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Aufschlußreiches zu bedeutenden DiskussioenAufschlußreiches zu bedeutenden Diskussioen

Bernd F. Schulte

"Krisenkonferenzen" und englischer Präventivkrieg*


In seiner Kritik der einseitigen Betonung innenpolitischer Faktoren im Rahmen der aggressiven Reichspolitik, in Wunsch, Idee und Ziel nach außen (E.Kehr), ist Ferguson sicherlich zu folgen, läßt doch diese historiographische Richtung, neben einer Fülle von Detailuntersuchungen sämtlicher Facetten des politisch-sozialen Spektrums der Reichsinnenpolitik, grundsätzliche Ergebnisse für die großen Fragen der Zeitepoche vermissen. Mit Recht weist Ferguson darauf hin, daß "die Übereinstimmung zwischen deutschen Politikern, Generälen, Agrariern und Industriellen keineswegs so umfassend gewesen sei, "wie es manchmal behauptet" werde (S.63).

Jedenfalls aus "oberflächlichen" Gründen, einen Krieg zu entfesseln, war nicht das Verfahren der deutschen Reichsleitung vor Bülow, und danach (S.64). Daß es trotz Revolutionsfurcht, wirtschaftlichem Wachstum und zunehmender Demokratisierung, wie verbreiteter Unlust am Kriege, dennoch zu einem Kriegsentschluss kam, läßt auf eine breit angelegte psychologische Vorbereitungen von Gesellschaft, Parteiensystem, Reichstag wie militärisch-industriellem Komplex schließen. Dies ist eine Frage, die den Briten nicht zu interessieren scheint. Denn er glaubt sagen zu können:

"die Europäer marschierten damals nicht auf den Krieg zu, sondern wandten sich vom Militarismus ab".

Der englische Forscher kommt nicht umhin, die "eindeutig aggressiven Ziele" des Reichsbankpräsidenten Rudolf Havenstein am Vorabend des Krieges zu erwähnen (S.67). Allerdings übersieht er, daß zum Beispiel das bedeutende deutsche Werftenpotential erst für den Flottenbau künstlich aufgebaut wurde. Fälschlich setzte die deutsche Politik auf die "pazifistische" Londoner City. Und schließlich verfestigte sich bis zum 21. Juni selbst bei Wilhelm II. der Gedanke,

"ob es nicht besser sein werde, jetzt gegen Rußland und Frankreich loszuschlagen, statt abzuwarten".

Daß seit längerem über den Zeitpunkt der Kriegsauslösung und nicht das grundsätzliche "Ob-Überhaupt" eines Krieges diskutiert wurde, ist damit belegt. Daß Havenstein am 18. Juni bereits die Direktoren der acht größten deutschen Banken aufgefordert hatte, ihre Goldreserven zu erhöhen, zeigt zudem, daß in Berlin eine bedeutende Krise - wenn nicht die entscheidende - vorhergedacht wurde.

Ferguson regt die Frage an: Wer brauchte 1914 den Krieg? England sei nach Paul M.Kennedy eine "im Abstieg befindliche Macht" gewesen (S.68). Deutschland habe sich "unaufhaltsam im Aufstieg" befunden. Die Konfrontation zwischen beiden sehe Kennedy quasi als unvermeidlich. Auch bezeichnete Bethmann Hollweg England bereits 1910 als den

"entscheidenden Rivalen Deutschlands in den Fragen der expansiven Wirtschaftspolitik" (S.71).

Aber Handelsrivalität als Vorboten des Krieges lehnt der Brite ab. Allerdings, während England Menschen exportierte, habe sich Deutschland vom Emigrationsland zum Aspiranten europäischer Hegemonie gewandelt.- Dafür wurde aber dann jeder Einzelne benötigt und der "Kampf um Lebensraum" führte direkt zum europäischen Konflikt (S.72). Meint Ferguson das? Der Angelsachse relativiert andererseits die von deutschen Historikern überbetonte diplomatische Leistung Bismarcks Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Da der Gegensatz England-Rußland-Frankreich weit bedeutender gewesen sei, als dies zumeist gesehen werde(S.74). Jedenfalls haben nicht nur England und Frankreich, sondern auch Rußland und Deutschland vor 1914 im weltpolitischen Maßstab geplant. So war ein englisch-russischer Krieg 1894 äußerst wahrscheinlich (S.75). Die englisch-belgischen Beziehungen über dem Kongo waren gleichzeitig angespannt. Es fällt hier bereits die Militanz Edward Greys ins Auge. Gleichgewichtsdiplomatie oder Imperialismus? Der Schotte Ferguson stellt die Sicht einer modernistischen Forschungstradition der 70iger Jahre in Frage. Schon der Blick von außen auf Europa macht diese Sicht fruchtbar. Die Europazentrische Nabelschau wird damit relativiert. Scharf tritt der Fehler Bismarcks 1878 in dessen willkürlicher Wende gegen Rußland hervor. Damit provozierte der Kanzler letztlich den entscheidenden Schwenk Rußlands zu Frankreich hinüber. Das Grundmuster der "Lagersituation" europäischer Vorweltkriegspolitik - wenn dem so war - datiert damit aus den späten siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts (S.77) und wurde in den Forschergehirnen seit 1945 neu belebt. Frankreich baute Rußland schließlich bis 1914 gegen Deutschland wirtschaftlich und militärisch auf. Ferguson betont:

"Nicht Deutschland, sondern Rußland war vor 1914 das Reich mit der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft"(S.78).

Daß England diese Entwicklung 1888 noch nicht begriffen hatte, bestätigt nur Holsteins Zurückhaltung bei den Verhandlungen über ein deutsch-englisches Bündnis. Doch letztlich, so der Forscher aus Oxford, soll der Niedergang der deutsch-englischen Beziehungen(S.80) zum Krieg geführt haben. Der britische Historiker will nicht sehen, daß die "Macht in der Macht", England, und das aufstrebende Deutschland, nicht "zusammenarbeiten" konnten. Daß Zufälle ein deutsch-englisches Agreement verhindert hätten, sagt nichts über dessen Grundpositionen und Chancen aus. Dieses Muster greift zu kurz (S.81). Letztlich - und das wird mit Fergusons Darstellung deutlich - war die kontinentale Fixierung Bismarcks wie Holsteins dafür verantwortlich, daß es nicht zu einer deutsch-englischen, weltpolitisch motivierten, Zusammenarbeit kam. Auf deutscher Seite Eckardstein, der in seiner Anti-England Orientierung wenig wendige Bülow, und der Fehler Chamberlains auf englischer Seite, trugen dazu bei, daß der deutsch-englische Ausgleich erneut nicht zustande kam. Dennoch, es gab Kolonialbeziehungen gab es. Übereinstimmende Sichten ebenfalls. Die Bagdadbahnplanungen führten gleichfalls nicht zum Bruch. Doch der Blick in die rechte deutsche und englische Presse offenbart ein anderes Bild. Samoakrise, Venezuela, Türkei und Burenkrieg machten der Politik auf beiden Seiten das Leben schwer (S.87). Zudem der Englandhaß Wilhelms II., dessen Kontinental-Liga-Pläne und Marokko, ließen - wie bereits erwähnt - England auf die Seite Rußlands, treten. Gegen das Agreement mit Deutschland - so der Angelsachse - habe nicht die Stärke, sondern die Schwäche Deutschlands gesprochen. Völlig unzureichend erscheint die Begründung, gerade die Erkenntnis, Deutschland sei schwach, habe portugiesischen Ausgleich mit dem Reich obsolet werden lassen. Das wäre die Bestätigung, daß nicht Deutschland, sondern England für das Scheitern der Vorweltkriegsdiplomatie verantwortlich zeichne. Von Deutschland sei keine Bedrohung des englischen Empires ausgegangen. Er glaubt, über dem weltpolitischen Aspekt die Bedeutung Deutschlands vom Tisch wischen zu können. Doch entscheidend war die Machtstellung Großbritanniens in der Welt zu behaupten, nämlich die Suprematie zur See. Entsprechend dem Kalkül Tirpitz', in der Nordsee.- Die Rückkehr der englischen Grand Fleet dorthin bildet die Bestätigung dieses Faktums. Im November 1901 habe London erkannt, so der angelsächsische Autor, Deutschland sei schwächer als Rußland oder Frankreich. Eine Behauptung, die ein Blick auf vier Jahre Weltkrieg widerlegt. Als Bestätigung für diese "Wahl" versteht Ferguson die erste Marokkokrise. Die Entente habe Frankreich bestätigt und "automatisch" England näher an Rußland herangeführt. Wieso Großbritannien für diese Mächte - und die USA - plädierte, und gegen Deutschland, vermag er selbst nicht zu erklären. Der Navalist versucht, indem er behauptet Frankreich, Rußland und die USA hätten zu den "starken Mächten" gezählt, und deshalb habe England mit diesen, und nicht mit Deutschland den Ausgleich gesucht, die Schwäche seines Gedankens zu überspielen (S.91). Dabei die Bedeutung Greys herauszustreichen, erscheint zwar "en détail'' interessant, bedeutet jedoch "en gros" nichts. Daß die Bereitschaft zum Krieg nach persönlichen Schicksalsschlägen zunehme, mag von Bedeutung sein. Grey verlor seine Frau 1906. Bethmann Hollweg im Mai 1914 (S.94). Beide waren Partner in der Kriegskrise dieses Jahres. Grey bestätigte sein politisches "Glaubensbekenntnis" schon bevor er Außenminister wurde, im Oktober 1905. Danach war er bestrebt,

"alles in [s]meiner Kraft stehende [zu] tun, um dagegen [sich Deutschland zu[zu]wenden] anzukämpfen".

Der Premierminister seit 1908, Asquith, soll diese Politik gedeckt haben. Jedenfalls schätzte der englische Geheimdienst nach 1905 unter Lord Robertson Deutschland als "eine weit ernsthaftere militärische Bedrohung" ein als Russland, was Ferguson einige Seiten darauf anführt. Grey bot wiederholt in diesen Jahren seinen Rücktritt dann an, immer dann, wenn es um einen Ausgleich mit Deutschland ging; zum Beispiel als Ausweg aus gescheiterter Einkreisungspolitik. Die Planungen für den Krieg mit Deutschland - so Ferguson - hätten bereits vor 1905 eingesetzt. Erst im September dieses Jahres habe London beschlossen, eine Expeditionsstreitmacht" zu entsenden. Interessant erscheint, daß stets damit gerechnet wurde, Deutschland werde die Neutralität Belgiens brechen. Das war vor 1914 Allgemeingut der Publizistik. Die Überraschung des britischen Kabinetts im August 1914 erscheint damit in einem anderen Licht. Schon im Dezember hatten sich erste Vertreter der englischen und französischen Armee getroffen, um derartige Schritte (B[ritish]E[xpeditionary]F[orce]) zu erörtern. Entsprechend seiner Zielstellung droht Grey am 9. Januar 1906 dem deutschen Botschafter mit dem englischen Eingreifen, falls es zu einem deutsch-französischen Krieg um Marokko kommen sollte(S. 101). Ferguson zeigt, die englischen Militärs hatten bereits Anfang 1906 "bewaffnete Zusammenstöße mit Deutschland als unvermeidlich" betrachtet. Sollte die Haltung Greys in Deutschland unbekannt geblieben sein? Alle Antworten dazu werfen ein kritisches Licht auf die deutschen Realitäten. Kurz nach dem Scheitern des "Büchsel-Plans" in der deutschen Führungsspitze, lehnte auch die englische Admiralität ein in Berlin erwartetes Vorgehen der Grand Fleet in die westliche Ostsee ab (S.102). Grey erscheint als entscheidender Schmied des französisch- englischen Kriegsbündnisses. Wenn das so war - und der englische