideal one!) - localization of quarrels amongst minor Balkan States - and necessity of making latter understand that sh´d Internal troubles arise in Turkey it is not their affair but that of G´t Powers. About Persia he said but little merely that he had told Sazonow that as long as integrity of Persia and open door was guaranteed Germany had nothing to do with ‘Persian Question’".

Kriegsentschluß bereits im Dezember 1911? Zusammenarbeit zwischen Reichskanzler, Generalstab und Kriegsministerium.

Am Vortage hatte der "Daily Chronicle"(Pansa) die Ausführungen Bethmann Hollwegs zu den englisch-deutschen Beziehungen unverkürzt gebracht, die der Kanzler Goschen gegenüber getätigt hatte. Berlin bemühte sich demnach, an allen Fronten den Druck auf Downing Street zu erhöhen, schließlich einem Abkommen mit Deutschland näherzutreten. "Zufällig" begegnete der Botschafter, anlässlich einer Jagd auf Schloss Trachenberg, dem Fürsten "Lignowsky" und späteren Botschafter in London. Unübersehbar demnach die "Regie", welche deutscherseits alles darauf abstellte, die Beziehungen mit Großbritannien über kurz oder lang, und "in any case", zu verbessern.

   Am 2. Dezember geht an Bethmann Hollweg die "Denkschrift des Chefs des Gen[eral].Stabs der Armee über die militärpol[itische]. Lage Deutschlands", "d[ie]. achte!"

Es fragt sich, wo sind die übrigen sieben geblieben, und was war deren Inhalt? Das Kriegsministerium erhält am 4. Dezember eine Abschrift. Der Reichskanzler dankt am 26.12.1911. Von Bethmann Hollweg hatte am 28. November, dem Vertreter Moltkes, Stein, die

"Abschrift der Berichte 707, 718, 773, 774, 775 des Marine-Attachés in London [und] 2 Berichte der Botschaft in London [übersandt]. Staatssekretär Tirpitz sendet in Abschrift ebenfalls [die Berichte] 707 und 718".

"Zugeschickt an Gen[eral].Major Stein ganz!" Am 14. Dezember folgt ein "Bericht des Reichskanzlers an S[eine].M[ajestät]. über [die] Unfreundlichkeiten der belgischen Presse und deren Abstellung" nach. Am 16. Dezember macht das Militärkabinett

"Mitteilung über die vom 1.10.[19]12 an neu beabsichtigte Friedenspräsenz- und Heeresvermehrung".

Der Generalstab antwortet am 22. Dezember, und macht dem Kriegsministerium "Vorschläge für die neue Friedensgliederung im Osten und Westen". Der "Entwurf am 23.12. an Oberst Ludendorf zurück". Am 18. Dezember waren vom Auswärtigen Amt "Berichte des Gesandten in Brüssel[,] nebst Anlagen[,] betr[effend]. [die] Haltung Belgiens zu Deutschland" eingetroffen. Kurz darauf kommt der

"Bericht des Geschäftsträgers in Paris über Aufmarschmassierungen und russ[isch].-franz[ösische]. Abmachungen".

Am 26. Dezember meldet der Botschafter in Bukarest Rumänien rechne "für [das] Frühjahr 1912 mit einem Krieg" (Hervorh.v.m., B.S.).

41 - Inspizient des Pionierkorps Mudra: Strategisch keine Probleme.

   Neue Funde aus den Jahren nach 1919, legen diese Zusammenhänge offen. Der Inspizient für Festungen und Pionierwesen, Mudra, meldete am 9. November seine Forderungen beim Generalstab an. Er betonte "die schwierige Lage", das Reich werde "den Krieg nach 2 Seiten führen" müssen. Der Krieg nach einer Seite - West oder Ost - stelle kein Problem dar. Dieser sei "offensiv und außerhalb des eigenen Gebietes zu führen" (Hervorh.v.m., B.S.). Der Grundgedanke des deutschen Aufmarschplanes war bekannt. Von der Schwerpunktbildung auf einer Seite leitete Mudra her, es sei "die vornehmste Aufgabe der Landesbefestigung diese Absicht mit allen Mitteln zu unterstützen". Der Inspizient des Festungswesens und der Pioniere legte damit die operative Absicht der deutschen Generalstabes offen. Mudra führte aus, es könne

"ein Zweifel darüber wohl nicht bestehen, daß wir mit unserem Hauptstoß in erster Linie Frankreich treffen müssen. Ist Frankreich in den ersten Schlachten geschlagen und ihm das Bewußtsein seiner Unterlegenheit uns gegenüber von neuem aufgepreßt, so ist m.E. die wichtigste Arbeit getan" (Hervorh.v.m., B.S.).

Im Westen wie im Osten: Eventuell Zurückgehen bis auf Rhein und Oder.

Im Westen würden "Metz-Diedenhofen...auf einer Strecke von rund 40 km Länge" die Heeresbewegungen begünstigen. Erneut spielte der Inspizient auf den geplanten Aufmarsch rund um Metz an. Selbst ein Ausweichen "auf den Rhein" wurde erwähnt. Ein Umstand, der 1914, im Zuge der Marneschlacht, durch Lyncker erwähnt werden sollte. Doch gerade die ersten Schlachten des Krieges seien deshalb von entscheidender Bedeutung, weil

"die großen Militärmächte...die Entwicklung ihrer Wehrkraft, ihre Mobilmachung, alle Kriegsvorbereitungen darauf an[legten], in den ersten großen Entscheidungen im freien Felde ihre gesamte militärische Kraft zum Einsatz zu bringen" (Hervorh.v.m., B.S.).

Darin waren sich Moltke und Mudra einig. Dieser schloss:

"Daraus folgt, daß bei einem Kriege nach 2 Seiten die Lage für uns eine aussichtslose wird, wenn wir nicht spätestens am Rhein den Umschwung herbeiführen, und daraus folgt weiter, daß die Festungen wenigstens am Mittel- und Niederrhein kaum anders in Aktion zu denken sind, als in Verbindung mit der Feldarmee!" (Hervorh.v.m., B.S.)

Alle Anstrengungen wollte der Inspizient des Festungswesens auf Metz-Diedenhofen konzentriert wissen. Die Grenzbefestigungen in diesem Raum sollten bereits im Frieden armiert sein. Doch der "Schwerpunkt für den Friedensausbau" der "Landesbefestigung" liege jedoch "an der Ostgrenze". Mudra skizziertr die Planungen für den Ostkriegsschauplatz. Er führte an, es komme

"darauf an, in zähem Widerstande mit möglichst geringen Kräften das Vordringen der numerisch weit überlegen anzunehmenden Russen aufzuhalten und Zeit zu gewinnen für die Durchführung der zunächst entscheidenden Operationen auf dem westlichen Kriegstheater. Frankreich muß von uns in entscheidenden Schlachten geschlagen sein, ehe die Russen mit stärkeren Kräften die mittlere und untere Oder überschreiten" (Hervorh.v.m., B.S.).

Die herausragende Bedeutung des Festungsbaus im Osten unterstrich der Inspizient durch den Hinweis:

"Je länger wir im Osten mit Hilfe der Landesbefestigung die Situation hinhalten, desto mehr Zeit bleibt für die entscheidende Aktion im Westen, desto gründlicher kann dort die erste Abrechnung vor sich gehen, ehe man von den Franzosen ablassen muß, um sich gegen die Russen zu wenden!" (Hervorh.v.m., B.S.)

   Im Jahre 1899 hatte der Freund und Lehrer Mudras, Colmar von der Goltz, bereits diese Grundsätze deutschen Festungsbaus entwickelt, jedoch für die gleichzeitige fortifikatorische Ausgestaltung des westlichen, wie des östlichen, Kriegsschauplatzes plädiert. Diese Forderung hatte zu dessen Entlassung geführt, da Generalstab (Schlieffen) und Klriehgsminister (Einem) gegen Festungslinien aufgetreten waren. Die Anmerkungen des Oberquartiermeisters Stein zeigten 1911 die gleich ablehnende Position des Generalstabes. Die untere Weichsel, so Mudra, sei bereits gegen den frontalen Angriff der Russen verstärkt. Von Süden sei die Front "Kulm-Marienburg jedoch jederzeit zu umgehen. Die Verteidigung der Weichsellinie entbehre der Tiefe. Ein Durchbruch werde zur "Räumung der ganzen Linie" führen. Deshalb sei Graudenz zu erweitern und "zu einem doppelten Brückenkopf" auszubauen. "Die Weichsel-Befestigungen von Thorn bis Marienburg und...die Festung Posen" behinderten "einen Vormarsch der Russen in der allgemeinen Richtung Berlin".

   Momentan wären die Festungen Posen, Thorn und Graudenz derart schwach, dass die Russen "nach erfolgter Durchführung der lebhaft in Angriff genommenen Modernisierung ihrer schweren Artillerie...sogar gegen 2 von diesen Festungen den Angriff gleichzeitig aufzunehmen in der Lage sei[e]n". Die Modernisierung dieser Plätze, so der Pionier, sei überfällig. Königsberg, als Brückenkopf in der rechten Flanke der vorstoßenden Russen, stehe

"nach Ausführung des Hafenabschlusses durch die Frische Nehrung in einem gewissen Zusammenhange mit der Weichselverteidigung;dies kann bei Aufnahme der Offensive unsererseits größere Bedeutung gewinnen - ganz abgesehen davon, daß durch den Haffanschluß das Samland mit seinen reichen Hilfsmitteln dem Gegner entzogen bleibt" (Hervorh.v.m., B.S.).

Cüstrin - und eine ernsthafte Belagerung dieser Position - wurden durch Mudra deshalb nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, da, gelange "der Feind einmal mit bedeutenden Kräften in die Nähe von Berlin, so" werde "der Krieg entschieden sein, wenn es nicht" glücke, "den Gegner bald in freiem Felde zu schlagen" (Hervorh.v.m., B.S.). Glogau und Breslau wurden nur in begrenztem Maße herangezogen. Diese erhielten dennoch indirekte Bedeutung durch die "mit französischem Geld" vervollständigten Bahnlinien "in das Festungs-Dreieck Warschau-Brest-Iwangorod". Feldbefestigungen, bereits im Frieden "an den Obra-Abschnitten", wurden beantragt. Offenbar wollte sich der Inspizient der Zustimmung Moltkes versichern. Im November 1911 war augenscheinlich der Umriss der künftigen Kriegführung festgelegt und die Phase unmittelbarer Kriegsvorbereitung sollte eingeleitet werden.

42 – Ende 1911 die Wende: Der Kriegsminister für die Nachrüstung.

   Aufgefordert durch den Reichskanzler, zog am 19. November der Kriegsminister seine Folgerungen aus der Marokkokrise des Sommers. Bislang seien "normale[r] Verhältnisse" Grundlage der letzten Schätzungen zum Bedarf der Armee gewesen. "Mit den neueren politischen Vorgängen" habe auch eine öffentliche Diskussion "Erwägungen" zum "Friedenspräsenzgesetz 1911" in Gang gesetzt. Vorschalten wollte Bethmann Hollweg die Beratung zu einer Marinevorlage. Das veranlasste Heeringen, in Übereinstimmung mit dem Chef des Generalstabes, auf das Gespräch über die Nachrüstung der Armee hinzulenken.

Blick zurück.

In einer Anlage betonte der Kriegsminister, die Heeresvorlage 1911 sei von vornherein "als unzureichend bezeichnet" worden. Aus fiskalischen Gründen habe auch der Kriegsminister seine Vorstellungen zurückschrauben müssen. Ohne akute politische Spannungen sei dieses Gesetz zu vertreten gewesen. "Der erste wirkliche Zuwachs an Kampfkraft" sei "erst im Jahre 1914" und 1915 geplant gewesen. Allein mit Zahlen des militärtechnischen Vergleichs sei, im Reichstag und dessen Ausschüssen, 1909 keine Armeevergrößerung durchzusetzen gewesen. Allerdings sei schon zu diesem Zeitpunkt bekannt gewesen:

"Daß wir uns auf einen französischen Angriff - event[ue]l[l]. unterstützt durch Rußland und England - einzurichten und dabei nur auf die Hilfe von Oesterreich, aber keineswegs sicher auf die von Italien zu rechnen hätten" (Hervorh.v.m., B.S.).

Heeringen suchte sich gegen den Vorwurf mangelnder Voraussicht zu sichern. "In den Stärkeverhältnissen" zu Frankreich, Russland und England sei "seit 1909 keine durchschlagende Verschiebung" erfolgt. Heeringen unterstrich die nun veränderte Rüstungslage:

"Die russische Armeeorganisation ist fast vollendet. In Frankreich scheinen sich die Absichten, das afrikanische Menschenmaterial zur Stärkung der in Europa verfügbaren Streitmittel zu verwenden, zu verdichten. Belgien und Holland haben sich, angeregt durch die Spannung 1911, auf die Wahrung ihrer Neutralität wesentlich mehr vorbereitet" (Hervorh.v.m., B.S.).

Folgen der Marokkokrise.

Diese Folge der zweiten Marokkokrise, so sah es der Kriegsminister, werde, "in wenigen Jahren..., schon aus rein ziffernmäßigen Erwägungen eine Verstärkung des deutschen Heeres unabweisbar" werden lassen. Das Problem zahlenmäßiger Unterlegenheit gegenüber den möglichen Gegnern, wurde keineswegs zurückgewiesen, sondern als Argument für eine Armeeverstärkung ins Feld geführt. Vorgeblich hatte der Kriegsminister bereits 1910 mehr gewollt. Jedoch seien die Bemühungen seit 1905 "verhältnismäßig wenig vorwärts" gekommen, gestand Heeringen zu. Bereits mit dem "technischen Quinquennat" von 1911 wurde für dessen Durchführung das Jahr 1916 anvisiert. Nun sei in der Planung auf 1914 hin disponiert worden, und 1915 für den Abschluss vorgesehen. Die Lage habe sich jedoch mit der Marokkokrise, in der zweiten Jahreshälfte 1911, grundlegend verändert. Das Reich habe sich inzwischen - und das gestand der Kriegsminister zu - auf einen "französischen Angriff - event[ue]l. unterstützt durch Rußland und England - einzurichten" und könne "dabei nur auf die Hilfe von Oesterreich, aber keineswegs sicher auf die von Italien" rechnen. Überraschend für den Leser stellt Heeringen fest, seit 1909 sei "keine durchschlagende Verschiebung" zuungunsten Deutschlands eingetreten.

Hochrüstungsphase in Europa.

Die Veränderungen in Frankreich (Armeeverstärkung) und Russland (Umorganisation) bildeten "noch keine greifbaren Tatsachen". Allerdings regten die Vorgänge des Sommer 1911 zu nicht mehr als der "Frage" an, "ob die militärpolitischen Verhältnisse auch jetzt noch ebenso zu beurteilen" seien. Die Entwicklung Frankreichs in Marokko werde die französischen Streitkräfte verstärken können. Russland, Belgien und Holland hätten deren Reorganisationen nahezu abgeschlossen. Dennoch sei "das deutsche Heer nach des Kriegsministers und des Chefs des Generalstabes der Armee Ueberzeugung" den "vorausssichtlichen Gegnern" Deutschlands "noch gewachsen". Heeringen näherte sich der Position Moltkes insofern an, als auch er keineswegs die Bedeutung "numerisch[r] Ueberlegenheit...im Kriege" leugne.

Kritik Repingtons als Katalysator.

   Entscheidenden Einfluss übte hier die beißende Kritik ausländischer Militärbeobachter an der deutschen Armee, die nach den Kaisermanövern 1911 in Vorpommern von englischer Seite zutage gefördert wurde. Heeringen sprach von "politischen Hetzereien im Ausland" und leitete von dort die gegnerische Kriegsbereitschaft her. Aushangspunkt für Kriegsvorbereitungen schien dem Kriegsminister England zu sein. Als Anlass könne ein weiterer Ausbau der deutschen Flotte dienen. Das Rezept der deutschen militärischen Führung für diesen Fall war, nach Ansicht Heeringens,

"daß wir unter Hinwegsetzung über alle Bedenken alsbald Frankreich vor die Klinge nehmen" (Hervorh.v.m., B.S.).

Der "preemptive strike" war demnach deutsches Programm. Diese Vorstellung entsprang der Überlegung, das "neben einem Seekriege auch mit einem Landkriege zu rechnen" sei.

"In letzterem wird aber unbedingt die Entscheidung liegen....Auf dem Sieg oder Mißerfolg des deutschen Heeres ruht das Schicksal der Krone der Hohenzollern, das Wohl und Wehe unseres Vaterlandes",

führte Heeringen dem Reichskanzler eindringlich vor Augen. Der Kriegsminister prägte für die anstehenden Wehrgesetze die Formel: nicht allein die Flotte sondern auch die Armee. Bis zum 1.10.1912, demnach mit einiger Beschleunigung, sollte nunmehr zunächst die Armee nachgerüstet werden.

43 - Moltkes Rüstungsprogramm: Kriegswille, Abstimmung,Entschluß.

   Anfang Dezember griff daraufhin auch der Generalstabschef zum Mittel der Denkschrift, um dem Politiker zum Jahresende die militärische Lage zu entwickeln. Offen ist, ob dies alljährlich zu diesem Zeitpunkt geschah. Moltkes einleitende Ausführungen stellten seine Darstellung in den Duktus abgestimmten Vorgehens innerhalb der politischen und militärischen Führungsspitze des Reiches. "Politische und militärische Verhältnisse" seien nicht zu trennen. Ausdrücklich sprach Moltke für die Synopse beider Sichtweisen. "Deutschlands Ziele" seien 1911 "weiter gesteckt als früher". So sei

"der Leiter der militärischen Operationen...vor eine Aufgabe gestellt, die fruchtbringend nur gelöst werden kann, wenn seine Vorarbeiten sich in Uebereinstimmung mit den politischen Richtlinien des Staatesbefinden. Die Vorbereitungen für Aufmarsch und Operation bedürfen einer langwierigen und sorgfältigen Arbeit, sie können nicht von heute auf morgen verändert werden und auch die Führung unserer Politik wird auf sie rücksichtigen müssen. Schon der Zeitpunkt, wo die Politik durch Waffengewalt fortgesetzt werden soll, kann von ausschlaggebender Bedeutung für den Ausgang sein" (Hervorh.v.m., B.S.).

Nichts anderes als hochmodern waren diese Einsichten des verantwortlichen militärischen Führers. Wurde diese Denkschrift deshalb von einem Teil der Forschung, da unliebsam für deren apüologetische These vom polykratischen Chaos, bewusst vernachlässigt? Die Kooperation von Politik und Militär im Kaiserreich wird hier durch Moltke bestätigt.

Frankreich: Zunehmender Offensivgeist.

   Von Frankreich ausgehend, welches das zentrale Problem deutscher Strategie darstelle, sah Moltke keine aktuelle Bedrohung. Anders England, von wo der französische Revanchegeist wiederbelebt würde. Zum Beispiel durch die Propaganda eines Repington. Deutschland verfolge seinem westlichen Nachbarn gegenüber keine offensiven Ziele. Wenn auch die deutsche Weltpolitik durch den Generalstabschef offensiver aufgefasst wurde, blickte doch immer wieder die Sorge zwischen den Zeilen hervor, der französische Offensivgeist könne wieder erstarken, "Armee, Regierung, Generalstab und Kriegsministerium" Mut fassen, die deutsche Armee im Rahmen der Entente mit England anzugreifen. Moltke konkretisierte:

"Die Zuversichtlichkeit, die durch die Niederlage des russischen Verbündeten einen empfindlichen Stoß erlitten hatte, hat sich mit dem Wiedererstarken des Zarenreiches gehoben, vor allem ist sie gekräftigt worden durch die Gewißheit englischer aktiver Unterstützungin einem Kriege mit Deutschland" (Hervorh.v.m., B.S.).

Einfluß der Kritik Repingtons.

Welche Bedeutung der westeuropäischen Kritik an der deutschen Armee, auch an höchster Stelle, beigemessen wurde, bestätigte der Generalstabschef:

"Zahlreiche Flugschriften, Aufsätze in den Tageszeitungen und in Zeitschriften, auch größere, wissenschaftlich[e] gehaltene, zum Teil von höheren Offizieren verfaßte Werke suchen die Ueberlegenheit der französischen über die deutsche Armee nachzuweisen. In demselben Sinne sind Aeußerungen der englischen Presse laut geworden. In einer längeren Reihe von Aufsätzen über die diesjährigen deutschen Kaisermanöver kommt ein Militärschriftsteller von Ruf, der englische Oberstleutnant Rep[p]ington, zu dem Schluß, die deutsche Armee sei der französischen vielfach unterlegen, in manchen Dingen stehe sie nur auf der Stufe eines Staates zweiten Ranges" (Hervorh.v.m., B.S.).

Den Franzosen solle so suggeriert werden, "die Vortrefflichkeit der eigenen Armee" könne "sich mit jedem Gegner messen". Der Gedanke eines französischen Überfalls klang erneut an. Moltke unterstrich, "die chauvinistische Stimmung" könne "mit oder ohne Willen der Regierung den Krieg unerwartet herbeiführen, der entscheidend sein" werde "für Deutschlands Zukunft". Doch einen lokalisierten deutsch-französischen Krieg hielt der Generalstabschef nicht mehr für möglich.

Das Bild der Blöcke.

Er nahm an:

"Kommt es zum kriegerischen Zusammenstoß beider Staaten, so werden auch die übrigen Großmächte in einer Weise in Mitleidenschaft gezogen, die ihnen ein aktives Handeln aufzwingen"

werde. Seine Prognose ging dahin, "der Dreibund Deutschland, Oesterreich, Italien" werde "der Koalition Frankreich, England, Rußland gegenüberstehen". Den Dreibund sah Moltke geteilt, hinsichtlich der jeweiligen Aufgabenstellung zwischen Deutschland und Österreich gegen Rußland und Deutschland-Italien gegen Frankeich. Falls Rußland nicht am Kriege teilnehme, bestünde für Österreich "keine vertragliche Verpflichtung zu einer Unterstützung Deutschlands". Das würde bedeuten, Deutschland und Italien würden gegen Frankreich kämpfen, das "sicher" von England "aktiv" unterstützt sein werde. Dadurch, und über den Ausgleich der französisch-italienischen Spannungen seit 1902, erscheine die Unterstützung durch Italien unsicher. Diese Entwicklung werde verschärft durch die "Spannung zwischen Oesterreich und Italien". Italien lasse sich inzwischen von Dreibund und "Ententemächten" umwerben. Das sei die Situation.

Krieg mit Frankreich/England leistbar.

Moltkes schlussfolgerte:

"Deutschland wird also gut tun sich darauf vorzubereiten, daß es einen Krieg gegen Frankreich und England zunächst alleine zu führen haben wird. Einen solchen Krieg haben wir nicht zu fürchten, so lange Rußland neutral bleibt und damit für Deutschland Rückenfreiheit geschaffen ist" (Hervorh.v.m., B.S.).

   Die Unbekannte in der Rechnung des Generalstabes hieß: was enthält der Zweibundvertrag zwischen Rußland und Frankreich für den Bündnisfall? Die aktuellen politischen Vorgaben wandelten sich demnach von Jahr zu Jahr. Sollte Russland eingreifen, dann würde das bedeuten, daß Österreich an Deutschlands Seite träte. Stehe Italien zum Dreibund, dann würde Österreich "den größten Teil seiner Kraft gegen Russland verwenden" können. Moltke befürchtete allerdings für den Fall, dass Italien abschwenke, werde dessen "Stoßkraft...gegen Rußland gelähmt werden". Es zeichne sich ab, dass Österreich in diesem Fall "seine Hauptkräfte gegen Italien" einsetzen werde. In jedem Falle werde "Deutschland die Eröffnung des Feldzuges mit allen verfügbaren Mitteln gegen Frankreich" einleiten. Äußerst schwach gegen Russland auftretend, sollte "die Entscheidung des Krieges" gegen Frankreich und England gesucht werden. Moltke verkündete sein Credo:

"Die Republik ist unser gefährlichster Gegner, aber wir können hoffen, hier eine baldige Entscheidung herbeizuführen. Ist Frankreich in den ersten großen Schlachten geschlagen, so wird das Land, das über keine großen Reserven an Menschenmaterial verfügt, kaum imstande sein, einen lang andauernden Krieg weiterzuführen, während Rußland ihn nach einer verlorenen Schlacht in das Innere seines unermeßlichen Gebiets verlegen und ihn auf unabsehbare Zeit in die Länge ziehen kann. Das ganze Streben Deutschlands muß aber darauf gerichtet sein, mit einigen großen Schlägen den Krieg wenigstens nach einer Seite hin sobald wie möglich zu beendigen" (Hevorh.v.m., B.S.).

Die türkische Armee - Ass im Ärmel Berlins.

Operationsziel: Das britische Empire.

Die Hauptgefahr des parallel ablaufenden italienisch-türkischen Krieges um Tripolis sah der Generalstabschef darin, dass Deutschland "entweder einen Bundesgenossen oder einen Freund" verlieren könne. Entscheidend sei, und das erwähnte Moltke herausgehoben, der "militärische[n] Wert" der Türkei in "einem europäischen Kriege". Für das osmanische Reich als Bündnispartner Deutschlands sprach aus der Sicht des Generalstabschefs,

"seitdem Rußland in ein freundschaftliches Verhältnis zu Englandgetreten ist und letzteres dadurch von seinen Besorgnissen um Indien entlastet hat, ist die Türkei die einzige Macht, die England zu Lande gefährlich werden kann. Eine türkische Offensive aus Syrien würde die englische Etappenlinie nach Indien, an der empfindlichsten Stelle, dem Suezkanal, bedrohen und die englische Machtstellung in Aegypten gefährden" (Hervorh.v.m., B.S.).

Wie durchdacht die türkische Karte im deutschen Machtkalkül bereits war, zeigte Moltkes Berechnung für den Vorstoß der Türkei gegen Ägypten. 80.000 Mann türkischer Verbände würden zunächst 6.000 Mann englischer Truppen gegenüberstehen. Diese Kräfte würden "aus den Kolonien auf 20.000 Mann gebracht werden" können. Berlin glaubte annehmen zu dürfen, England würde es nicht "wagen können, in einem Kriege gegen den Kalifen aller Gläubigen die eingeborenen ägyptischen Truppen zu verwenden". Allerdings sei dieser Vorstoß über 350 Kilometer zu führen; benötige also Zeit. Entscheidender erschien jedoch dem Generalstabschef, dass "schon die Versammlung starker türkischer Kräfte in Syrien...es England unmöglich machen" werde, "seine Heimatarmee in voller Stärke auf europäischem Boden einzusetzen" (Hervorh.v.m., B.S.). Damit enthüllte Moltke einen wesentlichen Teil seiner strategischen Rahmenkonzeption. Es ging ihm darum, die Türkei wie mit einem Dreizack einzusetzen. Russland in Armenien und England in Ägypten und Persien zu binden, und so, neben der russischen Westarmee in Polen,  das Auftreten der British Expeditionary Forces in Nordfrankreich zu schwächen.

   Selbst Aden, der britische Seestützpunkt am Ausgang des Persischen Golfes, sollte durch die Türkei genommen werden. Im Jemen standen 30-40.000 Mann türkischer Truppen, die geeignet erschienen, sowohl die türkischen - wie auch die deutschen - Ziele zu verwirklichen, nämlich Ägypten und Aden zu bedrohen und den Seeweg nach Indien zu gefährden. Hinter diesen Überlegungen stand offenbar der Plan, vermittels der Revolutionierung der islamischen Welt, das britische Weltreich ins Mark zu treffen. Die türkische Armee - so Moltke - habe inzwischen ihre "Schlagfertigkeit erhöht".

In Armenien gegen Rußland.

Sie beabsichtige ferner,

"im Falle eines Krieges mit Rußland ein Heer von 100 000 Mann in Armenien aufzustellen. Rußland kann diesem nur seine drei, im Kaukasus stehenden Armeekorps entgegenstellen. Sie werden umso weniger ausreichen, als starke Kräfte zur Niederhaltung der, mit ihren Sympathien der Türkei zuneigenden, mohammedanischen Bergvölker erforderlich sein werden. Rußland wird daher gezwungen sein, Teile seiner Zentralarmee nach dem Kaukasus zu werfen, die dann auf der deutsch-österreichischen Front ausfallen. Wenn die Türkei von den 700 000 Mann, die sie aufstellen kann, 100 000 gegen Rußland, 100 000 gegen Aegypten, 50 000 gegen Aden einsetzt, so bleiben ihr noch 450 000 Mann in Europa verfügbar, denen Bulgarien seine 350 000 Mann nicht vollzählig wird entgegenstellen können, da es sich gegen Rumänien decken muß" (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Türkei, als strategischen Machtfaktor von "Gewicht", erwartete Moltke "in einem europäischen Kriege" auf Seiten Deutschlands und Österreichs. Das habe auch England erkannt, das der türkischen Armee gestatte, "eine gut arbeitende Etappenlinie nach der Cyrenaika einzurichten".

Das Resümee Moltkes.

Letztlich, und das ist des deutschen Generalstabschefs "worst case"-Szenario, blieben "als sichere Factoren, mit denen zu rechnen" sei, "nur die vereinigten Streitkräfte Deutschlands und Oesterreichs, die einer Koalition Frankreich, England, Rußland entgegengestellt werden" könnten. Diese Kräfte würden in voller Stärke, ausschließlich und ohne Ablenkung, gegen die Zentralmächte Deutschland und Österreich aufmarschieren können.

   Das Kräftegleichgewicht sei für diese ein äußerst prekäres. Auch die Zuflucht, numerische Überlegenheit sei nicht alles, und

"die Wehrhaftigkeit einer ganzen Nation, Kriegstüchtigkeit, Tapferkeit, Aufopferungsfähigkeit, Disziplin, Geschicklichkeit der Führung sind höher zu bewerten als die tote Zahl",

konnte nicht des Problems Lösung bringen. Moltke gestand das ein. Nur die Gegenüberstellung der beiderseitigen Machtmittel" bedeute "eine positive Unterlage".

Rußland quantitativ überlegen.

So habe ...<

 

 
Bernd F. Schulte
 
Beware of the Wolves.
 
The Riezler Diary and a Historians “Fraternity”.
 
Preamble.
 
The controversy surrounding German war aims in the First World War, lastly centred on Germany’s share in the responsibility for the outbreak of war, is closely connected with the late Hamburg professor of history, Fritz Fischer. Between 1959 and 1968 this discussion was dominated by a primarily older generation of scientists, the memories of which reached back into the monarchy. Fischer succeeded in gaining influence at universities, radio- and television channels as well as by further publishing. He did furthermore influence research ventures in the fields of social and economic history. In 1978 at the “Historian´s Day” in Hamburg, Fischer began – visible to all – with his public speech on the “alliance of the elites” - his retreat from the – even in his view - distasteful controversy. He interrupted this path in 1983, only on a short-term level, through his sudden emergence in a long-overdue discussion on the authenticity of the Riezler-Diaries. In the course of this last chapter of the discussion, the foundations of the historical view of his opponents in the Third Reich started to sound.
 
Historical science overrated Kurt Riezler as a witness of the events in the German leading circle prior to 1914. Whether or not the highly educated Bavarian uttered an active influence on the politics of the Imperial Chancellor Bethmann Hollweg, may be a matter of discussion1. Whether Kiderlen, Bethmann Hollweg, and (or) even Riezler, initiated the Morocco policy, in order to weaken the entente, appears to be immaterial in the end2. At all events, this Foreign-Office-Assistant was deeply involved with the characteristics of the political climate before 1914 and had already foreseen the war in his conditions3. The German leaders before 1914 were evidently closely engaged in the “localising” of conflicts, i.e. attempts were made to control and direct conflicts in a diplomatic fashion4. Riezler represented those aims which were also followed by both, Bülow and afterwards Bethmann Hollweg since 1908, and which became the breviary of German leadership6. Although he did not belong to the innermost circle of decision-making, Riezler declared that Great Britain would lose its status as world power7. This was just the aim of Moltke and the Great General Staff by planning the German Army’s advance on the Channel. The aim of dividing the entente was not achieved. Great Britain failed to succumb to the “joint venture” of a formal neutrality alliance and military pressure8.- The question remains as to what German historians did after the First World War in order to conceal these associations9.
 
1 cf. Wayne C. Thompson: In the Eye of the Storm. Kurt Riezler and the Crises of modern Germany, Iowa City 1980, p. 39 (quoted as: Thompson, Eye).
2 See ibid., 40
3 See ibid.,43 and following pages. All denial is to no effect.
4 See ibid., 47, Riezler: Finances and Monopolies.
5 Ibid., 49.
6 Ibid., 50.
7 Ibid., 54.
8 See ibidem 55.
9 BA-K. NL Rothfels. NL Rothfels to R. Stolt, 26.07.1963: “[concerning Rudolf Steiner] From the examples shown I have not gained the impression that would encourage me to embrace your wish to publish an article here. This applies in particular to the facts already known relationship of the younger v. Moltke where one could set quite different accents in the interpretation”.
 
 Riezler Diaries and “Fischer-Controversy”.
 
The Diary becomes a matter of discussion1.
 
It has recently been claimed that the diaries of Kurt Riezler are “a later forgery” and now, eighteen years later, with little innovation, the theory has been aired that Carl Erdmann intended with his publication of the Riezler diaries to provide himself with “a sharpened sword” against Fritz Fischer2. The neo-conservative German historians would dearly love to put an end to the continuing debate over the outbreak of the First World War. For it is as ever the national-historical background of the sixties to which Fischer’s opponents formulated their attacks. This event is particularly today of great significance, since once again powers are at work in favour of a new German national history. Kurt Riezler did reveal in the 1920ties, in view of the defeat of 1918, at Frankfurt University, details on the outbreak of war in 1914, on the verdict of Bethmann Hollweg, on Emperor William II, the military, the party leaders and professors. However, in no way was there a fundamental breach with the aims and methods of the commanding elite of imperialist Germany to be expected. Not to mention an accusation. Witnesses of the time described Riezler´s criticism of Tirpitz, the military and of other personalities3. Incited by the outbreak of war in September of 1939, Riezler again revealed information, describing the Imperial Chancellor Bethmann Hollweg as “war-hungry” in expectation of the great war with Russia. Thereupon, the Königsberg historian Hans Rothfels, who also had emigrated to USA, gave his colleague the advice to refrain from a publication of his material4.
 
In September 1939 Riezler gave a critical judgement of the development in the “old world”5. His attitude towards the former journalist Paul Scheffer (“Berliner Tageblatt”), who tried to win him for a memorial collection, remained unremitting6. Scheffer had been thinking of an “addenda”. It should have been “a discursive, non-chronological…consolidation of memories”7. Riezler affirmed his interest in the subject in 1954, however in the form of but a “long hours” of narrative8. Thus it was, in no means, a priori refusal9. In early July, Riezler wrote that he had found a small apartment in Rome in which the well-known conversation with Kurt Rheindorf should take place, in the course of which the initial results of his work on the remembrance project were mentioned10. “The Riezler matter”, noted Scheffer in 1956, had become a “tiresome subject” since the inconvenient aspects of Riezler´s legacy were subjected to “a concealment”. Scheffer confirmed that his friend Kurt had had contact to Rothfels. This had formed the starting-point for Riezler´s plan to “keep these memories forever secret”. Up to this time, “the manuscript” had not been destroyed by himself in person. Apparently however Walter Riezler was the first - for whatever reason - to speak of an order by his brother to destroy “the manuscript”. Paul Scheffer stressed that:
 
“According to my informant, the decisive point for Kurt and Mr. Rothfels was the fact that Bethmann Hollweg had made bellicose remarks to him in 1914. This obviously is a serious reason for a non-publication. And there is more of a similar strain, although of lesser significance” (My emphasis, B.S.).
 
The intensity of the exchange of ideas, even between Scheffer and Rothfels, is confirmed by Hans von Saucken, the owner of the Scheffer legacy in a letter to the Tübingen historian in mid-October 196312.
 
1 BA-Koblenz. N 1354/31. Heritage Hans Herzfeld. G.Ritter to H. Herzfeld, 5.4.1962: “The experts are of course Mr. Fischer and his school”.
2 According to Bernd Sösemann in early 2001 in the “Frankfurter Allgemeine Zeitung”. Eighteen years later, he assumes in late recognition: Bernd F. Schulte, The forged Riezler Diaries. A Contribution to the Scientific History of the 50’s and 60’s, Frankfurt-Bern-New York 1985 (quoted as: Schulte, Riezler). Schulte, Riezler, 165-180 (Documents Nos. 2-10).
3 Schulte, Riezler, 169. [Conversation Rheindorf-Riezler, 5./6.8.1930] „Later he voiced strong criticism to the factual content of the memories of ‘the world war leaders’”. Ibid., A. 67: ”Riezler stood in contact with the historian [Karl Friedrich] Nov[w]ak. See K.F.Nowak, The third German Imperial State, Berlin 1929/31. See also appearing soon: B.F.Schulte: Politics and the Military in Imperial Germany, 1890-1914.
4 Schulte, Riezler, 234, [Rheindorf to Erdmann, 27.12.1965]. Rothfels’ difficulties with the system in money matters are documented in the latter’s legacy. See BA-K, Heritage Rothfels. N 1213/35, H. Rothfels to the Imperial Minister of Finance, 9.3.1939. The historian then left Germany. See ibid., D.C.Thomson (Society for the Protection of Science and Learning/London) to H.Rothfels, 25.1., 26.1. and 14.2.1939.
5 BA-K. N. 1422/98, Heritage F.Fischer. K.Riezler to P.Scheffer, 13.9.1952. See as follows Schulte, Riezler with detailed exposition on the Riezler brothers in the 50’s. My investigations in 1983/84 were largely met with silence by friends and students (Marx, Helbig, Lowe) to the Riezler prior to 1914. See Diary Schulte, 1984.
6 Ibid., N 1422/98. K.Riezler to P.Scheffer, 5.12.[1953]. Schulte, Riezler, 7: K.Riezler: The Historian and the Truth, in: The Journal of Philosophy, vol. XLV, No. 14 (July 1, 1948) 381. Margret Boveri’s letters from Rothfels’ legacy give information on Paul Scheffer’s contribution to the discussion on 20 July 1944. Here mention is made of Eugen Gerstenmeier’s “theory” that “the legend of 20 July” may not be disturbed. See BA-K, N 1213. Heritage Rothfels, N 1213/1, M.Boveri to H.Rothfels, 25.11.1958. Ibid. N 1213/32-2, M.Boveri to H.Rothfels, 5.3.1963.
7 Ibid., P.Scheffer to K.Riezler, 7.2.1954. See Schulte, Riezler, 59. For contact between Scheffer and Rothfels, see BA-K. Heritage Rothfels. N 1213/1, P.Scheffer to H.Rothfels, 25.11.1953 and ibid., 5.1.1954.
8 Ibid. K.Riezler to P.Scheffer, 27.12.1954.
9 Ibid. K.Riezler to P.Scheffer, 19.2.1954. See Schulte, Riezler, 71-78 (A.68-87).
10 Ibid. K.Riezler to P.Scheffer, 1.7.1954. See Schulte, Riezler, 158 and following.
11 BA-K. Heritage F. Fischer, N 1422/98, transcript: P.Scheffer to H.Helbig, 27.7.1956. See Schulte, Riezler, 158 and following. Regarding the “run” on the diaries, see Schulte, Riezler, 85 and following. Moritz Schlesinger was put under pressure. The German Foreign Office had threatened to cancel his pension, should he continue to support Fischer, Fischer claimed while we were working on the “polemic” in 1982. In 1963, H.Rothfels showed interest in the heritage of P.Scheffer. See ibid. Heritage Rothfels. N 1213/48, H.Rothfels to H.v.Saucken, 31.10.1963. H.v.Saucken had informed et al. that he owned the heritage of P.Scheffer. See ibid., H.v.Saucken to H.Rothfels, 26.10.1963.
12 See ibid., H.v.Saucken to H.Rothfels, 17.10.1963.


A Diary as a Weapon.
 
The contents of the original Riezler Diaries severed the German position of July 1914 to such an extent that a publication repeatedly was denied. For this reason, Riezler once again turned his attention to the texts and carefully copied sections of it in pencil onto 19 large sheets of paper. By chance rather than as the product of serious editing can be seen on page 2, top left, the phrase “casus foederis”. It seems nonsense, in view of the precise handwriting, that at the bottom of page 4 the title “Hohenfinow 10.7.14” is deleted. The whole day is thus cancelled. Riezler departs on 11 July. Even the mistake in the decisive sentence: “Should there not be war, the tsar does not wish have [deleted] or advises France to peace”, makes no less than an artificial impression. The same applies to page 6. The deletion on page 9: “Hohenfinow,20.7.”, demonstrates that concealment was planned: “Was once[deleted] again in Berlin”. The original diary starts with the number 548 under the diary number XXXI. The most important notebook XXX (July/August 1914) is missing. 546 entries are divided between the years, at the maximum from 23.8.1907 until 14.8.19141. Riezler was a member of the “Bethmann-Circle”, as were, besides Otto Hammann “Wahnschaffe, Heilbron, Helfferich and August Stein”. From this side he got to know of developments newly found in the entries which were used by him in the destroyed entries of the years prior to 1914. Thus for example the description of the chief of the Department of Public Relations of the German Foreign Office , Otto Hammann, regarding the relations in between Kiderlen Waechter and Bethmann Hollweg. Hammann had already reported in 1922 on the crisis on Morocco:
 
“At the end of July, the chancellor invited himself for dinner at Kiderlen´s in the hope of discovering the truth. The outcome for the chancellor was a sleepless night. He learned from Kiderlen that Cambon had shortly before on behalf of his government refused the demand of French Congo and had offered an inadequate exchange of territory around Camerun. How far the offer went, Kiderlen does not say, but instead shows a tendency to regard the Congo demands as a matter of prestige, since, after the Paris press bustle which set in following Lloyd George’s intervention, a compromise became difficult to meet and there was no remaining choice but a return to the Algeciras Act, i.e. to demand the evacuation of the French military posts in Morocco. Thus Kiderlen-Wächter remarks inter pocula: ´Our reputation has gone, at the worst we must go to fence´. The chancellor’s horror at the suspicion aroused by these words that Kiderlen was planning war, turned out on the following day to be false...” 2 (My emphasis, B.S.).
 
These words were written by Hammann, following the defeat of 1918; but how much more detailed than the Riezler’s entry in his “Blockblätter”! And they naturally offered – analogous to the forged entries on the July crisis – an interpretation of the events which matched the mood of the years following the First World War.
 
Between 1955 and 1961 Riezler’s brother allowed well known German politicians and historians like Theodor Heuß, Walter Götz, Hermann Heimpel3 and Peter Rassow4 access to the material of July 1914. After Fischer’s essay on the war aims of Imperial Germany in the First World War (1959), which was well “understood” in the fraternity, the “Grasp to the World Power” (1960) and the first warnings of Paul Sethe5 towards Gerhard Ritter6, the events took a turn. Theodor Schieder – at this time already on the scene - acknowledged Ritter’s deep insight into the weaknesses of the Second German Empire. Ritter admitted that “the cracks” in the facade of the state were “not deep enough to allow Imperial Germany to crumble. Without World War One, the whole thing could have stood for much longer”, was the opinion of the Freiburg historian. He disavowed Rothfels´ Bismarck interpretation of the German task in the East. “Central Europe”, according to Ritter, meant simply “a typically professorial idea”7. In this situation, Schieder developed the outlines of counter-attack on Fischer8. Last but not least provoked by Hans Rothfels’ letter to Ritter, dated 21 March 1962, the events escalated.
 
Long kept secret, this letter has now at last been released from Erdmann’s literary remains. At the beginning of the month, Ritter signified to the Hamburg mediaeval historian, Hermann Aubin, that “the evaluation of Riezler’s diaries” had become “more urgent than ever before through “the appearance of Fischer’s book”. The Freiburg historian intended “via Riezler a deeper insight into“ Bethmann Hollweg’s “Intentions”9. Shortly after, he continued to Aubin, at that time President of the Bavarian Historical Commission:
 
“In my opinion this publication is of eminent significance following the appearance of Fritz Fischer’s book”.
 
Thus Ritter increased the effect decisively. He called Fischer’s exposition “an ignominious accusation” and stressed the central significance of “Bethmann Hollweg’s letter to his representative Clemens Delbrück dated 9.9.1914”. According to Peter Rassow, the Foreign Office’s head of press, Otto Hammann “had already in the twenties shown this letter of Bethmann” to him and underlined its significance10. Hilde Rassow, the wife of Erdmann’s predecessor at the Historical Commission, informed Ritter that Riezler planned to get the diaries published “years ago in America”. However, Rothfels did “advise[d] him against it”. In the meantime the Tübingen professor apparently “changed his mind”. Also, “Heuss and Heimpel” had “held the diaries in their hands”. “As to Fischer’s views”, her “husband had been very angry” according to Mrs. Rassow. She did receive from Schieder a request for “material from the time during which my husband was working for Bethmann” too11. Erdmann, who was also questioned by Ritter, gave an indistinct reply, admitted however that
 
“he was most interested in the papers regarding the review of Fischer’s book for the HZ (Historische Zeitschrift). The definite view on Bethmann Hollweg“
 
were “indeed the cardinal point”, he said12. However, the harmony of the fraternity disintegrated with the reply of Rothfels´, Ritter’s innate rival. For the latter confirmed the “bellicosity” of the Imperial Chancellor:
 
“17 years ago, Riezler gave me to read that part of his diaries which contained Hohenfinow in July [19]14 and asked for my advice. It is the only part with which I am familiar. It contains rather strong arguments for Bethmann’s wish for the outbreak of war with Russia, which he considers to be unavoidable and which he welcomed both on an interior- as well as a cultural-political level. This is my approximate picture in memory. I did advise – in the situation of May [19]45 – R[iezler]. not to proceed with the publication, as the mood in the USA could lead to a very false interpretation” (My emphasis, B.S.).
 
However, Rothfels agreed to Ritter’s suggestion to use the “material for a discussion of Fischer’s coarse treatment”13. The Tübingen historian realised only after Ritter’s reply of 26 March that he had dropped a bomb. Ritter saw with “horror and anxiety” that his arguments had lost the ground they stood upon. For
 
“if Bethmann…had in July 1914 the ”desire” to bring about the war with Russia, then he was either gambling a scrupulous game with the fate of the German people or was indulging in absolutely incredible illusions about our military capacities” (My emphasis, B.S).
 
Thereafter one referred to a “most uncanny state secret”, a “dark secret”. Finally the Riezler Diaries were thus to become unsuited for the inaugurated battle against Fischer since the latter’s “so-called September Programme” – now supported by the original Riezler Diary - then advanced into “a completely altered significance”14. Ritter’s letter to Erdmann on 30 March, enclosing Rothfels´ letters, gave rise to alarm. The latter swiftly, though not convincing, disqualified his first statement for he claimed with little originality:
 
“It was my impression - as I may have written - that under the circumstances of that period – 1945 – misunderstandings would become inevitable in the sense of a “desire”. However I do not wish to bind myself to this word. That from a tactical point of view, – of interior politics – B[ethmann]. desired the outbreak of war – if at all – on the Russian front – we were well aware of, and at least too that he lived in the perspective of an inevitable combat in between the Germanic and the Slavic race. My overall impression of his comments on Riezler was that the storm would sometime be underway from Asia, and better now than later. But this would in my opinion not permit to state that his efforts after 29 [7.1914] to avoid were not truly obvious” (My emphasis, B.S.)15.
 
Rothfels’ comments on this matter, voiced in 1955, expose the fact that he, by no means, didn´t lack plans of his own. Besides he disclosed that there had existed “a Riezler Diary on Bethmann Hollweg”, the famous lost original diary about the crisis of July 1914. The Tübingen Professor wrote:
 
“The plan, to transcribe several main documents for Bethmann’s war- and special peace policy and to prepare them with a brief introduction for publication, seems to me a good idea. We shall certainly not stumble over the 1917 time barrier. I would then possibly attempt further to gain Riezler’s diary on Bethmann Hollweg at the outbreak of war in 1914…”(My emphasis, B.S.)
 
Rothfels´ plan was: hold out at whatever the cost! But Ritter was not yet convinced. He insisted on the certification of
 
“whether all these considerations rested of a defensive manner or if they indicated a preventative war in the end or even plans of conquest as in Fischer’s sense”17.
 
However, and this was no coincidence, Mortiz Schlesinger’s and Rothfels’ comments are identical – and this suffices. The discussion on “bellicosity”, “dark secrets” and a “state secret”18 continued to throw circles. Possibly even to the point of no return: to destroy the aggravating document of June/July 1914.-
 
Ritter wrote to Herzfeld that “he had most exciting news about this”19. Towards Fischer, Ritter held fast to his criticism of an improper “interpretation of the source material”. Martin Göhring/Mainz also voiced criticism20. Schieder21, as editor of the “Historische Zeitschrift”, pulled the strings, and Erdmann tried to board the career catalyst “Fischer Controversy” bandwagon by presenting to Ritter and Schieder a plan to employ the Riezler Diary as a weapon bagainst the “Grasp for the World Power”. He stressed the significance of this document in the battle against Fischer22. Shortly after, he went a considerable step further and insisted on his belief by writing
 
“that from this new and important source an own and substantial basis towards the outlook on Bethmann-Hollweg and his circle around him”23
 
could be won. It is of note that the Kiel historian, parallel to his work on the edition of the diary, tried to find out, if knowledge on parts of the original diary of July 1914 - or it´s whereabouts or even the storage place – did remain24. On the occasion of the 1962 “Historians’ Day”, Ernst Engelberg pointed to the tendency of West German historians to “retreat to their ´ivory towers´”. Paul Sethe, the wholly conservative correspondent for the Hamburg newspaper “Welt”, in this case did pose the question
 
“why the congress failed to mention or discuss either the controversial book by the Hamburg professor Fritz Fischer on the ‘Grasp for the World Power’, i.e. on the war plans of German imperialism before and after the First World War or the various opinions on the role of German generals such as Manstein, Paulus, Schmidt and Seydlitz in the Second World War”.
 
In the concluding speech, according to Engelberg, it had been Rothfels’ aim to “contribute towards a historical foundation for the Bonn state reason”. This statement says it all25. Without consideration, moreover, the pertinently charged Nazi Erwin Hölzle was set up as Fischer’s opponent. Fritz Klein/East Berlin spoke out, thereby discrediting the whole guild:
 
“It is deeply shameful and unfortunately typical for the situation in the Federal Republic that Hölzle, the Nazi lector and Rosenberg’s supreme commander, has the opportunity in widely read and influential newspapers and journals to defame a man like the Hamburg professor Fritz Fischer (Editor of the book “Grasp for the World Power”) only because the latter possessed the courage to break decades of taboos in civil German history and to define German imperialism as what it was…”26.
 
Instead of this, the shining lights of German historical science at the 1964 Berlin “Historians’ Day” were occupied with reviving Prussia’s lost glory. Thereby, from Rothfels’ point of view, the “state idea was intended to form the backbone” of the discussion27. Dietrich Mende, another of those “advocates” against Fischer, who had been hastily drummed together from Ritter as far as the Institute for Contemporary History, congratulated Rothfels on his critique of the “Grasp for the World Power”. Rothfels wrote on a surprisingly similar note to that of Ritter:
 
“I am greatly impressed by your critique [Europe Archives] of Fischer’s book and find it perfectly justified if perhaps too mild, since, quite apart from the basic questions he committed serious errors with regard to the usage of sources, as a glance at the French source publications, which have in the meantime been published, and the material published by Zechlin will show. Herzfeld will, as you know, also express his opinion in the Quarterly Bulletins”(My emphasis, B.S.)28.
 
The depth of Herzfeld’s involvement with the opposition against Fischer is well documented by the latter’s correspondence with the Munich Institute for Contemporary History. In the end of march 1963 – more than a year later than planned – Herzfeld sent the manuskript of his essay on Fischer´s “Grasp for the World Power” to Helmut Krausick. Herzfeld declared:
 
“I am sorry overlooking the outcome to feel not quite happy – the pot remained too long on the fire and became too many-layered than being handled as fancyed once. And further on the relative length. But on my side there doesn´t rest nothing but to throw response on you”.
 
Krausnick remarked alongside:
 
“With pleasure, this steady but distinct critic was in necessary…”,
 
and by this confessed his pressure on Herzfeld to finish this essay29. According to this, Krausnick wrote to Rothfels, the “great man” in the background of the institute:
 
“by the way, Herzfeld once again promised the Fischer review when I spoke to him on the telephone concerning another matter. It is about time too. You are probably familiar with the interesting discussion by Klaus Epstein in the October issue of “World Politics”, which apparently gave rise to an incensed letter from Ritter“(My emphasis, B.S.)30.
 
All the same, this recit didn´t appear.
 
How swiftly however the good will of the learned fraternity could be shattered by “false” notes is to be seen in Rothfels’ position on Epstein on the question of nominating the latter for a professorship in Frankfurt. The positive review of Fischer’s controversial book alone endangered Epstein’s reputation31.
 
Fischer, as a second step, was planning an essay “on German politics between 1908-14 and on the July-Crises”. Here his intention was “to express his views on Ritter’s reproaches and ideas”32. Schieder´s positive reply came with the next post and was binding32. The envisaged date of publication: July 1964. However, the opposite side in the person of Zechlin was also to have a say33. Schieder reacted with delaying tactics, based on the alleged great length of the manuscript as well as delicate interpretations and attempts to influence the meaning of Fischer’s writings34. Evidently it was intended to thwart Fischer’s aim of publishing the essay in time for the 1964 “Historians’ Day” in Berlin35. Thus Schieder waited for more than a month before telling Fischer that the essay would have to be divided, in order to be brought out at all36. Schieder´s objective was to estrange the contribution to such an extent that Fischer’s theses would no longer clearly stand out, and, should he nevertheless be agreed, to “strip” the publication so that it could only be released after the “Historians’ Day”. Fischer, on the other hand, gambled with a special release for the “Historians’ Day” which brought about Schieder’s immediate submission37.
 
Several months later Herzfeld, having just returned from USA, reported on the dangerous spreading of Fischer’s theory there. The Berlin professor announced:
 
“Momentarily I am being overshadowed by Fritz Fischer’s Grasp for the World Power which was a subject of constant discussion since Christmas over there – at least as far as historians are concerned…”38.
 
At the same time Ritter´s efforts, animating foreign historians to attack Fischer as well, broke down. Fritz T.Epstein, whom Fischer called later on “a friend of mine”, Pierre Renouvin and Heinrich Lutz did regard Bethmann Hollweg after Fischer quite different from the views of the Freiburg historian. Lutz wrote to Ritter:
 
“I was concerned that the Imperial Chancellor may now be regarded as the initiator of the Machtpolitik or World War I and therefore responsible for the flowering of the conquest policy under Hitler”.
 
By this, the barrier against the promotion of Fischer´s idea in the western states, had become part of the past. To the end of Ritter´s life, he even recognized crackles in his relations to conservative historians like for instance Zechlin. For this reason, completely disappointed, he finally finished struggling for his view against Fischer39.
 
All the same, across all the barriers in the traditionalist camp, Fischer had a unifying influence as is seen in the complex case of Rothfels who praised Erdmann’s remarks at the end of the year. Rothfels wrote to Kiel:
 
“Many thanks for the off-print which I read immediately, and throughout with applause. Your exposition I find most convincing. The only fact that I may criticise, and in which I am unfortunately of one mind with Ritter, is that Fischer, in my regard, should be attacked for his irresponsible manner of using sources. In the meantime, however, the latest issue of the Historische Zeischrift has appeared consisting of nothing but Fischer and Zechlin. It cannot be helped, one must plough through it, as well as through the off-print which Ritter had handed in to me in Berlin” (My emphasis, B.S.).
 
Evidently, in the meantime Erdmann had sent a report on the progress in the Riezler research. However, his letter is missing in the legacy of Rothfels. Yet the Tübingen historian included in his reply details on the background to his opinion on the diary affair and seems, for this reason, of great significance. Rothfels explained:
 
“I naturally regret Mss. White’s view. I by myself am not personally acquainted with her and do not know whether she is informed of the fact that her father and I shared a confidential relationship. I therefore cannot expect anything from an intervention on my part, would however gladly submit my name to you in support of a recommendation. As far as Riezler’s opinion is concerned, I am convinced that, as stated in the conclusion of the discussion, the Ruedorffer book reveals in total clarity the optimistic belief in a constellation of juxtaposition, as he frequently calls it, i.e. World Politics without War (My emphasis, B.S.)40.
 
This “desire to disguise or comfort” is to be found some weeks later also in a letter to Ritter. Rothfels built a bridge in the matter in spite of all animosity on a personal level, towards the Freiburg professor. He wrote:
 
“I can well understand that in your work on the Bethmann-Hollweg epoch, you are anew increasingly made aware of the total difficulty of the traditional structure [of Imperial Germany]. However, I believe that every only really detailed study of the innerstate functions, even those of the present German Republic, not to mention the French, would, in spite of a seemingly greater logical structure, still leave the reader with similar anxieties and reflections” (My emphasis, B.S.)41.
 
This very Rothfels in 1956 had been receiving the following words from Walter Peter Fuchs in Tübingen:
 
“The German historians have as a consequence of their behaviour in the 3rd Reich lost all credit in the eyes of the world. All the more we must be grateful to you, for taking it upon yourself years ago, to return to our midst”42.
 
1 BA-Koblenz. KleErw 584, Assets K.Riezler.
2 Otto Hammann, Pictures from the last Imperial Era, Berlin 1922, 76, 87 and following.
3 BA-Berlin. NS 15/1586. Cultural political Forum. Archives, 13.8.1941: “[lectures of the Free German Academy]… A lecture is to be held by Prof.Dr. Heimpel, historian of Leipzig University (appointed to Strassburg) on the history of the Eastern and Western Borders (unobjectionable according to the Board of the Academy)” (My emphasis, B.S.). See Schulte, Riezler, 104, 107. Schulte-Diary, 2.1.1984: „17.30 [hours]. Telephone conversation with Prof[essor] Heimpel[/]Göttingen[.] In 1957 involved in the R[iezler].-D[iary]. Affair. At the request of Th[eodor]. Heuß made the diaries known before the Historical Commission at Göttingen [Munich?].=Had however never seen anything of the diaries.= See NL Heuß a[nd]. Prof[essor] Heimpel to Heuß…”. . –Afterwards, Heuß accorded his friend in Göttingen access to the Riezler diary. Heuss described the diary so that there can be no doubt that it was the Diary XXX of June/July/August 1914. This is certified by Rothfels’ various remarks which are cited here, in part for the first time.
4 BA-Berlin. Ibid.: “…Prof. Dr. Rassow was possibly proposed by Breslau University for the same subject. (He stands somewhat under suspicion inasmuch as he is the nephew of Hans Delbrück and was once a democrat. (His bearing at the Academy is not considered to be desirable)” (My emphasis, B.S.). Berlin Federal Archives, 4901/R 21 old (R 21/1), “Rassow,P. 23.11.1889 now of Breslau”. “Since 20.11.1933 member of SA (Res.I) and since approx. 1929 member of DDP. “I[ron] C[ross]. II in battle” entry in personal file.
5 Schulte, Riezler, 220, Paul Sethe to Gerhard Ritter, 18.10.1961: “It is the most disturbing book that I have read in many years“. Sethe corresponded with both sides as is revealed by Fischer’s legacy.
6 BA-Koblenz. Legacy Hans Herzfeld. N 135/31, G.Ritter to H.Herzfeld, 13.2.1962: ”By the way, I find Fischer’s book particularly exciting because it also implicates the previous history of the war in the theory of the ‘Grasp for the World Power’”. Ibid. G.Ritter to H.Herzfeld, 1.3.1962 (My emphasis, B.S.).
7 Ibid., N 1188/506. G.Ritter to Th.Schieder, 19.1.1962. Ibid., Rothfels’ legacy. N 1213/1, G.Ritter to H.Rothfels, 21.5.1953. Ritter and Rothfels were adversaries in science. This is confirmed in the words of the Freiburg historian to his rival: “I wish to disregard your journal [i.e. Quarterly Papers on Contemporary History] due to the fact that this journal does not wish to be burdened with my name”. The matter in question regarded Schlieffen’s legacy and other military files in Washington.
8 Ibid., N 1188/237. Th.Schieder to G.Ritter, 7.2.1962: “I very much hope that Mr. Erdmann will in the near future be able to complete his discussion of the remaining part of Fischer’s book.” Erdmann’s review never appeared [sic!].
9 Ibid., N 1393/106. Legacy of K.D.Erdmann, G.Ritter to H.Aubin, 2.3.1962.
10 Ibid., G.Ritter to H.Aubin, 6.3.1962.
11 Ibid., H. Rassow to G.Ritter, 9.3.1962.
12 Ibid., K.D.Erdmann to G.Ritter, 18.3.1962. Schulte, Riezler, 134 and folllowing. Mss. Blainsdorf maintained in 1984 in reply to my criticism that the letters sent by Ritter to Erdmann too “were no longer existent in Erdmann’s correspondence”. Now they do emerge. – In Erdmann’s legacy!
13 Ibid., H.Rothfels to G.Ritter, 21.3.1962. Erdmann had kept this “missing link” secret despite my informations up to the contrary. See ibid. G.Ritter to K.D.Erdmann, 30.3.1962, with the documents given to Erdmann. See F.Fischer to E.Zechlin, 9.10.1984 and the indication: “The only stimulating but also horrific fact in Mss. Bl[äns]dorf’s essay is her innocent notification on p.675, 16th line and following, that ‘these two letters (from Rothfels dated 21. and 28.3.1962) are nowhere to be found”.
14 Ibid., G.Ritter to H.Rothfels, 26.3.1962. Schulte, Riezler, 135: Rothfels wrote to S.A.Kaehler/Göttingen, that he had in 1945 “prevented Riezler from publishing his Hohenfinow-Diary dated July 1914 in which Bethmann’s hope for a war with Russia seemed to me to be clearly proven considering the morale at this period” (My emphasis, B.S.). This document was placed at my disposal by Walter Bußmann/Karlsruhe. More on this topic in short in my investigation of German historians in the 70s and 80s.
15 Ibid., H.Rothfels to G.Ritter, 28.3.1962.
16 Ibid., Legacy Rothfels. N 1213/1, H.Rothfels to v.Mackensen, 31.3.1955.
17 See Schulte, Riezler, 134 and following. Rothfels’ letter to Ritter is published here f o r t h e f i r s t t i m e .
18 Schulte, Riezler, 141 and following, G.Ritter to F.Fischer, 26.4.1962.
19 BA-Berlin. Ibid. R 21/1 10006. Martin Göhring, 21.11.1903. Studied history as principal subject at Kiel University. Between 1933 and 1937, scientific research, mainly in France. On 19.1.1938, Dr.habil. at Kiel University. He confirmed in his file: “I was the political leader (cell worker)”. Ibid., NS 15/20: “The H.W. raises no objection to the planned nomination of the lecturer Göhring of the University of Halle/Wittenberg [-] as professor.” Ibid. files of REM, RFR, German Academy. “Göhring, Martin, G 426, Pers[onal] File”. BA-Koblenz. N 1178/25, Legacy H.Aubin[after 1945], “Assessment… Göhring is not afraid to make his position known, but he successfully aspires to show in scientific objectivity even the heart-touching events (Bismarck’s successors 1890-1945: Germany’s path from William II to Adolf Hitler)”. Likewise Kiel: the STASI of the GDR discovered in 1966 that “von Rauch, the director of the Seminar for East European History” had joined the NSDAP in 1928 and was actively engaged in the “5th column” of the “fascist movement in Estonia”. “Von Rauch was also one of the most energetic members of the ´North and East German Research Society’ which had stood under the direct leadership of Office VII of the Reich Security Office since 1943.
20 BA-Berlin. ZB II 4529 A 5. Schieder [Dr.] Theodor, Dr.phil. Born on 11.4.1908. NSDAP-No.: 5284680. Admission: 1.5.1957. Schulte, Riezler, 220, TH.Schieder to G.Ritter, 28.12.1961: “Concerning the discussion of Fischer’s book in the H[istorische]Z[eitschrift], may one count upon receiving from you a discussion of the first part?…Mr. Erdmann has already declared himself willing to investigate the remaining parts. I believe that the HZ´s reaction is correct”.
21 BA-K. N 1188/219, K.D.Erdmann to Th.Schieder, 23.9.1961. Erdmann had in September 1961 debated his plans with Schieder. Herzfeld wrote to Erdmann on 27.11.1964: “With best regards and a slight sigh of envy that you are able to carry out your great venture with a closed cohort led by yourself.”
22 See Schulte, Riezler, 159-164.
23 BA-K. N 1188/240, F.Fischer to Th. Schieder, 17.5.1963.
24 Ibid., Th. Schieder to F.Fischer, 21.5.1963.
25 See ibid., Rothfels’ legacy. N 1213/32-1, H.Rothfels to K.D.Erdmann, 5.9.1963; H.Rothfels to W.Conze, 12.11.1963; W.Conze to H.Rothfels, 29.11.1963; H.U.Wehler to H.Rothfels, 5.2.1964; H.Rothfels to K.D.Erdmann, 11.2.1964; W.Hubatsch to H.Rothfels, 16.10.1964; K.E.Born, Prussia in the era of William [II].
26 Ibid., N 1213/32-2, E.Engelberg, Bonn’s historians between illusion and reality, in: Neues Deutschland, No. 334, 5.12.1962.
27 Ibid., Excerpt from: F.Klein, Prof. Hölzle ‘Rosenberg’s superior officer in: Dresdener Zeitung, No. 258, 19.9.1962. Hölzle’s personal files were in the archives of the Humboldt-University in Berlin.
28 Ibid., H.Rothfels to D.Mende, 10.6.1963.
29 Archiv Institut für Zeitgeschichte. ID 103, Korrespondenz Krausnick, H.Herzfeld to W.Krausnick, 25.3.1963.
30 BA-K, Rothfels’ legacy. N 1213/48, H.Krausnick to H.Rothfels, 28.1.1963. Ibid., N1213/32-2, H.Rothfels to H.Herzfeld, 20.4.1963: “I was pleased to hear that your essay on Fischer has arrived in Munich. I asked to point out to you the recently issued French publication (a somewhat unfair matter) of files on Germany’s war aims. I accidentally noticed that our Mr. Fischer simply omits what does not suit him, e.g. Bethmann’s reply to Falkenhayn regarding the annexation of the Baltic. He ought not to miss such a fact.”
31 Ibid., N 1213/32-2, H.Rothfels to the Dekan of the Phil.Fak. University of Frankfurt, 7.2.1963.
32 Ibid., Th.Schieder to F.Fischer, 23.9.1963.
33 Ibid., Th.Schieder to F.Fischer, 11.11.1963.
34 Ibid., F.Fischer to Th.Schieder, 14.2.1964.
35 Ibid., Th.Schieder to F.Fischer, 25.3.1964.
36 Ibid., F.Fischer to Th.Schieder, 29.8.1964.
37 Ibid., Th.Schieder [via telegraph] to F.Fischer, Sept[ember]1964 [post-dated by unknown, B.S.].
38 Ibid., Rothfels’ legacy. N 1213/36, H.Herzfeld to H.Rothfels, 15.7.1964.
39 Schulte, Riezler, 130. See ibid., 110 and H.Böhme, ´Primat´ und ´Paradigmata´. Zur Entwicklung einer bundesdeutschen Zeitgeschichtsschreibung am Beispiel des Ersten Weltkrieges, in: H.Lehmann, Historikerkontroversen, Göttingen 2000, 92, 103, 108, 116.
40 BA-K, Rothfels´ legacy. N 1213/36, H.Rothfels to K.D.Erdmann, 17.12.1964.
41 Ibid., Rothfels’ legacy. N 1213/1, H.Rothfels to G.Ritter, 22.6.1955.
42 Ibid., N 1213/1, W.P.Fuchs to H.Rothfels, 14.5.1956.


Diversion and Concealment.
 
In late 1961, Fischer sought to persuade the Kiel political scientist Michael Freund to have a review of his “Grasp for the World Power” published in the “Frankfurter Allgemeine Zeitung”. Thereby he commented on Sethe’s discussion in the weekly newspaper “Die Zeit”, which he blamed for causing a false tone in the discussion by naming in the title Germany’s “Sole Guilt”. Freund was to understand that Fischer’s main aim was to prevent the “discussion of the book from concentrating on the ´War Guilt Question´ of July 1914 alone”. Instead of this, Fischer was interested in the
 
“dynamic forces which determined German politics before and during the war”1.
 
In December the national liberal journal “Der Spiegel” had honoured Fischer’s book with the headline “William the Conqueror”. This in Fischer’s opinion “somewhat exalted discussion” was to be balanced by Freund. The Hamburg historian developed his own thoughts on the matter with rare authenticity:
 
“Therefore I will be set upon from this side – as in the question of the July 1914 taboo – for destroying the nice building of the Viennese unsocial that seduced the good German nation and for setting the pre-conditions deeper, not with Luther and German Romanticism, nor according to Dehio at the time of Frederick the Great, but with the clearly defined historical point of the German Reich in the 20th century and its ideal and material motivation, institutions and personalities, but above all the wretched isolation into which it had brought itself2 (My emphasis in all and detail, B.S.).
 
The Hamburg historian also voiced the hope
 
“that further discussion would break free from the question of the July crisis and turn to the book as a whole”.
 
However, the fact that this encouraged the political scientist from Kiel to compare Bethmann Hollweg with Hitler meant that once again oil was poured on to burning waters. In March 1965 the German diplomat Moritz Schlesinger, Paul Scheffer’s mentor in the fifties, informed Fischer of his suspicion that the Imperial Chancellor, according to the Hamburg historian´s description in his controversial book, was to be understood as very much more decisive and courageous than Fischer’s national conservative opponents wished to see him. Schlesinger suggested
 
“to find proof of the fact that Bethmann Hollweg was bellicose and had assumed the risk of a war in the interests of saving the Reich” (My empasis, B.S.).
 
He stressed that the Hamburg historian should “not be ashamed” to “summon his opponents to limit the discussion to” his own “theory and to give up the attempt to divert public opinion to ´peace politics´”3. Fischer described the relations, throughout the years unaltered until today with such “saints” in the German press as e.g. the late Countess Marion Döhnhöff:
 
“Just a week ago, Paul Sethe had refused one of my articles – after an editorial conference under presidency of Countess Döhnhoff [a Rothfels student]a, which was a comment on his article on “collective guilt” and his discussion of Ger[hard] Ritter’s third volume of Militarism… this occurred with the explanation that the journal could not enter into endless polemics. This is of course a political act and a wholly biased attitude; for this practically prevents me from using the “Zeit” as a mouthpiece. At least he agreed, in order not to be completely biased (which by the acceptance of the article above was increased), to print a whole page out of my book with a prelude that may enter into his discussions (and thus in addition the Zechlin article)4.
 
Fischer was opposed, Stoltenberg “made” minister, as Rothfels strongly confirmed to Waldemar Besson5. Rothfels’ stipulated frontal position in relation to Fischer after the “Grasp for the World Power” appears paradox if also stringent, especially with regard to Otto Hintze’s view, in which the Tübingen professor praised the crucial question of the national state, the latter’s critical perspective. Rothfels wrote in July 1965:
 
“even in a most critical controversy with the traditions from which he came, with the scepticism of the politics of power in the mass age, with the reshuffling between state and society, with Europe’s altered role and of course the role of Prussian Germany in a world, torn between the perspective of a Pax Anglosaxonica and the perspective of a world revolution”6.
 
a Fischer in manuscript 1983: “See 1983 (22 years later). Ibid. in the case of Erdmann versus Sösemann”.
b Fischer in 1983: “i.e. my article. Did this happen?!” Two central documents – Scheffer’s letter from Hot Springs and Riezler’s reply – are today still missing from his legacy and were - by mistake of Mr.B.-J.Wendt, Fischer´s assistant in those days - flying about Europe during February 19655.
 
 
1 BA-K. N 1394/9. Legacy of M.Freund, F.Fischer to M.Freund, 17.11.1961. P.Sethe wrote to the “Political Editorial” of the ZEIT on 16.11.1961: “I myself did not use the expression”.
2 Ibid. F.Fischer to M.Freund, 2.12.1961.
3 BA-K. N 1422/98, legacy of F.Fischer. M.Schlesinger to F.Fischer, 10.3.1965. In the course working through his legacy in the 80s, Fischer signified his book “War of Illusions” as the reply demanded by Schlesinger. However, this apparently were overlooked in the light of the “theoretical dispute” in the late 60s.
4 Ibid. F.Fischer (Princeton) to M.Schlesinger, 28.3.1965. Ibid. Rothfels’ legacy. N 1213/1, H.Rothfels to H.Helbig, 31.3.1955: “I am pleasantly surprised that part of the material has been preserved and that verbal explanations received from Rie[t]zler and Paul Scheffer are now being demonstrated.” This means that Rothfels was in close verbal contact with Riezler and Scheffer. It rests the question: What ”part of the material” had been secured in fact? Rothfels maintained a lively contact to Countess Döhnhoff too. See ibid. N 1213/32-2, H.Rothfels to M.v.Döhnhoff, 5.4.1963.
5 Ibid. M.Schlesinger to F.Fischer, 1.2.1965.
6 Ibid. N 1213/36. H.Rothfels’ legacy, H.Rothfels to W.Besson, 16.12.1965. The traditional powers also maintained close connections with the German Federal Army. See ibid. Head of the Research Office for Military History (von Grote) to H.Rothfels, 15.2.1965. Ibid., N 1213/32-2, Meier-Welcker to H.Rothfels, 29.11.1963.
7 Ibid. H.Rothfels, Recollections of Otto Hintze, July 1965.


 
For or against?– Sösemann.
 
It was not long until doubts about the authenticity of the diary edition of Erdmann were voiced. Fritz Fellner and Bernd Sösemann considered the questions of textual concordance. In May 1975, Erdmann wrote to Schieder, they would both not know “the proportion of the disasters” which awaited them1. For years, Erdmann blocked the original diary from publication for international science.
 
Today’s version was published by Rudolf Augstein for the SPIEGEL in 1964. The national-liberal ZEIT then offered Erdmann the possibility of passing judgement. The Kiel historian had in an overnight action selected parts of the Riezler diary on the July Crisis and published them in order - as benefits to a true conservative - to weaken the discussion of Fischer’s “Grasp for the World Power”.
 
By a counter-attack, Erdmann accuses Fischer and his school of calling Bethmann Hollweg: “Hitler’s predecessor”. It is precisely “Bethmann Hollweg’s struggle for world power” that Erdmann analyses and concludes:
 
“Whenever World Dominion and the German World Kingdom is mentioned in the diary, it is plainly always a question of Germany’s share of the World Power alongside other world powers; this means definitely: Germany sought to gain a political, military and economic glacis in East and West of the kingdom in order finally to dispense with the pressure on two fronts and thus to win a secure basis for a colonial and economic policy overseas. But this same idea, which meant so much to Germany’s conservative and liberal imperialists was not a subject of interest for Bethmann Hollweg. This is plainly exposed by Riezler, who also offers the explanation why: it is because Germany would have suffered an intellectual decrease were she to have adopted such a form of rule” (My emphasis, B.S.).
 
Already at this time Erdmann quotes from some pieces of documents, dating from 1915 and 1916, which, as the Kiel historian intends, hardly describe the Imperial Chancellor as power-hungry. On the other hand, there was “the new insight into the German chancellor’s risk sensibility during the July crisis”, as Erdmann describes it. The Kiel historian admits:
 
“From the very beginning Bethmann Hollweg knew that possibly the world war was in the blank cheque including the involvement of England” (My emphasis, B.S.).
 
But what does this mean? Fritz Stern of New York brought Erdmann into considerable difficulties when he pointed out this fact. In any case, the latter referred to his conversation with the colleague from Kiel in 1965 in Vienna, in which he should have asked him,
 
“whether there were two different diaries, i.e. whether the pre-war section existed separate from the other part” (My emphasis, B.S.).
 
Erdmann had, according to Stern, without giving him “a direct answer”, asked him why he (Stern) “was interested to know this”. To his amazement, Erdmann went on, “is there anything new to be said about Bethmann?” Fritz Stern did in 1967 already upset the typical Bethmann image when he, in contrast to the traditional German historical slant, stressed that the German chancellor’s “sense of responsibility and his hesitancy” had “not paralysed his ability to react”(My emphasis, B.S.). Stern noted that:
 
“Rather they will have lent him the psychological security to take action. He hesitated before the leap, but he nevertheless leapt.”
 
The American historian pointed out explicitly that the Riezler Diary contained
 
“not a single indication that Bethmann had attempted to stop the crisis, to retain peace”.
 
Stern went so far as to compare the chancellor’s fears over Germany’s future to a psychosis, which could have been partly caused by the death of Bethmann’s wife in May 1914. A factor, which today seems nearly irrelevant. Especially because there do exist other components which might have been of much more serious effect. The fact that the perceptions in Riezler’s recollections after 1914, and even since 1917/19, became mixed together, was not yet noticed by Stern. Thus he was under the influence of German historical literature when he described the chancellor’s distress between Kaiser, the latter’s entourage and the military. After all, Bethmann Hollweg’s statements and his omissions did influence historical tradition since 19201. For Erdmann this sufficed to attack once more the theory that “the Riezler Diaries” did
 
“not suffice to attribute to Bethmann Hollweg, as motive for the risk of war, which he had taken in July 1914, expansionist aims” (My emphasis, B.S.).
 
Erdmann quickly arrived at his goal, which was again to confirm
 
“that the recently revived theory of Germany’s Sole Guilt could as well be considered as a legend“
 
as “the earlier story of Germany’s innocence”. In this “respect”, the “interpretation of the Riezler Diaries, as…given by him in 1964, could be confirmed.” However, and this is worth noting, Erdmann mentioned here that in 1962 h e h a d n o t received until “later…several additional entries from the earlier time [before 1914] and from the wartime”. Here the Kiel historian alludes to a subject, which was not to be dealt with in depth until 1982/833.
 
On 2 February 1968, Erdmann received from Riezler’s daughter, Ms Maria White, permission to publish the diaries. It remains unclear whether this confirmation was in fact necessary, as an appropriate agreement had already been signed in the 1950’s4. Shortly afterwards, Erdmann went “to Bonn for a few weeks…, in order to look for clues in the files of the Foreign Office as to Kurt Riezler’s official acitvities”5. At all events, Schieder now urged Erdmann to do “everything” to “bring about a publication as soon as possible”. The “press controversy with Stern” was not to be continued5. When Sösemann presented his manuscript to the “Historische Zeitschrift” for publication, Erdmann asked his colleague Schieder to let him “have a copy in advance”. He would be “interested in the therein used critical investigations of sources especially to the July 1914”6 (My emphasis, B.S.).
 
Evidently he was constantly aware of the problem of his edition. In late 1981, Sösemann reported to Cologne that after eight years’ effort, he had finally managed to look over Kurt Riezler’s legacy in the Federal Archives at Koblenz. Sösemann emphasised his honourable intentions. Nevertheless Erdmann’s eternal irritability was ever present7. Schieder turned to Karl-Georg Faber of Münster, in order to gain clarity with regard to the further procedure for Sösemann’s production. He wrote that the manuscript dealt with “dynamite”. He was of the opinion that the “contents” were so “important that a publication” appeared “inevitable”. Schieder had already spoken with Andreas Hillgruber of Cologne who “also looked into the article”. Erdmann, whom Schieder contacted by telephone on 18 January, apparently knew “nothing about the whole matter”8. As the particular scientific situation, which dominated the discussion of the outbreak of war in 1914, was mentioned, Hans–Georg Faber, questioned by Schieder, made reference to the problem which was lurking under the surface:
 
“I agree that because of the continued latent front position in the judgement of the July Crisis and the editor’s [i.e.Sösemann] criticism of Erdmann’s Riezler Edition, a publication, together with the possibility for the editor[i.e.Erdmann] to prove his assumptions, is unavoidable. (My emphasis, B.S.)
 
Andreas Hillgruber/Colonge, in “Das historisch-politische Buch”, took a neighbouring position in an essay on my book, dealing with the “Forgery of the Riezler Diary”. With this explanation, Faber demonstrates that Erdmann could substantiate his decision between various texts, namely between the “block pages” so incriminated by Sösemann, and other texts. The importance of the situation becomes apparent as Faber continues:
 
“The most important conclusion for the significance of Riezler’s ´Diaries´ as a source for the judgement on the July Crisis, i.e. the fact that the texts were probably revised at a later date, is a challenge for the editor and for those who had not questioned the value of these parts of the edition as primary source and had therefore based their arguments upon them” (My emphasis, B.S.)
 
As one solution, Faber suggested the commentary of a “neutral” third party: for example “W[olfgang].J.Mommsen[!] or J[ames]. Joll”9. In order to protect the subject from the SPIEGEL and the probability of a “great public discussion”, Schieder decided on the parallel publication of Sösemann and Erdmann10. Andreas Hillgruber/Colonge, in “Das historisch-politische Buch” (102/1986), took a neighbouring position to Faber, dealing with my book on the “Forgery of the Riezler Diary”.
 
In early February 1982, evidently alarmed, the Kiel historian turned to Schieder again in order to discuss the possibility of a reaction from Sösemann. He referred directly back to the complications of the matter, for he was aware that this manuscript – however treating a subject of limited significance – was dynamite. Schieder advised his friend and colleague to publish the latter´s “commentary together with Sösemann’s manuscript”. Now he wrote:
 
“The whole matter has consequences in directions of which the editor[i.e. Sösemann] is evidently not aware”11.
 
In consequence, from “Cologne’s” point of view, this had become the question of “the tiresome Sösemann affair”, which the latter would have “to publish in the December issue of the Historische Zeitschrift”12. Schieder now considered delaying the publication “until the 1983 February issue”13. The Kiel historian claimed at this moment, from his somewhat elevated position that it is “not worthwhile writing an article which only” (my emphasis, B.S.) refers to the young man from Göttingen. Sösemann’s criticism of Walter Riezler, Kurt Riezler and the editor of the diaries [i.e. Erdmann] contained, in his opinion, “too little substance”. On the contrary, he was planning a “far-reaching article”, more an “account” of the “echo of Riezler Diaries, probably under the title ‘Kurt Riezler and his critics’”(My emphasis, B.S.)14.
 
However, Schieder himself was in considerable doubt as to what Erdmann was actually planning14. Erdmann’s reply to Sösemann was sent to Cologne in December. The Kiel historian´s poor opinion of himself became clear. The Kiel professor commented, completely misunderstanding the situation:
 
“I hope I wasn’t too sharp – although I would have liked to have been even sharper. I assume that Mr. Sösemann will not see this text before it is printed”15 (My emphasis, B.S.).
 
Then the bomb went off. At the “Historians’ Day” in Münster, the young man from Göttingen expressed his annoyance that his essay had taken so long to be printed. Schieder who had been informed of this by Wolfgang Mommsen[sic!], went into attack and wrote to Sösemann. He stressed immediately that he
 
“had from the very beginning left no room for doubt…, that I am only prepared to publish your essay in conjunction with a commentary by Mr. Erdmann”16 (My emphasis, B.S.).
 
However, on the other hand the Cologne representative did not dare to risk a conflict. Evidently the matter was too delicate. Sösemann for his part took a step back. His “regret” appeared to have developed into more in the minds of those concerne

Bernd F. Schulte(c)

Zähes Ringen zwischen Demokratie und Autokratie.

Modell für Verhandlungen mit dem Autokraten?

Hier: Deutschland gegen England 1905-11.


2015: Einbahnstrasse in den europäischen Krieg? Bald zwischen Ostsee und Moldavien wie 1854 geplant?

Erinnert Merkel an Chamberlain und Daladier. Die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges weist ein Modell für die Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Autokratie auf. 



Inhalt 



Der Büchsel-Plan. 
– Kriegsfall England 

10 

Das Scheitern des „Büchsel-Plans“. 
Kriegsfall England – Frankreich bindet die ganze Armee. 

11 

Die Krisenkonferenz vom März 1905. 
– Regierungspraxis nachts um 1 Uhr. 
– Armee nicht kriegsbereit. 

12 

Aus englischer Sicht: Kriegs- und Friedenspartei in Berlin. 
– Grey und der Krieg gegen Deutschland. 

13 

Rückrat deutscher Seestrategie. 
– Flottenvorbereitung und zentrale Option. 

14 

Deutschland unterschätzt England. 
– Innenansichten der Berliner Führungselite (Daily-Telegraph-Affäre). 
– Zentralstellung gegen die britische Weltmacht. 
– Küstenbefestigung und Schlachtflotte. 

16 

Belgien: Machtbasis gegen England. 
– Holland und Belgien: Hebel gegen die Weltmacht. 
– Pessimismus der Flottenleitung. 

17 

König Georgs dynastische Außenpolitik. 
– England kracht in den Fugen. 

18 

Kühle Beobachtung: Sir Edward Goschen. 
– Imperial Chancellor: Bethmann Hollweg. 
– Großer Generalstab – Interdependenz der Ämter. 
– Erschöpfter Wilhelm II. 

19 

Parallelität der Deutsch-Österreichischen Planung. 
– Österreich, Italien, Rußland und der Balkan. 
– Rückverlegter Aufmarsch Russlands 1909ff. 

20 

Zweiphasen Aufmarsch-Planung Berlins. 

21 

Moltke zur Schwere der Aufgabe. 
– Abstimmung zwischen Politik und Militär. 
– Zusammenspiel Generalstab und Kriegsministerium. 
– Planungen für den Durchbruch durch die „Lücke von Charmes“. 

Österreichische Vorbereitungen zwischen Istrien und Save. 
– Rußland. 
– Italien/Balkan. 
– England. 
– Schweiz/Japan. 
– Rußland. 
– Schlag nach Westen. 
– Russische aggressive Politik. 
– Japan drückt auf Rußland. 
– Antwort auf den rückverlegten Aufmarsch. 
– Zweiteiliger russischer Aufmarsch. 
– Vorsprung des österreichischen Aufmarsches. 
– Russische Aufmarschgruppen einzeln schlagen. 
– Risikanter österreichischer Aufmarsch. 
– Gefahr russischer Kavallerie-Raids. 
– Vorbereitungen in Spannungszeiten. 
– Gefahr innerer Unruhen und Störungen des Aufmarsches. 
– Die Insurgierung Polens (Vorstöße nicht mobiler Einheiten). 
– Wien: Abstimmung zwischen Militär und Politik. 

Enges Zusammenwirken mit Deutschland und Österreich

(italienische Armee am Oberrhein). 

– Selbstverständlichkeit: Deutscher Einmarsch in Belgien. 
– 1910: Deutsch-österreichischer Aufmarsch gegen Rußland. 
– Galizien: deutsche und österreichische Planungen. 
– Moltkes Angebot. 
– Die Russen werden sich stellen. 
– Chance des gemeinsamen Vorgehens. 

23 

England, der Gegner, mit dem man abrechnen muß. 
– Krieg mit England in Belgien/Nordfrankreich. 
– Türkei als Dreibund-Partner. 
– Deutsch-Englische Spannung 1911. 
– Höhepunkt der Marokkokrise. 
– Deutsch-Englisches Krisenmanagement. 
– Bethmann Hollweg berät mit Goschen. 

24 

Das offene diplomatische Spiel in Europa. 
Berlin erhöht den Druck. 
– Deutschland, Rußland, Frankreich. 
– Hinter den Kulissen in Berlin. 
– Rüstungspolitische Konsequenzen. 

25 

Deutsche Aufmarschplanung und Kriegsbild 1911/12. 
– Westen. 
– Osten. 
– Berlin: Rüstungspolitik und „Preemptive Strike. 
– Quantitativer Ausgleich. 
– Moltke 1911: „Deutschlands Ziele weiter gesteckt als früher“. 
– Frankreich. 
– England ermutigt Rußland zum Krieg. 
– Moltkes Kriegsbild: Österreich. 
– Der deutsche Kriegsplan. 
– Türkei: Dreizack gegen Rußland und England. 
– Die Kriegsbereitschaft Rußlands 1911. 
– „Moltkeplan“ gegen England. 

Operationsziel Belgien und Holland. 
– Grundgedanke der deutschen Kriegsplanung 1911. 
– Frankreichs Aufrüstung. 
– Januar 1912: Stringente Kriegsvorbeitung. Wende zur Aufrüstung.


Einleitung. 

Die historische Forschung, älterer (Ritter) und jüngerer Provenienz (Wolfgang Mommsen), hat sich immer wieder mit dem Verhältnis zwischen Politik und Militär beschäftigt. Ob die Generalstabsabsprachen im Ententesystem (Samuel Williamson) oder zwischen den späteren Mittelmächten (Eberhard Kessel), die Auseinandersetzung moderner demokratisch regierter Staaten mit autokratisch bestimmten Monarchien, die Problemlagen – im Spannungsbogen zwischen Diplomatie und Aufrüstung; zwischen politischer Taktik und dem Rechenkalkül der Strategie – liegt im Grundsatz – damals wie heute – auf einer Linie (vgl. 1854-1914-2014). 

Dass es uns die Wissenschaft in der Vergangenheit (Fischer-Kontroverse) nicht leicht gemacht hat, aus dem geschichtliche Beispiel, Erfahrungen und Lehren für die Zukunft abzuleiten, wird offenbar. Denn die Verteidigung gegen den Vorwurf, für das Massenmorden des Ersten Weltkrieges verantwortlich gewesen zu sein, stand im Vordergrund und vernebelte den reichen Erfahrungsschatz der erschließbar wird, wenn den Agierenden von 1914 nicht unterstellt wird, allein unter dem Schatten von Zwanglläufigkeiten agiert zu haben; und stattdessen allseits die Rationalität des Handelns angenommen wird (Th. Heuss in der Diskussion mit Walter Riezler). 

Zudem nach 1945 vordringlich schien, den Verlierer des Zweiten Weltkrieges, Deutschland, nicht zusätzlich auch noch mit der Verantwortung für die Auslösung des Ersten zu belasten (Hans Rothfels, Riezler Tagebuch Affäre). Dennoch wurde mit der Lebensleistung des Hamburger Historikers Fritz Fischer deutlich, dass die Kontinuität der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Strukturen, demnach übergreifend in Staat und Gesellschaft, den Zweiten Weltkrieg als direkte Folge des Ersten erscheinen läßt. 

Darüber hinaus wird erkennbar, wie ungebrochen das historische Muster auch heute wirkt. Auf einer Landkarte Europas, die jener vor 100 Jahren durchaus vergleichbar ist, wird erkennbar, dass die Aktionen – die mit der Krimkrise aufgebrochen – heute Schritt für Schritt auf die Challenge der NATO durch Rußland zulaufen, durchaus dem deutschen „Testing the Entente“ (Eyre Crowe) vergleichbar sind; jener „Policy of Pretention“, die der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg vor 1914, bis zum Bruch des Entente-Systems, voranzutreiben suchte (“England auf uns zuzwingen”, Februar 1911). 

Dass schließlich England mit der Armeereform Haldanes leitend wurde für die Umorientierung des westlichen Europa vor 1914 hin auf die Konfrontation mit dem “Oststaat” Deutsches Reich, mag nur erneut Parallelen zu 2014/15 herausfordern. Doch ist der Konfliktgegenstand (hier 1914 Flotte / oder seit 1854-1914-1990 die Expansion von Machtspähren) im Grunde wenig von Belang, denn entscheidender erscheinen die Modalitäten, und Erfolgschancen von Verhandlungen zwischen so unterschiedlich strukturierten Systemen, wie hier der Demokratie des Westens, und dort der Autokratie Rußlands. Dass zudem militaristische, "kriegerstaatliche" (P.M.Kennedy), Züge in den Oststaaten Deutsches Reich damals, und heute Rußland, deutlich werden, mag nur den Einbahnstrassen-Charakter (Senghaas, Autismus) der laufenden Entwicklung, hin auf den lokalisierten, konventionellen Krieg in Europa unterstreichen. 




Der Büchsel-Plan. 

Im Januar 1903 notierte der englische Botschafter in Kopenhagen, Goschen, es sei über einen Besuch des deutschen Kaisers gesprochen worden: 

“Went to Deutzer´s day and talked about a rumoured visit to Copenhagen from the German Emperor. He doesn´t want him to come. He said one never knows what he will be up to – he may habe as often happens a sudden attack of want of tact and may say or do something which will put up everyone´s back and undo all the efforts of the last years to make the relations between Denmark and Germany more friendly. ´His visits are not always lucky or successful´”. 

Um Schlieffen endgültig auszustechen, entwickelte Büchsel am 3. Februar dem Kaiser schriftlich die Position der Marine für Planungen, nunmehr im Hinblick auf den “Krieg Deutschlands mit England u[nd] Frankreich zusammen”. Einleitend bestand er darauf, die Kriegführung der Flotte müsse “in weitgehenstem Maße durch d[ie]. Armee unterstützt werden”. Der Admiralstabschef faßte pointiert die Haltung der Marine dahin zusammen, “im Kriege mit England” liege “die endgültige Entscheidung einzig u[nd]. allein bei der Flotte“. 


- Kriegsfall England. 

Ausgangspunkt der Darlegungen Büchsels für Wilhelm II. war der frühere Kriegsfall “England”. Danach wurde Anfang 1905 erwartet, England werde die deutsche Flotte vernichten, den Handel und die Industrie des Reiches, und damit “einen unbequemen Macht- und Handelskonkurrenten, beseitigen”. Erwartet wurde, mittels der “großen Überlegenheit der englischen Flotte” werde die deutsche “von allen Meeren vertrieben, und die Blockade” der Küsten “so gehandhabt, dass Einfuhr u[nd]. Ausfuhr praktisch aufhören” würden. Als Antwort hierauf sollte versucht werden, “durch Beseitigung eines Kontinentalverbündeten Englands”, den Punkt des deutschen Zusammenbruchs herauszuschieben, bzw. zu vermeiden. Dazu war geplant, die englische Flotte derart zu schädigen, daß es dem Inselreich “zur Aufrechterhaltung seiner Weltmachtstellung gerathen” erschiene, “diesen Krieg abzubrechen und Deutschland als gleichberechtigten Machtfaktor anzuerkennen”. Dieses könne jedoch nur durch die Flotte erreicht werden, da ausschließlich “durch Seestreitkräfte” die “englischen Machtmittel zu See …geschädigt werden” könnten. Büchsel folgerte, Deutschland müsse “mit allen Mitteln – auch mit denjenigen der Armee – die Kriegführung der Flotte unterstützen”. Welche Bedeutung dieser Kriegsfall, über die rationale Betrachtung eines Operationsplanes hinaus, für die Führung der Flotte (und womöglich den Kaiser) hatte, umriss der Chef des Admiralstabes unter Hinweis darauf, bei diesem “Kriege gegen England” handele “es sich um unsere (i.e. Deutschlands, B.S.) nationale Existenz!” Dass das Kalkül des Reiches rund um den Flottenbau auf des Messers Schneide stand, berührte er mit dem Hinweis auf die Eventualitäten einer Niederlage: 

“Wir müßen Alles einsetzen, wollen wir unser Ziel erreichen; verlieren wir, zwingt uns England zur bedingungslosen Unterwerfung unter seinen Willen, so ist Deutschland voraussichtlich für alle Zukunft aus dem Kreise der Weltmächte gestrichen und sinkt zu einer Kontinentalmacht herab”. 

Unter diesen Bedingungen plädierte Büchsel für den Einsatz sämtlicher Streitkräfte. Die Neutralität der Nachbarstaaten, Rücksichten auf die Haager Landkriegsordnung und ähnliche Regularien seien, so sprach er aus, zurückgestellt worden. Der Admiralstabschef führte aus, 

“die Situationen[,] die wir brauchen, müßen geschaffen werden ohne Rücksicht auf Nachbarn und unter weitgehender Auslegung der Rechte der Kriegführenden”. 

Angesichts dieser Zielsetzung erscheint Büchsel das tatsächliche Kräfteverhältnis entmutigend ungünstig. Für den Fall, dass Großbritannien den Zeitpunkt des Kriegsausbruches wähle und Seestreitkräfte zu Beginn des Konfliktes die Schlacht suchten, würde die “deutsche Flotte aufhören … zu existieren”. Auch die Defensive böte England die Gelegenheit, “die Überlegenheit seiner Kräfte zu zementieren und die Blockade des Handels … und die Einschließung unserer Flotte”. Büchsel plädierte vor dem Kaiser eindeutig gegen jede Form der Defensive. Diese sei 

“unvereinbar mit dem Ziel unserer Kriegführung, unvereinbar mit dem was die Nation von der mit großen Opfern geschaffenen Flotte” 

erwarte, 

“unvereinbar mit der Hoffnung nach dem Kriege die Mittel zu erhalten für den weiteren Ausbau unserer Flotte zu einem Ausschlag gebenden Machtfaktor”. 

Als Lösung aus diesen Kalamitäten bot der Chef des Admiralstabes das “Festhalten der Grand Fleet in den Belten und im Kattegat und die Schwächung des Feindes” durch unterseeische Verteidigung an. Erst ein abgenützter Gegner mache vor den deutschen Sperren in den dänischen Wasserstrassen die “Offensive unserer Schlachtflotte… aussichtsvoll”. Selbst die rationale Erwägung, was geschehe, falls der Gegner nicht aus der Nordsee heraus vorgehe, wird im Sinne des deutschen gemischt defensiv-offensiv gestalteten Konzeptes entkräftet. Ein Stehen bleiben in der Nordsee, so führt Büchsel aus, entspreche nicht den “Traditionen” und dem “offensiven Geist der seit Jahrhunderten” in der englischen Flotte lebe. Für den Vorstoß der Grand Fleet in dänische Gewässer spreche auch, dass England so “Dänemark zu Hilfe kommen[,] oder in ihm einen Bundesgenossen suchen” werde. Dieses Konzept einer Teilung der englischen Seestreitkräfte “en gros” und “en détail”, nämlich vor den Belten, in den dänischen Gewässern und in der Nordsee wie an den Ostseeingängen, wird als durchaus erfolgversprechend eingeschätzt. 

Allerdings – und das ist wohl auch der Kern des Scheiterns im Weltkrieg – streift der Admiralstabschef nur kurz die Möglichkeit einer weiten Blockade über die Konzentration der englischen Hauptstreitkräfte in der Nordsee, die Überwachung der Ostseeausgänge “nur zwischen Schottland u[nd] Norwegen und damit jegliche Inaktivität, sowohl vor den dänischen Belten, wie auch an der Elbemündung”. Büchsel relativiert dieses Szenario, indem er behauptet, die deutsche Flotte würde in diesem Fall dem “Hauptfeind gegenüber nicht ungünstiger” stehen als zuvor. Die Einzelheiten der Verteidigung der Sperren in den Belten, die Frage des Umfanges der Besetzung der dänischen Hauptinsel, und, möglicherweise die schädliche Wirkung eines geringeren Umfanges des Armeeinsatzes, werden mit hoher Intensität entwickelt. Doch scheint dem Admiralstabschef von entscheidender Bedeutung, dass England, bedingt durch ein massives deutsches Engagement, mit höherer Wahrscheinlichkeit in dänischen Gewässern, und zur Unterstützung eines möglichen Bundesgenossen (i.e. Russland, B.S.), auftreten werde. 

Augenscheinlich befand sich die Kriegsplanung für den “Fall England” seit geraumer Zeit in der Schwebe. Büchsel bezeichnet den “Abschluß des Operationsplanes” als dringend. Eng verknüpft mit diesen Vorarbeiten sei die “Frage, ob u[nd]. welches dänische Gebiet besetzt” werden solle. Büchsel betont, die “endgültige Entscheidung” des Kaisers sei notwendig, da nur “sorgfältige Friedensvorbereitungen…die Durchführung dieses Planes im Kriege” ermöglichten. Dazu seien das Kriegsministerium und das Reichsmarine-Amt hinzuzuziehen, die beide “noch nicht gehört worden” seien. Nach deren Vorträgen und dem Korreferat des Generalstabschefs bittet Büchsel um die Entscheidung des Kaisers in der Frage: 

“Soll für die Operationen der Flotte in einem, möglichen Kriege gegen England oder England u[nd]. Frankreich p l a n m ä ß i g mit der Besetzung eines Theils von Seeland mit Korsör, von Sprogoe[,] Fünen und eines Theils von Jütland mit Esbjerg u[nd]. Fredericia gerechnet werden und sollen alle Mobilmachungsvorbereitungen hierfür getroffen werden? 
Annex. 

Tirpitz: Die Entwicklung unseres großen Kreuzers. “Die Flotten Russlands und Frankreichs treten in ihrer Bedeutung uns gegenüber immer mehr zurück. Ein Krieg gegen Amerika ist ohne ein direkt wohlwollendes England für uns fast unmöglich. Wenn aber England in solchem Konflikt Deutschland ausgesprochen wohlwollend ist, so würde es sich solche Feindschaft von Seiten Amerikas zuziehen, dass es zweifellos in solchem Falle besser thäte, die direkt wohlwollende Neutralität in eine Alliance mit Deutschland zu verwandeln und dann brauchte Deutschland keine grossen Kreuzer. Es bleibt somit, abgesehen von sonstigen Gründen, für Deutschland die grosse maritime Gefahr für das nächste Jahrzehnt nur die englische Flotte. Der englischen Flotte gegenüber tritt aber die Aufklärung d.h. also die bekannteste und im Frieden am meisten in die Erscheinung tretende Detachierungsart an Bedeutung sehr zurück, denn mit grosser Wahrscheinlichkeit ist aus der englischen Geschichte und Auffassung zu schliessen, dass wir die Schlacht haben, so bald wir wollen, … “. 


10 

Das Scheitern des „Büchsel-Plans“. 

Kriegsfall England – Frankreich bindet die Armee. 

Am 4.2.1905 nahm Schlieffen zur Besetzung Dänemarks durch die Armee und zur Verteidigung der Sperren in den Belten ausführlich Stellung. Abgesehen davon, dass der Kräfteansatz höchstmöglich gewählt wird, kommt der Generalstabschef zu dem Ergebnis, die Sperren könnten bis zum 4. Mobilmachungstag erstellt werden, was aber voraussetze, “dass die deutsche Flotte die Seeherrschaft in der Ostsee und im Kattegat sich” erhalte. Allem Anschein nach erwog Schlieffen den Zweifel, “die stets kriegsbereite englische Flotte” werde die Belte vorher durchlaufen können. Weiter seien in diesem Falle die deutschen Kräfte auf Seeland und bei Sprogö abgeschnitten. Zusätzlich schienen die für den Einsatz vorgesehenen Artillerie-Batterien unzureichend. Es stellte sich damit die Frage, warum unter diesen Voraussetzungen überhaupt zwei aktive Armeekorps hier festgelegt werden sollten. Diesen Zweifel nährte und verstärkte der Generalstabschef. 

Wilhelm II. ließ am 7.2.1905 dem Admiralstabschef mitteilen, es solle “für die Operationen der Flotte im Kriege gegen England, oder England und Frankreich, mit der planmäßigen Besetzung eines Theils von Seeland mit Korsör n i c h t gerechnet werden“. Als Gegner der Flottenpläne hatten inzwischen der Reichskanzler mündlich, und die Armee, Gründe gegen eine Besetzung Seelands geltend gemacht. Während die Bedenken Bülows nicht erläutert werden, wird für die Armee der Kriegsfall “England/Frankreich” als Grund dafür angeführt, dass die Kräfte gegen Dänemark nicht bereitgestellt werden könnten, da ohne diese der “Erfolg gegenüber Frankreich in Frage” gestellt sei. Andererseits sollte nunmehr die ungenügende Verteidigung der Friesischen Inseln, “für den Fall des Krieges mit England u n d Frankreich”, verstärkt werden. Damit war der Versuch des Admiralstabes gescheitert, die Armee für die Flottenkriegführung gegen das überlegene England zu gewinnen und eine aussichtsreichere Ausgangslage für eine Entscheidungsschlacht der Hochseeflotte zu schaffen. 

Das Ergebnis war – nicht zuletzt infolge der politischen Einschätzung in der Reichsspitze – eine Maus: Die “Sicherung Borkums, Sylts, Pellworms, der Emsmündungen und der Ankerplätze in diesem Raum gegen Versuche, die Inseln zu besetzen und sie als Basis zu benutzen“.- 48 Stunden nach Auslösung sollten die Sicherungsmaßnahmen durchgeführt sein. Nun ging es darum, wie Büchsel nach seinem Immediatvortrag beim Kaiser schriftlich festhielt, “einen neuen “Operationsplan II” aufzustellen. Dem Flottenchef, dem Chef der Ostsee-Station, dem Reichsmarine-Amt, dem Generalstab und dem Chef des Marine-Kabinetts teilte Büchsel die Veränderung der Lage mit. Nunmehr ging es nur noch darum, die Verstärkung der Nordseeinseln in kommissarischen Verhandlungen zwischen den leitenden Stellen der Marine vorzubereiten. 


11 

Die Krisenkonferenz vom März 1905. 

- Regierungspraxis nachts um 1 Uhr. 

Überlagert wurden diese Überlegungen der Marinestäbe durch die grundsätzliche Frage eines Präventivkrieges gegen Frankreich “im Schatten” des russischen Engagements in der Mandschurei gegen Japan. Im März 1905 berief Wilhelm II. eine Konferenz, an welcher mit dem Reichskanzler Bülow, der Generalstabchef Schlieffen und der Kriegsminister Einem teilnahmen. 

- Armee nicht kriegsbereit. 

Nachts um 1 Uhr erfolgte der “Alarmruf” des Kaisers. Schlieffen und Bülow trafen sofort ein, der Kriegsminister stieß um 6 Uhr morgens dazu. Wilhelm II. forderte den schon lange gewünschten Krieg gegen Frankreich unverzüglich zu führen. Das wurde durch den Beraterstab abgelehnt, da Einem erklärte, die deutsche Feldartillerie sei der französischen durchaus unterlegen. Eine waffentechnische Fehlentscheidung der Artillerie-Generale Kehrer, Prunker und von Schmidt (Inspizient der Feldartillerie) hatte in der Artillerie-Kommission schon “im Jahre 1898 für 500 Millionen” Reichsmark zu Drahtseilbremsen bei der Feldartillerie geführt, “obgleich Frankreich Anfang der 90iger Jahre (bis 1895) das Rohrrücklaufgeschütz eingeführt hatte”. Mit der “Kraft ihrer ´Autorität´” hatten diese Generale eine Fehlentscheidung gegen das jüngere Offizierkorps durchgesetzt. 

Das berichtete am Morgen nach dieser Unterredung beim Kaiser Schlieffen am Königplatz seinem Neffen, Graf Hermann Schlieffen, der dies an die Generalstabsoffiziere Riemann, von Tiechowitz und Holleben weitergab. Der Krieg gegen Frankreich im Jahre 1905, später von den Zeitgenossen als die verpasste Chance begriffen, wurde vertagt. Umso stärker tritt die Rolle der Flotte hervor, die nach der diplomatischen Niederlage von Algericas noch einen Hebel gegen England darzustellen schien. 

Es war klar, daß Deutschland Ende 1905 weder gegen England noch gegen Frankreich kriegsbereit war. Die Hauptwaffengattungen der Armee, Infanterie und Feldartillerie waren nicht kriegsbereit, da sie umbewaffnet wurden. Die Festung Metz befand sich mitten im Ausbau. Forts und Batterien waren noch nicht vollendet. Friedrich–Christian Stahl (vormals Direktor des Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg) glaubt annehmen zu dürfen, Bülow hätte „es lieber auf einen Krieg ankommen lassen, als eine diplomatische Niederlage“. Dem gegenüber habe der Kaiser abgewiegelt. Nicht völlig aus der Luft gegriffen sind dann auch die Argumente seines Silvester-Briefes an Bülow nicht. Bülows Notiz hält fest: 

„Nicht Krieg, bevor Bündnisse mit Türkei (´alliance mit dem Sultan coute que coute´) und ´allen arabischen und maurischen Herrschern´ perfekt. Allein können wir nicht gegen Frankreich und England Krieg führen, w e n i g s t e n s zur See“. 

Der Kanzler hielt fest: 

„ S[eine].M[ajestät]. forderte mich in diesem Brief schliesslich auf, die Politik so zu führen, dass uns ´soweit als irgend möglich und für jetzt´ die Kriegsentscheidung erspart werde. Es dürfe ´aber nicht aussehen wie ein Faschoda´“. 



12 

Aus englischer Sicht: Kriegs- und Friedenspartei in Berlin. 

Wilhelm II. war 1905/06 Friedenspartei, und das blieb auch so. Einerseits in der zutreffenden Erkenntnis, daß Deutschland materiell nicht im Stande sei, die günstige Lage für eine kriegerische Entscheidung der europäischen Vormachtfrage zu nutzen, eröffnete er in seiner Amtsführung – wie mit den eingeschlagenen rüstungspolitischen Orientierungen – allerorten den Vorboten eben dieser kriegerischen Entscheidung Tür und Tor. 

Diese Krise brachte den künftigen englischen Außenminister Grey zu der Überzeugung, “daß Rosebery in bezug auf Deutschland unrecht” habe. Er fühlte “das so stark”, daß er, 

“wenn irgendeine Regierung uns in das deutsche Netz zurückzieht, offen opponieren werde, mag es kosten, was es wolle. Aber es ist schade, jetzt wo wir von Verwicklungen mit Deutschland frei sind, einen gegen Deutschland gerichteten Feldzug in unserer Presse aufrechtzuerhalten”. 

Im Sommer 1905, und das ist unzweifelhaft, grassierte nicht nur bei Regimentskommandeuren in Schleswig Holstein das Bewusstsein einer englisch-französischen Bedrohung, letztlich für den deutschen Vormarsch durch Belgien, und möglicherweise, mit Hilfe einer Landung britischer Kräfte an der Schleswig Holsteinischen Westküste. Asquith suchte abzustreiten, England habe “Frankreich angeboten…, im Kriegsfalle 100 000 Mann in Holstein zu landen und den Kaiser-Wilhelm- Kanal zu nehmen”. 


- Grey und der Krieg gegen Deutschland. 

Schließlich war der französische Außenminister Delcassé unter deutschem Druck zurückgetreten. Rosebery fragte Grey: “Ihre Freunde, die Franzosen, zittern wie Espenlaub”. Die Frage war, was würde England tun, wenn es zum deutsch-französischen Krireg käme? Ein Zerbrechen der beiderseitigen Bindungen könnte der deutsche Erfolg sein. Wohin würde eine neue englische Regierung tendieren. Die liberale Presse schien eine “splendid isolation” anzukündigen. 

In diesem Augenblick einer Zentriering der radikalen Gruppierung um Rosbery hielt Grey am 21.10.1905 in der Londoner City eine vielbeachtete Rede. Im außenpolitischenTeil dieser Ansprache lehnte Grey zunächst jeden Wechsel in den englischen äußeren Beziehungen ab, betonte “das gute Einvernehmen[s]” mit den Vereinigten Staaten und erörterte schließlich, ob es sinnvoll sei in eine “Politik der Bündnisse” einzutreten. Im Zusammenhang mit der Frage englischer Beziehungen zu Japan unterstrich Grey den defensiven Charakter des Bündnisses zwischen den beiden Staaten. Im Entente-Verhältnis zu Frankreich bezeichnete Grey den “Geist dieses Abkommens” als wichtiger als den “Buchstaben”. Ja, er ging so weit zu sagen, 

“daß es für uns alle eine Angelegenheit herzlicher Beglückwünschung ist, daß wir jetzt in so freundschaftlichen Beziehungen mit unserem ausgezeichneten Nachbarn von der anderen Seite des Kanals stehen”. 

Diese aufzugeben, stand für Grey außerhalb jeglicher Möglichkeit. Das war ein Aspekt dieser Rede, welchen die deutsche Politik nicht wahrnahm. Auch hinsichtlich Rußlands stand Grey auf einem durchaus Berlin kritischen Standpunkt, denn er plädierte dafür, “Rußlands Einfluß im Rat Europas” wiederherzustellen. So konnte es nicht anders sein: die Beziehungen zu Deutschland waren für Grey “eine delikatere Angelegenheit”. Er sprach auch offen aus, wo der “stumbelstone” in den deutsch-englischen Verhältnissen läge: 

“Es muß meiner Meinung nach Bedingung jeder Besserung der öffentlichen Beziehungen zwischen Deutschland und uns sein, daß die Beziehungen Deutschlands zu Frankreich in allen Fragen, die unter das französische Abkommen fallen, auch gerecht und gut sein sollten”. 

Schließlich weist Grey frontal das Bedenken der deutschen Seite seit Bismarck zurück, “daß freie Regierungen auf Grund der Veränderungen der Zusammensetzung nicht die gleiche vertrauenswürdige und zuverlässige Außenpolitik führen könnten wie autokratische Regierungen”. Ein Zwischenkurs zwischen “splendid isolation” der Vergangenheit und festen Bündnissen der Zukunft war letztlich das Ziel Greys, an dem er schließlich – unter Inkaufnahme aller Weiterungen – festhalten sollte. Es bleibt die Frage, ob tatsächlich das System Greys, das “Europäische Konzert”, den Krieg zunächst acht Jahre verhinderte, um ihn dann in einer weniger fürchterlichen Form zuzulassen, als dies “die Vernichtung eines alleinstehenden Frankreich oder England durch Deutschland gewesen wäre”. 

Letztlich trieb der deutsche Flottenbau Großbritannien zu dieser intermedialen Politik der Ententen oder Ausgleichsabkommen. Denn eine “splendid isolation”, wie sie in Teilen der englischen Gesellschaft gefordert wurde, weil als Konsequrenz dieser Politik der kontinentalen Bindungen ein Krieg mit Deutschland erwartet wurde, konnte sich der Inselstaat nicht mehr leisten. Eine europäische Konstellation war durchaus möglich, blieb Großbritannien zu Frankreich und Rußland auf Distanz. So gesehen, war Deutschlands Vorherrschaft in Europa quasi vorgezeichnet. Und erst recht durch die Erfahrungen des Weltkrieges wurde unterstrichen, wie gering Englands Chancen wären, müßte es sich gegen den vereinigten Kontinent verteidigen. 

Daß es zum Ersten Weltkrieg kam, war in dem Umstand beschlossen, daß bis zuletzt unsicher lieb, ob England an die Seite Frankreichs treten würde. So nur konnte die deutsche Zuversicht wachsen, England neutral halten zu können, und es “auf einen Krieg ankommen [zu] lassen”. 

Annex. 

“Im März 1905 arbeitete ich als kommandierter Oberleutnant in der 8.Abt[eilung]. des gr[oßen]. Gen[eral].Stabs. … Eines Morgens kam der, mir sehr befreundete, Neffe des Gen[eral]. Stabs Chefs Graf Schlieffen, Ob[er]l[eutnant]. Graf Hermann Schl[ieffen]., … mit sehr ernstem Gesicht etwa morgens 10 Uhr auf unsere Stube mit Tiechowitz u[nd]. Holleben. Schlieffen sagte: “Eben komme ich von Onkel Alfred. Wißt Ihr was los war? Heute Nacht um 1 Uhr hat der Kaiser Bülow, den Onkel Alfred zu sich befohlen. Heute morgen um 6 Uhr wieder dazu den Kriegsminister. Frage Krieg gegen Frankreich. Und wissen Sie, sagte Hermann Schlieffen, auf den Tisch hauend, “wer Schuld ist, daß diese einzige Gelegenheit versäumt werden muß? Ihr seid Schuld! (Ich bin Feldartillerist) Der Kriegsminister hat erklärt, daß unsere Artillerie der französischen durchaus unterlegen sei”. Es scheint als ob derartige Konferenzen damals öfter aufgetreten sind (“Heute morgen um 6 Uhr w i e d e r den Kriegsminister”). 


13 

Rückrat deutscher Seestrategie. 

Mit dem “Büchsel-Plan” war die Vorstellung der Marine gescheitert, die britischen Seestreitkräfte zu teilen, und nach Abnutzung ihrer Überlegenheit in den Ostseezugängen, zu schlagen. Das bedeutete jedoch nicht den Verzicht auf die Vorbereitung des grossen Krieges durch die Armee. Noch zur Zeit Schlieffens wurde geplant, die Schelde zu sperren – sei es durch Schiffe, sei es durch Minen. Eine derartige Operation wurde durch den Generalstab nicht vor dem 15. Mobilmachungstag erwartet, denn diese stand in unmittelbarer Beziehung mit der Belagerung Antwerpens durch die Armee. 


- Flottenvorbereitung und zentrale Option. 

Im Jahre 1907, im Zuge der Heeresreform, nahm der Nachfolger Schlieffens, Moltke, das Thema der Scheldesperrung wieder auf und bat Büchsel um Mitteilung, “wie lange die Landung von etwa 125 000 Mann, 50 000 Pferden und 6500 Fahrzeugen” in den kleinen Kanalhäfen rund um Ostende dauern würde. Wiederum wurde der Einsatz von Streuminen erwogen. Artillerie sollte gegebenenfalls gegen frühzeitig vordringende englische Schiffe zum Einsatz kommen. Die Analogie zu den Sperren in den dänischen Gewässern fällt ins Auge. Geraume Zeit verging, und schließlich nahm der Admiralstab detailliert Stellung. Angenommen wurde, dass die Briten in Antwerpen mit einem Expeditionskorps landen würden. Die deutschen Seestreitkräfte seien außerstande, “diesen großen Transport über See zu verhindern, da die […] Flotte in der deutschen Bucht der Nordsee festgehalten” werde. 

Um einen Vorstoß gegen Antwerpen zu verhindern, sollten möglichst kurz nach Kriegsausbruch, von deutscher Seite, Schiffe in der Schelde versenkt werden, die im Hafen von Antwerpen bereits im Frieden vorzubereiten seien. Bis in die Kontakte zum Norddeutschen Lloyd, und dessen Vertreter in Antwerpen, wurden diese Planungen vorgedacht. Offiziere des Admiral- und Generalstabes wurden beauftragt, in Belgien und Holland vor Ort Kontakt aufzunehmen. Bereits während Spannungszeiten war beabsichtigt, ein bis zwei Dampfer im Hafen von Antwerpen bereit zu halten, und diese dann vor Kriegsausbruch unverzüglich zu ihrem Versenkungspunkt in der Schelde auslaufen zu lassen. Sollten die Briten Antwerpen als Objekt ihrer Landung bestimmen, so erwartete der Admiralstab, diese würden zum Schutz ihrer Etappenlinie, der Schelde, “Seestreitkräfte verwenden”. Moltke stimmte zu, Sperren in der Fahrrinne vorzubereiten, Kontakt zum Norddeutschen Lloyd aufzunehmen, um die Dampfer für die Versenkungsaktion vorzubereiten und bestimmte Hauptmann Eggeling, der bereits 1904 Erkundungs-, d.h. Spionageaufträge, für die Aktionen in Belgien und Holland, zum Beispiel in den Ardennen, durchgeführt hatte. Streuminen seien ebenfalls zu beschaffen, hieß es. Zwischen dem 7. und 17. Mai 1907 wurden die Erkundungen durchgeführt und auch die Ausschiffungshäfen an der belgischen und holländischen Küste auf Eignung hin untersucht. Die Schelde sei zu sperren. Verhandlungen mit einem Vertreter des Norddeutschen Lloyd wurden vereinbart und durch einen Generalstabsoffizier übernommen. Einer englischen Landung in den belgischen Häfen würde die deutsche Seite machtlos gegenüber stehen, war das Ergebnis. Streuminen als Sperrmittel schieden, nach dem Urteil Moltkes, nun aus. Ab Mai 1908 lagen in dieser Sache sämtliche weiteren Schritte zentralisiert in der Verantwortung des Generalstabes. Die Vorbereitungen für den Westfeldzug gegen England-Frankreich liefen – wie hier dargestellt – intensiver und reibungsloser als im Fall “Dänische Belte”. 


14 

Deutschland unterschätzt England. 

Ende 1907, zwischen dem 8. November und 13. Dezember, befand sich der deutsche Kaiser, begleitet durch ein umfangreiches Gefolge, zum Staatsbesuch in England. Admiral von Müller berichtet den “freundlichen[r] Empfang” Wilhelms II. Die “englischen Truppen” werden als im Tagebuch Müller als “kümmerliche Knaben” apostrophiert. Lord Roberts, der Sieger im Burenkrieg, erscheint dagegen als “sehr sympatische Persönlichkeit”. 

Jules Cambon, im April zum neuen Botschafter Frankreichs in Berlin berufen, traf zu Beginn seiner Mission auf unverhohlene Kritik, in Hofgesellschaft und diplomatischen Kreisen, am Kaiser. Graf Reventlows “Wilhelm II. und die Byzantiner”, aber auch Skandale um Prinz Friedrich Heinrich, der die Armee verlassen musste, dessen jüngerer Bruder Joachim Albrecht, der wegen einer Liebschaft nach Südwestafrika auswich, oder General von Hohenau, Graf Lynar und die Eulenburg-Affaire bewegten die Gemüter. 


- Innenansichten der Berliner Führungselite

  (Daily-Telegraph-Affäre). 

Am 18. November weilte Wilhelm II. bei Oberst Stuart-Wortley auf Highcliff-Castle. Hier entstand das später in der deutschen Innenpolitik so Aufsehen erregende “Daily Telegraph Interview” des Kaisers, das durch dessen Äußerungen über die Engländer Furore machte. Am Ende der Reise bemerkt Müller: “Eine Menge Menschen gesehen, gesprochen u[nd]. wieder vergessen”. Das Gefühl, dass sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Großbritannien in diesen Tagen am Scheidewege befand, kam jedoch nicht auf. Dass sich in Berlin die Dinge verschoben, wurde mit der Diskussion um den alten und neuen Chef des Militärkabinetts Graf Hülsen Haeseler und den Freiherrn von Lyncker deutlich. Die Wahl Lynckers bezeichnete der bayerische Militärbevollmächtigte, von Gebsattel, als “eine sehr glückliche”. Dieser wurde als “ruhiger, vornehmer Herr von tadellosem Charakter” beschrieben. Die preußische Armee könne sich “zu dessen Wahl…nur gratulieren”. Hülsen sei da schon eine andere Persönlichkeit gewesen. Gebsattel ging seinem Minister gegenüber ins Detail und berichtete, 

“daß eine große Zahl von Offizieren, die während seiner Amtszeit verabschiedet oder nicht ihren Wünschen und Ansprüchen nach verwendet wurden, ihn mit ihren Haß verfolgten – wofür ein Artikel von Gädke im Berl[iner]. Tageblatt den stärksten Beweis liefert – liegt ja zum Teil in der Stellung selbst, zum Teil aber auch darin begründet, daß Graf Hülsen der naheliegenden Folge seines Amtes eine allzu hohe Meinung von seiner Macht und Persönlichkeit zu bekommen, eben auch unterlag und nebenbei durch seine echt Berliner Schnoddrigkeit sehr viele, die er abweisen mußte, noch persönlich verletzte. Mir war immer am unangenehmsten und unheimlichsten eine gewisse Taktlosigkeit, mit der er gegenüber ihm zum Teil ganz Unbekannten die unglücklichsten Bemerkungen über Seine Majestät den Kaiser machte und von der man nie wußte, wo und vor wem sie Halt machen würde”. 

In der “Daily Telegraph Affaire” habe Hülsen sich besonders schicksalhaft ausgewirkt. Der bayerische Militär-Diplomat betonte, “Graf Hülsen” sei “eine jener Persönlichkeiten” gewesen, 

“gegen die vor allem während de letzten Krise sich der Vorwurf richtete, Seine Majestät den Kaiser über die in der großen Allgemeinheit herrschende Stimmung und über das Urteil, das Allerhöchst dessen Reden und Handeln in sehr vielen Fällen fand, gänzlich im Unklaren gelassen zu haben – das wußte er und hat er sich noch vor wenig Tagen dahin ausgesprochen, das sei nicht seine Sache, dafür seien Andere da!” 

Gebsattel nahm jedoch gleichzeitig Hülsen in Schutz und schloss an, “eine solche Masse von feinem Takt und besonnener Klugheit, wie sie eben nur ganz einzelne Menschen – vielleicht der Kanzler Fürst Bülow -” besässen, wäre in diesem Fall nötig gewesen. Der Militärbevollmächtigte konkretisierte jedoch weiter, er sei 

“der Ansicht, daß von den Herren, welche heute Seine Majestät umgeben, verhältnismäßig nur wenige mit Schuld tragen an den Verhältnissen, welche die soeben beigelegte Krise herbeiführten. Denn noch vor wenigen Tagen mochte es schwer, wenn nicht fast unmöglich sein, Seine Majestät mit dem gewünschten Erfolge die Wahrheit zu sagen”. 

Gebsattel machte die frühe Thronbesteigung Wilhelms II. dafür verantwortlich, dass kein bleibender Einfluss “auf die herrliche und ganz außerordentliche Geistesanlage Seiner Majestät gewonnen werden konnte”. Das sei eine Folge der Persönlichkeiten gewesen, “die damals um ihn waren und von denen leider! – ja auch heute noch Einzelne in seiner Nähe” seien. Diese hätten zu verantworten, dass keine positiv-korrigierende Einwirkung auf den jungen Kaiser ausgeübt worden sei. Das habe “sich bitter gerächt”. Doch schien es dem bayerischen General “denkbar und möglich, daß nun die jüngste Krise mit ihren Begleiterscheinungen unter Umständen für die Zukunft mehr nutzen könnte, als sie augenblicklich geschadet” habe. 

Annex. 

Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg. RM 2/1718. Büchsel an von Senden-Bribran, 27.3.1905: “Euer Exzellenz beehre ich mich behufs eventueller Berichterstattung bei Seiner Majestät nachstehend die bereits erfolgten und noch beabsichtigten Bewegungen der englischen Mittelmeerflotte ganz ergebenst mitzuteilen”. RM 5 v.1667. Schlieffen an Büchsel, 7.6.1905. RM 2/1601. Parallel lief eine ausgedehnte Diskussion Wilhelms II. mit Tirpitz um die künftigen Schiffstypen der Schlachtflotte. Vgl. ebd. Tirpitz an Wilhelm II., 29.1.1904; Wilhelm II. an Tirpitz, 28.4.1905; Ebd. Tirpitz an Wilhelm II., 6.5.1905. V.Müller an Wilhelm II, 10.5.1905. Ebd. Wilhelm II. an Tirpitz, 20.7.1905. Der Kaiser stellt fest: “England hat uns in Zahl, Typ u[nd]. Geschwindigkeit überholt…”. Weiter bemängelt er die “Kohlenfrage”. “Es ist unbestreitbar, daß unsere Marine dabei auffallend ungünstiger steht, wie alle anderen. Diese Frage muß unbedingt bei uns … [gelöst?] werden”. Vgl. ebd. Wilhelm II. bemängelt die deutsche Schießausbildung vorwiegend in der Ostsee. 


15 

Zentralstellung gegen die britische Weltmacht. 

Die operative Planung des Admiralstabes bildete in diesen Tagen den Hintergrund für Untersuchungen, Erwägungen und Diskussionen. Die Operationspläne von Marine und Armee bedingten sich gegenseitig. Das Rückrat deutscher Seestrategie bildete der Nordostsee-Kanal, der im Jahre 1908 noch nicht fertiggestellt war. Schleusen von 330 Meter Länge, mit einer Tiefe von 13,80 und einer Breite von 45 Metern zeigten, dass “Fehler, die wir (die Deutschen, B.S.) vor 20 Jahren gemacht haben”, korrigiert wurden. Inzwischen hatte das Flotten-Wettrüsten mit Großbritannien einen neuen Schlachtschifftyp hervorgebracht, der die bisherigen Linienschiffe entwertete und Deutschland zu folgen zwang, konstruktiv-technisch, und hinsichtlich der Kapazität der Neubauten. Das künftige Schlachtfeld, so wollten es die deutschen Seestrategen, würde die Nordsee sein. Einerseits bestimmten die Küsten-Befestigungen, andererseits die Flaschenhälse der Fluß-Mündungen, Bauprogramme wie Taktik in der Auseinandersetzung mit dem künftigen Gegner. 

- Küstenbefestigung und Schlachtflotte. 

Natürlich war es unmöglich, Küstenbefestigung und Seerüstung auf gleicher Höhe und mit derselben Intensität zu halten und zu betreiben. Die Gefahr bestand, daß ein Auslaufen der Flotte in die Nordsee schon in den Flußmündungen von Elbe, Weser und Jade behindert würde. Port Arthur war den Zeitgenossen ein Begriff. Dort hatten die Japaner 1904/05 die russische Flotte “gebottelt”. 

Helgoland als fester Punkt für eine Anlehnung der Schlachtflotte sollte, neben den Küstenbefestigungen, den deutschen Seestreitkräften das Operieren in der Nordsee ermöglichen. Im Jahre 1908 konnten die Batterien auf Helgoland “einen Kreis von 15 bis 20 km im Durchmesser unter Feuer nehmen”. 

Streuminen, als weiteres Kampfmittel, sollten die Seeherrschaft der Grandfleet verhindern. Deutsche Torpedoboote und U-Boote auf Helgoland würden, so war im Jahre 1908 geplant, in Zukunft “eine Gefahrenzone für feindliche Schiffe” schaffen und so Bewegungsspielraum für die Verbindungen der Flottenkräfte zwischen Jade, Weser und Elbe gewährleisten. Die Schlachtflotte sollte in Helgoland quasi “einen Ruhepunkt” finden, falls sie sich zurückziehen müsste. Es wurde in einem Vortrag vor Reichstagsabgeordneten klar ausgesprochen, dass die deutsche Marine so “die jederzeitige Aktionsfreiheit” erhielte,; “ihre Leistungsfähigkeit im Kriege” werde gesteigert. 

Neben Helgoland böten Jade und Elbe Liegeplätze für die mobile Flotte. Allerdings würde sie auf der Elbe “von Cuxhaven bis hinter Brunsbüttel…in langer Linie” liegen. Auch im Bereich der Jade werde verbessert und gebaut. Wilhelmshaven war im Jahre 1908 noch nicht fertig. Helgoland und Kiel standen allerdings kurz vor dem Abschluss der Arbeiten. Dieses Bild allgemeiner Unfertigkeit bietet sich ebenfalls hinsichtlich der materiellen und personellen Ausstattung der Seestreitkräfte. Die Aussicht bestand: “nach 7 etwa 6 Jahren”, das heißt im Jahre 1914, würden die Teile der gesamten Flotte “gut zusammenklappen”. 

Annex. 

Ebd., N 253/206, NL Tirpitz. Vortrag vor Reichstagsabgeordneten zum Abschluß des Parlamentsreise 1908: “Meine Herren[,] was wir in dem letzten Jahrzehnt brauchten[,] und was wir in den nächsten 6 Jahren (1914, B.S.) weiter brauchen, ist feste aber stille Arbeit, keine Fanfaren, Lob und Anerkennung ist nicht nötig; diese bleiben der Geschichte vorbehalten”. 


16 

Belgien: Machtbasis gegen England. 

Parallel mündeten die Vorarbeiten zu Detailfragen im westeuropäischen Küstenbereich in die grundsätzliche Untersuchung der holländischen und belgischen Küste. Ein Admiralstabs-Memorandum führte, ausgehend 

“von dem Gesichtspunkte, dass die holländische und belgische Küste auf ihre Geeignetheit für kriegerische Unternehmungen der eigenen und feindlichen Armee und Flotte” 

zu untersuchen seien, aus, diese würden auf die Festung Holland und Antwerpen, das Mündungsgebiet von Rhein, Maas und Schelde zu konzentrieren sein. Ausgewählt “wegen der günstigen Tiefenverhältnisse und Verbindungen dieser Fahrwasser nach dem Inneren des Landes, und ferner wegen ihrer Lage außerhalb der Hauptverteidigungsstellung Hollands bzw. Belgiens”. 

Im Zuge dieser Vorbereitungen trugen Vertreter des Admiralstabes Gedanken zu einer offensiven Kriegführung gegen Großbritannien vor. Bislang waren vom Generalstab offensichtlich, “nur defensive Maßnahmen zur Abwehr englischer Landungsunternehmungen in der Schelde erwogen worden”. Weitergehende Pläne einer Kooperation mit dem Generalstab in dieser Frage wurden durch den Nachfolger Büchsels, von Baudissin, verschoben, da es sich zunächst nur um “Klärungsmaterial” handele. “Später” solle “ev[entuell].[,] wenn d[as] Resultat d[er] Durcharbeitung es als wünschenswert erscheinen” ließe, “daß wir Holland auf unsere Seite ziehen, eine entsprechende Äußerung an den Generalstab gesandt werden”. Dass diese Einzelfragen des Krieges mit Großbritannien in den angrenzenden Weststaaten, aus deutscher Sicht in einem höheren Zusammenhang standen, zeigt die Ausarbeitung des Admiralstabes zu “Holland und Belgien”, die im Oktober 1908 dem Chef des Admiralstabes vorlag. Welchen Rang Holland und Belgien, auch in den landstrategischen Überlegungen deutscher Planungsstäbe, einnahmen, umriss der einleitende Satz der Denkschrift: 

“Die Einbeziehung von Holland und Belgien in einen Krieg England-Deutschland soll nicht lediglich den Zweck einzelner Minenunternehmungen und Raids verfolgen, sondern sie ist mit den Grundfragen dieses Krieges überhaupt aufs engste verknüpft” (Hervorh.v.m., B.S.). 

Danach war beabsichtigt, die Marinepläne stark “an das, was die Armee aus Notwendigkeit tun” werde, anzulehnen. Natürlich sei vorgesehen, daß 

“grundsätzlich Armee u[nd]. Marine zusammenarbeiteten”. 


- Holland und Belgien: Hebel gegen die Weltmacht. 

Der Plan, der diesen Maßnahmen zugrunde liegen würde, müsse natürlich durch den Kaiser “befohlen” werden. Ganz optimistisch sah der Admiralstab, in Großbritannien werde die These vertreten, dass ein deutsch-englischer Krieg “solche Umwälzungen auf dem Kontinent herbeiführen” könne, “daß alle zur See errungenen Erfolge Englands dadurch überwogen würden”. Andererseits sei in britischer Presse und Publizistik die Überzeugung herrschend, “England könne eine deutsche Annexion Hollands u[nd]. Belgiens nie dulden”. Die Bearbeiter der Denkschrift des Generalstabes zogen daraus die Folgerung, hier (i.e. in Belgien, B.S.) liege “die Achillesferse” Englands. Holland in deutschem Besitz sei 

“eine beständige Bedrohung Englands auch nach dem Friedensschluß”(Hervorh.v.m., B.S.). 

Auch käme Deutschland “durch den Einmarsch in Holland und Belgien in eine günstige Anfangsstellung für den Krieg gegen Frankreich”. Dieser wurde als “unvermeidlich” bezeichnet. Diese Erkenntnisse sollten bis in den Juli 1913 weiter reifen und Allgemeingut künftiger deutscher Weltkriegsstrategie werden. 


- Pessimismus der Flottenleitung. 

Als Ziele der Operation bezeichnet der Admiralstab in Holland Rotterdam, und in Belgien Antwerpen. Das Bild einer festen Einschließung und Belagerung Antwerpens entsprach dagegen nicht mehr der herrschenden Auffassung des Generalstabes für den Festungskrieg. Ein Krieg in Holland wurde kritisch beurteilt. Erkannt war, zumindest nach den Erfahrungen mit den Plänen für eine Besetzung Dänemarks im Jahre 1904, dass der Generalstab für derartige Unternehmungen zunächst gewonnen werden müsse. Andererseits wird erkennbar, dass die Vorstellungen des Admiralstabes von den operativen Plänen der Armee recht begrenzt waren. Das Bild einer deutschen Armee, eingekeilt “zwischen zwei befestigten Stellungen, wie [der] Antwerpen-

Als die Deutschen Dänemark besetzen wollten!

http://www.freiewelt.net/als-die-deutschen-daenemark-besetzen-wollten-10055998/#comment-448064
 
Ein Beitrag zum Entscheidungsprozeß um Krieg und Frieden im Kaiserreich.

Durch den nahen und unmittelbaren Verkehr mit Tirpitz habe ich viel Neues gelernt und Einblicke gewonnen in Verhältnisse, die mir bisher unbekannt waren. Sehr erfreulich sind die nicht alle gewesen und der Einblick, den ich in die Art und den Wert unserer jetzigen Regierung gewonnen, war oft nicht erfreulich und hat manche Ideale bei mir zerstört. Es fehlt uns die feste Hand und ein klarer, mit der harten Wirklichkeit nüchtern rechnender Kopf an der Spitze. Dafür herrscht Zerfahrenheit, Personen- und Parteieninteresse.

Kapitän z[ur].S[ee].. Hopman (Reichsmarine-Amt), 31.12.1912

1

Die Krisenkonferenz vom 18. November 1904.

Am Freitag, dem 18.11.1904 abends, rief Kaiser Wilhelm II. den Reichskanzler Bernhard von Bülow, den Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen und den Chef des Admiralstabes, Vize-Admiral Büchsel, zu sich. Anlass zu dieser Besprechung waren kritische Artikel in der Londoner Fachpresse zum deutsch-englischen Flottenantagonismus. Es ging um den vom Admiralstab entwickelten “Operationsplan II” für die Flotte, der bereits Gegenstand eines Schriftwechsels zwischen dem Admiral- und dem Generalstab der Armee gewesen war. Dabei spielte der Gedanke des Admiralstabes eine besondere Rolle, im Falle des Krieges mit Großbritannien die dänischen Belte für die Grand Fleet zu sperren und dazu aktive Verbände der Armee heranzuziehen. Bislang wurde offensichtlich für den Fall einer Ausweitung des Konfliktes mit England, auch auf Frankreich, von einem intensiveren Einsatz der Armee gegen Dänemark abgesehen. Gegenstand der Lagebesprechung bei Wilhelm II. war damit die von Seiten des Admiralstabes betriebene

“erweiterte Verwendung von Armeetruppen…an den Operationen der Marine”.

An Stelle des Admiralstabschefs, der sich bereits in Kiel befand, nahm auch der Leiter des Reichsmarine-Amts teil, Admiral von Tirpitz. Der Chef des Marinekabinetts, Senden-Bibram, und der Kriegsminister Karl von Einem, fehlten.

An diesem 18. November im Berliner Schloss, und am darauf folgenden Tage in Kiel, kam es zu dem Auftrag Wilhelms II. an Vize-Admiral Büchsel, “alle Vorbereitungen…zu treffen für die Besetzung dänischen Gebiets”. Diese Weisung des Obersten Kriegsherrn wurde zum Ausgangspunkt detaillierter interner Vorbereitungen des Admiralstabes, die sich von der Beobachtung der englischen Presse und Marine, über die Steigerung der deutschen Kriegsbereitschaft, bis auf die Vorbereitung des “Handels- und Kreuzerkrieges”, erstreckten. Erkennbar war bereits in diesem Stadium, der Admiralstab verfolge eine Doppelstrategie. Einerseits sollten möglichst frühzeitig vollendete Tatsachen geschaffen werden, indem Büchsel die “Vorbereitungen für die Ausführung des O[perations].P[lans].II bis zum 1.3.[19]05″ fertig zustellen suchte. Diese Taktik bestätigt eine Aufzeichnung vom 19. November in welcher der Admiralstabschef festhielt:

“Hiermit ist also die Entscheidung so gefallen wie wir es wünschen und es kommt nun darauf an, das Eisen zu schmieden solange es warm ist”.

Im selben Atemzuge entwarf Büchsel den Wortlaut einer Kabinettsorder des Kaisers, die alle weiteren Schritte in die Hand des Admiralstabes legen würde. Büchsel unterstrich:

Haben wir diese Ordre[,] so ist damit der Betrieb der Sache in unsere Hand gelegt”.

Andererseits sollte der Einfluss des Generalstabes in Grenzen gehalten werden. Grund für die Eile des Admiralstabes war die offensichtliche Zurückhaltung Schlieffens, sämtlichen Absichten gegenüber, bedeutendere Kräfte der Armee für eine Verteidigung von Sperren der Flotte in dänischen Gewässern einzusetzen. Dass die Armee keinesfalls gesonnen war, derartige Pläne zu unterstützen, bestätigte auch der Kriegsminister Einem am 23. November. Neben der Belastung des Armeeetats durch zusätzliche Kosten, ging es Einem vordringlich um die an sich nachgeordnete Prestigefrage, wer in diesem Falle Zugang zum Kaiser habe. Aus dem Selbstverständnis der Armee, und deren Vertretern, konnte dies in keinem Falle ausschließlich der Admiralstab sein.

 

2

Die Konferenzen vom 30. Oktober und 21. Dezember 1904.

Mit dem bekannt werden der “entente cordiale” zwischen Großbritannien und Frankreich wurde in Berlin die Frage diskutiert, wie diese Verbindung auseinandergebracht werden könne. Offensichtlich wurde nicht erwartet, dass England und Frankreich Deutschland angreifen würden. Dennoch ließ der Reichskanzler ermitteln, wie die Chancen bei einem Krieg Deutschlands mit Frankreich stünden. Schlieffen teilte am 19. April auf Befragen mit,

“daß Rußland zwar seine größeren Truppenverbände von seiner Westgrenze für den Krieg in Ostasien zurückgezogen habe, durch andere Umstände aber jedenfalls gegenwärtig sich in einer für einen westlichen Krieg [d.h.gegen Deutschland] höchst ungünstigen Lage befinde”.

Offensichtlich auf den Krieg mit Frankreich direkt angesprochen, bestätigte er

“wenn die Notwendigkeit eines Krieges mit Frankreich sich also für uns ergeben sollte, so wäre der gegenwärtige Augenblick wohl zweifellos hierzu günstig” (Hervorh.v.m., B.S.).

Geheimrat Holstein, der Gedankengeber des Auswärtigen Amtes, legte, angesichts des offensichtlich kriegswilligen Generalstabes, unvermittelt den Finger auf die Wunde:

“Bei einem etwa heute ausbrechenden deutsch-französischen Kriege würde also Rußlands Beteiligung unwahrscheinlich, Englands aber unberechenbarsein”(Hervorh.v.m., B.S.).

Vor dem Hintergrund des russisch-japanischen Krieges, entzündete sich damit in Berliner politischen und militärischen Führungszirkeln eine ausgedehnte Diskussion darüber, wie die momentane Chance, da Russland in der Mandschurei gefesselt schien, für einen europäischen Hegemonialkrieg, zunächst gegen Frankreich, zu nutzen sei. Anfang September fand im Berliner Schloss, ein Diner statt, in dessen Verlauf der Kaiser mit Tirpitz die weitere Finanzierung des Flottenbaus erörterte. Kaiser und Reichskanzler bestätigten bei dieser Gelegenheit die Erhöhung des Marineetats um nunmehr 23 Millionen Reichsmark. Just jenen Betrag, um welchen im Vorjahr gestritten worden war. Einen Augenblick später entzündete sich diese Diskussion jedoch erneut. Tirpitz suchte daraufhin umgehend die Unterstützung der Großherzöge von Oldenburg und Weimar. Der Staatssekretär, der wiederum darum bat, ihn “beim Gelde zu unterstützen”, wurde durch den Großherzog von Weimar beschieden,

“sein Land ginge ihm vor. Preußen und Reich seien eins. Preußen behandele [aber] die Staaten schlecht…“

Tirpitz bestritt,

„daß Preußen und Reich eins seien. Preußen [sei] für [die] Marine [ein] besonders schwieriger Bundesstaat. Es handele sich nicht um Neuforderungen, sondern um den [im Auftrage] des Kaisers beschlossenen Aufbau der Flotte; dazu habe [er]die Zustimmung S[einer].H[oheit]. des Großherzogs von Weimar auf der Wartburg persönlich eingeholt”.

Dass die Finanzfrage dennoch nicht in trockenen Tüchern war, beweist kurz darauf Tirpitz’ weitere Anfrage beim Großherzog von Mecklenburg. Auch hier wurde “um Unterstützung beim [Flotten-]Etat” geworben. An eben diesem 5. September – während der Parade des IX. Armeekorps in Altona – so notiert Tirpitz,

“sagt S[eine]. M[ajestät]. er habe mit [dem] Reichskanzler abgemacht, daß [der] Marineetat nicht gekürzt werden dürfe”.

Wie angespannt die internationale Lage noch war, bestätigt die Bemerkung des Staatssekretärs, er habe

“mit [dem] Reichskanzler später [ein] längeres Gespräch über [die] Kriegssituation [in Ostasien]”

geführt. Bereits zuvor in Berlin hatte Tirpitz darauf aufmerksam gemacht, der Verlust von “Wladiwostok und ganz Sibirien” sei für Russland in Ostasien Tatsache , was auch auf die deutsche Kolonie Tsingtau zurückwirken könne. In diesem Zusammenhang, trat das Problem eines englischen Präventivkrieges gegen Deutschland in den Gesichtskreis der politischen und militärischen Reichsleitung.

 

3

Der 31. Oktober 1904: Sicherheit gegenüber England.

Daraufhin fand am 31. Oktober eine Krisen-“Sitzung beim Reichskanzler” statt, an welcher der “Reichskanzler, Richthofen, v[on]. Holstein, [und der] Chef des Generalstabes” teilnahmen. Nach einer Randbemerkung, am Kopf des Dokuments, traten bei dieser Gelegenheit Befürworter und Gegner eines Bündnisses mit Russland auf:

“Holstein plädiert für [den] Versuch einer Allianz mit Rußland, Situation doch nicht mehr intakt. Darum Anschluß. Richthofen dagegen[.]Reichskanzler stimmte Holstein zu“(Hervorh.v.m., B.S.).

Am folgenden Tage machte Tirpitz sein Resümee dieser Sitzung zum Gegenstand eines Briefes an den Staatssekretär des Auswärtigen, Richthofen, der seine – Tirpitz’, Gedanken – dem Reichskanzler übermitteln sollte. Offenbar hatte diese Diskussion um die günstige Gelegenheit eines Präventivschlages gegen Frankreich, sowohl das Argument des Generalstabes für diesen Weg, nämlich die russische Schwächung zu Lande, als auch das gegen diesen Schritt sprechende Problem – eines dann wahrscheinlichen Seekrieges mit Großbritannien – ins Bewusstsein der Anwesenden gehoben.

Schlieffen hatte ausgesprochen, Deutschland werde “bis auf weiteres mit Landwehrformationen an der Ostgrenze” gegen Russland auskommen. Ein Gedanke, der sich in seiner Denkschrift vom Dezember 1905 wiederfinden sollte. Tirpitz wehrte dagegen das Argument für den Krieg gegen Frankreich weiter ab, indem er darauf verwies, nicht nur flottenpolitisch, sondern auch landstrategisch, werde ein Beitrag Russlands erstens sehr gering, und selbst wenn, dann zweitens äußerst zwiespältig in den Auswirkungen ausfallen. Vor allem aber erwartete er, ein Bündnis mit Russland werde England zum Präventivkrieg gegen Deutschland treiben, was niemand wünschte, schon gar nicht der Flottenprotagonist. Denn in der Diskussion des 30. Oktober mussten sämtliche beteiligten Politiker und Militärs zu der Erkenntnis gelangt sein, dass die Flotte nicht kriegsbereit sei, und damit politisch nutzlos.

Doch das Ziel war, durch eine “’Pression’ auf Frankreich”, welche jedoch “nur durch die Kriegsdrohung Deutschlands ausgeübt werden” könne, Frankreich von England abzusprengen, bzw. Frankreich dazu zu bringen, dass es England davon abhielte, gegen das Reich vorzugehen. Doch auch der Kriegsfall England-Deutschland wurde diskutiert. Hier behauptet Tirpitz ebenfalls den geringen Wert russischer Unterstützung für das Reich, da

“gerade der bestehende gegen uns gerüstete Zweibund zwischen Frankreich und Rußland die Freiheit unserer Entschlüsse Frankreich gegenüber”

behindere. Aber gerade darum ging es am 30. Oktober anläßlich der Diskussion um Krieg oder Nichtkrieg mit Frankreich. Schließlich offenbart Tirpitz seine grundsätzliche Opposition gegenüber Plänen zugunsten eines Krieg mit Frankreich. Dieser plädiert für einen “Kontinentalblock” gegen Großbritannien, der seinen Flottenplänen die notwendige ruhige Entwicklung gewährleisten würde. Der Admiral führt aus:

“Eine positive Wirkung für die Friedenschance hätte eigentlich nur die wirklich klare Defensivallianz Deutschlands, Frankreichs und Rußlands zusammen gegen England, und das ist doch durch das erwogene Konzept z.Z. nicht zu erreichen”.

Er betont:

“Im ganzen ist ja Zeitgewinn und Flottenbau unsere wichtigste politische Aufgabe” (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Frage eines Krieges mit England stand nach der Krisenkonferenz vom 30. Oktober weiterhin im Raum. So beantwortete fünfzehn Tage später Schlieffen einen Fragebogen des Reichskanzlers. Bülow wollte Antworten auf die Fragen:

“1) Wodurch könnte sich im Falle eines englischen Angriffs auf DeutschlandRußland uns militärisch nützlich machen?
2) Wie viele Truppen könnte bei gutem Willen Rußland auch im gegenwärtigen Moment und trotz des japanischen Krieges gegen Indien in Bewegung setzen?
3) Wie lange Zeit würde Rußland brauchen, um Truppen gegen Indien in Bewegung zu setzen?
4) Welche Verpflichtungen wären für den Fall eines deutsch-russischen Defensiv-Abkommens Rußland in dieser Beziehung aufzuerlegen, damit England gezwungen würde, seine Kräfte zu verteilen und einen evtl. Vorstoß nicht allein gegen uns richtete?

5) Würden wir uns bei einem englischen Angriff gegen uns Engländern irgendwo unangenehm machen können, z.B. in Südafrika?“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Bülow war bemüht, den erwarteten Stoß Englands gegen Deutschland, so gut es gehe, zu parieren. Dazu sollten Operationen der russischen Armee gegen Indien, die Türkei oder Tibet dienen. Das deutsch-russische Bündnis sollte dazu die Basis bilden. Doch Schlieffen widerriet dem Kanzler. Realistisch seien derart zeitraubende Operationen nicht. Und darüber hinaus entwarf der Generalstabschef ein dunkles Bild der militärischen Möglichkeiten des Reichs in einem Krieg mit England:

“Deutschland kann gegen England einen Krieg in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes nicht führen. Unsere Flotte ist zu schwach, um sich mit der englischen einlassen zu können. Sie wird sich dem Angriff der überlegenen Gegnerin zu entziehen suchen. Unsere Armee vermag nicht nach England hinüberzugehen, die englische wird höchstens als Hilfsmacht eines anderen Feindes Deutschlands auf das Festland herüberkommen. Zunächst stehen die beiden Flotten wie die beiden Armeen sich gegenüber, ohne sich angreifen zu können” (Hervorh.v.m., B.S.).

Schlieffen konzedierte, es sei möglich, die englischen Armee durch einen russischen Angriff auf Indien abzulenken. Doch würden zunächst die deutschen Kolonien weggenommen und sodann die deutschen, niederländischen und belgischen Häfen blockiert werden. Der deutsche Überseehandel, und damit die deutsche Industrie, würden “vernichtet” und jeglicher Warenzustrom nach Deutschland abgewürgt. Der Generalstabschef erwartete ferner gewaltige Einbussen auf deutscher wie englischer Seite. Die neutralen Mächte würden den Nutzen davontragen. Ein Angriff Russlands auf Indien schien ihm allerdings geeignet, England daran zu hindern, zum Mittel des Handelskrieges zu greifen. Schlieffen schloss:

“Da England nicht angegriffen werden kann, so bleibt nur übrig, einen seiner Verbündeten anzugreifen“(Hervorh.v.m., B.S.)

Am 29.11.1904 bat Holstein den Generalstabschef, für den 30. November um 17.00 Uhr, zu sich6. Gewappnet mit der Information Schlieffens, vertrat Bülow seinerseits gegenüber Holstein die Position, ein Bündnis mit Russland – wenn es nun gewollt werde – sei grundsätzlich zu erreichen, wenngleich klar sei, dies würde nur ein Bündnis auf Zeit sein und von Frankreich stets beargwöhnt7. Holstein antwortete, es sei entscheidend zu klären, ob

“im Falle eines englischen Angriffs auf uns Frankreich mit in den Krieg hineingezogen werden” (Hervorh.v.m., B.S.)

solle. Ebenfalls erörterte er die Frage des Einmarsches in Dänemark – wie jene der propagandistischen Vorbereitung des Volkes auf einen Krieg mit England. Den Diskussionsstand zwischen Politik und Militär, innerhalb der Führungsspitze des Reiches, fasst Holstein zusammen. Er attackiert Bülow mit Hilfe der von Schlieffen geäusserten Argumente:

“Dagegen spricht, daß nach der Ansicht des Generalstabs Frankreich ein sehr ernsthafter Gegner ist, ernster als 1870, daß ein Vorgehen gegen Frankreich uns Rußland auf den Hals laden könnte, wenn wir mit diesem nicht vorher irgend etwas erreicht haben; daß vielleicht selbst Italien mit England plus Frankreich gehen würde. Dafür, daß wir, wenn der Krieg auf uns und England isoliertbleibt, England gegenüber so gut wie ohnmächtig sind, das uns durch Wegnahme unserer Kolonien und Schiffe, Vernichtung unserer Marine und unseres Handels und Lahmlegen unserer Industrie in absehbarer Zeit zu einem nachteiligen Frieden zwingen kann, während wir, wenn Frankreich mit im Spiel ist und namentlich wenn wir auch Belgien und Holland mit hineinziehen, zwar das Risiko steigern, aber wenigstens die Möglichkeit erwerben, Waffenerfolge zu haben, Pfänder in die Hand zu bekommen und unsererseits einen Druck auszuüben” (Hervorh.v.m.,B.S.).

Damit umreißt Holstein die besondere Funktion des deutschen Aufmarschplanes gegen Frankreich im deutschen politischen Kalkül, der über den Durchmarsch durch Belgien, eben diese politischen Komponenten berücksichtigt. Auch zu Dänemark legt er die Pole der vorher geführten Diskussion um den “Büchsel-Plan” offen. Holstein fragt:

“Ist es angezeigt, unsere öffentliche Meinung und das deutsche Volk allmählich darauf vorzubereiten, daß von England her eine schwarze Wolke droht, damit uns nicht später Mangel an Voraussicht und Leichtsinn vorgeworfen wird”?

Am folgenden Tag erklärt Bülow daraufhin dem deutschen Botschafter in London:

“Unsere Absichten gegenüber England sind absolut friedliche”.

Es geht dem Reichskanzler um die Frage, ob trotz vorsichtiger deutscher Flottenrüstung “Gefahr vorhanden” sei, dass Deutschland “in absehbarer Zeit” von England angegriffen werde. Immer wieder wird erwogen, ob “die Gefahr eines englischen Angriffs…durch den Abschluss irgendwelcher Abmachung zwischen Deutschland und Russland erhöht oder verringert” werde. Auch wird ein englischer Angriff auf Russland für möglich gehalten. Abgewogen wird, ob ein deutsch-russisches Defensivbündnis oder ein Neutralitätsabkommen weniger gefährlich sein würde. Bülow fragt expressis verbis:

“Welche Art von Abkommen würde uns mehr Sicherheit gegenüber Englandgewähren?” (Hervorh.v.m., B.S.).

Und schließlich gelangt er zum Kern der Frage:

“Ist Gefahr vorhanden, daß England, wenn es von Allianzverhandlungen zwischen uns und Rußland hört, uns plötzlich überfällt?”(Hervorh.v.m., B.S.)

Metternichs Antwort aus London bezeichnet am 18. Dezember, die “politische Atmosphäre [als] vergiftet”. Doch, so der Botschafter, “weder das englische Volk noch die leitenden Kreise” würden “einen Angriffskrieg gegen Deutschland wünschen oder beabsichtigen”. Auch glaubt er nicht, der Flottenbau werde eo ipso den Krieg mit Großbritannien provozieren. Metternich nimmt eher an, “planmäßige Agitation”, im Vorfeld der parlamentarischen Diskussion, werde “eine ernste Kriegsgefahr mit England bedeuten”. Selbst ein Defensivbündnis mit Russland werde diese Gefahr vermehren. Das Zarenreich sei zu Wasser und zu Land geschlagen, könne also Deutschland kaum nützlich sein. Erst recht, seitdem seine Ostseeflotte über alle Meere verstreut sei. Andererseits, eine “englisch-französisch-russische Abmachung zu verhindern”, sei –  so Metternich – im Ergebnis kaum möglich, da Frankreich stets die Verbindung mit England suchen werde.

 

4

Die Krisenkonferenz am 21. Dezember 1904.

Am 21. Dezember trafen Bülow, Richthofen, Metternich, Schlieffen, Büchsel und Tirpitz erneut zusammen, um wiederum die von England ausgehende Gefahr zu erörtern. Offenbar lief die Diskussion – um Metternichs Warnung vor einer umfassenden Flottennovelle – ausschließlich zwischen Tirpitz, dem Botschafter und Bülow. Dabei verwahrte sich der Staatssekretär gegen die Behauptung, in der “Begründung des II. Flottengesetzes” sei ausdrücklich davon die Rede, Deutschland wolle “England der Suprematie auf der See berauben”. Mittelbar griff Wilhelm II. in die Diskussion ein, indem Bülow dessen Warnung kolportierte, eine Küstenverteidigung vor Kiel und Hamburg sei praktisch nicht vorhanden. Tirpitz unterstrich noch einmal den Kern seines Flottenbauplanes, indem er darauf verwies,

“daß diese Verteidigungsforderungen nebenher liefen, Bagatelle seien, daß es auf Schiffsforderungen allein ankomme”.

Bülow gelangte, nach einer Unterredung mit dem englischen Botschafter Lascelles, zu dem Schluss, es komme “England gegenüber alles darauf an, dass wir mit Geduld und Spucke über die nächsten Jahre wegkommen, keine Zwischenfälle hervorrufen, [und] keinen sichtbaren Grund zu Argwohn geben”. Was hieß: den beschlossenen Weg weiter beschreiten, bis die englische Suprematie zur See unterlaufen ist, und das mit allen Konsequenzen (Hervorh.v.m., B.S.).

 

5

Vorarbeiten der Flotte: mit Russland gegen England.

Im Reichsmarine Amt wurde dazu Ende November eine Studie “über einen englisch-deutschen Krieg” angefertigt. Ausgangspunkt waren die “zwickmühlenartige kontinentale Lage” Deutschlands einerseits und “das Bedürfnis nach überseeischer Weiterentwicklung” andererseits. Eine Entlastung der deutschen “Ostgrenze” wurde erwartet und die Verschlechterung der politischen Stellung des Reiches in Asien, gegenüber England-Japan-Amerika, konstatiert. Frankreich habe “den maritimen Wettkampf mit England aufgegeben” und habe zugleich

“mit dieser Schwenkung seinen Offensivgedanken gegen Deutschland endgültig aufgegeben. Nur an der Seite Englands wird es zum Gegner Deutschlands, dann aber mehr defensiv als offensiv. Das russisch-französische Bündnis ist gegen den Dreibund geschlossen oder wenigstens unter politischen Voraussetzungen, die den Kontinentalkrieg zur Basis hatten. Steht in einemenglisch-deutschen Konflikt Russland auf Seite Deutschlands, so wird Frankreich durch sein Bündnis mit Russland nicht zur Parteinahme gegen England verpflichtet.Als Gegner Russlands gibt es indessen seine hier investierten Kapitalien (9 Milliarden Fr[ancs]) verloren” (Hervorh..Tirpitz, B.S.).

Zusammenfassend wird festgestellt, Frankreich und Deutschland hätten ihre Wahl unter den “drei selbständigen Weltmächten England, Amerika und Russland getroffen”,

“Frankreich hat unter Aufgabe seiner kontinentalen Aspirationen die Seemacht England gewählt, Deutschland die Landmacht Russland”.

Das Ergebnis eines englisch-deutschen Krieges werde der wirtschaftliche Ruin des Reichs sein; selbst mit russischer Unterstützung. Die durch eine englische Blockade der Zufuhr des Reichs ausfallenden Mengen, welche “in Friedenszeiten 50 bis 60 Prozent an Lebensmitteln” betrage, könne Russland nicht ausgleichen. Selbst die Besetzung Hollands und Dänemarks werde “nur zu einer geringen Küstenerweiterung und damit Erleichterung” führen. Die Blockade, als für Deutschland gefährliche Waffe, wird gesehen und eingestanden, “ein gleichzeitig geführter Landkrieg auf französischem Boden…[werde] diese Verhältnisse” nicht “günstiger gestalten” können. Als Ausweg erscheint ein Angriff Russlands auf Indien. Doch dieser Weg wird ins “Reich der Utopie” verwiesen. Ein gleichzeitiger Krieg Deutschlands mit Frankreich werde dessen Kräfte binden. Im Jahre 1904 sei Russland nicht fähig, eine derartige Operation zu unternehmen. Obwohl Amerika unter dem Handelskrieg Englands mit Deutschland leiden würde, werde das Inselreich

“alle politischen Rücksichten gegen andere Staaten der einen unterordnen: der wirtschaftlichen Vernichtung seines Gegners”.

Gefragt wird: “Wie kann ein deutsch-englischer Krieg verhindert werden?” “Ein Schutzbündnis mit den Vereinigten Staaten” erscheint als “Präventivmaßregel”, da “England in Bezug auf seine Lebensmittelzufuhr ganz von Amerika abhängig” sei. Um die Unterstützung der USA zu erkaufen, werden

“Koncessionen…b[e]z[ü]gl[ich]. Südamerikas,…im Stillen Ocean (Karolinen, Samoa, Neu Guinea) und schliesslich…in Ostasien”

vorgeschlagen. Der sich anschließende Vergleich zwischen der Lage Deutschlands und jener der “junge[n] amerikanische[n] Kolonie 1778 England gegenüber” bezeichnet plastisch den Ernst der Situation Ende 1904. “Jeder Zeitverlust” werde den “Kaufpreis höher stelle[n]” und die Gefahr vergrößern. Die verlässliche amerikanische Zusage werde ausreichen,

„um den gegenwärtigen Druck solange auszuhalten, dass die politische Hetze in England an Boden verliert, während wir in dieser Zeit die Freiheit maritimer Weiterentwicklung, die wir jetzt nicht haben, wieder erlangen und nutzen können“ (Hervorh.v.m., B.S.).

 

6

Admirale Pendemann und Heeringen: Das Hauptübel die unfertige Flotte.

Das Memorandum zur Flottenvorlage des Jahres 1900 hatte eine offene Sprache geführt – zu Zielen und Methoden des deutschen Flottenbaus:

“Um des Reiches Seehandel und seine Kolonien zu beschützen – im Hinblick auf die gegenwärtigen Umstände kann nur eine Methode nützen – muß Deutschland eine Kriegsflotte haben, so stark, daß der Gegner, der im Besitz der größten Seemacht steht, sie nur mit ernster Gefahr für sich selbst angreifen kann.
Für unsere Zwecke ist es nicht unerläßlich notwendig, daß die deutsche Kriegsflotte so stark sei, wie die der größten Seemacht: denn in der Regel wird eine große Seemacht nicht imstande sein, ihre ganzen Streitkräfte auf uns zu richten. Aber sogar wenn es ihr gelingen sollte, uns mit beträchtlicher Überlegenheit der Kräfte entgegenzutreten, so würde die Vernichtung einer großen deutschen Flotte den Feind so stark schwächen, daß, trotz des errungenen Sieges, seine eigene Weltstellung nicht länger mehr von einer gleichwertigen Flotte gesichert werden würde“.

Admiral von der Goltz bestätigte im Reichstag noch einmal dieses deutsche Kalkül:

“Die vorläufig noch beherrschende maritime Überlegenheit Großbritanniens wird auch in Zukunft beträchtlich bleiben, aber sie ist gezwungen, ihre Kräfte über die ganze Welt zu zerstreuen. Zweifellos würde bei einem Kriege in heimischen Gewässern der größere Teil der auswärtigen Geschwader zurückgerufen werden; doch würde dies Zeit kosten und überdies dürften nicht alle Überseestationen entblößt werden. Die deutsche Flotte, viel kleiner zwar,könnte in den europäischen Gewässern konzentriert bleiben. Mit den jetzt vorbereiteten Erhöhungen wäre sie in der Lage, ihre Kraft mit den gewöhnlichen britischen Flottenkräften in heimischen Gewässern zu messen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Anfang Dezember 1904 macht sich Admiral Pendemann (Flottenkommando Wilhelmshaven) “Gedanken über die augenblickliche kritische Lage”. Auch er sieht den Kriegszweck Großbritanniens in der Vernichtung von deutschem “Handel und Industrie”. Doch um das Reich “ganz niederzuwerfen”, habe “dies so viel Lebenskraft, um sich sehr bald wieder zu erholen”. Das wisse England. Momentan sei die “politische Lage…die denkbar günstigste”.

“Deutschland ist allein England maritim noch nicht entfernt gewachsen”.

Pendemann unterstreicht, da “an eine strategische Offensive gegen die englische Flotte” nicht zu denken sei, “müsse die Defensive stark entwickelt sein”. Ein Krieg mit England würde “alles bisher zur See erreichte mit Wahrscheinlichkeit wieder vernichten”. Die zwei Wege, die blieben, seien einmal der Vorstoß in die Nordsee, der die strategische Defensive – “einen augenblicklichen taktischen Erfolg” vorausgesetzt – nur aufschieben würde, und der Verzicht auf jegliche Aktion, womit die Flotte “als kriegsbrauchbares Instrument” ausscheide. Damit sei “die Kriegsflotte lahm gelegt und blockiert”. Der Admiral merkt an, er

“wüsste nicht, was die Engländer dann veranlassen sollte, in die Ostsee hineinzulaufen und unsere Flotte anzugreifen, wenn wir uns dort freiwillig blockieren lassen. Sie sind auch nicht der französischen Flotte in ihre Häfen gefolgt/es genügte ihnen, sie dort lahm zu legen”.

Damit bezieht Pendemann eindeutig Stellung gegen die Planungen des Admiralstabschefs Büchsel, und dessen Operationsplan II.

Mitte Dezember, die Krise bestand unverändert fort, erörtert ein weiterer Marinevertreter das Ergebnis der Beratungen der Rüstungskommission. Obwohl eine “unmittelbare Kriegsgefahr” nicht bestanden habe, sei “den für die Politik des Reiches verantwortlichen Stellen” diese Möglichkeit besonders scharf vor Augen getreten”, so wird von Heeringen behauptet. Er führt aus, Voraussetzung des Flottenbaus sei “bisher” gewesen, “den Frieden” bis zur Fertigstellung der Schlachtflotte “erhalten zu können”. Im Angesicht der Problemlage zu Ende des Jahres 1904, unterstreicht Heeringen diese zugrunde liegende Prämisse. Er führt aus:

“…das Verhalten der Grossmächte hatte seit Jahrzehnten eine so deutliche Abneigung gegen Übernahme der wirtschaftlichen Schädigungen eines grossen Krieges gezeigt, dass die Hoffnung berechtigt war, wir könnten bei genügender Vorsicht und vorläufiger Einschränkung unserer weltpolitischen Ansprüche den Krieg allein durch diplomatische Geschicklichkeit vermeiden” (Hervorh.v.m., B.S.).

Tatsächlich sei jedoch der Kriegsgedanke durch die Vorgänge in Ostasien wieder populärer geworden. So zum Beispiel plädiere eine Fraktion in England dafür, “zu seiner eigenen Sicherheit” Deutschland “zu schlagen, ehe wir unsere Flotte fertig haben”. Er setzt sich, angesichts auch der japanischen Kriegsbereitschaft, für ein “völlige[s]n Bereitsein[s] zum Kriege…vor allen übrigen Rücksichten” ein. Es sei damit für “die verantwortlichen militärischen Stellen” unabdingbar, “die Streitmittel des Reiches in der höchsten, ohne direkte Mobilmachung erreichbaren, Kriegsbereitschaft zu halten”. Der bleibende “Ernst der Lage England gegenüber” wird unterstrichen und die Verantwortung der militärischen Entscheidungsträger vor der Geschichte betont. Vorausgesetzt wird ein britischer Überfall auf die deutschen Seestreitkräfte, analog zu der Kriegseröffnung Japans gegen Russland 1904. Daraus ergebe sich, dass eine rechtzeitige Warnung durch die Diplomaten kaum zu erwarten sei. Es gelte einen zentralen Schwachpunkt auszuräumen, nämlich die Tatsache,

“dass wir während 21/2 Monat[en] im Jahr unsere sämtlichen Linienschiffe oder auch nur die Hälfte kriegsbereit liegen haben”.

Damit würde, so der Vorsitzende der Rüstungs-Kommission, der Gegner “genau auf den Zeitpunkt” hingewiesen, “zu dem er angreifen” müsse. Die deutsche Flotte sei “durch Wehrpflicht und ungesunden Wechsel weder im Oktober und November noch im März bereit”. Das sei

“ein weiterer Grund mehr für England den Krieg im Winterhalbjahr anzufangen”.

Auch strategisch sei die deutsche Flotte durch das Winterlager in Wilhelmshaven äußerst behindert, die “Zentralstellung Elbe-Kiel” einzunehmen. Heeringen gipfelte in der Feststellung,

“wir dürfen nicht pro Jahr über 200 Millionen für die Marine aufwenden und haben in dieser drohenden Zeit nur während 6 – 7 Monaten eine kriegsbereite Flotte” (Hervorh.v.m., B.S.).

Ein Wandel des Bewusstseins war offenbar eingetreten. Denn nun, so Heeringen, gelte es nicht mehr nach der “ferneren Zukunft” zu fragen, sondern nach dem “Jetzt”. Er votiert dementsprechend gegen Detachierungen ins Ausland, plädiert dafür, die Geldmittel zu konzentrieren – und dies für die möglichst unauffällige “Hebung der Kriegsbereitschaft”. Ihm scheint verbürgt, dass selbst bei den “grössten Verlusten”, in dem dann durchzukämpfenden Krieg, “das deutsche Volk” dennoch “willig sein” werde, erneut Geld für den Flottenbau aufzuwenden. Die Haltung, von vornherein einen Erfolg auszuschließen, würde zudem dazu führen, “bei Ausbruch des Krieges nicht das Letzte für den Erfolg” aufzuwenden. Immerhin könne die deutsche Flotte im “Frühsommer 1906 auf zwanzig Linienschiffe” angewachsen sein. “Das letzte Wort” sei somit “noch lange nicht…gesprochen”.

Tirpitz merkte an, er verstände “diese Vorschläge nicht ganz, da sie zu abstrakt gehalten” seien. Er wehrte sich zudem dagegen, in den Jahren seit 1898 nicht genug erreicht zu haben. Allerdings registrierte er, was viele dachten und auch schon sagten, die Flotte sei eben nicht fertig, und das sei der Fehler. Allerdings der Weg, besser an Hand “konkreter Vorschläge” zu diskutieren, erscheint eher als Ablenkungsversuch gegen aufkeimende Kritik, denn als ernst zu nehmender Hinweis. Mitte Januar 1905 berichtet der deutsche Botschafter in London, die englischen Blätter würden einen “englischen Angriff…als ungeheuerlich zurückweisen”. Gleichzeitig sei in “Daily Mail “, „Daily Telegraph“ und „Daily Graphic” eine Wandlung zugunsten Deutschlands zu erkennen. Nach Metternichs ausführlichem Bericht, scheint die deutsche Befürchtung, ein englischer Überfall stehe unmittelbar bevor, als bloße Chimäre.

Dass Ende Januar die Entscheidung über Krieg und Frieden noch in der Diskussion war, bestätigt Tirpitz´ Äußerung gegenüber dem deutschen Militärbevollmächtigten in Petersburg, Hintze. Der Leiter des Reichsmarine Amts schränkte Direktiven, die konkrete Maßnahmen für einen Krieg mit Frankreich und England enthalten hatten, auf “Anweisung” des Reichskanzlers ein. Der Ende 1904 in der deutschen Führungsspitze diskutierte Krieg mit Frankreich und England war zu diesem Zeitpunkt vertagt. Tirpitz erläutert bei dieser Gelegenheit die Verfahrensweisen der Abstimmung zwischen Politik und Militär in Berlin, die demnach durchaus im Clausewitzschen Sinne geregelt war:

“Die Direktiven, welche ich Ihnen mündlich gegeben habe gemäß Anweisung des Herrn Reichskanzlers, beziehen sich nicht auf die Frage, ob Krieg oder Frieden. Sie rechneten nur mit der Tatsache, daß der Kriegszustand besteht und auch für Waffenerfolge unseren Interessen am meisten entsprechen. Die Frage Krieg oder Frieden ist jedenfalls rein politischer Art und außerhalb meiner Kompetenz” (Hervorh.v.m., B.S.).

Wenige Tage darauf leitet das Auswärtige Amt Tirpitz “einen ganz vertraulichen Privatbrief des Botschafters Grafen Metternich” zu, den dieser an Bülow gerichtet hatte. Darin äußerte sich Metternich zur “Gestaltung der Beziehungen zwischen Deutschland und England während der letzten Monate”. Dort habe sich der Diplomat “nochmals nachdrücklich…über die Befürchtung” geäußert, dass England kriegerische Absichten gegen uns hege”. Dieses Schreiben heizte die Diskussion zwischen den Befürwortern des Flottenbaus und deren Kritikern innerhalb der deutschen Führungsspitze erneut an. Anfang Februar referiert Admiral von Müller, Tirpitz gegenüber, zustimmend über die These,

“daß diejenigen, auf die Zukunft des deutschen Volkes verzichteten, welche aus Angst vor England von jedem schnelleren Vorgehen in unserer Flottenentwicklung absehen wollen”.

Müller plädiert für die Beschleunigung der Ersatzbauten und gegen ein “drittes Doppelgeschwader”. Er fragt: aber wenn England daraufhin ernste “politische Konstellationen” veranlasse? Die Antwort, so Müller, müsse für Deutschland dann im Angesicht des Krieges heißen:

“dann der Weltkrieg, der unsere Heere nach Indien führt und nach Egypten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Rüstungspolitisch-strategisch sieht Müller die “Beschränkungen” des Nord-Ostsee-Kanals, und die Typenfrage, an erster Stelle rangieren. Er übt, wenn auch eingeschränkt, gegenüber Tirpitz Kritik an den großen Schlachtschifftypen:

“Ich ziehe die strategische Konzentrationsmöglichkeit durch den Kanal der taktischen Konzentration über den großen Typ vor, und erst wenn die innerpolitische Möglichkeit gegeben ist, den Kanal umzubauen, würde ich auf den großen Typ gehen. Bis dahin also müßte das möglichst große Linienschiff, das eben noch durch den Kanal gehen kann, gebaut werden”.

Daraufhin hält Tirpitz, in einer Notiz für die Budgetkommission des Reichstages, fest:

“Der Herr Reichskanzler hat für die Ausarbeitung eines Entwurfes für eine in Herbst d[ieses]. J[ahres]. einzubringende Novelle zum Flottengesetz den zuständigen Reichsressorts folgende vorläufige Direktiven gegeben:
1. Eine Vermehrung der etatsmässigen Zahl der Linienschiffe soll nicht stattfinden.
2. Die Zahl der jährlich auf Stapel zu legenden grossen Schiffe – seit 1897 pro Jahr 3 – nicht erhöht aber auch nicht vermindert werden.
3. Als Neuforderung sind von den seiner Zeit vom Reichstage abgelehnten Auslandsschiffen 6 grosse Kreuzer wieder einzubringen. An Stelle der damals geforderten 7 kleinen Kreuzer sind 7 Torpedoboots-Divisionen zu fordern.
4. Für die Linienschiffe und Panzerkreuzer soll nach Vorgang aller anderen Nationen vom Jahre 1906 ab ein grösserer Typ vorgesehen werden.
Die Durchführung des vorstehend skizzierten Programms würde nach den angestellten Berechnungen den Marineetat bis zum Jahre 1910 einschliesslich gegen den Etatsentwurf 1905 jährlich um durchschnittlich 15 Millionen Mark steigern. Von 1911 ab würde sich der Etat ungefähr auf der Höhe des Etats von 1910 halten. Verhandlungen zwischen den Verbündeten Regierungen über die im Herbst einzubringende Novelle haben noch nicht stattgefunden” (Hervorh.v.m., B.S.).

Tatsächlich hielt Tirpitz im Reichstag eine flammende Rede über die Grundsätze des deutschen Flottengesetzes, welches von der kriegsentscheidenden Seeschlacht ausgehe und die großen Schiffe bevorzuge, so lange die Kanone die schlachtdominierende Waffe sei.

Am 4. Februar rief Wilhelm II. den britischen Botschafter Lascelles zur Ordnung, nachdem der Kaiser von der – nach seiner Meinung –

“geradezu verblüffenden Rede des Civil Lord of Admirality mit der offenen Kriegsdrohung gegen uns”

erfahren hatte. Am 18. Februar überschritt die Krise deren Zenit. Vize-Admiral Büchsel teilte Tirpitz mit, der Kaiser habe “neuerdings befohlen, dass die Marine in der strategischen Defensive bei ihren Operationen in den Belten mit einer Unterstützung von Seiten der Armee nicht zu rechnen habe”. Nicht zuletzt der Reichskanzler habe diese Entscheidung Wilhelms II. bewirkt, indem er “vom politischen Standpunkte aus neuerdings wesentliche Bedenken dagegen zum Ausdruck gebracht hat, andererseits weil die Armee die für die Besetzung dänischen Gebiets erforderliche Truppenmacht nicht hergeben kann, ohne den Erfolg an anderer Stelle fraglich zu machen”. Und schon anlässlich der Enthüllung des Kaiser-Friedrich III.-Denkmals in Bremen bemühte sich der Kaiser darum, die an sich revolutionäre Grundidee deutscher Politik in gemäßigter Verpackung zu bieten:

“Das Weltreich, das Ich Mir geträumt habe, soll darin bestehen, daß vor allem das neuerschaffene Deutsche Reich von allen Seiten das absoluteste Vertrauen als das eines ruhigen, ehrlichen und friedlichen Nachbarn genießen soll und daß, wenn man dereinst vielleicht von einem deutschen Weltreich oder einer Hohenzollern-Weltherrschaft in der Geschichte reden sollte, sie nicht auf Politik gegründet sein soll durch das Schwert, sondern durch gegenseitiges Vertrauen der nach gleichen Zielen strebenden Nationen” (vgl. K.Lamprecht-Bethmann Hollweg in: Bernd F. Schulte: Das Deutsche Reich von 1914, Hamburg 2013).

Wenngleich Wilhelm II. damit kein Jota von dem bisherigen Weltmacht-Kurs zurückwich, so blieb dennoch Raum für verschiedenste Versuche, aus der Kalamität eines Zwanges zum Krieg mit Frankreich herauszukommen, bei gleichzeitig offener Flanke gegenüber Großbritannien. Holstein betonte diese Lösung, indem er für den Konferenzgedanken eintrat, und gleichzeitig – im Angesicht der englischen Rivalität – für den Ausgleich mit Frankreich plädierte. Er schrieb am 28. Juni an den deutschen Botschafter in Paris:

“In Wirklichkeit haben wir den entgegengesetzten Plan, nämlich die Gelegenheit zu benutzen, um bessere Beziehungen für die Zukunft mit Frankreich anzubahnen”.

Ein Weg, den Bülow übernahm. Er glaubte mit Hilfe Marokkos als Kompensation, Frankreich zum “Anschluß an die deutsch-russische Verständigung” zu bringen. Der Kanzler hielt in einer Notiz fest:

“1…Eine bessere Verwendung könnte Marokko für uns nicht finden…3. Es erscheint mir ratsamer, die Marokkofrage bis auf weiteres versumpfen zu lassen, als sie zu brüskieren”.

 

7

Admiralstab gegen Generalstab.

Es war nicht leicht, Schlieffen auch nur die Zusage der Fortsetzung kommissarischer Verhandlungen zwischen Vertretern der Stäbe von Armee und Marine abzuringen. Es bedurfte dazu eines persönlichen Gespräches zwischen Büchsel und Schlieffen. Wie gering das Interesse des Generalstabes an einer Diversion stärkerer Kräfte der Armee im Norden war, zeigten die Verhandlungen mit dem Vertreter des Generalstabes, Oberstleutnant Stein, der spitz fragte,

“ob es nun gegen England allein auf eine Beteiligung der Armee ankomme”.

Büchsel erklärte, es handele sich “um einen Angriff Englands auf uns [Deutschland] überhaupt”. Womit klar gemacht war, von Seiten der Flotte sei “die planmäßige Teilnahme” der Armee im Falle auch nur eines deutsch-englischen Krieges geplant. Stein betonte demgegenüber, “wie sehr unangenehm” dies für die Armee sei, “weil man ja garnicht voraussehen könne, was daraus werden würde”. Gemeint war damit, jeder Verlust an Kräften für den Landkrieg mit Frankreich, den der Generalstab grundsätzlich erwartete, sei unbedingt zu vermeiden. Büchsel berief sich postwendend auf den Reichskanzler, dieser sei

“der Ansicht…, dass die ganze Besetzung dänischen Gebiets nur möglich sei bei einer wohlwollenden Neutralität Rußlands”.

Der Hinweis auf das Votum des verantwortlichen Politikers ließ Stein schließlich einlenken und den Kräfteansatz der Armee auf eine Division, eine Landwehr-Brigade, zwei 12cm-Artillerie-Batterien und zwei Beleuchtungstrupps beziffern. Im Sinne der Beschleunigung weiterer Schritte, kündigte der Admiralstabschef an, “am 2.12. S[einer].M[ajestät]. dem Kaiser Vortrag über den Fortgang der Vorbereitung des O[perations). P[lans]. II halten” zu müssen.

Angesichts dieser Zielstrebigkeit des Admiralstabes ließ Schlieffen mitteilen, der Kriegsminister habe ihn ersucht, “in eine weitere Behandlung der zur Berathung stehenden Angelegenheit nicht einzutreten”. Büchsel antwortete, unter Hinweis auf den “Befehl S[einer].M[ajestät].d[es].Kaisers”, und hielt daran fest, er erwarte vom Generalstab nach wie vor eine Stellungsnahme dazu, “wie der Bedarf an Truppen d[er]. Armee sich” vergrößere. Die Dinge trieben der Entscheidung zu, als Büchsel am 2.12.1904 sich für den Vortrag bei Wilhelm II. vorbereitete. Am folgenden Tage war der Admiralstabschef beim Kaiser zum “Spaziergang befohlen”, was bedeutete, dass weder der Chef des Kaiserlichen Hauptquartiers, Generaloberst von Plessen, noch der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Senden Bibram, teilnehmen würden.

Büchsel führte in diesem Vortrag aus, die Verhandlungen mit dem Generalstabe hätten ergeben: für die “Besetzung Dänemarks, wie sie nötig” sei, reiche “zur direkten Verteidigung der Sperren im grossen und kleinen Belt” eine verstärkte aktive Division der Armee aus. Allerdings würden zwei Divisionen dann nötig, wenn Dänemark die “Besetzung seines Gebietes durch eine Kriegserklärung” beantworte. Das hieß: mindestens zwei Heeres-Divisionen würden in einem „Kriegsfall England“ im Norden gebunden werden. Der Generalstab vertrete allerdings die Position, so Büchsel, “dass selbst wenn der Krieg zunächst durch eine Ueberraschung Englands allein eingeleitet” werde, dann “doch das Hineinziehen Frankreichs folgen” müsse. Immer wieder habe Schlieffen betont, “in diesem Falle” würden “die besten Armeekorps bei den Operationen gegen Frankreich fehlen”. Dass der Generalstabschef sämtliche Operationen ablehne, die zu einem “Zurückhalten von zwei aktiven Armeekorps an der Küste im Kriege mit England” führen würden, kam ebenfalls deutlich zur Sprache. Damit war die im Operationsplan II der Flotte niedergelegte Grundidee in Frage gestellt, nämlich die Belte zu sperren, um so die englische Hochseeflotte im Kampf um die Beltsperren zahlenmässig abzunutzen und einen Schlachterfolg der quantitativ unterlegenen deutschen Seestreitkräfte in der Ostsee erst möglich zu machen. Hier sollte der Kaiser entscheiden, wer – der General- oder der Admiralstab – mit seinen Vorstellungen durchdringe. Büchsel enthielt sich ausdrücklich der Entscheidung über die Frage, ob der Vorteil, den Krieg in Dänemark und in der Ostsee gegen England führen zu können, den Nachteil überwöge, an der französischen Grenze mit um zwei Armeekorps geschwächten Kräften aufzumarschieren. Er unterstrich jedoch, in jedem Fall müsse die Armee sowieso die Verteidigung der deutschen Nordgrenze gegen die dänische, und möglicherweise die englische Armee sicherstellen. Wie auch immer sich Deutschland in einem kommenden Konflikt verhalte, Dänemark werde, ob mit deutschem Einmarsch, und damit Neutralitätsbruch, oder ohne, ob unterstützt durch England, oder von diesem besetzt, möglicherweise Deutschland, “in any case”, den Krieg erklären.

Im Einzelnen begründete der Admiralstabschef die so für die Kriegführung der Flotte eintretenden Nachteile. Er fasste zusammen, wenn nun die Armee nicht genügend auftrete, dann würde

“der Zweck , welchen Eure Majestät mit derselben verfolgen, dem Feinde Schiffsverluste beizubringen, welche so hoch sind, dass die hinter der Sperre stehende Schlachtflotte Aussicht hat, die angreifende Flotte vollends zu vernichten, in wesentlich geringerem Masse erreicht werden, ja die Verluste auf der eigenen Seite würden, da die Verteidigung der Sperren älteren Schiffen übertragen werden muss, wesentlich größer sein, als auf Seiten des Gegners, und ein Aufräumen der Sperre würde sich nicht verhindern lassen”(Hervorh.v.m., B.S.)

Angesichts dieser Ausführungen Büchsels sprach sich Wilhelm II. “dahin aus, daß die beiden Korps (IXtes[Altona] und Xtes[Hannover]) im Norden bleiben müßten, bis die Verhältnisse dort geklärt seien”. Der Monarch bezog unter dem Eindruck des Vortrages damit eindeutig Stellung gegen den Generalstab und folgte seiner traditionell marinefreundlichen Haltung. Der Kaiser erklärte,

“die Besetzung dänischen Gebietes müsse erfolgen, auch schon wegen Esbjergs [Landung eines Britischen Expeditionskorps], ganz abgesehen von der Sperreverteidigung. Er sei der Meinung, daß die Armee diese Truppen entbehren könne und müsse”.

Büchsel gab anschließend die Parole aus: “Wir arbeiten also zunächst weiter in der Annahme, daß die Truppen gestellt werden”.

Um den Generalstab doch noch zu gewinnen, und offenbar in der Überzeugung, dass die momentane Willensäußerung des Obersten Kriegsherrn nicht lange tragen werde, bot Büchsel an, auf der Basis der am 9. Dezember abends durch den Kaiser “mündlich ertheilten Anweisungen” gemeinsam vor dem Monarchen festzulegen, “welche Truppen der Armee in Folge der geplanten Verwendung auf nicht deutschem Gebiet” zur Verfügung stehen würden. Schlieffen antwortete nach zehn Tagen und teilte mit, er sei nunmehr “zur Feststellung der Art und Zahl der erforderlichen Truppen in eine genaue Prüfung… eingetreten”. Den Vortrag Büchsels vor Wilhelm II. beantwortete er nun mit der Ankündigung, seinerseits “durch einen Immediatbericht die Grundlagen für eine Entscheidung” geben zu wollen. Am folgenden Tage erbat der mit den Verhandlungen betraute Oberstleutnant Stein Berichte, welche die Korvettenkapitäne Souchon und Hopman im Jahre 1902 zu den in Frage stehenden dänischen Gebieten angefertigt hatten.

Ende Januar 1905 nahm der Admiralstab diesen Faden wieder auf und betonte, daß Schlieffen den angebotenen gemeinsamen Immediat-Vortrag beim Kaiser nicht in Betracht gezogen habe. Wie gereizt Büchsel zunächst reagieren wollte, zeigt der erste Entwurf seiner Antwort. Der Admiralstabschef revidierte jedoch das Konzept, welches den Vorwurf enthielt, Schlieffens Verhalten in der Sache sei der Grund für “die großen Lücken” in den Vorarbeiten zum Operationsplan der Flotte, “die mangels einer Allerhöchsten Entscheidung[,] gerade für den wahrscheinlichsten Kriegsfall vorhanden” seien. In der Ausfertigung des Schreibens bezog sich Büchsel dann nur noch darauf, der Generalstabschef möge ihm mitteilen, wann er seinen Bericht zum Immediatvortrag an den Kaiser senden werde.

(Fortsetzung folgt)

 

 

 

1854 – 1914 – 2014

 
Ein Blick auf europäische Geschichte zwischen West und Ost in mehreren Lieferungen. 1. Lieferung: Bethmann Hollwegs Wende zu „Bluff“-Politik und Krieg (1912 bis 1914).
 

Deutsch-Französischer Krieg:  England wird nicht zusehen.

Durch den Tod des gerade in London installierten deutschen Botschafters Baron von Marschall sah sich der Kanzler Ende September 1912 veranlasst, dem Kaiser den Fürsten Lichnowsky als Nachfolger nahe zu bringen. Der deutsche Kanzler, Theobald von Bethmann Hollweg, erläuterte:

 

“Auch nach meiner Alleruntertänigsten Meinung wäre Lichnowsky zum Botschafter an sich nicht ungeeignet”.

 

“Gegen die Fürstin als Botschafterin gerade in London” könne er allerdings “leider Bedenken nicht unterdrücken”.

 

Pünktlich, am 23. September, traf der russische Außenminister Sasonow in Balmoral ein. Nicht allein die persische Frage, sondern insbesondere die von Russland stark beeinflusste Entwicklung auf dem Balkan, bildeten den Gesprächsgegenstand. Russland beabsichtige seine Präsenz in Nordpersien weiter aufrecht zu erhalten, erläuterte Sasonow. Grey verhielt sich, wie üblich, zögernd-zurückhaltend, argumentierte mit dem schädlichen Eindruck, den dieser Umstand auf die mohammedanische Bevölkerung des Empire ausüben werde, und setzte so den russischen Aussenminister in Zugzwang, als dieser auf sein eigentliches Interesse – die Balkanentwicklung – zu sprechen kam. Bereits zu diesem Zeitpunkt gab der britische Aussenminister mit ungewöhnlicher Offenheit preis, Großbritannien werde sich genötigt sehen, Frankreich zur Hilfe zu kommen, wenn Deutschland versuchen würde, seinen westlichen Nachbarn zu zerschlagen. Nach Auskunft König Georgs V. hatte sich Gelegenheit “zu einigen langen und freundschaftlichen Gesprächen mit Sir Edward Grey” ergeben. Der britische König berichtete:

 

“Ich stimme von ganzem Herzen mit Dir überein, daß Monsieur Sasonow ein aufrechter, gerader und ehrenhafter Mann ist, und ich bin überzeugt, daß er in Sir Edward Grey einen ebensolchen fand. Nur zwischen zwei Staatsmännern mit so ähnlichen Naturen konnten alle zwischen unseren beiden Ländern bestehenden Mißverständnisse so offen erörtert und geklärt werden. Ich freue mich, sagen zu können, daß die Ergebnisse dieser Gespräche in höchstem Grade befriedigend waren” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

War es nötig, dass Sasonow seinem Kollegen Grey von dem Geheimvertrag Mitteilung machte, der im März 1912 zwischen Serbien, Bulgarien und Griechenland abgeschlossen wurde? Aber handelte es sich letztlich bei diesem Besuch des russischen Außenministers nicht eher um die Absicherung des russisch-österreichischen Konfliktes, im Gefolge des heraufziehenden Balkankrieges?

 

Bethmann Hollweg beschäftigte sich am 3. Oktober mit dem Wechsel im Amt des englischen Botschafters in Berlin und des deutschen in London. Goschen solle, so schrieb der Kanzler an Wilhelm II., durch einen einflussreicheren Vertreter ersetzt, und für den verstorbenen Baron Marschall Fürst Lichnowsky, trotz seiner exzentrischen Gattin, berufen werden. Den ganzen Vorbehalt des Kaisers zeigte dessen ausführliche Paraphe am Rande des Dokuments:

 

“Dann taugt er aber bei uns als Diplomat nichts und zeigt daß es London völlig egal ist wie es in Berlin vertreten ist. Eine Herabwürdigung für uns in unserer nationalen Ehre, und der Beweis dafür, daß die Verhandlungen ausschließlich in London geführt werden sollen. Darauf können wir uns nicht einlassen. Aendert England seinen Botschafter in Berlin nicht, so ist es klar, daß ihm nichts an einem besseren Verhältnis – politisch, diplomatischen u[nd] mit uns liegt. Und wir können es auch darauf ankommen lassen und weiterbauen!”

 

Dass Goschen, der englische Botschafter, alles tat, um mit dem Kanzler auf “good terms” zu kommen, zeigt, dass er mit Bethmann Hollweg sogar längere Zeit deutsch sprach.

Am 5. September sandte Colmar von der Goltz, der langjährige Ausbilder der türkischen Armee, über Wahnschaffe dem Reichskanzler die berühmt gewordene Rede des Lübecker Kaufmanns Possehl: „Wehrmacht und Erwerbsleben“ in welcher „die wirtschaftlichen Folgen einer Mobilmachung behandelt“ wurden. Bethmann Hollweg nahm unverzüglich die Frage auf: „Sind wir wirtschaftlich auf einen Krieg gerüstet?“ Goltz antwortete am 9. September und leitete das Dokument – mit Fragen versehen – am 17. an das Reichsamt des Innern weiter.

Am 30. September verfügte die Mobilmachungsanweisung des Warschauer Militärbezirks:

 

“Allerhöchst ist befohlen, dass die Verkündigung der Mobilisation zugleich auch die Verkündigung des Krieges gegen Deutschland ist.”
Während der Gespräche von Balmoral, so eine weitere Quelle, habe der russische Ministerpräsident Sasonow Gespräche mit der englischen Regierung geführt, in deren Verlauf er gefragt habe, ob Großbritannien “in einen Krieg eintreten” würde. Dem Russen sei geantwortet worden, das

 

hinge davon ab, wie es zum Kriege käme. Keine britische Regierung könnte ohne Deckung der öffentlichen Meinung in einen Krieg eintreten. Die öffentliche Meinung würde keinen Angriffskrieg mit dem Ziel einer Revanche oder der Einschließung Deutschlands unterstützen… . Wenn jedoch Deutschland durch seine große, ich möchte sagen beispiellose Stärke dazu verleitet wird, den Versuch zu machen, Frankreich zu vernichten, glaube ich nicht, daß wir abseits stehen und zusehen würden, sondern daß wir alles täten, Frankreich vor der Vernichtung zu bewahren” (Hervorh.v.m., B.S).

 

Kriegskurs: Die Krisenkonferenzen vom November-Dezember 1912.


So Grey zu Sazonow, bevor es zum Ausbruch der Balkankrise kam. Parallel – jedoch bereits, nachdem die Ergebnisse des Kriegs – nämlich der Verlust der türkischen Machtstellung auf dem Balkan, Realtität geworden waren – fixierte der englische König, am 5. Dezember 1912, gegenüber dem Bruder des deutschen Kaisers, am 2. Dezember, diese Position Großbritanniens erneut. Georg V. berichtete Grey:

“Prinz Heinrich von Preußen stattete mir hier vor drei Tagen einen kurzen Besuch ab. Im Laufe einer langen Unterredung über die gegenwärtige Lage fragte er mich ohne Umschweife, ob im Falle eines Krieges Deutschlands und Österreichs gegen Rußland und Frankreich England die beiden letztgenannten Mächte unterstützen würde. Ich antwortete, ‘unzweifelhaft ja, unter gewissen Umständen’. Er bekundete Überraschung und Bedauern, fragte aber nicht, welches die besonderen Umstände wären. Er sagte, er wolle dem Kaiser mitteilen, was ich ihm gesagt hätte. Natürlich muß Deutschland wissen, daß wir nicht erlauben können, daß irgendeiner unserer Freunde kampfunfähig gemachtwird” (Hervorh.v.m., B.S.).

Georg V. machte über sein Gespräch mit dem Prinzen Heinrich ebenfalls dem Grafen Mensdorff, dem Gesandten Österreich-Ungarns, Mitteilung. Der König sagte, der Prinz “sei von seiner Erklärung, daß wir Deutschland nicht gestatten würden, Frankreich oder Rußland zu zermalmen, entsetzt gewesen (Hervorh.v.m., B.S.). Er, der König, habe dann seinen deutschen Vetter gefragt:

“Glaubst Du, daß wir weniger Ehrgefühl haben als Ihr? Ihr habt Allianzen mit Unterschriften, wir Ententen ohne Unterschriften, wir können aber weder Frankreich noch Rußland niederwerfen lassen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Damit war der tatsächliche Grund für den Ausbruch des Kaisers vom 8. Dezember offengelegt.

Grey antwortete dem Britischen König am 9. Dezember. Er schrieb über die Hintergründe der Äußerung Haldanes gegenüber Lichnowsky:

“Sir Edward Grey hält es für gefährlich, wenn die deutsche Regierung in der Meinung gelassen würde, daß England unter gar keinen Umständen Frankreich und Rußland unterstützen würde, wenn Deutschland und Österreich diese Mächte bekriegten; er hält es für sehr glücklich, daß Eure Majestät in der Lage waren, Prinz Heinrich eine Antwort zu erteilen, die es unmöglich macht, daß er einen solchen falschen Eindruck nach Berlin mitnimmt” (Hervorh.v.m., B.S.).

Grey stellte im Folgenden klar heraus, welches das mögliche Szenario des kommenden Krieges sein könne. Keinesfalls bestand demnach in London Unklarheit über die Gefahren der Lage. Grey führte aus:

Euer Majestät Regierung ist im Falle eines Krieges in keiner Weise festgelegt und die öffentliche Meinung Englands ist, soweit Sir Edward Grey dies beurteilen kann, gegen einen sich aus einem Streit um Serbien ergebenden Krieg eingestellt. Wenn jedoch Österreich Serbien angriffe und Deutschland daraufhin gegen Rußland zu Felde zöge, wenn dieses Serbien zu Hilfe käme, und wenn auf diese Weise Frankreich in den Krieg verwickelt würde, dann könnte sich für England die Notwendigkeit ergeben, für die Verteidigung seiner Stellung in Europa und für den Schutz seiner eigenen Zukunft und Sicherheit zu kämpfen (so wie der deutsche Kanzler erklärt hat, daß Deutschland kämpfen würde).”

Inzwischen hatte Prinz Heinrich dem Kaiser über das Gespräch mit Georg V. in York Cottage berichtet, England werde “vielleicht neutral bleiben, keinesfalls auf Deutschlands Seite treten und wahrscheinlich sein Gewicht in die leichtere Waagschale werfen” (Hervorh.v.m., B.S.). Wilhelm II. bemerkte dazu:

“Bereits erledigt, es geht mit Frankreich”.

Diese Erkenntnis bildete den Ausgangspunkt für die Einberufung des sogenannten “Kriegsrates” vom Sonntag, dem 8. Dezember 1912, durch den Kaiser. Prinz Heinrich berichtete Georg V. über die Reaktion seines Bruders:

“Ich berichtete ihm, ich hätte die Überzeugung gewonnen, daß, falls Deutschland in einen Krieg mit Rußland und in der Folge auch mit Frankreich verwickelt werden sollte, England vielleicht neutral bliebe, doch sei zu befürchten, es werde sich unter Umständen auf die Seite unserer Feinde schlagen. In seiner Antwort schrieb Wilhelm, meine Eindrücke seien leider richtig, denn auch Haldane habe in seiner Unterhaltung mit dem deutschen Botschafter, die am 6. Dezember, dem gleichen Tage, an dem ich liebenswürdigerweise von Dir in Sandringham empfangen wurde, stattfand, unumwunden und offiziell im Namen von Sir Edward Grey genau das gleiche erklärt. Wilhelm fügte hinzu, er müsse, wenn es auch einen ziemlichen Schock verursacht habe, daraus die Konsequenzen ziehen.
Wir alle sind der Ansicht, daß England mit dieser Haltung seinen alten Grundsatz verfolgt, keiner Nation zu gestatten, auf dem Kontinent die Vorherrschaftan sich zu reißen. Ich hoffe, Du bist Dir dessen bewußt, daß die Verantwortung, die England damit für den Frieden der Welt übernimmt, sehr groß ist. …
Denke nicht, Georgie, daß wir uns fürchten, aber wir wünschen niemandem Schlechtes! Bitte erwäge die Lage noch einmal, bevor es zu spät ist! Wenn England und Deutschland einig wären, wer auf dieser Welt würde sich noch etwas herauszunehmen wagen? Haldanes Erklärung vom 6. läßt leider keinen Zweifel und Du wirst Dich nicht wundern, wenn wir inZukunft alles tun, was wir können, um uns gegen jeden Schlag vorzubereiten, der gegen uns geführt werden könnte, um unsere Existenz zu ruinieren”.

 

Diese Linie dynastischer Politik ergänzte gekonnt, und gar nicht unintelligent, wie dies der Unterstaatssekretär im britischen Foreign Office, Nicolson, sieht, das diplomatisch-politische Bemühen Bethmann Hollwegs um eine Annäherung zwischen England und Deutschland. Welches das taktisch-strategische Ziel solcher Anstrengungen war, ließ dieser Brief des Prinzen Heinrich in einer Mischung aus Lockung, Schmeichelei und Drohung ahnen.

Der Münchener Historiker Karl Alexander von Müller hat 1938 die Dichotomie des Greyschen Urteils folgendermaßen zusammengefasst:

“War sein letztes Ziel der Frieden Europas oder war es die Niederhaltung Deutschlands um jeden Preis, oder bewegte er sich unentschieden zwischen beiden hin und her?”

Jedenfalls bescheinigte Grey in seinen Memoiren den Deutschen, “in diesem Augenblick jedoch keinen Krieg” gewünscht zu haben, “obgleich sie nicht die sichere Straße zum Frieden” hätten gehen wollen (Hervorh.v.m.,B.S.). Jetzt erst, nach der Kriegserklärung Österreichs an Serbien, am 28. Juli, forderte Deutschland Mäßigung. Doch es war, nach des Historikers Trevelyans Meinung, zu spät. Rußland glaubte nun, um Serbien zu retten, mobil machen zu müssen. Da die russische Bereitstellung weit langsamer, als jene der Mittelmächte sei. Petersburg machte am 30. August mobil. Der deutsche Generalstabschef, Generaloberst Helmut von Moltke, noch bevor er darüber genaue Nachricht in Händen hatte, übte Druck auf Österreich aus, sofort mobil zu machen. Deutschland werde sofort folgen (Hervorh.v.m., B.S.). Grey deutete in einem Schreiben an den amerikanischen Außenminister Spring Rice an, wo das “Movens” dieser Krise angesiedelt sei, nämlich in Berlin:

“Erst fünf Tage später waren Rußland und Österreich im Kriegszustand, und hätte man sie allein gelassen, hätte es keinen Krieg gegeben”.

Und 1915 schärfte sich der Blick des englischen Außenministers weiter:

“Je öfter ich daran denke, desto schrecklicher scheint mir, daß Deutschland sich weigerte, einer Konferenz im Juli des letzten Jahres zuzustimmen.” (Hervorh.v.m., B.S.)

Diese Sicht behielt Grey auch nach seiner Amtszeit bei. Den inneren Zusammenhang der Vorgänge konnte er nicht durchschauen, solange er die unbedingten Friedensziele der Deutschen axiomatisch setzte. Der Leiter des Britischen Foreign Office fasste die Ereignisse treffend zusammen. Die Frage nach den Motiven der deutschen Seite blieb:

“Ich dachte, die Deutschen seien aus dem Grunde gegen eine Konferenz, weil Rußland sie zur Mobilmachung benutzen würde, und wenn Deutschland das zu seinem Einspruch angeführt hätte, hätte ich gegen die Mobilmachung oder die Kriegsvorbereitungen Rußlands bis zu einer Konferenz Einspruch erheben können” (Hervorh.v.m., B.S.)

Schließlich machte Grey die “preußische Natur” für den Kriegsausbruch verantwortlich. Ohne Zweifel traf es zu, dass in Berlin genügend Warnungen vor einem englischen Kriegseintritt bekannt wurden. Trevelyan fasst zusammen:

“Seit 1906 hatte Grey ihr von Zeit zu Zeit mitgeteilt, im Falle eines Angriffs auf Frankreich nicht auf unsere Neutralität zu rechnen. Im Dezember 1912 hatte der König selbst eine ähnliche Botschaft durch den Prinzen Heinrich von Preußen an den Kaiser gerichtet, die durch Haldanes gleichzeitige Worte mit der gleichen Wirkung unterstrichen wurden. Schließlich erhielt Bethmann-Hollweg selbst am 29. Juli 1914 die Warnung ohne Umschweife durch Greys entrüstete Ablehnung auf sein Angebot für eine englische Neutralität. Der deutsche Kaiser bot für den Fall, daß England nicht am Kriege teilnähme, an, nur französische Kolonien und keine weiteren Provinzen nach dem deutschen Siege zu annektieren” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der britische Außenminister glaubte,

“daß die Eroberung Frankreichs, gegen das Deutschlands erste und größte militärische Absicht gerichtet war, eine deutsche Herrschaft in Europa bedeuten würde, gleich unwiderstehlich wie das römische Imperium, mit England in der Rolle des verurteilten Kartago. Und die Möglichkeit einer sofortigen französischen Niederlage war sehr groß, wenn wir abseits blieben – sie war, wie wir jetzt wissen, eine Sicherheit. Und Grey war sicher, daß in der Folge wir selbst vernichtet würden, wenn wir nicht sofort und als einiges Volk in den Krieg eintraten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Schließlich jedoch war aus britischer Sicht entscheidend, dass Großbritannien einig in den Krieg ging. Das formulierte der Aussenminister so:


“Ich hatte die Hoffnung, daß es mein Schicksal sei, das Land vor dem Krieg zu bewahren. Aber vielleicht war meine wirkliche Aufgabe, es geeint in den Krieg zu führen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Es bleibt offen, ob anonyme Wirkkräfte oder zielgerichteter Wille des Staatssekretärs überwogen. In Großbritannien übte die große Gruppe der Neutralisten gewichtigen Einfluss im Entscheidungsprozeß aus. Diese sahen nicht, “wie völlig und schnell Frankreich und Belgien” ohne die Hilfe Englands geschlagen gewesen wären. So gesehen, entbehrte Greys Haltung nicht der realen Basis, wenngleich von verschiedenen Seiten Bedenken gegen sein Vorgehen geltend gemacht wurden.

 

Bethmann Hollweg und die Präventivkriegsforderung.


Dass Bethmann Hollweg über die negative Entwicklung der Lage, welche marinestrategisch zum Gegenstand der Erörterungen gemacht wurde, informiert war, zeigte dessen exploratorisches Gespräch mit Admiral von Müller während des Jagdaufenthaltes in Letzlingen, am 8. November 1912. Der Reichskanzler habe gefragt, “ob Deutschland seine Bundespflicht Österreich gegenüber aufrecht erhalten” solle, “auch wenn Österreich durch seine Forderungen (Serbien dürfe nicht Albanien annektieren u[nd]. keinen Hafen an der Adria bekommen) einen Krieg heraufbeschwöre“. Das klang durchaus danach, als ob Bethmann Hollweg sich Anfang November 1912 bereits in Erwägungen befunden habe, die einen europäischen Krieg berücksichtigten.
Müller berichtete dementsprechend am 9. November, “der Kanzler” habe bei den Beratungen in Letzlingen “von vornherein … eine forsche Haltung eingenommen”. Er habe dann

“im Laufe des Tages mit S[einer]. M[ajestät]. in diesem Sinne gesprochen u[nd]., wie er glaubt, S[eine]. M[ajestät]. überzeugt, daß das Fallen Lassen Oesterreichs unmöglich sei”.

Die Kriegsbereitschaft der deutschen Flotte wurde jedoch nicht bestätigt. Eine Frage, die naturgemäß jegliche Option angesichts eines großen europäischen Krieges impliziert haben würde. Auch die Reise nach Springe am Deister erhielt “ein stark politisches Gepräge”, denn offenkundig wurde auch hier auf höchster Ebene beraten. Naturgemäß herrschte eine “recht ernste Stimmung” unter “den anwesenden deutschen und österreichischen Gästen”. Angesichts der am folgenden Tag, dem 23. November, bekannt werdenden “kriegerische[n] Haltung Rußlands” hielt die “trübe Stimmung” an. Sasonow habe

“auf Vorstellung von Pourtalès [,der] Entfesselung eines großen Krieges wegen der serbischen Adriaaspirationen[,] mit der Schulter gezuckt u[nd]. nichts geantwortet”.

Den österreichischen Gästen, um den Erzherzog Franz Ferdinand, ging es zunächst um die Zusage deutscher Unterstützung bei einer möglichen militärischen Substitution der “wirtschaftlichen Herrschaft” Österreich-Ungarns “über Serbien“. Dies vermittelte der Direktor der Deutschen Bank, und Orientexperte, Arthur von Gwinner, dem Chef des Marinekabinetts Admiral von Müller, dem Reeder Albert Ballin und dem Admiralstabschef Josias von Heeringen. Und der Reichskanzler gab dem Generalstabschef, wie im Tagebuch Hopman – und an anderer Stelle – vermerkt, die Zusage, eine große Heeresvermehrung betreiben zu wollen.

Der englische Gesandte teilte Nicolson in London mit, falls Russland gegen Österreich-Ungarn vorginge, Deutschland diesem beispringen werde, “then of course France must also chip in” und England würde “confronted with a perfect beast of a problem”. Goschen analysierte weiter:

“To my mind it means a catastrophe which ever way we solve it. Because it would be a catastrophe in itself to be dragged into a terrible war for a question originally paltry in itself and one in which we have no interest whatever. But – where should we be if we were to hold aloof? I shudder to think of it. What friends should we have left? And what figure should we cut?” (Hervorh.v.m., B.S.).

Panslawismus war ihm gleicherweise unheimlich. Die Schwäche der Nikolaus und Sazonow ebenfalls.


Dass die seit 1903 betriebene deutsche Politik des Ausgleichs und der Vertrauensbildung zu einem Erfolg geführt habe, konstatierte Müller nach einem Essen beim Staatssekretär des Auswärtigen, Kiderlen Wächter. Er habe hier eine “sehr ruhige Auffassung der Lage” vorgefunden. Der Außenminister habe sogar betont, “diese sei entschieden günstiger als 1909 …, da heute sowohl Italien, wie auch England” auf deutscher Seite stünden. Just in diesem Moment herrschte in Königsberg Unruhe wegen des ummittelbar drohenden russischen Aufmarsches. Auch der Kanzler verbreitete am Tag darauf zielbewusst eine betont ruhige Auffassung der Lage. Dass diese Entspannung der Situation, schließlich wiederum aus London kompliziert wurde, gehörte zu den Stereotypen deutscher Politik in den letzten Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Müller berichtete unter dem 3. Dezember, bei einem Vortrag im Schloss habe der Kaiser “sehr unter dem Eindruck der etwas unentschiedenen englischen Annäherung an Deutschland” gestanden. Bereits zu diesem Zeitpunkt befand sich Wilhelm II. in einer gereizten Stimmung gegenüber Großbritannien. Nunmehr sollte nicht mehr “auf Worte” vertraut werden, lautete die Devise, “sondern Taten” sollten abgewartet werden.

Damit gab der Monarch bereits am 3. Dezember die Grundlagen Bethmannscher Englandpolitik auf. Gesehen werden muss, dass zu diesem Zeitpunkt die heißgelaufene allgemeine politische Situation – trotz aller Abwiegelungsversuche der deutschen Politik nach innen – unklar ließ, ob die Russen nicht doch zu den Waffen greifen würden. “Russische Kriegsgelüste”, und die Bedeutung der “Großfürstenpartei” in der Petersburger Politik, beunruhigten dementsprechend die Abendgespräche in den Berliner Führungszirkeln. Dieses Gemenge aus allgemeinen marine-, landstrategischen und politischen Optionen, vor dem Hintergrund der konkreten Kriegskrise auf dem Balkan, in die sämtliche europäischen Staaten, über den Zusammenbruch der Türkei, verwickelt waren, führte am Sonntag-Vormittag des 8. Dezember 1912 zu einer weiteren Krisenkonferenz im Berliner Schloss, die sich vor allem mit den militärischen Schlussfolgerungen und Maßnahmen beschäftigte, die zu ergreifen seien, nachdem der englische Kriegsminister Haldane dem deutschen Botschafter in London eröffnet hatte, Deutschland dürfe mit einer englischen Neutralität, im Falle eines Krieges mit Frankreich, nicht rechnen.

Haldane habe begründet, so notierte Müller, gemäß den Ausführungen des Kaisers gegen 11 Uhr im Berliner Schloß, die Haltung des Inselreiches läge nun rückhaltlos offen. “England” könne “nicht dulden, daß die „balance of power“ in Europa gestört werde”. Damit war die Rechnung mit der englischen Neutralität kompliziert, die Bethmann Hollweg seit Antritt seines Amtes im Juli 1909 zielstrebig verfolgt hatte. Wie der Kaiser es offen sagte – und seit Anfang Dezember erkannte – war des Kanzlers Außenpolitik insgesamt kompromittiert. Denn dieser steuerte ebenso zielstrebig, auf diese “erwünschte Klärung der Situation”, auf einen Krieg mit Rußland zu, der, wenn dieses “den Serben stütze”, auch für das Reich “unvermeidlich” sein werde. Ganz im Einklang mit den Grundzügen des deutschen Operationsplanes gegen Frankreich, schloss Wilhelm II. an, sei es die Aufgabe der Diplomatie, nun nach Osten Bündnispartner zu sammeln – darunter „in zentraler Stellung Österreich-Ungarn“ – sodass die deutsche Armee “frei” sei, „um den Krieg mit ganzer Wucht gegen Frankreich zu führen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Gleichzeitig wurde das Lieblingsthema Wilhelms II. behandelt, nämlich der Krieg mit der Seemacht Großbritannien, welche die Flotte – ebenfalls in Einklang mit den Operationsplänen und Vorbereitungen der letzten Jahre – zu führen habe:

“Die Flotte müsse sich natürlich auf den Krieg gegen England einrichten. Der vom Ch[ef]. d[es].Admiralst[abs]. im letzten Vortrage erwähnte Fall eines Krieges gegen Rußland allein, werde nach der Haldaneschen Erklärung außer Betracht bleiben. Also gleich Unterseebootskrieg gegen englische Truppentransporte in der Schelde bzw. bei Dünkirchen, Minenkrieg in [der] Themse. An Tirpitz: Schleunige Mehrbauten von U-Booten etc. Empfehlung einer Konferenz aller interessierten Marinestellen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

Im Duktus der Krisenkonferenz vom 3. Juni 1909.


Diese Konferenz vom 8. Dezember erhält ihre besondere Bedeutung, ähnlich wie jene am 3. Juni 1909 (Krisenkonferenz zur Kriegsgefahr mit England), durch die Gegenwart beider Wehrmachtsteile, nämlich des Admiralstabschefs Heeringen und des Chefs des Generalstabes Moltke. Überdies war die Flotte, vertreten durch den Verantwortlichen für die Rüstung, Tirpitz, sowie den Chef des Marinekabinetts. Moltke fasste das Ergebnis der Konferenz, mit seinem Votum für einen Krieg gegen Rußland, zusammen; was letztlich nichts anderes war, als die Unterstützung der Englandpolitik des Reichskanzlers und die Ablehnung der anti-West, also gegen England, gerichteten Zielsetzungen Tirpitz’. Die Konkurrenz zwischen Armee und Flotte trat nunmehr offen zutage, denn der Leiter des Reichsmarine Amts sah sich inzwischen gehalten, offen für ein Hinausschieben des großen Kampfes um 11/2 Jahre” zu plädieren.- Das heißt – bis Juli 1914. Erst nach 1919 nahm Müller seinen Aufzeichnungen die Spitze, als klar war, dass im Zuge einer Diskussion um die Schuld am Weltkriege, derartige Äußerungen eine besondere Bedeutung erhalten würden. Dass sich die politische Führung des Reiches keinesfalls in bedeutender Distanz zu dieser, im Kreis der militärischen Spezialisten abgehaltenen, Konferenz befand, belegt die Notiz Müllers vom Nachmittag des 8. Dezember, die zeigt, dass der Reichskanzler unverzüglich über diese Vorgänge, und deren für ihn relevante Ergebnisse, in Kenntnis gesetzt wurde. Unmittelbar darauf begann die Umsetzung der hier, im Angesicht der Krise getätigten Beschlüsse. So schrieb am 11. Dezember der „Innenminister“ Delbrück an Bethmann Hollweg „wegen der Verhinderung von Ausfuhren kriegswichtiger Güter nach Rußland”. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Kanzler in Berlin. Am folgenden Tag hegte Bethmann Hollweg keine Bedenken, gegen eine Beurlaubung von Soldaten und Offizieren über Weihnachten. Auch bezeichnete er nun gegenüber dem Kriegsminister die Bewachung von Eisenbahnbauten als nicht mehr erforderlich. Parallel finden sich in den Akten der Reichskanzlei Publikationen zur Notwendigkeit eines deutsch-englischen Krieges und zur wirtschaftlichen Kriegsbereitschaft.
Wilhelm II. nahm in einem Gespräch mit dem schweizerischen Botschafter, am 10. Dezember im Neuen Palais zu Potsdam, ausdrücklich Bezug auf den nunmehr unvermeidlichen Kampf mit den den Slawen. D.h. Russland. Er schrieb am 15. Dezember an Ballin, noch ganz im Bann der Informationen, die Erzherzog Franz Ferdinand, im Umfeld von Springe, vermittelt hatte:

Die slawischen Untertanen in Österreich waren sehr erregt geworden, und konnten nur durch energisches Auftreten der Gesamtmonarchie gegen Serbien in Ruhe gehalten werden. Wenn wir zur Waffe zu greifen gezwungen wären, so war es für uns, um Österreich zu helfen, nicht nur Rußland abzuwehren, sondern sich überhaupt der Slawen zu erwehren und deutsch zu bleiben…Ein Rassenkampf, der uns nicht erspart bleiben wird, denn es handelt sich um die Zukunft der habsburgischen Monarchie und die Existenz unseres Vaterlandes. Also eine Existenzfrage für die Germanen auf dem europäischen Kontinent!” (Hervorh.v.m., B.S.)

Der Kaiser, so der Britische Premier Asquith, sei “im Grunde ein Slawengegner geworden und bis zum Ende geblieben”. Bei dieser Gelegenheit bestätigte Wilhelm II., er habe “militärisch stets mit England als Feind gerechnet” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

1913: Das Jahr der Vorbereitung.

Italien.

Zu den militärischen Abmachungen mit Italien, für die Jahre 1913/14, ergaben sich im Laufe des Jahres gravierende Zweifel, hinsichtlich der Frage, ob “hinter der italienischen Absage einer Entsendung von Hilfskräften an den Oberrhein die verborgene Gefahr” steckte, “daß Italien im entscheidenden Augenblick überhaupt neutral bleiben würde”. Daraufhin, so sollte das Reichsarchiv, die offiziöse Stelle für Faktenerhebung und Interpretation, 1919 feststellen, habe Moltke versucht,

“durch erneute Verhandlungen mit dem italienischen Generalstabe ein Faustpfand in die Hand zu bekommen, durch das Italien im Fall eines europäischen Krieges zur Erfüllung seiner Bündnispflichten angehalten werden sollte. Dem von ihm nach Rom entsandten Oberquartiermeister Generalmajor Graf Waldersee gelang es auch, im Herbst 1913 zunächst die grundsätzliche Zustimmung des dreibundfreundlichen italienischen Generalstabschefs Generals Pollio zur Wiederherstellung der alten Abmachung über die Entsendung einer italienischen Armee an den Oberrhein zu erlangen. Im Frühjahre 1914 wurde dann in Berlin durch den italienischen General Zuccari die bestimmte Zusage gemacht, daß eine Armee von drei Armeekorps und zwei Kavallerie-Divisionen zur unmittelbaren Unterstützung Deutschlands über die Alpen gesandt werden würde, und ihr Transport mittels österreichischer Bahnen im einzelnen geregelt. War somit auf der einen Seite im Frieden alles getan, was das Verharren Italiens im Dreibunde im Kriegsfall zu gewährleisten schien, so hütete sich General von Moltke doch wohlweislich, die unmittelbare militärische Hilfeleistung dieses Verbündeten auf dem Kriegsschauplatz nördlich der Alpen als einen feststehenden und unbedingt notwendigen Faktor in die Rechnung seines Operationsplanes einzustellen. Er widerstand daher auch dem Wunsche des österreichischen Generalstabschefs, für den in Aussicht gestellten Kräftezuschuß an italienischen Truppen eine Verstärkung der von Deutschland für den Osten bestimmten Streitkräfte von vornherein eintreten zu lassen. ´Zur Zeit muß man mit den gegebenen Verhältnissen rechnen´, schrieb er am 13. März 1914 dem General von Conrad, ´und wir müssen den Krieg so beginnen, als ob die Italiener überhaupt nicht zu erwarten wären. Wir können daher zunächst keine Änderungen in den einmal getroffenen Dispositionen eintreten lassen… Eurer Excellenz haben eine zu klare Einsicht in das Wesen des Krieges, um mir nicht zuzustimmen, wenn ich an dem Grundsatz festhalte, erst unsere Hauptkräfte einzusetzen, um den nächsten und gefährlichsten Gegner zu schlagen. Ist dies gelungen, können wir die dann frei werdende Kräfte gegen den zweiten einsetzen´” (Hervorh.v.m., B.S.).

Moltke habe, so das Reichsarchiv, ferner “auch noch in anderer Beziehung die Kräfte Italiens im Kriegsfalle dem gemeinsamen Interesse dienstbar zu machen” versucht. “In Übereinstimmung mit den Chefs des italienischen und österreichischen [handschr. Einschub] Generalstabes” habe der deutsche Generalstabschef “auf Abmachungen für ein einheitliches Zusammenwirken der maritimen Streitkräfte Italiens, Österreichs und so weit möglich auch Deutschlands, im Mittelmeer” gedrungen. “Ein hierauf bezügliches Flottenabkommen wurde im Sommer 1913 geschlossen”, betonte das Reichsarchiv nach 1918. Die hochbedeutsame Denkschrift Waldersees aus dem Mai 1914 habe dennoch herausgearbeitet, als “wie wenig zuverlässig aber auch weiterhin die Haltung Italiens im deutschen Generalstab beurteilt wurde”. Es ging natürlich nach dem verlorenen Krieg darum, der Äußerung die aggressive Spitze zu nehmen.

 

England.


Dass inzwischen auch in der Wilhelmstraße, das heißt in Auswärtigem Amt und Reichskanzlei, eine neue Epoche längst begonnen hatte, bestätigte Wilhelm II. am 1. Februar 1913 in einem privaten Gespräch mit von Müller. Es ging  bei dieser Gelegenheit zunächst um das englisch-russische Verhältnis in Kleinasien, und die Warnung Englands an die Adresse Rußlands, hier nicht weiter offensiv zu werden. Der Kaiser zitierte darauf den neuen Staatssekretär des Auswärtigen, und Nachfolger des verstorbenen von Kiderlen-Waechter, Jagow, der geäußert haben sollte, “er würde der erste sein, der S[einer].Maj[estät]. den Krieg empföhle, wenn man versuchen wollte, Deutschlands Rechte in und auf Kleinasien anzutasten”. Dagegen habe sich der Staatssekretär gleichzeitig dagegen gewehrt, zu den “politischen Verhältni[ssen]” vor der Budgetkommission des Reichstages zu sprechen. Über diese solle “z[ur]. Z[ei]t. am besten so wenig wie möglich gesagt werden”. Daß sich die Stimmung zunehmend verdüsterte, zeigte zusätzlich die vaterländische Rede des Kaisers anlässlich der Jubiläums-Feierlichkeiten der Berliner Universität. Wilhelm II. benutzte dort demonstrativ das “Wort des eisernen Kanzlers: „Wir Deutschen fürchten Gott u[nd]. sonst nichts auf der Welt“.

Auch in London zeigtigten die Vorgänge der letzten Wochen noch einmal Reflexe. So las König Georg dem Unterstaatssekretär im Foreign Office, am 18. Februar 1913, einen Brief des Prinzen Heinrich von Preußen vor, der noch einmal das Gespräch von Sandringham, vom 5.12.1912, reflektierte. Nicolson berichtete darüber Grey:

Prinz Heinrich schrieb, der Kaiser wäre von dem, was der König gesagt hatte,überrascht gewesen aber noch mehr durch die Tatsache, daß Haldane am gleichen Tage praktisch genau die gleiche Sprache gegenüber dem Fürsten Lichnowsky gebraucht hatte. Der Kaiser bemerkte, daß er nun wisse, wie er sich zu verhalten habe: er hätte immer zugunsten des Friedens gehandelt, aber im Hinblick auf die mögliche und wahrscheinliche Haltung Großbritanniens in zukünftigen Konflikten könnte er nicht getadelt werden, wenn er alle Vorbereitungen träfe, um jeder Möglichkeit zu begegnen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Am 8. Dezember hatte König Georg den Außenminister über sein Gespräch mit Prinz Heinrich von Preußen informiert. Der Monarch schrieb:

“Im Verlaufe einer langen Unterhaltung fragte er mich unumwunden, ob England im Falle, daß Deutschland und Österreich mit Rußland und Frankreich in einen Krieg verwickelt würden, den beiden letzteren Mächten seinen Beistand gewähren würde. Ich antwortete: ‘Zweifellos ja – unter gewissen Umständen.’ Er gab seinem Erstaunen und seinem Bedauern Ausdruck, fragte jedoch nicht, was unter ‘gewissen Umständen’ zu verstehen sei. Er sagte, er würde dem Kaiser berichten, was ich ihm erzählt hätte. Ich halte es für richtig, Deutschland wissen zu lassen, daß wir nicht zusehen können, wie einer unserer Freunde zerschlagen wird. Ich glaube, ich mußte Sie wissen lassen, was zwischen mir und des Kaisers Bruder in dieser Beziehung gesprochen wurde.”

Eine Äußerung, die – möglicherweise – erst in diesen Tagen London erreichte, zugleich jedoch recht genau die Situation in Berlin um den 8. Dezember 1912 umreißt.


Präventivschlag gegen Frankreich im Frühjahr?


Bis Ende März 1913 sollte sich die “politische[r] Lage” nicht wesentlich entspannen, denn die Balkankrise glimmte weiter und so nahm der Reichskanzler gern, anlässlich eines Spazierrittes im Tiergarten, die Gelegenheit wahr, mit dem flottenpolitischen Berater des Kaisers, Admiral von Müller, über die sich entwickelnde “Wehrvorlage u[nd]. [die] Orientkrise” zu sprechen. Parallel bemühte sich Bethmann Hollweg um gute Beziehungen zu Großbritannien. Die Akten des Foreign Office belegen, wie der Kanzler, zum Beispiel im Verlauf des Jahres 1912, versuchte, über den Vorschlag einer Union von Sansibar und Pemba mit England über Kolonialfragen ins Gespräch zu kommen. Gleichzeitig suchte der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Stumm, bei Bertie Konzessionen des Inselstaats zu erhandeln und Kühlmann dachte, territoriale Absprachen sollten einem deutsch-englischen Flottenabkommen vorausgehen. Ganz und gar nicht entspannt stellte sich aus britischer Sicht die europäische Lage dar, denn Nachrichten legten die Annahme nah, Deutschland plane, Frankreich im Frühjahr 1913 zu überfallen (vgl. Bernd F. Schulte, Die deutsche Armee 1900-1914. Zwischen Tradition und Moderne, Düsseldorf 1977).


Interessant erscheint, dass Georg V. den österreichischen Botschafter, den Grafen Mensdorff, warnte eigenmächtig zu handeln, weil dies zur Explosion panslawistischer Gefühle in Rußland führen könne, und damit zu einem Kriege. Noch im folgenden Jahre muss diese Warnung den Österreichern in den Ohren geklungen haben. Erneut herrschte bei Wilhelm II. “helle Aufregung über Skutari u[nd]. [den] Fürsten von Montenegro”. Die Entscheidung, die Hochseeflotte im Jahre 1913 nicht in spanische Gewässer auslaufen zu lassen, die der Reichskanzler erwirkte, offenbarte eine deutliche Sprache. Schließlich jedoch war Ende April, mit dem Fall der Hafenstadt Skutari, klar, dass – trotz vielfältiger Aufregung in Wien, Bulgarien, Serbien und Griechenland – nicht mehr mit einem “europäischen Kriege” zu rechnen sei. Als sich jedoch König Nikita weigerte, auf Skutari zu verzichten, erklärte Österreich, es wolle, „falls die anderen Mächte nicht mitmachen, [es] allein gegen Montenegro vorgehen“. Daraufhin blieb Bethmann Hollweg jedoch dabei, er hielte “die Situation für nicht kritisch”. Im Reichsmarine-Amt wurde daraufhin angenommen, die Mächte würden “einen modus vivendi“ finden. Zum Kriege” habe “keine Großmacht jetzt Lust”. Inzwischen schwenkte auch Frankreich auf die Linie einer friedlichen “Lösung durch Nachgeben Montenegros” ein. Die Botschafterkonferenz in London tendierte ebenfalls in diese Richtung. Rußland hatte sich Frankreich angeschlossen. Serbien und Bulgarien rückten von Nikita ab. Am 5. Mai, mit der Nachricht, “daß Montenegro nachgiebt und Skutari bedingungslos den Großmächten überliefert”, ging ein Aufatmen auch durch das politische Berlin, und die Börse verzeichnete eine “starke Aufwärtsbewegung”. Am 8. Mai beschloss die Botschafter-Reunion in London, “1000 Mann internationaler Truppen, darunter 100 deutsche”, in Skutari zu stationieren. Die Krise, die zuletzt durch die Mitwirkung Großbritanniens  überwunden wurde, hatte zu einer deutsch-englischen Annäherung geführt, die nicht zuletzt nach außen mit der Heirat der Tochter des Kaisers, Prinzessin Victoria Luise, mit dem Welfenprinzen Ernst August von Cumberland und Braunschweig-Lüneburg, bestätigt wurde.

Nicolson schrieb im Nachhinein von “der langen Feindschaft”, der mit dieser Heirat ein Ende gesetzt worden sei. Gleichzeitig wird deutlich, dass es Grey peinlich vermied, der Versuchung zu erliegen, einer Vermischung von dynastischen und diplomatischen Beziehungen stattzugeben. Den Kern dieser Veranstaltung bildete das politische Interesse des Reiches, zu einem Ausgleich mit England zu kommen. Diesen Zusammenhang enthüllten ergänzend die Äußerungen des Kaisers, der später behauptete, vom russischen Zaren und dem englischen König “die Zusicherung erhalten zu haben, daß ihre Regierungen die Integrität des ottomanischen Restreiches respektieren würden”.

Lord Stamfordham hielt Wilhelm II. eine längere Vorlesung, darüber, wie töricht die britische Regierung sei,

sich mit den lateinischen Staaten gegen die Teutonen zu verbünden, und anzunehmen, daß er der Enkelsohn der Königin Victoria, jemals zulassen könne, daß England zur See bedroht würde; daß England die gelbe Gefahr nicht sehen wolle, die doch die einzige wirkliche Bedrohung der westlichen Zivilisation darstelle” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kaiser führte, ganz im Sinne der Entschlüsse gegen Ende des Jahres 1912, aus:

“Sehen Sie sich diese Marokkoaffaire an!-… Ich weiß, daß Sir John French in Frankreich war, oder doch Ihre Generalstabsoffiziere, und das Sie den Franzosen versprochen haben, 100 000 Mann hinüberzusenden; das ist es, was uns gekränkt hat. Ich bin ein Mann des Friedens, aber jetzt muß ich mein Land rüsten, so daß ich alle, die über mich herfallen wollen, zerschlagen kann; und ich werde sie auch zerschlagen. Wenn Österreich von Rußland angegriffen wird, bin ich verpflichtet, ihm zu helfen; man kann den alten Kaiser nach allem, was er in der Vergangenheit an Kummer und Sorge erleben mußte, nicht im Stiche lassen. Zwischen Rußland und Deutschland gibt es keine Animosität. Sie sprechen sehr viel vom Gleichgewicht der Mächte und daß sie der Entente nur deswegen beigetreten seien, um [sie] es zu erhalten; aber es ist Deutschland, das das Gleichgewicht erhält” (Hervorh.v.m., B.S.).

Nach der Abreise des Königs von England aus Berlin, schloss sich ein “allgemeines Friedensgeläute in [der] deutsche[n]r und englische[n]r Presse” an. Prompt kam der französische Präsident Poincaré nach Berlin, um die Zweifel auszuräumen, die durch die Verhandlungen Großbritanniens mit dem Reich zur Bagdadbahn entstanden waren.

Postwendend fuhr im Anschluss der französische Präsident Poincaré nach London, um Zweifel auszuräumen, die infolge der Verhandlungen Greys mit Berlin zur Bagdadbahn entstanden sein mochten. Im Umfeld, eben dieses politisch-gesellschaftlichen Ereignisses, stieg die Möglichkeit einer Veröffentlichung von Briefen Wilhelms II. “aus den Jahren [18]88 u[nd]. [18]89″ auf, die Lord Charles Beresford in seinen Memoiren vorgeblich plante. Damals, habe der Kaiser England ermuntert, “seine Flotte zu verstärken…als notwendiges Friedensinstrument in Europa”. Auch habe der Kaiser dies geradezu als “Maßstab” empfohlen,

to be able to meet any coalition of other powers”.

Wieso Wilhelm II. im Dezember 1912, von eben dieser Haltung Englands überrascht sein konnte, bleibt damit unerfindlich. Jedenfalls riet Müller davon ab, die Publikation zuzulassen. Auch war es nicht gelungen, im Rahmen der deutsch-englischen Heirat, den Verzicht der Welfen auf das 1866 durch Preußen annektierte Königreich Hannover zu erreichen. Dass die Verwandtschaftsverhältnisse sich nicht einfach gestalteten, hatten bereits Beobachtungen um den vorbereitenden Besuch “der Cumberländischen” in Berlin gezeigt. Müller berichtete, es habe eine “ziemlich gezwungene Stimmung” geherrscht, da eben der “Verzicht auf Hannover” abgelehnt worden sei.

 

1913: Bethmann Hollweg für Krieg.


Bethmann Hollweg ergriff in einem Brief an den polnischen Großmagnaten Graf Hutten-Czapski die Gelegenheit, einem konservativen Parteiführer seine Sicht zum neuen Heeresgesetz darzulegen. Der Kanzler konzedierte einerseits, auch ihm gefielen „die [Wehr-]Steuern“ genauso wenig wie des Grafen politischen Freunden. Bethmann Hollweg meinte jedoch, mit einem Seitenhieb auf seinen Vorgänger Bülow, und erläuternd zu seiner gegenwärtigen Verhandlungstaktik gegenüber Bundesstaaten, Parlament und Parteien:

„ Mit einer Krisis, die einer Niederlage gleichgekommen wäre, durfte die Sache aus inneren und äußeren Gründen unter keinen Umständen enden. Das zwang zu Nachgiebigkeiten, die unerfreulich sind“.

Zu den Widerständen des grundbesitzenden Adels gab der Reichskanzler zu bedenken:

„Man verlangt von der Regierung, daß sie durch dick und dünn geht, aber die Regierung durch dick und dünn unterstützen will Keiner. Trotz alledem bleibt die Heeresvorlage eine Tat, der wir uns nicht zu schämen brauchen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Mehr als nur eine bloße Andeutung sollte allerdings die hingeworfene Bemerkung zum außenpolitischen Fortgang seiner Bemühungen um England sein:

„Mit England geht es langsam, aber man soll die Geduld nicht verlieren“.

Dass der Reichskanzler im Dezember 1912 eingehend mit dem Kaiser über die Eventualität eines Krieges diskutiert hatte, offenbarte Wilhelm II. am 15. Dezember 1913 – also ein Jahr später – seinem Chef des Marinekabinetts. Wilhelm II. führte aus, er habe bemerkt,

“wie interessant es sei, daß der Reichskanzler sich jetzt doch an den Gedanken eines Krieges gewöhnt habe, er der noch vor einem Jahr ausgesprochen, er werde nie im Stande sein, zu einem Krieg zu raten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kaiser hatte demnach, um den 8. Dezember 1912, wie mit seinem Bruder, dem Prinzen Heinrich, auch mit Bethmann Hollweg, die zu diesem Zeitpunkt wiederholt diskutierte Frage eines Krieges, erörtert und dabei einen ablehnenden Bescheid erhalten. Selbst die Frau des Reichskanzlers war zu diesem Zeitpunkt, im Gespräch mit Müller, auf diese Frage eingegangen, hatte jedoch erklärt, “ihr Mann würde unter keinen Umständen für einen Krieg zu haben sein” (Hervorh.v.m., B.S.). Diese Haltung war offenbar bis Ende 1913 einem gravierenden Wandel unterworfen. Nach dem Tode seiner Frau, im Mai 1914, und bedeutendem Vermögensverlust durch die Spielleidenschaft seines älteren Sohnes, zeigte sich der Reichskanzler dieser Eventualität gegenüber weit offener als zuvor. Jedenfalls war der noch allseits präsumierte  „Gegensatz zwischen militärischer und politischer Leitung“, zu diesem Zeitpunkt, keineswegs gegeben. Selbst “mit einer längeren Dauer des Krieges” war vorgeblich nicht zu rechnen. Zusätzlich ließ der Kaiser wieder einmal eine Änderung seiner Haltung erkennen. Anlässlich des 25 jährigen Regierungsjubiläums, 1913, betonte Wilhelm II., es sei ihm möglich gewesen, den “Frieden zu bewahren, [und er] hoffe auch weiter [den] Frieden erhalten zu können”, um darauf zu erklären,

“wenn es aber erforderlich sei[,] die Thore des Janustempels zu öffnen, dann werde er sie weit aufreißen …” (Hervorh.v.m., B.S.).

Die britische Regierung bot der Deutschen – allerdings ohne eigenen Verlust – die portugiesischen Kolonien an. Im August entwarfen Grey und Lichnowski den entsprechenden Vertrag. Der Abschluss wurde allerdings verschoben, da der britische Aussenminister diesen zunächst dem Parlament vorlegen wollte. Es ging um Angola, den nördlichen Teil von Mozambique, die Inseln St. Thomé und Principe. Allerdings hätte die Geschichte um den Handel mit den portugiesischen Kolonien, den England seit 1898 betrieben hatte, die deutsche Seite skeptisch stimmen müssen. Mit in diesen Zusammenhang spielten die Abmachungen zwischen Berlin und Petersburg hinein, die 1910 in Potsdam geschlossen wurden. Rußland stimmte dem Weiterbau der Bagdadbahn Richtung Kuwait, und deren Anschluss an die persische Grenze zu. Ein Anschluss an die, von Nordpersien her, projektierte russische Transpersienbahn eröffnete die Möglichkeit eines Vordringens der Deutschen bis an die indische Westgrenze, was Grey äußerst besorgt beobachtete.

 

Unveränderte Parallelrüstung von Flotte und Heer.


Die Dinge trieben immer deutlicher einer Explosion zu. Denn die politische Spannung hatte, seit dem Beginn der Kanzlerschaft Bethmann Hollweg im Jahre 1909, kaum nachgelassen; ja, unter der Stufenfolge der internationalen Krisen nur zugenommen. Angesichts dieser Entwicklung plante der Admiralstab Mitte Dezember 1913 die beiden Schlachtkreuzer “Goeben u[nd]. Breslau” aus dem Mittelmeer zurück zu ziehen. Und auch der Chef des Generalstabes eröffnete am 24. Dezember, auf der Rückfahrt von Potsdam nach Berlin, Müller seine Bedenken angesichts der ungenügenden deutschen “Kriegsbereitschaft” und der “Ziellosigkeit” der deutschen “u[nd]. namentlich der österreichischen Politik” (Hervorh.v.m., B.S.). Das zeigt, wie ernst die Lage eingeschätzt wurde, und wie offen in den Führungszirkeln die, bis heute nicht umfassend gewürdigten, Interdependenzen zwischen den Ressorts zutage traten. Moltke sprach offen über zwei, der bei einer künftigen Kriegsauslösung entscheidenden, Momente, nämlich

“über [die] Unmöglichkeit der Respektierung der Neutralität Belgiens u[nd]. über die unklare Persönlichkeit des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der deutsche Schlag gegen Belgien/Frankreich und die österreichische Funktion in der deutschen Rechnung, die deutsche Grenze zu Rußland durch eine Offensive nach Polen hinein zu decken, bildeten offensichtlich das Hauptthema während dieser Autofahrt von der Weihnachtsfeier im Neuen Palais zu Potsdam zurück nach Berlin. Dass gerade Moltke auf die für das Reich, im Sinne der Planung, ungünstige Haltung des Erzherzogs Franz Ferdinand, hinwies, zeigt, dass die seit Ende 1912 erkennbare Ablehnung des großen Krieges mit Rußland durch den Erzherzog, die gesamte deutsche politisch-strategische Planung zu zerstören geeignet schien. Dass Franz Ferdinand aus deutscher Sicht nicht mehr die Bedeutung besaß, wie noch im November 1912, unterstreicht eine Beobachtung während des Jagdaufenthaltes in der Göhrde bei Lüchow, wo Wilhelm II. “unter gänzlicher Nichtbeachtung seines Vornehmsten Gastes Skat” spielte. Dass sich die Entscheidung für den Krieg weiter verfestigt hatte, belegte die “übliche” Ansprache des Kaisers an die Kommandierenden Generale der Armee. Müller hatte bereits am 1. Januar 1913 festgehalten, Wilhelm II. sei “reichlich feindlich” aufgetreten. Daraufhin teilte der Kommandierende General des VIII. Armeekorps, Tülff von Tschepe und Weidenbach, nach seiner Rückkehr aus Berlin, den Offizieren seines Stabes in Koblenz mit:

“Meine Herren, in diesem Jahr geht es los”!


Der Kaiser hatte, entsprechend der Wende deutscher Außen- und Rüstungspolitik im Schwerpunkt zurück nach Europa, seit dem Beginn des Jahres 1912, seine Liebe für die Armee wieder entdeckt. So häuften sich zum Beispiel im Jahre 1913 Vorträge des Monarchen zu heeresgeschichtlichen Themen, wie zum Beispiel der Schlacht bei Gravelotte-St.Privat und den Armeemanövern des Jahres 1913. Am 30. Juli, während der Nordlandreise Wilhelm II., zeigte sich darauf offen die Abkehr des Kaisers von der letztlich erfolglosen Flotte. Der Monarch äußerte, er “habe diese Erörterungen [es ging um die geplante[n] Weiterreise der Flotte] satt”. Er solle “immer Hinz u[nd]. Kunz fragen und nur unterschreiben, was die…Marine für gut” befände.

“Das habe ich nun satt – zum Teufel[,] ich bin der Allerhöchste Kriegsherr, ich entscheide nicht, sondern ich befehle”[!]

Zusätzlich vollzog der Kaiser nunmehr seine Abkehr von Russland. Jedenfalls hatte Wilhelm II. bereits Anfang des Jahres die Meinung vertreten, “nicht Österreich[,] sondern Rußland sei der Störenfried”. Am 13. Dezember ließ der Monarch seinem Widerwillen über den Zaren freien Lauf. Ihm war “auf dem Wege über Kokowzov- Pourtal[è]s” zu Ohren gekommen, durch die deutsche Militärmission in Constantinopel habe “das Verhältnis zwischen Deutschland u[nd]. Rußland eine Trübung erfahren”. Der Kaiser sprach gegenüber Müller von einer “neueste[n] Unverschämtheit Rußlands”. Dass zwei Seelen in der Brust Wilhelms II. Platz hatten, zeigte wenig später dessen Äußerung im engsten Kreis, “er, der Kaiser, habe gleich zu Anfang seiner Regierung gesagt, ´Meine Regierungszeit wird eine Friedens-Zeit; meine Aufgabe wird nicht sein, Kriege zu führen, sondern das Reich zu konsolidieren Erg[änzung]: so etwa wie Friedrich Wilhelm d[er]. I[.], mein Nachfolger kann dann wieder Krieg führen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

Die Rüstungsprorität bei der Armee.
Diese Entwicklung der Vorstellungen Wilhelms II. kam der Absicht des Reichskanzlers entgegen, nämlich Rußland für den in Aussicht genommenen großen Krieg als Gegner aufzubauen. Dafür war Bethmann Hollweg seit dem November 1912 gewillt, zusätzliche Finanzmittel aufzubringen, um die Armee für den Landkrieg mit Rußland und Frankreich vorzubereiten und bestätigte diese Planung gegenüber Müller am 5. Januar 1913. Auch um mitzuteilen, dass die inzwischen durch den Kaiser erneut angemahnte Marinenovelle chancenlos sein werde. Dass der Chef des Marinekabinetts, als Vertreter der Flotte, nicht zustimmen konnte, war klar, und der Kanzler beabsichtigte, mit Hilfe dieser Unterredung eher, die Botschaft von der Rüstungspriorität der Armee zuverlässig Tirpitz zu signalisieren. Hatte doch Bethmann Hollweg, vor dem 10. Dezember...

rnd F. Schulte(c)

 

Auf zu preußisch-deutscher Größe.

Die Chance des Krimkrieges 1854, und dessen Folgen 1914 und 2014.

Suprematie durch Annektionen.

Teil III

 

Das entscheidende Ergebnis dieser Analyse bildet, neben mannigfaltigen Gemeinsamkeiten der drei Daten in der Auslösung von Kriegen, die Tatsache, dass 2014 absteigende Super- oder Weltmächte beteiligt sind. Einerseits geht es wohl den USA darum, Rußland endgültig in die zweite Reihe der Weltmächte zu verweisen. Anderseits versucht Rußland, dessen Einflußbereich wieder zu stabilisieren, bzw. die alten Grenzen der UdSSR wieder zu erreichen. Was daraus folgen mag, haben die USA bereits Anfang der 80iger Jahre theoretisch "durchspielen" lassen: den "begrenzten lokalosierten Konfikt in Europa". Und dieser Begriff, der terminus technicus des Jahres 1914 von der "Lokalisierug" führt uns zum Ersten Weltkrieg zurück. 

 

Inhalt

   Pendellage zwischen West und Ost.

   Liberal-Konservativer Einfluß auf König Friedrich Wilhelm IV.

   Reluctant Preußen-Deutschland.

   Der König und das Verhältnis zu Russland.

  

   Europas politische Lage um die Mitte des Jahrhunderts.

   Englands Kriegsentschluß.

   Verhandlungspositionen Berlins und Londons.

   Palmerstone reserviert gegenüber Pourtalès.

   London und Berlin: wenig flexibel.

   Gebundene Hände rundum.

   Bunsens Votum für die Westmächte und Annektionen.

    Für und Gegen die Reduktion Russlands.

    Bunsens große Annexion-Denkschrift: „Jetzt oder Nie!“

     Der Aufstieg Preußens inauguriert.

     Offizielles Ziel: Restituierung des europäischen Gleichgewichts.

     Annexionen.                                                                                                                                             

    Sicherer Sieg.

    Bunsen: Die Westmächte sind stärker als Russland.

    Navalistische und Festlandsmächte.

 

     Die deutschen Kriegsziele 1914.

     Ein System indirekter Beherrschung.

     Sicherung der deutschen Machtstellung.

     Militärstrategisch.

     Industriell.

     Belgien als Operationsbasis gegen England.

     Russland schonen.

      Annexionen an der Ostsee, in Polen und Moldavien.

      Die Idee „Volk ohne Raum“ (Grimm): Siedlungsraum im Osten.

      Suprematie durch russischen Staatsbankrott.

      Industrie in Belgien und Ostfrankreich enteignen.

      Ein deutsches Kolonialreich in Europa, Afrika und Asien.

 

       Bunsen: Preußen stärken durch Annektionen.

      London umwirbt noch eimal Preußen.

      Auf der Höhe der Krise 1854: Analog 1914/2014.

      Hoffnungen, Gefährdungen, Tatsachen.

     

      Englischer Angriffsplan 1853.

      Bunsen für den „europäischen Generalkrieg“ (von Finnland           bis zum Kaukasus).

      Der andere Weg der preußischen Politik.

        Absage an Großmachtstatus, Risiko und aktive Politik.

     

      Wochenblatt-Partei für englisches Bündnis und                             Großmachtstatus.

        Gegen eine Neutralität Preußens.

        Für die Kombination mit Österreich und den Westmächten.

 

      Englands Kriegsentschluß.

      Die Nebenregierung Prinz Alberts und das Preußische                   Bündnis.    

      Englands Kriegsplan und preußisches Schwanken.

 

      Unsicherheitsfaktor: Das revolvierende Frankreich.

      Die Anti-Ost-Ausrichtung Westeuropas.

 

      Entwicklungsbremse: die preußisch-österreichische                     Dichotomie.    

      Um die politische Deutungshoheit zwischen Ost und West.

      Das englische Bündnis – ein Traum. Das Scheitern der                 Usedom/ Wedellschen Mission.

      Schluß.

      Preußen, England, Russland

      1914

      2014

                                                           _________________

 

Pendellage zwischen West und Ost.

Hier geht es um die Hintergründe eines preußisch-englischen Bündnisses in der Krimkriegphase, 1852-55. Allerdings, das darf nicht verschwiegen werden, regt die Beschäftigung mit diesem Zeitraum dazu an, Fragen an die heutige deutsche und europäische Politik zu stellen. Schließlich befinden sich beide geographischen Räume, damals wie heute, in der politisch-strategischen Situation einer Pendellage zwischen Ost und West. Dass kein Staat, zum jeweils notwendigen Zeitpunkt, militärisch für alle Eventualitäten gerüstet ist, bildet eine der Binsenweisheiten der Geschichte. England und Preußen hatten, um die Mitte des 19. Jahrhunderts keine Reibungspunkte, verfügten in ihrer Geschichte über durchaus passable Erfahrungen miteinander, und hatten auch kulturgeschichtlich vergleichbare Wurzeln.

 

Liberal-Konservativer Einfluß auf König Friedrich Wilhelm IV.

So überrascht es durchaus wenig, wenn sich gegen Ende der vierziger Jahre in Preußen eine Gruppe von Wissenschaftlern, Offizieren und Diplomaten, mit liberalkonservativem Hintergrund, zusammenfand, die ein Bündnis mit England (gegen Russland) vertrat. Vertreter dieser Gruppe befanden sich in hohen militärischen und diplomatischen Stellungen, wie etwa Baron Bunsen, der Preußen, als Botschafter in London, vertrat. Unterstützt durch eine enge Beziehung zu dem damaligen preußischen König Friedrich Wilhelm IV., konnte der Diplomat und Gelehrte seine  außenpolitischen Vorstellungen höchsten Ortes zur Wirkung bringen. Dass sich dem durchaus traditionell begründete Widerstände in Berlin entgegenstellten, wird hier Gegenstand der Darstellung sein.

 

Reluctant Preußen-Deutschland.

Irgendwann sollte, im Verlauf der folgenden Jahre, der Vorwurf laut werden, der offizielle Vertreter der preußischen Politik, Ministerpräsident Otto von Manteuffel, würde „mit der Wirklichkeit der Dinge Verstecken spielen“. Hiermit ist ein Moment berührt, das durchaus – über die geschichtlichen Schranken hinweg – ein Schlaglicht wirft auf unsere heutige politische Situation in Deutschland und Europa. Ohne auf die spezifische Machtkonstellation der Führugselite in Berlin, während der fünfziger Jahre, näher eingehen zu wollen, sei dennoch betont, dass der Blick Preußens damals, ähnlich wie der Blick der Bundesregierung heute, nach Osten gerichtet war. Es bestanden seit 1807, zwischen Preußen und Russland, enge Beziehungen. Diese hatten sich von 1815 an zu einer russischen Überlegenheit ausgewachsen, zumindest über Preußen – wenn nicht sogar über Deutschland. Schließlich und endlich war, in der Schleswig-Holsteinischen Frage 1848/52, mit dem Diktat von Olmütz gegen Preußen, und damit auch für die deutsche Einigung, klar geworden, dass es um blanke russische Machtpolitik ging.

 

Der König und das Verhältnis zu Russland.

Das Gefühl offenkundiger Unterlegenheit führte in der deutschen Öffentlichkeit allgemein zu blankem Hass gegenüber Russland, wie ein hochgestellter britischer Beobachter bemerkte. Und auch, obgleich durch die Tradition mit Russland verbunden, standen die preußischen Konservativen vollkommen unter der Prärogative, ein Aufstieg Preußens gehe vor. Insofern standen sich die leitende politische Kraft in Berlin und deren Kritiker, das liberalkonservative Wochenblatt durchaus nicht unvereinbar gegenüber. Schließlich tendierte jedoch der dazwischen stehende Ministerpräsident durchaus dazu, Russland distanziert gegenüber zu treten. Überlagert wurde dieses, zur Entscheidung heranstehende Problem, durch den fortdauernden, latenten Dualismus zwischen Preußen und Österreich in Deutschland. Der Druck, vor dem Hintergrund der miteinander konkurrierenden konservativen und progressiven Fronten in Berlin, sich für oder gegen Österreich entscheiden zu müssen, verführte den König zu einer permanent in alle Richtungen schwankenden, entscheidungslosen Politik. Friedrich Wilhelm verstärkte diesen Eindruck zusätzlich dadurch, dass er zu dem Mittel politischer Missionen griff, was einerseits Hoffnungen schürte, andererseits den Widerstand der Berufsdiplomaten hervorrief, und in der Folge zu tiefer Enttäuschung in den Hauptstädten Europas führte. Es bleibe dahingestellt, ob – wie Winfried Baumgart betont – ein Sekretär des Königs hätte originären Einfluss auf die Wahl der außenpolitischen Methoden ausgeübt, oder aber dieses Verfahren eher zutiefst Ausdruck der Persönlichkeit des Monarchen war und blieb.

 

Europas politische Lage Mitte des Jahrhunderts.

Im Verlauf einer ersten Phase politischer Kontakte mit London waren es zumeist der liberal-konservativen Wochenblattpartei nahestehende  Wissenschaftler-Diplomaten, die auf Wunsch der Führungsspitze um den König in Berlin vor Ort explorierten. Diese kamen mit der überraschenden Meldung zurück, Österreich sei Preußens eigentlicher Gegner (Niebuhr). Wien unterlaufe die preußischen Annäherungsversuche, indem man sich Paris zuwende. Preußen seinerseits beschreite den Weg nach London, in der Erkenntnis des schwankenden Bodens auf dem die Beziehungen zu Österreich im Grunde ständen. Doch auch London befände sich im Zwiespalt, da Paris im Begriff stehe, die  napoleonische Politik wieder aufzunehmen.

 

Englands Kriegsentschluß.

Schließlich überschnitten sich auf dem Kontinent, in Belgien, die Operationslinien sowohl Londons, wie Paris’ und auch jene Berlins. Mochte Frankreich nach Belgien greifen, dann würden England, wie  auch Preußen, hier militärisch gefordert sein. Sehr gut zu verstehen war, vor diesem Hintergrund, der Rat Bunsens, vorsichtig zu taktieren und sich nicht einseitig festzulegen. Umso erstaunlicher erscheint es deshalb, wenn der preußische Gesandte, gegen Anfang des Jahres 1853 feststellte, England mache sich daran, einen Krieg mit Russland vorzubereiten. Und noch erstaunlicher: Es gehe um einen europäischen Krieg. In Berlin schien es möglich, dass die liberal-konservative Wochenblatt-Partei in die Regierung einträte. Die „Heilige Allianz“ der Monarchien im europäischen Osten ging offensichtlich ihrem Ende entgegen.

 

Verhandlungspositionen Berlins und Londons.

Dieser Entwicklung des Jahres 1853 entsprach der König, mit der Entsendung des leitenden Wochenblatt-Partei-Mitgliedes Albert von Pourtalés, nach London. Whitehall suchte nach wie vor verlässliche Bündnispartner. Preußen schien, zumindest militärisch, einen solchen darstellen zu können. Doch stellte Berlin Forderungen, die den Bewegungsspielraum Londons einschränken mussten. Hatte doch Preußen direkte Grenzen mit Russland, stand doch Österreich nach wie vor zwischen den Fronten, und drohte aus Polen der Funke der Revolution jederzeit herüber zu springen, und bedrängte nach wie vor Petersburg Berlin durch dessen „pressure group“ vor Ort. Demgegenüber fürchtete London eine, und das ist der Begriff der Zeit, „entente cordiale“ zwischen Preußen und Österreich. Tatsächlich aber ging es, aus der Sicht des preußichen Botschafters Bunsen, darum, dass Österreich sich an der Donau und den Kaparthen eine starke Position verschafft habe, und Preußen die Verteidigung Deutschlands am Rhein überlasse. Dass es sich um den entscheidenden Punkt handle, machte er deutlich, indem er den Begriff „Lebensfrage“ für die preußische Politik in die Diskussion warf. Ein „mot clef“, das 1914 zwischen Theobald von Bethmann Hollweg und Jules Cambon erneut fallen sollte, und das hier, 1853, die Forderung gegenüber England verschärfte, dessen Flotte in der Ostsee gegen Russland aufmarschieren zu lassen.

 

Palmerstone reserviert gegenüber Pourtalès.

Doch die Geheimmission Pourtalès scheiterte. Obwohl am 2. Januar 1854 ein Vertreter Petersburgs versuchte, Preußen in der Folge von dem pro-englischen Kurs abzubringen, gelangten doch Pourtalès und Palmerstone, in einem abschließenden Gespräch, am 3. Januar dieses Jahres, nicht zur gewünschten Übereinkunft. Preußen suchte zunächst den Umfang einer Kooperation mit England auszuloten, weiter stand ständig eine französische Bedrohung am Rhein im Raum, und schließlich konnte (oder wollte) Palmerstone Preußen keine verbrieften Garantien zusagen. Die Verhandlungspartner operierten offenkundig noch, in einer ersten Phase der Verhandlungen, auf einer ersten Stufe der wechselseitigen Kompensationen, und warteten wohl noch auf das Entgegenkommen der Gegenseite. Überraschend war jedoch die Erkenntnis,  London habe sich ganz unkompliziert zu einem Krieg gegen Russland entschlossen. Kurz darauf fand der Berliner Emissär Gelegenheit, dem Partner in London Lord Clarendon gegenüber, noch eimal seine Bedingungen zu formulieren.

 

London und Berlin: wenig flexibel.

Pourtalès forderte eine englische Flotte in der Ostsee, sowohl zum Schutz der preußischen Küsten – wie dessen Seehandel. Weiter blickte Berlin sorgenvoll in Richtung Kopenhagen. Gegen jede Bedrohung von dort sollte England gleichfalls eintreten (eine Sorge, die 1914 ebenfalls eine Rolle spielen sollte). Es sei nämlich zu verhindern, dass etwa Kiel und Flensburg zu russischen Stützpunkten würden, auf die sich eine russische Armee, bei deren Vorgehen nach Süden, stützen könne. London seinerseits wollte in keinem Fall in den preußisch-österreichischen Antagonismus hineingezogen werden. Preußen seinerseits bot daraufhin an: sowohl eine Demarche in Petersburg wie die bewaffnete Neutralität, und, im Fall einer weiteren günstigen Entwicklung des Verhältnisses, eine sich verstetigende Koorperation.

 

Gebundene Hände rundum.

In Berlin allerdings kämpften Wochenblatt-Partei- und Kreuzzeitungs-Anhänger verbissen um den Einfluss auf den König. Die Liberal-Konservativen sahen die russische Herrschaft bis an den Rhein reichen. Unter diesem Vorzeichen hatten die Preußen wenig Sinn für die Interessen Englands, das sich dafür entschieden hatte, den Krieg gegen Russland derart zu führen, dass der russische Einfluss auf Mitteleuropa für längere Zeit nicht mehr spürbar wäre. Auch nahm eine traditionelle Vorstellung die Köpfe gefangen, Frankreich könne seine Grenzen nach Osten ausdehnen. Der Kreuzzeitungs-Vertreter Gerlach belastet die Wochenblatt-Partei mit dem Vorwurf, diese dränge zum Krieg mit Russland. Dahinter steckte zusätzlich die Frage, was Wien tun werde. Es lag nahe, dass Österreich, gestützt auf Russland, seinen Einfluss, zu Ungunsten Preußens, auf Deutschland verstärken würde. London warb zudem um Wien, hegte jedoch letztendlich kein Vertrauen in die Wiener Diplomatie.

Dieselbe Position verfocht der preußische Botschafter in London, der – nach innen und außen – vehement für einen Krieg gegen Russland eintrat und betonte, die Macht des Zarenreichs sei unschädlich zu machen und eine „große Vereinigte Flotte“ müsse „das Werk der Zerstörung im Schwarzen Meer“ vollenden.  Der Kaiser von Russland habe den Krieg haben wollen. Nun müsse Petersburg gezwungen werden, die Donaufürstentümer zu räumen. England und Frankreich würden an Preußen und Österreich zunehmend die Frage richten, ob diese dabei mitwirken würden oder nicht. Wenn Berlin ausweichend antwortete, käme die Antwort: „So seid ihr entweder keine Großmacht oder feindlich“. Ein österreichisches Nein würde bedeuten: Krieg in Italien.

Demgegenüber forderte Friedrich Wilhelm IV. seinerseits eine klare Antwort aus Whitehall. Der Monarch verschwieg keineswegs, er erwarte, das kleine Ländchen Neuenburg in der Schweiz als Kompensation zugesprochen zu erhalten. Andererseits sah der König seinen Plänen bereits durch die Tatsache den Boden entzogen, dass nämlich die preußische Armee nicht kriegsbereit war. Diese Antwort gab der Kronprinz Wilhelm seinem Bruder, auf dessen Forderung hin, ein militärisches Gutachten zur Lage zu erstellen. Allerdings lag ein Aufmarschplan gegen Russland bereit.

 

Bunsens Votum für die Westmächte und Annektionen.

Doch Bunsen in London lockte weiter mit territorialem Gewinn, den ein Krieg mit Russland verspräche. Im Jahr 1854, die Lage spitzte sich auf allen Fronten gleichzeitig zu, beharrte der Diplomat auf der Notwendigkeit, „die bestehende Länderverteilung einer Kritik zu unterwerfen“. Allerdings drückte Lord Clarendon nun seinerseits auf das Tempo. Er forderte „binnen 8 Tagen“ eine Entscheidung Berlins. Der Gesandte hielt dem entgegen, im europäischen Maßstab könne man sich vergegenwärtigen, dass Frankreich einen Plan gegen Italien habe. Preußen könne es nun nicht gleichgültig sein, dass Österreich dort angegriffen werde. Temperamentvoll wies er den Gedanken einer wie auch immer gearteten Neutralität Preußens zurück. Er forderte, Preußen und Österreich müssten eindeutig Stellung beziehen, doch andererseits seien finanzielle Belastungen aufzufangen, die durch Mobilmachung, Verluste an den Börsen, sowie bei Handel und Gewerbe, wie der Schifffahrt, zu gewärtigen seien. Eben den Westmächten neigte Bunsen mehr zu, als dem „unfreundlich, anmaßend und rücksichtslos“ auftretenden Russland.

 

Für und Gegen die Reduktion Russlands.

Friedrich Wilhelm dagegen sprach von protestantischer Gemeinsamkeit mit England, Schutz Österreichs vor der Revolution, der Garantie europäischen Besitzstandes, der Unantastbarkeit des Deutschen Bundesterritoriums und seinem Ländchen Neuenburg in der Schweiz. Überdies forderte der Monarch, falls die Westmächte zum Mittel der Insurrektion greifen würden, um das Zarenreich in die Luft zu sprengen, was bekanntlich Bethmann Hollweg 63 Jahre später betrieb, werde er sich mit Petersburg und Wien, auf Tod und Leben verbinden. Es stand also zu erwarten, dass ein Revolutionskrieg die gänzliche Auflösung Mitteleuropas im Gefolge haben werde. Gegen diese Realität der politischen Lage wurde, bedingt durch die schwer einschätzbare Politik des neuen französischen Kaisers Napoleons III., sowie jener Österreichs und auch Preußens, die Frage gestellt: würde Frankreich mit England gehen, ginge darum, eine „lang vorhergesehene[n] Frage“ zu lösen, nämlich jene der drohenden Machtstellung Russlands „nicht allein gehen die Türkei, sondern d[as]em [ganze] gesamten übrige[n] Europa [gegenüber], also eine Machtfrage. Kurz: es gehe darum, „der aggressiven und anmaßenden Macht Russlands entgegenzutreten“.

 

Bunsens große Annexions-Denkschrift: „Jetzt oder nie!“

Auf diesen Kurs, die Macht des russischen Reiches zu brechen, schwenkte Josias von Bunsen in London ungesäumt ein. Mit dem Instrument einer großen Denkschrift suchte er seinen Dynasten zu bestimmen, ein Bündnis mit England einzugehen. Friedrich der Große, Pitt und Napoleon hätten das nicht erreicht, was jetzt möglich sei, so lautete Bunsens Parole. Schon während des 7-jährigen Krieges bestand demnach in London ein gewisses Misstrauen gegenüber Russland. Der Botschafter eruierte, so eines der begleitenden Dokumente, gegenwärtig seien die politischen Eliten in den westlichen Hauptstädten überzeugt, „der Zweck des großen Kampfes werde sein, Rußland auf seine natürlichen Grenzen zurückzuweisen“. In dem Bewusstsein, das historische Zeitfenster werde sich bald schließen, appellierte Bunsen dringend an seinen König mit dem Ausruf: «Jetzt oder nie!«. Er führte an, die räuberische Politik des Zaren Alexander habe darin bestanden, Preußen eine ganze Provinz, und Schweden Finnland entrissen zu haben. Weiter wies er auf das schwere Joch hin, unter welches Russland Preußen und Österreich zwischen 1817 und 1848 gebeugt habe. Russland wünsche kein starkes Deutschland. Trete Preußen an die Seite Englands und Frankreichs, dann würde das ein solches Gewicht ergeben, dass der Kampf kurz und schnell entschieden werde. Damit findet sich bereits hier, wie 1914, die Vorstellung vom kurzen Krieg, der bereits dann beendet sein werde, “wenn das Laub fällt“. In gleicher Weise empfand Bunsen diesen Kampf Europas mit Russland ebenfalls als „Weltkampf“, als „Kampf der Imperien“, wie dies bei Theobald von Bethmann Hollweg und Karl Lamprecht vor 1914 der Fall war.

- Offizielles Ziel: Restituierung des europäischen Gleichgewichts.

Der Gesandte appellierte dafür, gleichsam über den eigenen Schatten zu springen, die Machtziele Englands und Frankreichs zurücktreten zu lassen, und alle Kraft in die Restituierung des europäischen Gleichgewichts zu investieren, zu Gunsten der von Russland beschädigten Mächte. Aus seiner Sicht war das Gewicht Preußens so groß, „daß der Kampf kurz, die Entscheidung nahe und ohne große Erschütterungen möglich sei, ja sicher“.

Bunsen sucht Friedrich Wilhelm IV. gleichsam mit den dann gegebenen territorialen Möglichkeiten Preußens im Osten zu ködern. Es gehe um große Veränderungen.

- Annexionen.

Im Norden müsse Schweden die Aaland-Inseln und Finnland erhalten. Im Süden sei die russische Herrschaft auf dem Schwarzen Meer zu brechen, und von diesem nicht nur die Krim abzutrennen. Doch eine neue „Weltdictatur“ solle so nicht errichtet werden. Wir erinnern sehr wohl: das Rußland der autokraischen Zaren war Europa zu mächtig geworden. Hier, so Bunsen weiter, solle sich Österreich ausdehnen. Preußen dagegen müsse die polnische Königskrone anstreben. Dafür könne Österreich Galizien, und Preußen die polnische, östliche Hälfte des Großherzogtums zum Opfer bringen. Diese Forderungen scheinen uns sehr wohl mit der Kriegszieldiskussion der Jahre 1914-17 verwandt.

Sicherer Sieg.

Bunsen umwirbt seinen König noch einmal eindringlich: „Schließt sich Preußen im gegenwärtigen Augenblicke an die Westmächte und Österreich an, … so legt es ein so entscheidendes Gewicht in die Waagschale, daß der Kampf  kurz, die Entscheidung nahe und ohne große Erschütterungen möglich, ja sicher ist.“

 

Bunsen: Die Westmächte sind stärker als Russland.

Navalistische und Festlandsmächte.

In keinem Fall solle Preußen gegenüber Österreich zurückstehen. Wien solle auf Böhmen und Mähren verzichten, sich verteidigungsfähige Grenzen verschaffen und der Tatsache in die Augen sehen, dass die Erblande von Deutschland losgerissen wurden. Preußen, und nicht Österreich, solle Deutschland beherrschen oder leiten. Und das, was nun folgt, entspricht den Gedanken des Leipziger Univeralhistorikers Karl Lamprecht, der seinen Schulfreund Bethmann Hollweg vor und im Weltkrieg vor Augen führte, es solle eine zentrale europäische Konföderation entstehen. Bei Bunsen hieß das 1854: bestehend aus den „Mittelmächte[n] Europas, Schweden, Dänemark, Holland, Sardinien und Neapel“. Ausdrücklich warnt der Londoner Geschäftsträger davor, gegen die Westmächte zu votieren, denn „die freiere Position der beiden Seemächte“ bedeute, dass diese jederzeit „Einfluß genug“ besäßen, um „andere Mächte entweder für sich zu gewinnen oder ihnen jede feindselige Politik unmöglich zu machen“. „Preußen würde am Rhein wie am Njemen allein stehen, und – allein geschlagen werden“.

 

Die deutschen Kriegsziele 1914.

Ein System indirekter Beherrschung.

Der Weg von 1854 nach 1914 führt zu den Kriegszielen Bethmann Hollwegs vom August/ September. Wie eng dabei der Austausch zwischen den höheren Beratern des Kanzlers und den Vertretern der einzelnen Industrieverbände, und sonstigen Interessengruppen, war, zeigen sowohl die Statements Kurt Riezlers von 1930, in denen er behauptet, von Roselius und Mannesmann bis zu Falkenhayn reiche die Idee wirtschaftlicher Annexionen und imperialistischer Ziele. Diese hätten quasi in der Luft gelegen. Den Teil eines umfassenderen Konzeptes bildeten diese Vorstellungen, nämlich des Krieges mit der imperialen Weltmacht England, die Deutschland beerben wollte. So war etwa die Idee eines mitteleuropäischen Staatenbundes, als Urzelle der künftigen Weltmacht Deutschland, unbestritten. Riezler sagte dazu 1930, „die Grundidee sei die Schaffung eines mitteleuropäischen Staatenbundes unter Führung Deutschland[s] gewesen. An diesem Bund sollten Frankreich und Belgien durch den Frieden angegliedert werden. Unter Schonung der Souveränität und unter Wahrung der territorialen Integrität dieser Staaten, sollten alle Staaten durch Zollunion u[nd]. a[nderem]. untereinander einen Block bilden, gegen den ‘angelsächsischen Wirtschaftsimperalismus`. Die Neutralen hätten diesem Bunde beitreten müssen; es sei ihnen nichts anderes übriggeblieben, da sie ja sofort in die Abhängigkeit dieses unter deutscher Führung stehenden europäischen Wirtschaftsbundes geraten wären“.

Es sind, von verschiedenen Seiten, den Zeitgenossen wie der historischen Forschung in Deutschland, Thesen aufgestellt worden, wie etwa jene, es seien im Großen Hauptquartier, um eine Schreibmaschine herumstehend, spontan Ideen gesammelt worden und so die Kriegsziele von 1914 entstanden. Oder, es habe in Luxemburg, um den Reichskanzer herum, immer eine Zentrale der Anti-Annexionisten gegeben, den „Bethmann-Kreis“. Als Fritz Fischer 1961 diese Vorgänge aufdeckte, concedierte dessen großer Gegner Gerhard Ritter: man gewinne „daraus den Eindruck“, Bethmann Hollweg habe „im Hauptquartier vor dem Wendepunkt der Marneschlacht, unter dem Einfluss viel zu optimistischer Berichte des Generalstabs immerhin ernsthaft den Gedanken erwogen, Frankreich ein für alle Mal unschädlich zu machen“ (analog Goebbels und Hitler im August 1939).

 

Sicherung der deutschen Machtstellung.

- Militärstrategisch.

Dass auch dies zutrifft, zeigt eine Denkschrift im Nachlass des Bethmann-Freundes und Universalhistorikers, Karl Lamprecht, welche die Gedanken zweier Bonner Nationalökonomen wiedergibt; und die jedenfalls vor dem 2. September 1914 fertiggestellt war. In dieser geht es in erster Linie um die politischen und wirtschaftlichen Ziele, die eine deutsche Machtstellung sichern und befestigen sollten. Diese sei vorrangig gegen England auszubauen. Dieser Gedanke entsprach durchaus den Vorstellungen des Generalstabschefs von Moltke, Anfang des Jahres 1913, und jenen Tirpitz’ (Januar 1915); auf denen der deutsche Operationsplan, in dessen Focussierung auf Belgien und Nordfrankreich, gründete. So ging es von Anfang an um die Weltstellung Englands, die, nur über die Okkupation der belgischen und nordfranzösischen Küsten, ernsthaft zu bedrohen sei. Entsprechend ging Hitler 1940 zum Angriff auf Westeuropa über und besetzte die holländischen, belgischen wie französichen Küsten und Hafenplätze. Es reichten bereits 1914 die Planungen von einer Bedrohung der englischen Küste, deren Seehäfen, wie der Themsemündung etc., über die Kontrolle des Mittelmeeres, bis zum Erwerb von Marokko und Tunis, als Grundlagen der Überlegung, wie Frankreich ein für allemal unschädlich zu machen sei, und damit eine für das britische Empire unerträgliche strategische Basis zu gewinnen wäre. Dazu sei weiter die Westgrenze von Lüttich bis Belfort wirtschaftlich wie militärisch zu befestigen. Frankreich sollte schwer getroffen werden. Das sei zu bewerkstelligen über die  „Minderung seines territorialen Bestandes an der Nordsee und am Mittelmeer, sowie durch die Auferlegung einer schweren Kriegsentschädigung“.

- Industriell.

  Belgien als Operationsbasis gegen England.

Die französische Industrie sei zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Es wäre ferner an die Wiederherstellung Belgiens nicht in der alten Form zu denken. Es sprächen eben wirtschaftliche Gründe dagegen. Belgien war, künftig in der Form einer „self governing Colonie“ vorstellbar. Südliche Gebiete, von den Wallonen besiedelt, „die belgische Provinz Luxemburg, mit Teilen der Provinzen Namur und Lüttlich, vielleicht sogar bis zur Masslinie, seien dem Großherzogtum Luxemburg“ zuzuschlagen. Weiter ging es um die Erzgebiete und Kohlelager Frankreichs im Nordwesten um Lille herum.

Russland schonen.

Anders sollte mit Antwerpen und Gent, mit den Hafen- und Industriegebieten dort, umgegangen werden. Uns interessieren hier jedoch vor allem die ausführlichen Vorstellungen, die sich auf Russland bezogen. Diese wurden entwickelt, auf Grund der engen Bündnisbeziehungen zwischen Petersburg und Paris mit dem französisch-russischen Bündnis von 1892. Dieses sei zunächst zu sprengen. Im Gegensatz zu den brachialeren Vorstellungen von 1854/55, sagt 1914 der erste Satz zu Russland, dieses dürfe „nicht, wie Frankreich, in seinem Lebensnerv getroffen werden“. Es dürften „höchstens Gebiete entzogen werden, die nicht zum eigentlichen Russentum gehören. Auch muss das Streben stets darauf gerichtet sein, den Gegensatz zwischen Russen und Polen in alter Schärfe zu erhalten“.

Annexionen an der Ostsee, in Polen und Moldavien.

Der Verlauf der künftigen deutschen Ostgrenze wurde weitgehend fixiert. Eine Verbesserung der bisherigen ungünstigen Grenze sei zu erreichen. Im Vorgriff auf militärische Sachverständige formuliert die Denkschrift, die „Grenzlinie“ verlaufe künftig „etwa vom Treffpunkt der drei Grenzen im Südosten Schlesiens zunächst – den Grenzfluß des Gouvernements Petrikau etwa bis Thomaschew verfolgend – so Nowo Georgiewsk am Einfluß des Narew in die Weichsel, von dort weiter im Tale des Narew und seines Nebenflusses Bobr bis Grodno und endlich von dort, Wilna und Dünaburg außerhalb liegen lassend, an die Düna und weiter nach Norden an den Rigaer Meerbusen östlich von Riga“.

Vorteilhaft schien, dass „die neue Grenzlinie…kaum länger als die bisherige“ sei und „auch strategisch den Vorzug verdiene[e]“. „In der östlichen Hälfte der Ostsee“ könne ein „Kriegshafen“ entstehen, „von dem aus … die russische Ostseeküste mit Petersburg“ zu bedrohen sei.  Angegliedert werden sollten „Gebiete“ wie das um „Lods, das so oft ‘eine deutsche Industriestadt’ genannt worden“ sei. „5000 deutsche[n] Kolonien, die im russischen Weichselgebiet“ angenommen wurden, ‘besetzen hauptsächlich den nordwestlichen Grenzstreifen’ der dem Reich mit angegliedert werden würde. Festungen wie Grodno und Kowno seien die einzigen Städte in diesem neuen Gebiet. Riga, als bekanntlich deutscher Wurzel, „und die Industriestädte im südwestlichen Polen“, bauten ebenfalls auf deutschen Gründungen auf, so die Denkschrift.

Die Idee „Volk ohne Raum“ (Grimm). Siedlungsraum im Osten.

Wie breit offenbar das Interesse an starker Expansion nach Osten war, zeigt der Abschnitt „e)“ dieser Ausführungen: „Wichtiger ist aber, daß sich auf die dargelegte Art auch für die Zwecke der inneren Kolonisation ein Tätigkeitsfeld gewinnen läßt, das an Ausdehnung Ost- und Westpreußen bedeutend übertrifft. Mit Ausnahme des Lodser Industriegebiets scheint hier auf dem Boden Russisch-Polens die Bevölkerung nicht dicht zu sein und noch schwächer ist das Land der katholischen Litauer in den Gouvernements Suwalkie, Kowno und Wilna, sowie der protestantischen Letten in Kurland bevölkert. Schon an sich ist Raum für eine großzügige Besiedlung der deutschen Kolonisten vorhanden. Er muß aber – worauf noch zurückzukommen ist, … – künstlich noch beträchtlich vergrößert werden, damit aus unserem Bevölkerungsüberschuß hier ein starkes Germanenbollwerk geschaffen, dem Zuwachs an Industrie auch ein Zuwachs an Landwirtschaft gegenübergestellt und damit das politische Gleichgewicht gewahrt, die Volksernährung weiter verselbstständigt und eine Versorgung mit ländlichen Arbeitern vom Ausland emanzipiert werde“.

Suprematie durch russischen Staatsbankrott.

Zunächst sei das Bündnis mit Frankreich zu sprengen, die russischen Zentralbanken zu schwächen und, was zu erwarten sei: das wäre ein starker Kurssturz der russischen Staatspapiere. Im Einzelnen wird ausgeführt: „Ein solcher völliger oder teilweiser Staatsbankrott würde das besiegte Frankreich schwerer treffen, als alle anderen Länder zusammen. Es würde ihm für lange Zeit die Lust, vielleicht auch die Kraft nehmen, auf weitere finanzielle Abenteuer Rußland gegenüber sich einzulassen“.

Deutschland „als finanzieller Retter“ Russlands, das war wohl eher ein Traum von Wissenschaftlern. Lamprecht setzte setzte als Kommentar daneben, ein „?“-Zeichen. Interessant, dass exakt wie im Märzprogramm des Botschafters Bunsen, von 1854, hier Schweden Finnland, „als Preis für seine Neutralität“, zugesprochen erhält. Allerdings verbunden mit der Auflage, „eine Kolonisation großen Stils“ durchzuführen und dadurch dem „Germanentum Europas“ derart zurückgewonnenes Gebiet zu erhalten.

 

Industrie in Belgien und Ostfrankreich enteignen.

Im Folgenden wird in den Überlegungen der deutschen Reichsleitung auf Belgien Bezug genommen, und damit dessen zentrale Position seit Kriegsplanung, operationsplan und Kriegsbeginn. Die Problematik zwischen Flamen und Wallonen, sowie daraus möglicherweise zu ziehende Vorteile für eine Assoziierung mit dem  Deutschen Reich, wird eingehend betrachtet. Insoweit bis zu der Überlegung, gegebenfalls Luxemburg zu vergrößern, einer Einverleibung von Teilen Belgiens näher zu treten und vor allem die Produktionsmittel des Landes in die Hand zu nehmen. Für Lamprecht unverständlich, da ohne übergreifend „höhere Gesichtspunkte“, wie er anmerkte, konzentriert sich Schumacher 1914 ganz auf den „Kriegsschatz von 500 Millionen Mark Mittel zum Neu- und Ausbau“ der Flotte. Hier mit Bethmann Hollweg durchaus konform, der am 31. August Tirpitz gegenüber vom Einsatz der Hochseeflotte abriet. Das könne, mit größerer Aussicht auf Erfolg, im Nachgang (zum Friedensschluß) mit Unterstützung der dann erbeuteten französchen geschehen. Einen „Fonds zur Versorgung der Kriegsinvaliden und“ Gefallener, sowie „zum Ausbau“ des „Kabelwesens“ und der „Nachrichtendienste[s]“, der „innere[n] Kolonisation“ und für die „Enteignung in neu erworbenen Gebieten“ wurde gleichfalls ins Auge gefaßt.

„Große Städte mit rein französischer Bevölkerung, wie Nancy und Lunéville“, sollten nicht annektiert werden, „denn wir können sie national nicht verdauen“. Das von den Nationalökonomen propagierte Mittel der Enteignung, um die von Frankreich abzutrennenden Gebiete in die Hand zu nehmen, nahm sich bei weiten nicht so charmant aus, wie das die verharmlosend-überhebliche Formulierung Kurt Riezlers, Clemens Delbrücks und Bethmann Hollwegs im Septemberprogramm für die deutsche Expansion in Mitteleuropa in Aussicht stellte. Es leibt zu fragen: Ist der Weg von NATO und EU heute „charmanter“?

Die herben finanz- und geldpolitischen Erfahrungen von 1870 gipfeln in der Bemerkung: „Wo aber ein Bedarf nach baren Zahlungsmittel überhaupt nicht vorliegt, ist die Kriegsentschädigung gewissermaßen in Naturalien zu leisten: in Grund und Boden, gewerblichen Produktionsanlagen oder ihren Aktien, Eisenbahnen u[nd]. Ä[hnlichem].“

Auf die Kohleindustrie dieser Gebiete am Pas de Calais legen die Gutachter besonderen Wert. Wie das gesamte deutsche Oberkommando sind diese der Überzeugung, die Küste der Departements du Nord und des Departement de Calais seien im festen militärischen Besitz zu halten. Daraus ergebe sich fast von selbst, dass auch auf die Kohleindustrie dieser Gebiete schwer die Hand zu legen sei. Die Großindustrie ihrerseits habe Frankreich zu erobern. Und dies durch den Griff nach den Rohstoffen und den Produktionsmitteln der betroffenen Staaten.

 

Ein deutsches Kolonialreich in Europa, Afrika und Asien.

Im Osten seien deutsche Aussiedler anzusetzen, welche die innere Kolonisation vorantrieben. Dafür wären weite Gebiete frei zu machen. Russland sollte so, durch die Ansiedlung deutscher Siedler, geschwächt werden. Um die zunächst verlorenen Kolonien wieder zu gewinnen, war durchaus – im Einklang mit dem durch Belgien und Nordfrankreich ausgreifenden deutschen Operationsplan – erwogen, den belgischen Kongo zu erwerben. Keinesfalls wurde daran gedacht, eine Rückgabe nach einem Friedensschluss zu betreiben. So wie dies Bethmann Hollweg gegenüber dem englischen Botschafter Goschen, am 2.8.1914, offen gelassen hatte. Vielmehr sollte ein deutsches Mittelafrika durch eben diese Kolonie Belgiens Wirklichkeit werden; ein deutscher kolonialer Block, der sich von der Westküste Afrikas bis zur Ostküste, quer durch den Kontinent, erstrecken würde. Weiter entwickeln die Bonner Wissenschaftler den Griff nach Marokko (analog einer Forderung der Marine, 1944). Schließlich wird so deutlich, es bildete das alleinige Ziel des Krieges, das Erbe des britischen Empire anzutreten. Denn, so das Urteil der Gutachter von 1914, ausgreifende Ziele, nun gegenüber England, seien schließlich erst nach einem Sieg über das Inselreich zu verwirklichen. Das formulierten die Bonner Wirtschaftswissenschaftler, indem sie ausführten:

„Sollten wir endlich England gegenüber einen Sieg erringen, der uns die Beanspruchung eines kolonialen Siegespreises ermöglicht, so dürften an erster Stelle die ehemaligen Burenstaaten mit Rhodesien zur Verbindung mit unserem übrigen Kolonialbesitz und an zweiter Stelle Singapore undCeylon in Frage kommen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Damit wurde die damals, und bereits vor dem Krieg, herrschende Hypertrophie des Denkens noch einmal brachial unterstrichen und verdeutlicht, dass es Deutschland in Wahrheit keinesfalls lediglich um die Neuordnung der europäischen sondern der Weltkarte ging. Hier durchaus mit Bunsen einig, der 1854 offiziell keinesfalls eine neue „Weltdiktatur“ wollte. Wiewohl er, angesichts des zögerlichen Königs, dieses wohl zurückgestellt haben mag. Denn der Durchbruch Preußens zur fest etablierten Großmacht mochte durchaus als Zwischenziel gelten.

 

Bunsen: Preußen stärken durch Annektionen.

Diese, Bunsen im März 1854 zur Last gelegten, exzessiven Annektionsziele gegenüber Russland wiedersprachen allerdings frontal der Politik des Zauderns und Verzögerns, die Friedrich Wilhelm IV. verfolgte. Der preußische Gesandte in London vertrat damit eindeutig die Vorstellung derjenigen Gruppe, die das Bündnis mit den Westmächten vertrat, und votierte so unübersehbar für den Krieg mit Russland. In der Folge entzündete sich ein Flächenbrand im politischen Berlin, der sich zwischen den politischen Parteien liberaler und konservativer Prägung explosionsartig ausbreitete. Einerseits die Quasi-Nötigung des Königs, andererseits Vorstöße und Äußerungen von verantwortlichen Mitgliedern der Wochenblatt-Partei, wie zum Beispiel Albert von Pourtalès, führten zu einem Machtkampf zwischen den Parteigängern liberaler und konservativer Prägung am preußischen Hof. Damit überschritt die Diskussion um die Pro-Ost oder Pro-West Orientierung der preußischen Außenpolitik ihren Kulminationspunkt. Der Versuch scheiterte, dem König das englische Bündnis abzupressen. Damals trat, mit dem Ausscheiden der Wochenblatt-Partei aus sämtlichen politischen Positionen, ein – in dessen Fernwirkung von geschichtlichem Ausmaß -  geradezu schicksalhafter politischer Erdrutsch ein. Die Auswirkungen dieser Tage im März 1854 sollten bis in unsere Tage reichen.

 

London umwirbt noch eimal Preußen.

Denn, so wie Bunsen, nach seiner Einlassung und der Ablehnung des englischen Bündnisses durch den Dynasten, fragte, wo nun Preußens „Stellung in Europa“ und in Deutschland bliebe, so stellt sich diese Frage, im Jahre 2014, der Berliner und Brüsseler und NATO-Politik. Schließlich sehen diese Mächte sich, heute wie damals, gezwungen, zwischen West- und Ostanbindung zu entscheiden. Als erhellend mögen sich heute die Ausführungen Lord Clarendons lesen, die dieser im Gespräch mit Bunsen machte, und an die Addresse des preußischen Königs wie dessen Ministerpräsidenten richtete. Er führte gegenüber Bunsen, quasi in der Funktion eines „Brautwerbers“, aus, Preußens „Heer, das wisse man, könne in 14 Tagen jeden Einfall unmöglich machen. Außerdem rücke jetzt Oesterreich mit 150.000 Mann heran, an die Donaulinie. Am meisten aber betrübt, … dass Eure Exzellenz [von Manteuffel] noch von der ‘türkischen Frage’ … . sprächen. Er wolle sagen, es sei nicht allein eine europäische Frage, sondern eine deutsche, und wieder insbesondere eine preußische Frage. Preußen solle sich nicht verhehlen, dass seine Freunde für es zitterten: seine politische Bedeutung, als erste deutsche, und größte protestantische Macht des Festlandes stehe auf dem Spiel. Er spreche als Engländer, als Protestant, als Freund. Oesterreich habe Preußen überflügelt: noch sei es Zeit anzuknüpfen an alles Gethane. Der Krieg könne nicht lange dauern: … es werde nicht mal zweier Feldzüge bedürfen“. (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Auf der Höhe der Krise 1854: Analog 1914/2014.

Hoffnungen, Gefährdungen, Tatsachen.

So wie das Bild vom kurzen Krieg des Jahres 1914 auftritt, so hatte Bunsen, angesichts des erneuten russischen Druckes auf Berlin, „den Kriegschutz der englischen Flotte in der Ostsee, [und] zum Schluss die preußische Erwerbung der russischen Ostseeprovinzen sehr deutlich zwischen den Zeilen verlangt“.

Doch war die Lage keineswegs so geartet, dass sich ein frisch-fromm-fröhlicher Krieg bereitwillig vom Zaune brechen ließ. Einerseits war die russische „Präponderanz an der Spree“ wieder hergestellt „und befestigt“. Auch der Versuch, „Preußen und den König unabhängiger von Rußland zu stellen, war völlig gescheitert“. Berlin erkannte zunehmend die Gefahr, in ein „zentral europäisches Kriegs-Theater“ hineingezogen zu werden. Einmal an der „Heerstraße zwischen Ost und West“ gelegen, weiter wenn Polen von den Westmächten angegriffen werden sollte, und ferner, wenn sich Preußen weiter neutral hielte, würden die anderen Mächte keine Veranlassung sehen, den Kriegsschauplatz nicht von der Donau an die Newa oder den Rhein zu verlegen.

Mitte des Monats März klärte sich der Kriegswille Englands und Frankreichs so weit, dass es zu einem Kriegshilfe-Vertrag mit dem Osmanischen Reich kam. Weiter aber verstärkte sich gleichzeitig der Druck Frankreichs auf die Rheinlinie, und Ende des Monats schien es möglich, dass Paris auf Berlin marschierte. Demgegenüber aber vertrat der Londoner Geschäftsträger nach wie vor seinen Plan einer Vergrößerung Preußens auf Kosten Russlands. Der Vorwurf der Bunsen gemacht wurde, darüber ein Abkommen getroffen zu haben, entsprach jedoch keinesfalls den Gegebenheiten. Allerdings hatte er sich wohl, für die preußischen Verhältnisse zu deutlich, zum Parteigänger der Kriegspläne Englands gemacht.

 

Englischer Angriffsplan.

Es erscheint durchaus nicht fernab, wenn wir heute – unter dem Gesichtswinkel der Ukraine- und Krimkrise – uns in Erinnerung rufen, dass die NATO gleichwohl in den vergangenen 10 Jahren das Gleiche getan hat, was Bunsen am 1.3.1854 Friedrich Wilhelm IV. vorschlug; nämlich Russland durch Gebietsabtretungen derart zu schwächen, dass es als Großmacht und Machtfaktor auf Jahre, beziehungsweise Jahrzehnte, nicht mehr in Erscheinung treten könne. Eine Entwicklung die sich nach 1991, dem Zusammenbruch der UdSSR, auch tatsächlich vollzog. Und die Einbettung in eine westliche Staatengruppe, viele mögen an die NATO und die EU denken, fand ihre Parallele in den Besprechungen des preußischen Botschafters in London. Weiter mögen sogar Parallelen zu der Enthüllung der Angriffspläne der britischen Führungselite auf Russland, im Oktober 1853 nachzuzeichnen sein. Auch der Prinzgemahl Albert hatte gegenüber Bunsen, bereits vor geraumer Zeit, ähnliche Vorstellungen geäußert. Der preußische Geschäftsträger erklärte im Nachhinein, deutlicher werdend, im Oktober 1853 – das Osmanische Reich erklärte Russland den Krieg – habe er auf Schloss Windsor, aus der Hand Palmerstones, den Plan der Westmächte zur Kenntnis erhalten, wie mit Russland verfahren werden solle. Es sei „der Beschluss der Westmächte [gewesen], im Interesse europäischen Gleichgewichts, eventuell zu einer Gebiets-Verringerung Rußlands alle Kräfte aufzubieten“.

Es habe sich dabei um „vier Denkschriften über die orientalische Frage“ gehandelt. Diese seien aus den Federn des Prinzen Albert, der Lords Aberdeen, Russell und Palmerstone geflossen. Dieser habe „die Idee eines Austausches der Lombardei gegen die [Donau-]Fürstentümer“ vertreten, um Österreich mit ins Boot zu holen. Diesen Plan habe ihm, im Monat Februar, der Prinz Albert, bestätigt. Nun seien London und Paris hinter diesen Plan – und auch die lombardischen-walachische Rochade mit Österreich – getreten; das sei am 14. Februar bestätigt worden. Lord Clarendon habe über die „Grundidee des Operationplanes“ gesprochen, und er, der preussische Gesandte, habe über den „Beschluß der Westmächte“ nach Berlin berichtet. Gerüchte über die „’Eroberungs-Pläne’ der Westmächte“ seien seit November 1853 in London im Umlauf gewesen. Bunsen habe sich bemüht, eine Erklärung Englands dazu zu erhalten. Nachdem London und Paris Übereinkünfte getroffen hätten, sei auch Lord Clarendon bereit gewesen, dazu Erklärungen abzugeben. Dieser habe formuliert:

„Preußen welches von dem unmittelbaren Kampfplatz an der Donau entfernt ist, und seine Ostgrenze offen hat, gegen Rußland, das mit einem starken Heere, schlagfertig in Polen steht, kann an den ersten Kriegs-Operationen nicht teilnehmen, und darf nicht gedrängt werden, während England und Frankreich zur See, und Oesterreich, – wie angenommen wird – an der Donau einschreiten“.

 

Bunsen für den „europäischen Generalkrieg“ (von Finnland bis zum Kaukasus).

Preußen solle eine ehrgeizigere Politik verfolgen, empfiehlt Bunsen dem, der Wochenblatt-Partei zuneigenden, Kronprinzen. Damit widerrät der Geschäftsträger seiner Formulierung, er habe keinesfalls zu einer offensiven Politik gegenüber Russland geraten. Bunsen plädiert – neben einer ehrgeizigeren Politik – dafür, den bestehenden Einfluss auf den König zu koordinieren und unter Beachtung „strenger Disziplin, Verschwiegenheit und Muth sowohl gegenüber dem Auslande als namentlich gegenüber einer öffentlichen Meinung zu handeln, der man die letzten Zwecke nicht von Hause aus mitteilen“ könne. Bunsen warnt den Kronprinzen Wilhelm „vor einer gefährlichen Zukunft“. Bunsen plädiert offen für den Krieg mit Russland, und die Aufwertung Preußens durch Annexionen. Diese Vorstellung des preußischen Geschäftsträgers berührte sich mit den Zielen der Westmächte gegenüber Russland, nämlich nicht mehr lediglich den Krieg „an der Donau“ in Form „eine[r] Lokalisierung zu führen“, und lediglich „das begangene Unrecht Rußlands für diesmal zu ahnden, sondern … die Wiederkehr ähnlicher Übergriffe ein für allemal [und] ein Russisches Übergewicht über Mitteleuropa auf sein Maß zurückführen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Hier berühren sich die Kriegsausbrüche 1854 und 1914. Die Lokalisung des Konfliktes 1914 auf Serbien berührt sich mit dem Plan von 1854, zunächst in Moldavien gegen Rußland anzusetzen. Dass rasch diese begrenzte Vorstellung überlaufen wurde, und das 1854 wie 1914, drängt sich hier auf. Der preußiche Botschafter sieht das „europäische Gleichgewicht“ nunmehr „gegen Rußland gerichtet“, nachdem die Quadrupel-Allianz inzwischen durch das Wiener Protokoll sich zu einer „Quadrupelaction“ gegen Russland vereinigen werde. So nimmt Bunsen erneut eindeutig Stellung gegen den „Lokalkrieg“, und verwendet er sich mit aller Energie für den „europäische[n] General-Krieg“ der „kurz und entscheidend“ ausfallen werde. Hier der erneute Bezug zu 1914. Das Bild vom kurzen Krieg war vor 1914 leitend in den Köpfen, sowohl der Generalstäbler wie der leitenden Politiker. Dieser Generalkrieg dehne sich „von Finnland bis nach der Donau und  Kaukasisen hinunter“. Diese Vorstellung mochte schon den unbedarften Beobachter überraschen, haftet dieser doch bereits im damaligen Maßstab ein Geruch von Weltkrieg an. So verdient diese Aussage des preußischen leitenden Diplomaten in London insgesamt, und im Zusammenhang, zitiert zu werde